15.05.2012, 12:28
Ich habe Muskeln

Ich habe Muskeln. Ich habe sie in meinen Ohren gelassen, sie wollen dort wachsen und der Welt durch ihren Resonanzkörper ihr eigenes Echo zurückschenken. Wir müssen wissen, wie laut wir sind und wie leer. Und wir müssen wissen, was wir jeden Tag tun, wenn wir Kaffee trinken – von Kinderhänden angebaut-, ihnen mit Peitschenhieben das letzte Brot aus den Händen schlagen und durch unsere Völlerei ihrer Zukunft berauben.

Die Nachrichten öden uns an. Schon wieder Tote, denken wir. Wir sind es gewöhnt, sie wie im Sturzflug auf unser’n Asphalt fallen zu sehen. Wie vertriebene Engel sehen sie aus, dabei sind sie nur vergessene Kinder. Doch kurz vor Knochen- und Blutgeräuschen, lösen sie sich auf und verharren stillstummgepeinigt in der Zeit, weil irgendein neues Event, das man uns als Flyer vor die Augen hält, uns unseren Sinn für sie versperrt. Literaturrunde am Reichenspergerplatz, Integrationsdebatte Nähe Ludwigmuseum, “Wir alle sind Kunst”-Gruppen im Zentrum des Lebens. Studierende erwünscht. Die Elite muss ge-elitet werden. Wir wollen uns in einer geistigen Orgie gemeinsam auf die Schultern klopfen, bestätigen, wie intellektuell wir seien, wie fortschrittlich, wie wichtig – {für uns selbst}. Dann fragt jemand in die Runde “Seid ihr das wirklich? Habt ihr die Toten im Sturzflug gesehen?” Ja, sagt jemand unberührt, angemessen für sein stattliches Bild als rationaldenkender Universalmoralist, der die abgeklärte Überlegenheit aufweist, dem menschlichen Leben so wenig Wert wie möglich beizumessen, so rein philosophisch betrachtet völlig korrekt, doch fernab der fleischlichen Realität. “Ja”, sagt er, “Habe ich. Deshalb bin ich hier, ich plädiere für Bildung, damit soetwas nicht mehr passiert.” Der Jemand schüttelt den Kopf. Ein Zeichen für mittlere Betroffenheit. Kommt an, wird gewürdigt. Weiterlesen… »

13.05.2012, 14:02
Langweilig

Die Arena ist leer. Die Schaulustigen von der Mutter der Mütter gestillt, mit Blut. Sie schlafen und träumen treulos von feurigen Huren. Manchmal hegen wir Gelüste und halten sie der Sprachästhetik wegen zurück. Langweilig. Heute möchte ich vom Fleischlichen reden, doch das Meiste bleibt unausgesprochen. Bloß keinen Austausch provozieren, schon gar nicht mit Frauen. Mit Frauen führt das Thema immer nur zur Liebe. Langweilig. Dann trage ich Tüten für den alten Herrn Gauß. Er ist mein Nachbar, und seine Söhne scheren sich nicht, weil Scheren ratsch-ratsch machen und sie lieber pling-pling-geil die Beutel füllen. Und Herr Gauß dankt es mir, auch wenn er morgen wieder vergisst, wer ich bin. Und ich ärgere mich, weil er mir ja ohne Gedächtnis nicht lang genug ein gutes Karma wünschen kann. Langweilig. Kann ich nun zahlen, bitte? Ich bin fertig mit allem.

12.05.2012, 10:53
Warten

»Was wollt ihr die
Erde röten?
Womit wollt ihr
sie nähren?
Mit Zukunft?
Wie, wenn ihr den Tod
uns bringt?«

Schleichende Soldaten
Vielgeritten das Recht
der anderen
auf’s Wachsen

Bleiben sie
dieses eine Mal nur
Zuhause

Trinken Wein
und warten

Und dann: Frieden.

10.05.2012, 21:41
Ich bin Akeem

Mein Name ist Akeem. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und es ist nicht leicht für mich hier. Ich bin fremd. Nach dem Israel-Libanon Krieg im Jahre 2006 bin ich auf das Flehen meiner Eltern hin nach Deutschland gekommen. Am Anfang war ich sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Hier war die Sicherheit, von der meine Eltern träumten. Meine Cousins und Cousinen schreiben mir ein Mal im Monat Briefe und danken Gott dafür, dass wenigstens ich es gut habe, und ich kann nichts tun, außer mich in Demut zu üben und Dankbarkeit zu zeigen, denn sie haben alle einiges dafür geopfert, damit ich hier ein erfolgreicher Künstler werden kann. Bevor der Krieg begann, lief es sehr gut mit meinen Bildern, und ich war dabei, bekannt zu werden.

