Archiv für September, 2006

Vorgestern zwang mich mein Papa zum Fotografen für diverse Passfotos. Nicht irgendwelche Passfotos, sondern die für meinen iranischen Perso – genannt “Kart-e melli”. Als sei ich nicht schon schlecht gelaunt genug gewesen, musste ich mir diese Sache mit dem Kopftuch auch noch antun. Nicht nur, dass sich alles in mir dagegen sträubt, mir ein Kopftuch aufzusetzen – nein: Ich sehe auch noch verdammt dämlich damit aus. Anderen Frauen steht so’n Kopftuch zuweilen, aber wenn man mich damit erblickt, kann man entweder nur lachen oder weinen.

Bevor meine Eltern anklingeln und mich runter zum Auto “pfeiffen”, ziehe ich mir noch schnell etwas an, das nicht so dekoltiert ist, aber eben auch nicht vollkommen zugeknöpft. Ich gehe nämlich davon aus, dass das Kopftuch, das meine Mama meiner Schwester und mir besorgt hat, damit wir das Foto machen, in dem Schnitt ist, wie es die türkischen Mädchen nutzen. Sehr großzügig und weit, so dass es das ganze Dekolté verdeckt. Falsch gedacht.

Beim Fotografen angekommen, bindet meine Mutter mir die Haare zu einem Pferdezopf und legt mir das Kopftuch fast professionell an. Das Erste, worüber sie meckert ist: “Warum hast Du Dir obenrum nichts angezogen, was Dein ganzes Dekolté verdeckt?” Ich fauchte sie in diesem engen Fotografenraum nur noch mehr an: “Was ist denn das bitte für ein Dorf-Kopftuch?” Der Fotograf war auch noch Iraner und hat sich dezent zurückgezogen, damit Mama und ich in Ruhe streiten können. Als ob das nicht alles schon stressig genug gewesen wäre in diesem warmen, engen Raum, musste noch mein Papa reinplatzen und sich auf persisch so laut beschweren, dass ich gleich in den Boden versinke: “Oh Mann, wir sind hier, um ein Foto für Deinen Pass zu machen – einem islamischen Pass! Und was zieht meine Tochter an?”, fragt er den Fotografen? In dem Chaos hört man nur noch ein sehr meckerhaft getöntes “Babaaaaaaaaaa…!” von mir, bis er dann einen draufsetzt: Er zieht sein ungeheuerlich unattraktives, dunkelblaues Jeanshemd aus und setzt es mir vor die Nase: “Zieh’ das an, damit wir die Fotos hinter uns bringen können.”

Ich bin fast umgefallen, so schwer war dieses Hemd. Ich glaube, er hatte sein ganzes Leben darin verfrachtet: Autoschlüssel, Wohnungsschlüssel, Sonnebrille, Brieftasche, Autopapiere, Proviant für 2 Wochen ( für Notfälle wohlgemerkt )und Handy. Ich war so genervt & wollte nur brüllen, dass ich dieses hässliche Ding nicht anziehen würde und dass ich damit aussehen würde wie eines dieser dicken, amerikanischen Frauen, die mit einem dicken Donut auf der Straße rumlaufen – aber Mama zwickte mich in die Taillie – und ich ergab mich.

Also zog ich in dieser Hitze auf meinen so schon zu warmen Oberteil hin dieses grässliche Jeanshemd an, nachdem ich es ca. eine halbe Stunde entleert hatte – das mir zu groß war und nicht tailliert war. Ich sah aus wie eine fette Kartoffel mit Kopftuch, setzte mich auf den Stuhl und schaute den Fotografen mit einem Mörderblick an. Ich sah, wie dieser Typ sich zurückhalten musste, damit er nicht einem Lachkrampf unterlag. Mama und Papa schauten der Szene von der Tür aus zu und ich winkte sie mit einer heftigen Geste dort weg! Wenigstens diesen Lachkrampf wollte ich ihnen nicht gönnen. Als sie sich davonmachten, sah ich in die Kamera. Der Fotograf grinste und sagte: “Junge Frau, warum schauen Sie mich so an? Ich bin doch kein Mullah! Ich kann nichts dafür.” – Ich lachte und zwang mich noch zu einem 1/4 Lächeln und wurde geknipst.

Über das Resultat dieser Aktion will ich nicht reden. Das Foto ist so dermaßen hässlich, dass Papa mir schwören musste, dass er das niemandem zeigt. Er versprach es mir, während er lachte. Er lachte, ohne mir zu sagen, dass das Foto doch gar nicht so schlecht ist – wie er es sonst eigentlich immer tat. Also war da wohl was dran! Ich sah zum Totlachen aus…

Danach fuhren wir zur andren Rheinseite, um Döner zu essen. Warum? Weil Papa der festen Überzeugung war, dass da kein “Gammelfleisch” drin ist in dem Laden. Die Geschichte dazu erzähle ich vielleicht später. Da hat Papa dann wieder den Vogel abgeschossen – ich glaub’s nicht! Auf der Rückfahrt haben wir nur gelacht, weil wir so eine Chaosfamilie sind und wir wirklich überall auffallen. Wir sind nicht wie die anderen iranischen Familien, die einen auf hyper-intellektuell, reich und adelig tun – wir sind, wie wir sind. Und wir sind manchmal laut und lebhaft. Dabei waren meine 2 Geschwister noch nicht einmal dabei. Oh Mann. Ich liebe meine Familie. Sehr…

30.09.2006, 15:57
“Baroon” – Regen

Wie so oft ist sie auf dem Spielplatz eingeschlafen. In ihren Gedanken verloren, lehnte sie ihre Wange an das Klettergerüst, auf das sie als Kind schon alle Helden gespielt hatte, die es gab. Der letzte Gedanke, den sie noch hatte, hielt sie fest, indem sie etwas in ihr Tagebuch kritzelte:

“Er hat gesagt, ich sei das mieseste Stück Scheiße, das es gibt. Dann hat er mir eine gescheuert, mich geschüttelt und gesagt, ich solle mich aus seinem Leben verpissen… ‘”VERPSS DICH! VERPISS DICH…!’ Wohin, konnte er mir leider nicht mehr sagen – nun bin ich hier, wie so oft. Aber diesmal, weil ich keine andere Wahl habe…”

Der Morgen dämmerte, als sie ihre rotgeweinten Augen aufschlug. Eine milde Brise brachte sie zum Brennen – und sie schloss sie wieder. Auf die Vögel war wie immer Verlass, sie erstummten, wenn sie sie brauchte – und sie zwitscherten, wenn ihre Sorglosigkeit ihr ins Herz stach. Die Vorhänge waren noch alle zu, erst in einer Stunde würde die Straße um den Spielplatz herum wieder aufleben. Von der kommenden Hektik des Alltagslebens anderer völlig unbeeindruckt, lehnte sie ihre Wange wieder an das Gerüst und beobachtete die alte Frau auf dem Balkon, die, seit sie sie kennt, mit großer Lockenwickler Frisur und wie für eine Hochzeit geschminkt, nach jemandem Ausschau zu halten schien. Zum ersten Mal in ihrem Leben fragte Afsaneh sich, auf wen diese alte Dame jeden Morgen wartete. Fast abreisebereit und in leichter Aufregung, schien sie die Gesichter der Menschen da draußen zu durchsuchen.

Afsaneh wurde kalt. Doch sie wusste nicht, wohin sie diese Nacht hin soll. Ferhat hatte sie mit einer Backpfeiffe aus seinem kleinen Zimmer in der Kyffhäuserstraße rausgeschmissen und ihr ihr Tagebuch hinterhergeworfen. Sie hatte nur noch sich und ihre Kritzeleien, die ihr vermutlich ihre Beziehung zu Ferhat kosteten. Sie blätterte ihr Tagebuch durch und suchte jene Seite, auf die Ferhat immerwieder wild gestikulierend drauf haute und sie anbrüllte, so sehr, dass sie kein Wort mehr verstand. Sie stand nur wie gelähmt vor ihm, stotterte im Versuch, ihm einen Satz zu sagen und bekam dann schon die Ohrfeige ihres Lebens.

Das billige Papier ihres Tagebuches knisterte laut, als sie die Seite aufschlug…

“Der Kunde letzte Nacht wollte, dass ich Dinge tu’, vor denen ich Angst habe. Aber ich habe sie dennoch getan, weil er mir besonders viel angeboten hat dafür. Ich habe noch überall Schmerzen und weiß nicht, ob ich zum Arzt soll oder nicht. Ich schäme mich so. Aber ich tu’s für mein Baby, damit wir eine Zukunft haben. Er würde es vielleicht sogar verstehen und stolz auf mich sein… [...]”

Doch er verstand nicht…
Ferhat’s Faust tat weh, nachdem er sie letzte Nacht in seiner Wut geballt gegen die Wand geschlagen hatte. Als sein Nachbar sich lauthals beschweren kam, sprang er ihn an und prügelte er auf ihn ein wie ein Wahnsinniger. Er erinnerte sich nur noch, wie ihn zwei Andere versuchten, die Beiden auseinander zu reißen und er in einem Aufschrei begann, sich in sich zu krümmen und zu weinen. Er weinte immer das Selbe:

“Warum, Afsaneh… Warum. Warum… WARUM…?!”

Er merkte nicht, wie die anderen zwei Leute noch in seinem Zimmer blieben, bis sie sicher sein konnten, dass er sich selbst keine Gefahr mehr war.

Als er zu sich kam, schaute er aus dem Fenster. Er dachte an damals, als er noch ein Junge war und mit seinem Vater im Tomatenshop arbeitete – von morgens bis abends. Er durfte nicht rausgehen. Er durfte nicht einmal zur Schule gehen – das hatte der Vater mit Ferhat’s Lehrer und Familienfreund Herr Yilmaz ausgemacht, der dann wie abgesprochen die Anwesenheitsliste nach seinem Sinne führte.

Ferhats einziger Lichtblick zu jener Zeit war es, Afsaneh aus dem Gruppentor des Kinderheimes in der Sülzburgerstraße auf ihrem Weg zur Schule zu beobachten. Sie war erst 13, doch sie strahlte die stille Demut einer weisen Frau aus. Wie gerne wäre er einmal mitgegangen. Wie gerne hätte er sie im Bus beobachtet, wie sie mit ihren Mitschülerinnen redete und lachte. Woher sollte er denn wissen, dass Afsaneh selten redete und noch seltener lachte. Damals wusste er noch nicht, dass ihr bester Zuhörer dieses Büchlein war, das sie immer bei sich trug und mit ihren kleinen Händen fest hielt, als hielte sie ihr Leben fest. Wie oft hatte er schon von diesem Buch geträumt? Wie er es öffnete und Afsanehs Geheimnisse ergründete, damit er endlich ihr Herz gewinnen konnte? Wie oft?