Manchmal fühle ich mich hier wie ein unerwünschter Fremdkörper, aber einer, der auch weiß, dass er ein Fremdkörper ist und keinerlei Antrieb hat, seine Existenz mit Gewalt im Wirtsorganismus durchzusetzen. So kam es, dass ich anfing, meine Bilder anders zu malen, als ich es in der Heimat tat. Wenn ich mich hier einem Gemälde widme, dann halte ich mich inzwischen zurück, sonst wird das Ergebnis als “kitschig” betitelt. Ein Wort für Kitsch mit einer negativen Konnotation gibt es in meiner Sprache nicht, und wenn, dann habe ich es vergessen. Es verletzt mich. Vor allem, weil niemand aus meiner Familie hier ist, um mich vor diesen kritischen Stimmen zu verteidigen. Niemand ist hier, um den anderen zu sagen, dass ich wirklich so fühle wie ich male. So, wie es in meinen Bildern zu sehen ist. Was sie eigentlich sagen, diese Fremden hier, bedeutet nämlich, dass das, was ich fühle, nicht echt sei, sondern eine Übermalung dessen, was “normale Menschen” sonst in sich erleben würden. Sie haben auch andere Wörter für das, was sie an mir ablehnen. Wörter wie “sentimental”. Eine genaue Grenze dessen, was sentimental ist und was nicht, können sie mir nicht nennen. Also muss ich den ganzen Tag in Unsicherheit die Angst brüten und raten, was zu sagen und zu malen richtig ist. Meine Intuition redet nicht mehr mit mir, seit ich Angst habe. Weiterlesen… »

09.05.2012, 21:04
Indizien

Manchmal sage ich mir: “Lächerlich. Wieso sollte es einen Gott geben? Genauso gut könnte ich auch sagen, es gebe lila Elefanten.” Doch versuchen wir einmal etwas anderes. Reisen wir kurz ganz weit weg aus unserer Perspektive heraus und stellen uns vor, wie wir einer anderen Existenzform über uns zweibeinige Wesen erzählen. Dass sie essen und verdauen müssen, den ganzen Vorgang. Also: Sie gehen raus, jagen Tiere oder noch grotesker: Sie gehen in den Supermarkt und geben Papier für Essen aus. Und nachdem das Essen im Darm zersetzt worden ist, kommt es wieder raus. Obwohl das komisch ist, ist das tatsächlich lebensnotwendig. Wir erzählen, wie der Mensch abends schlafen geht, dabei manchmal auch sehr arg schnarcht, eine unbändige Lust nach Sex und Fortpflanzung hat, obwohl die Menschheit ja wisse, dass das Leben auch Leid bedeutet und die eigenen Kinder davon nicht verschont werden. Dann erzählen wir ihnen, dass manche von uns haarlos sind, andere wiederum prächtig behaart, und dass wir manchmal auch in der Nase rumpopeln, einfach weil’s Spaß macht. Wie absurd das eigentlich sei, sagen wir, dass Lebenswerke einfach verschwinden können, indem man stirbt. Und wie absurd es sei, dass man an der Spitze seines Erfolges angelangt, auch einfach erkranken kann oder durch einen Unfall die Welt verlassen kann. Wie würden diese Wesen über uns denken? Würden sie nicht sagen: “Nee, daran glaube ich nicht. Solche Wesen kann’s gar nicht geben, dann könnte ich ja genauso gut an den lila Elefanten glauben, der durch die Wolken fliegt!”

Ernsthafte Frage: Was macht die Vorstellung, dass es Wesen wie uns Menschen geben könnte um so vieles weniger lächerlich und realistischer als die Vorstellung, dass es einen Schöpfer für all das hier geben könnte? Ich habe bis jetzt keine Antwort gefunden; dafür aber ein kleines Indiz dafür, dass es diese Schöpfernatur irgendwie geben muss. Wie sonst ließe sich dieses zauberhafte Kindchenschemawesen erklären? Ich weiß es nicht. Schaut selbst. Ich bin jedenfalls völlig verliebt. Übrigens: Ich konnte den Glauben an drei Fabelwesen nie ablegen, und ich möchte hiermit dazu stehen, dass ich immer noch fest an die Existenz oder gewesene Existenz folgender Wesen glaube: An Meerjungfrauen, Einhörner und Drachen. Diese drei, die kann ich nicht loslassen, werde ich auch niemals tun. Okay?