Nun, nach 12 Jahren, hat er es getan – und es hat ihm binnen eines halben Atemzuges lang sein Herz zerfetzt.

….

Die Autos fuhren die Leute treu zur Arbeit. Kinderlachen ertönte durch die Straßen. Mit ihren viel zu groß geratenen, eckigen Schulranzen überquerten die Kinder in gewissenhafter Gründlichkeit den Zebrastreifen und waren sich ganz stolz ihrer Rechte bewusst. Afsaneh saß noch immer auf dem Spielplatz und lächelte unmerklich, als sie ihr sorgloses Tun beobachtete.

Ihre Finger waren zu steif, um etwas zu schreiben. Außerdem verfluchte sie jede Zeile in ihrem Tagebuch – jede von ihnen hatte ihre Liebe zerstört. Die Einzige, die sie je erfahren hatte. Was sollte sie jetzt tun, wo Ferhat sie jetzt so tief verabscheute? Ob er wohl noch schläft?, fragte sie sich. Sie musste sich ablenken von der Morgenkühle und ließ ihren Blick wieder zur alten Dame abschweifen. Worauf wartete sie nur?

Zögernd stand sie auf und spürte ihre Muskeln von der langen, unbequemen Nacht schmerzen. Ihr Nacken war steif, ihre Augen brannten. Zaghaft ging sie gen Balkon der alten Dame, der im Erdgeschoss mit schönen Geranien beschmückt war.

“Entschuldigen Sie?”, sagte sie leise. Der alten Dame entging diese junge Frau keineswegs, wo sie doch jedes Gesicht genau ansah. “Ich wollte Sie nicht stören. Darf ich… Darf ich bei Ihnen kurz auf die Toilette? Ich habe meinen Schlüssel verloren und meine Handykarte ist leer, ich kann den Schlüsseldienst nicht anrufen…”, sie stotterte einwenig. Afsaneh wirkte auf die meisten Menschen einwenig unsicher, obwohl sie wunderschön war. Ihre großen, ungewöhnlich dunklen Augen sprachen von einer Tiefe, die jeden in seinen Bann ziehen konnte, wenn man die seltene Gelegenheit bekam, sie anzuschauen. Doch meistens zog sie es vor, gesenkten Hauptes den Menschen zu begegnen – und ihr schwarzes, langes Haar in ihr Gesicht fallen zu lassen.

Die alte Dame sah sie musternd an, antwortete aber nicht. Afsaneh schämte sich, dass sie überhaupt gefragt hatte und war schon dabei, auf dem Absatz kehrt zu machen mit ein paar genuschelten, entschuldigenden Halbsätzen, als die alte Dame mit leiser, aber ungewöhnlich deutlicher Stimme sagte:

“Komm’ doch hoch, mein liebes Kind. Ich habe noch Tee und Kuchen.”

Afsaneh betrat schüchtern die Wohnung. Die alte Dame legte ihre Hand auf ihre Schulter und lud sie mit einer offenen Gestik ins Wohnzimmer ein. Sie nahm Platz. Beim Anblick all der Gegenstände aus einer anderen Zeit, vergaß sie ihre Gewohnheit, ihren Blick zu senken und ihr Gesicht hinter ihrem Haar zu verstecken.

Sie schaute sich die Fotos sitzend an und glich dabei einem staunenden, kleinen Mädchen, das gerade zum ersten Mal die Hochzeit einer Prinzessin bewundern durfte. Die Fotos in schwarz-weiß sprachen von einer Liebe. Die alte Dame war einst eine wunderschöne Frau mit stolzen Wangenknochen und einem dennoch weichen Lächeln. Ein Bild fiel ihr besonders auf: Dort stand sie mit einem jungen, großen Mann und schaute sorglos lachend in die Kamera, während er zu ihr runterschaute mit einem sehr wehmütigen, ernsten Gesichtsausdruck und ihre Hand auf sein Herz legte. Er wollte ihr etwas sagen, wie es schien, besann sich aber eines Besseren. Er schien zu denken: “Ach, Du unbesorgte, kleine Träumerin… Was weißt Du schon von dem, was in mir vorgeht, wenn ich Dich ansehe…”

Die auf den Tisch gestellte Teetasse, weckte sie aus ihren Gedankenspinnereien. Bevor Afsaneh fragen konnte, fing die alte Dame an, zu erzählen:

“Er hat gesagt, er kommt wieder, weißt Du? Ich soll ihm vertrauen. Wir wollten noch heiraten, damit unsere Liebe offiziell wird. Ein Bund für’s Leben. Ich weiß, Ihr jungen Leute denkt heute anders darüber. Aber Siegfried und ich werden noch heiraten. Hier, schau’ diesen Zettel…”

Die alte Dame kramte in einer Schublade und holte ein fein säuberlich gefaltetes Blatt Papier heraus, das sie ihr zeigte und vorlas:

“Meine wunderschöne Rosi,

Du musst jetzt stark sein, denn wir werden für einige Zeit getrennt sein, aber dennoch niemals getrennte Wege gehen. Du weißt, wie sehr ich Dich liebe – und nichts mehr wünsche ich mir, als Dich zu meiner Frau zu machen…”, sie zitterte, als sie diese Stelle vorlas und begann nach einem Verlegenheitshusten an, weiterzulesen: “…doch um unsere Zukunft zu sichern, muss ich noch eine kleine Reise antreten. Ich muss Dir noch Sovieles erklären, was ich Dir verheimlicht habe, um Dich zu schützen. Aber wenn ich da bin – und uns nichts mehr im Wege steht, werden wir uns in unser neues Leben fallen lassen und die Welt da draußen vergessen. Warte auf mich, mein Herz. Ohne Dich bin ich nichts… Vertrau’ mir…

Dein Siegfried”

Afsaneh sah die alte Dame ihre Tränen unterdrücken und hätte ihr am Liebsten ihre schwache Hand als Stütze gegeben, doch sie traute sich nicht. Stattdessen sah sie diese alte Dame, die einst eine wunderschöne, stolze Frau war an und wusste nicht, ob sie sie bewundern oder bedauern sollte. Doch Rosi schien nichts zu bereuen. Nicht eine Sekunde ihres Wartens scheint sie geklagt zu haben. Ihr Vertrauen in Siegfried schien fast religiöser Natur. Als Afsaneh dabei war, sich dafür zu entscheiden, Rosi für verwirrt zu halten, fragte die alte Dame sie direkt heraus:

“Liebes Kind, Du musst nochmal mit ihm reden. Du neigst viel zu sehr dazu, das Schicksal hinzunehmen. Noch ist nichts besiegelt.”

Dann nahm sie Afsanehs Hand. Ihr Griff war so vital wie der der jungen, schöne Frau auf den Fotos – ihr Blick floss geradewegs in Afsanehs Augen, ohne sich vor ihrer Tiefe zu fürchten: “Du hast es in der Hand. Hörst Du? Es gibt Menschen in unserem Leben, die kommen und nehmen Dich in Besitz. Dein ganzes Wesen wird so sehr von ihnen geprägt, dass Du nicht einmal in Gedanken einem Anderen gehören könntest. Mein Liebes, ich kenne diesen Blick – und Deiner ist so einer. Du wirst niewieder einem anderen gehören können. Weder Dein Herz, Deine Seele – und schon gar nicht Dein Körper. Er wird nur unter seiner Hand blühen. Hör’ auf mich.” Sie machte eine Pause, ihr Griff lockerte sich und ließ von Afsanehs zarter Hand ab. “Auch, wenn Du mich für verrückt hältst: Du und ich wissen, dass ich Dich erkannt habe… Bitte höre auf mich.” Afsaneh sah sie mit geweiteten Augen an, ließ ihren Tee stehen, bedankte sich hastig und lief hinaus.

Es goss in harten Strömen, die gegen ihre gepeinigte Seele prallten. Woher hatte sie das gewusst? Ferhat hatte sie in der Tat einfach in Besitz genommen. Ihr Handgelenk gepackt, ihr gesagt, was er fühlte und sie entschlossen angesehen. Sein Blick hielt ihrer Tiefe stand, so dass sie fast ohnmächtig wurde, nachdem sie nur ein leises “Ich komme mit Dir” hauchte. Damals sind sie dann gemeinsam am Rheinufer lautlachend ins Wasser gesprungen und haben geschrien: “Wir sind daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Und niewieder alleiiiiiiiiiin! Welt! Du kannst uns mal! Schaut uns an!”…

Der Regen wurde härter. Jeder Schritt endete in einer Pfütze. Sie fing an zu rennen. Wohin, wusste sie noch nicht. Aber Rosi hatte versucht, ihr zu sagen, sie solle wenigstens ein Mal in ihrem Leben nicht aufgeben. Ein Mal ihr Haupt nicht senken. Ein Mal sollte sie aufrecht für das kämpfen, was das einzig Gute und Reine in ihrem Leben war – Ferhat und seine einfache Liebe zu ihr.

Sie weinte.

Ferhat zog nervös an seinem Joint. Er hatte schon soviel Alkohol intus, dass er bei jedem Zug das Gefühl hatte, dass der Qualm sein Gehirn aus Schädel, Ohren und Nase rausdrängte. Nichts Anderes wollte er auch.

Gelangweilt schaute er aus dem Fenster. Es regnete in Strömen. Vor seinem geistigen Auge sah er die Welt sintflutartig untergehen. Die Bilder der schreienden Menschen befriedigten ihn. So sehr, dass er sich ein Lachen nicht verkneifen konnte. “Wenn doch jemand wüsste, welche Macht man besitzt, wenn man keine Angst mehr vor dem Tod hat…”, dachte er. “Doch wenn jemand wüsste, wie gleichgültig einem alles ist, wenn man erst einmal soweit ist, dann würde es sich niemand wünschen…”

Er sah in seinem Rausch tote Körper durch gigantische Sintflutwellen gegen die Gebäude knallen. Menschen zerbrachen vor seinem geistigen Auge wie nutzlose Äste. Er konnte nicht genug kriegen von all der Zerstörungswut. Er wollte mitten in das Schrecken rein und bei vollem Bewusstsein erleben, wie diese Welt untergeht. Diese Welt hatte sein Recht auf Weiterleben verwirkt. Sie hatte sich selbst durch seine Gesetze befleckt und sich jetzt den Gnadenschuss gegeben. Seine Halluzinationen intensivierten sich, sein Blutdruck sank in den Keller. Er sah seinen Vater, wie er hämisch lachte und inmitten des Sturms wie ein Fels in der Wasserflut stand und sagte:

“Du und Schule? Hör’ zu, Junge, manche haben’s drauf, manche nicht – und Du bist nun einmal geboren für die Drecksarbeit Deines alten Herren.” Er lachte laut, immer lauter und lauter und wurde dabei immer größer. Ferhat wehrte sich innerlich, schrie und zerschlug das Bild seines Vaters in der Luft. Er zerbarst in 10000000 Stücke, doch die Fluten komponierten immer neue Bilder. Er sah seine Mutter, wie sie vor dem Spiegel saß und weinte. Sie sah aus, wie immer, nur waren die Schatten unter ihren Augen tiefer und ihre Haut fahler… Immerzu sah sie in den Spiegel und weinte. “Mama!”, rief Ferhat… “Mama, warum weinst Du?” Seine Mutter sah ihn mit unendlich traurigen und ermatteten Augen an und zeigte ihm das Schminktuch: “Mein Sohn! Mein Sohn, schau’ her…!, sagte sie mit greller Stimme und rieb das Abschminktuch fest an ihrer Haut. “SCHAU HER! Es bringt nichts! Dieses alte, kaputte Gesicht geht nicht weg! Es lässt sich nicht abschminken! Es geht nicht weg!”, schrie sie. “Lauf’ weg, bevor Dein Vater Dir das Selbe antut. Lauf’, lauf, Ferhat, lauf’…”, schrie sie. Ihr gellendes Gesicht nahm die skurrilen Formen einer Fratze an. Ferhat erschrak und rannte weiter durch die Kulissen seiner Seele, während er wie gebannt aus dem Fenster sah.

Es goss und donnerte. Die Fluten waren niederschmetternder dennje. Er beschloss aus dem Fenster mitten in den Strom zu springen und sich von seiner Erbarmungslosigkeit erschlagen zu lassen. Er wollte ich von den grässlichen Fratzen seiner Seele zu befreien.

Langsam öffnete er das Fenster. Wie in Trance stieg er auf die Fensterbank. Ganz leicht, ganz wie von selbst gab er sich dem kühlen Wind hin und ließ sich von ihm ein Dasein ohne Qualen versprechen. Seine Augen waren geschlossen, seine Arme hob er langsam an, wie ein Vogel, der zum Flug abheben will. Der Donner grollte seine Zustimmung zu seinem Vorhaben. Seine Füße würden immer leichter, in Zehenspitzen stand er da, zum Sprung bereit… Der Wind war so herrlich. Die Süße seiner verlockenden Worte wie Balsam auf seinem zerfetzten Herzen.

“FERHAT!”, kreischte eine Stimme durch Raum und Zeit.

Ferhat riss die Augen auf und schaute runter. Die schwindelerregende Höhe erschrak ihn plötzlich. Er sah Afsaneh unten. Verzweifelt und weinend: “Ferhat! Azizam… Was machst Du da. Ferhat. FERHAT..” – Noch im Delirium seines Rausches gefangen, versuchte er verzweifelt, sich am Fensterrahmen festzuhalten. Er sah Afsaneh, wie sie drohte, von den großen Wellen erstickt zu werden. Seine Sinne spielten ihm weiterhin einen Streich. Afsaneh schrumpfte, auch wenn ihre Stimme immer lauter zu werden schien. “Ferhaaaaaaaaaaat”, hallte es erneut durch Raum, Zeit, Seele und Mark. Er musste sie retten, doch seine Beine waren wie gelähmt. Er konnte nicht zurück in sein Zimmer, es war einfach zu spät. Der Wind hatte seine luftigen Arme schon um seinen Hals geschlungen und versuchte, Ferhat mit seinen Versprechungen über eine menschenleere Tristesse zu locken. Nur noch ein Schritt – und er wäre frei. Er stand wie gelähmt da, mit weit aufgerissenen Augen sah er Afsaneh’s Augen stumm seinen Namen schreien. Aus den Trümmern des zerschlagenen Bildes seines Vaters wuchs ein Neues hervor. Sein Vater schoss aus dem Wassersprudel heraus und bäumte sich im hämischen Gelächter wie Poseidon in die Höhe. Ferhat schlug sich immer und immerwieder auf den Kopf in der Hoffnung, dem abscheulichen Blick seines Vaters so entkommen zu können – doch dieses Monster war unumgänglich.

“WAS hast Du mit Mama gemaaaaaaaacht!”, schrie er verzweifelt! Die Stimme seiner Mutter vermischte sich mit den bald erschöpften Rufen Afsaneh’s – beide flehten ihn an: “Ferhat, rette Dich… Rette Dich. Geh’ da weg, rette Dich.”

Das dunkle Lachen seines Vaters schallte durch alle Winde und drohte, Ferhat’s Kopf in 10000000 Teile zu zerbersten. “Huahahahaha…Huahahahaha… Mein Sohn, mein kleiner Versager, hatte ich Dir nicht immer gesagt, Du wirst nie etwas Schönes haben, das nur Dir gehört?”… Ferhat riss seine Augen auf und sah wie gelähmt aus dem Fenster, wie sein Vater Afsaneh’s Haarpracht packte und sie hochzog. “Denkst Du, etwas so Reines wie sie wäre bei Dir glücklich geworden? Jetzt kannst Du sie haben, wo sie nur noch eine Hure ist… Hieeeeeer!”, brüllte er markerschütternd durch Donner, Blitz und Regen. In Zeitlupe sah Ferhat, wie er Afsaneh an den Haaren gegen irgend ein Gebäude schleudern wollte. Ein Schmerz wie ein Riss in seinem Bauch befreite ihn von seiner Lähmung. Brüllend sprang er von der Fensterbank ins Zimmer und blitzte die Treppen herunter. Er musste sie retten, sie von den Fängen seines Vaters befreien. Die Treppen verwandelten sich in eine schwindelerregende Spirale in die Unendlichkeit, die er runterstolperte. Unten angekommen, rannte er vom prasselndem Regen blind Richtung Monster. Afsaneh hielt er noch an den Haaren gepackt, aber nicht mehr in Wegschleuderposition, sondern ganz nah unten, so dass Ferhat noch einmal ihr verstörtes Gesicht sehen konnte. Er rannte in einem blutrünstigen Schrei Richtung Afsaneh – stets diese großen Augen vor seinem Gesicht, die trotz verlorener Unschuld immernoch von Reinheit sprachen. Er schlug wie wild auf seinen imaginären Vater ein, dessen Lachen mit jedem seiner Hiebe dumpfer und leiser wurde.

Afsaneh erstarrte vor Hilflosigkeit, als er Ferhat’s irrationales Verhalten sah. Sie versuchte, ihn festzuhalten, aber er schlug immer weiter um sich und schrie: “Neeeeein, fass’ sie nicht an. FASS’ sie mit Deinen dreckigen Krallen nicht an.” Wie wild und mit panischen Augen schlug er um sich. Afsaneh versuchte, ihn zu packen, um ihn in ihrer vertrauten, festen Umarmung zu beruhigen, als ein Schlag sie gegen ihre Schulter traf und sie zu Boden fiel. Sie schrie vor Schmerz auf – so grell, dass er den Donner und den Regen übertönte. Ferhat blieb wie angewurzelt stehen, sein Vater war in alle Himmelsrichtungen zerschlagen, Afsaneh’s Schrei hatte ihm geholfen durch den Schleier seines Rausches gedrungen. Sie richtete sich unter Schmerzen auf und wollte sich Ferhat umarmen – doch er packte sie an den Schultern und sah ihr feste in die Augen:

“Nein!”, schüttelte er nur den Kopf.
“Was, Ferhat? Du kannst mich nicht aus Deinem Leben rausschmeißen, Rosi hat mir eine Geschichte erzählt – Menschen wie Du und Ich können nicht mehr ohne den Anderen glücklich werden.

“NEIN!”, brüllte er.
“NEIN, er hat Dich mir genommen. Mein Vater…”
“Du hörst mir jetzt zu!”, schüttelte sie ihn. “Wir haben keine Zeit mehr! Ich bin heute einer alten Dame begegnet, hörst Du? Eine am Spielplatz, die immer geschminkt auf den Balkon kommt, als würde sie gleich auf einer Hochzeit tanzen gehen. Sie wartet da. Sie wartet jeden Tag seit 43 Jahren auf ein und den selben Mann. Sie vertraut ihm. Sie haben sich damals getrennt, weil…”, sie zitterte am ganzen Leib, weil ihre Gedanken sich überschlugen. Wie lächerlich musste sie jetzt auf ihn wirken, wenn sie nach diesem Bruch, nach diesem von ihm gesehenen Verrat mit der sentimentalen Geschichte einer alten Dame ankam, die geistig völlig verwirrt war und seit 43 Jahren auf ihre große Liebe wartete. Diese Geschichte wirkte grotesk – und dann noch mitten im strömenden Regen in einer Weltuntergangsstimmung. Alles schien verloren. Niemand, der Rosi nicht in die erkennenden Augen schaut, würde an ihrer Geschichte und ihrer Treue zweifeln – und wenn nicht daran, dann an ihrem Verstand.

Sie hatte ihr gesagt, dass Ferhat für Afsaneh das ist, was Siegfried für sie war. Sie hatte gesagt, dass sie gefälligst anfangen soll, zu kämpfen – wenigstens dieses EINE Mal, für diesen Mann, der selber nichts besaß – aber alles, was er hatte, mit offenen Händen Afsaneh vor die Füße legte. Der Mann, der ihr Leben gerettet hat aus dem trostlosen Alltag im Heim und ihrer Vergangenheit, der sie immer zu entfliehen suchte. All die schmerzenden Stellen ihres Körpers durch schmutzige Männerhände, sind durch Ferhat’s liebende Hände geheilt worden – ganz natürlich, ohne dass er es wusste, heilte er sie. Sie musste, sie MUSSTE um ihn kämpfen. Ihm klarmachen, warum es so wichtig ist, dass sie zusammenbleiben.

Es grollte im dunkelgrauen Himmel. Beide schraken auf.

“Du kommst jetzt mit!”, befahl sie in einem überraschend festen Ton, der keine Widerrede duldete. Sie packte Ferhat fest an seinem Handgelenk. Sie fühlte sich aus irgend einem Grund in Zeitdruck. “Wir müssen rennen, rief sie durch den Regen- und Donnerschall. Los, lass uns rennen…” Ferhat folgte diesem ungewöhnlich festen Griff von diesen einst so zarten Händen.

Sie rannten. Sie rannten so hart und schnell, dass die Wasserpfützen in ihre Gesichter hochspritzten. Der Regen peitschte von Neuem wie zur Strafe an ihre geschundenen Körper – alles war tiefgrau. Der Donner drohte mit wilden Gebärden – doch Afsaneh’s Griff war fest, beider Schritte schnell und hart. Fast blind von all den Regenströmen rannten sie durch eine graue Regenwüste, bis sie von weitem schemenhaft diesen Spielplatz sahen. Er kam ihr so weit weg vor – saß sie wirklich heute Morgen noch dort?

“Komm’ mit!”, rief sie durch den Regen. “Wir sind gleich bei Rosi…”

An ihrer Haustür angekommen, klingelte sie wie wild. Niemand machte die Türe auf. Sie klingelte und rief: “Rosi, Rosi… Ich bin hier, es regnet… Bitte mach’ auf. Ich habe gekämpft, Rosi. So, wie Du es gesagt hast. Ich habe ihn mitgebracht, bitte erzähl’ ihm Deine Geschichte Rosi…! Bitte…”, immerwieder schlug sie mit der Faust gegen die Tür. Mit jedem Schlag, der unbeantwortet blieb, sank einwenig mehr Hoffnung in den dunklen Schlund ihrer Seele. “Rosi”, weinte sie. “Rosi, bitte… Ich habe doch gekämpft, so wie Du gesagt hast. Wo bist Du? Rosi…”, weinte sie. Ihre Hand rutschte die Tür hinunter, so wie ihre Hoffnung in den verlorenen Schlund ihrer Seele. Sie legte ihr Gesicht an die Haustür und weinte. “Nein…”

Ein lautes Hupen ließ die Beiden zurückschauen. Die Scheibe eines dunklen Autos wurde runtergedreht, eine alte Hand winkte raus, das helle Lachen einer junge, vitalen Frau – jedoch mit alter Stimme ertönte durch Donner und Regen hindurch:

“Mein liebes Kind!”, lachte sie… “Mein liebes Kind, schau’ her, Siegfried ist wiedergekommen! Er ist endlich da, um mich abzuholen!” Afsaneh und Ferhat gingen wie gebannt auf das Auto zu und sahen einen stattlichen, mild lächelnden alten Mann am Steuer. Es donnerte nochmal laut: “Rosi, ist das Siegfried? Ist er wirklich…”, stotterte sie: “Jaaa, mein Kind! Ja! Wir müssen losfahren. Wir haben 43 Jahre nachzuholen in den 10 Jahren, die uns vielleicht noch bleiben! Du hast für uns gekämpft… Halt’ ihn fest, mein liebes Kind. Halt’ ihn fest…”, rief sie noch, während das Auto in die Ferne fuhr.

Afsaneh drehte sich ruckartig zu Ferhat, packte ihn am Kragen und sah ihn stechend in die Augen. Ferhat litt noch unter den Nachwirkungen der Halluzinationen, doch innerhalb dieses kurzen Szenarios mit Rosi und Siegfried, hatte er alles verstanden, was Afsaneh ihm klar machen wollte. Er hatte Rosi gesehen, die junge, alte Dame, die ihre Liebe nie aufgegeben hatte – und er hatte Siegfried gesehen, der sie wie in einer Kutsche nun zum Heiraten geleiten würde. Er hatte seinen Vater gesehen, wie er ihm alles Schöne genommen hatte, was er je besaß – und er ihn zum ersten Mal bekämpft und besiegt hatte. Er hatte Afsaneh’s Augen gesehen, die immernoch unschuldig und rein waren von der ehrlichen Liebe, die sie für ihn – nur für ihn – und niemand Anderem – empfand. Von ihrem Kampf, von seinem Fast-Suizid, von dem Groll der Welt, von den Massen an Tränen…

Sie sahen einander immernoch an. Afsaneh’s Hände glitten von seinem Kragen runter zu seinem Herzen. Sie legte ihre Handfläche drauf, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden. Die Welt verging um sie herum wie im Zeitraffer. Sie waren allein – dort am Schauplatz ihres Lebens. Die Entscheidung lag in ihren Händen. Zusammen leben – oder jeder für sich sterben. Beide erkannten, dass ein Leben ohne den Anderen keinen Sinn machte… Fest entschlossene Blicke warteten auf das Zeichen einer Entscheidung.

Wenn die Ereignisse sich überschlagen – und der Verstand nur noch von Schicksal sprechen kann, beginnt der Mensch, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen – jedem Schicksal zum trotze. Jeder Demütigung in der Vergangenheit zum Feind. Jeder Eitelkeit zuwider.

Hier beginnt die Sehnsucht des Menschen sich in Wille zu verwandeln – und seine Geschichte kann niedegeschrieben werden: Die Liebe und ihr Geliebter – der Tod.

Ferhat griff Afsaneh’s Hand.
Wohin sie nun auch springen würden – es würde für immer sein. Endgültig.

30.09.2006, 01:23
Der SOS-Zettel einer Nation

Ich weiß nicht, warum, aber dieser Satz aus einem iranischen Weblog hat es mir unendlich angetan:


"Hast du eine Phantasie, die nie verblasst? Ich möchte mit einem Mann zusammen sein, der auf italienisch auf mich einredet … Ich würde zwar kein Wort von dem verstehen, was er zu mir sagt, aber die Bedeutung seiner Worte würde ich in den Tiefen seiner Augen lesen. Ich will nur mit dem Kopf nicken und ihm zustimmen. Auf farsi klingen alle Worte nur noch hohl für mich. Ich will jemanden, der eine andere Sprache spricht. Ich will, dass wir mit unseren Augen und unserer Wärme kommunizieren, denn Worte können trügerisch sein. Schrecklich trügerisch."

Nein, es ist nicht sinnlos. Eine ganze Nation schreibt seine Gedanken & Gefühle nieder. Fast, wie als würde es ein kulturelles Gut pflegen. Ein geheimes Ritual, das sie eines Tages wie ein zerknüllter, gefundener Zettel in der Mülltonne zur Freiheit führen könnte. Ich werde weiterschreiben.

30.09.2006, 01:18
Ungereimtheiten

(Tagebucheintrag vom 25/04/2006 – 03:43)

Manchmal brabble ich wie ein Wasserfall, wenn ich schüchtern bin. Ich trete einfach meine Hemmungen weg oder überlaute sie damit. Das ist mir am Samstag passiert. Wie ich geredet habe & dabei meinem Gesprächspartner nicht einmal meines Blickes würdigte, war schon phänomenal. Letztendlich konnte ich es nicht einmal unterlassen, diesem zu sagen, er solle mich bitte nicht ansehen. Mir nicht in die Augen schauen. Nach so langer Zeit empfinde ich immernoch Scham. Aber das ist typisch für mich…

Die meisten Menschen halten mich für selbstbewusst. Das bin ich oft tatsächlich. Immer dann, wenn irgendjemand jemanden anfassen will, der zu meinem Nest gehört. Ich habe ein großes Nest. Da sind manchmal auch Fremde willkommen. Nur was ist mit den banalen Alltagssituationen? Komplimente annehmen. Einem durchdringenden Blick eines Freundes standhalten. Die der Feinde zermürbe ich sofort mit einem kalten oder auch heißen Strahl – aber wehe jemand schaut mit Liebe, dann senke ich mein Haupt. Sage meistens nichts. Doch am Samstag sagte ich: "Guck’ mich nicht an." – wie oft eigentlich? Ich weiß es nicht.

Das Leben ist viel zu kurz, als dass man sich etwas vormachen sollte. Niemand von uns ist ohne Fehler, ohne aberwitzigem Glauben, ohne etwas, woran er sich fest hält. Manche dienen Anderen, die Anderen dienen nur sich – dennoch alles eine Form der Sklaverei. Wir sind Sklaven – nur Sklaven sind frei, sagte einst Hafez. Ich wünschte, einige Menschen würden die Tiefe dieses Satzes verstehen. Weißt Du, Gott, Sklaven wissen, dass sie dienen – und nichts weiter. Wir Menschen hingegen denken, wir würden irgendetwas beherrschen, dabei sind wir nur Opfer unserer eigenen Triebe – nicht soviel weniger als die Tiere, wie wir immer denken.

Selbst das Denken ist nur ein Trieb. Ein Werkzeug von vielen Anderen. Wir sind genauso bedeutungslos oder voll wie alle anderen Tiere auf diesem Planeten. Wer sich etwas einredet, macht sich etwas vor.

Ich mache mir seit ein paar Tagen viele Gedanken um den Narzissmus. Viele finden es chique, narzisstisch zu sein – aber es ist eine ernsthafte Krankheit & zeugt von einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Der Narzisst, so meint man, liebt sich abgöttisch. Aber das Gegenteil ist der Fall: Der Narzisst konstruiert ein Image, ein imaginäres Wunsch-Abbild seiner Selbst, das er nach Außen hin trägt und je nach Intensität der narzisstischen Störung auch sich selbst einreden kann. Die Differenz zwischen wahrem Ich und dem Wunsch-Abbild sickert aber immerwieder mal ins Bewusstsein & kippt den Narzissten in eine Ich-Krise. Um dieses enorme, Image-zerstörende Ungleichgewicht zu kompensieren, degradiert er Andere und verstärkt seine Selbstdarstellung… Einige enden tatsächlich in eine Psychose, Paranoia oder im Drogensuff. Die Mittel, um das bröckelnde Selbstbild aufrecht zu erhalten, werden nämlich immer radikaler.

Dieses Phänomen kann man oft bei Stars erleben, wobei es sich bei ihnen anfangs um einen "künstlich erzeugten Narzissmus" handelt. Sie fangen erstmla bewusst an, ein Image aufrecht zu erhalten oder zu konstruieren. Befehl vom Management. Die Resonanz auf dieses Image, das aber nicht die wahre Persönlichkeit widerspiegelt, wirft jeden normal-stabilen Menschen in eine Sinn- und Ich-Krise. "Wen genau lieben sie? Mein Image? Oder mich? Und warum bin ich als Ich nicht genauso erfolgreich und liebenswert wie mein Image? Scheiße! Ich muss immer wie mein Image bleiben, sonst liebt mich niemand mehr…" Das traurigste Endprodukt solch’ einer Tortur sieht dann so aus wie Mariah Carey. Ihr Hund ist ihr bester Freund.

Ich weiß auch nicht. Was schreibe ich hier eigentlich? Ich bin doch doof. Und viel zu müde. Es war schön, besoffen zu sein. Aber meine Nächte im Rausch sind immer so unruhig. An Schlaf ist nicht zu denken… Wie dem auch sei, Du Wesen…

Öhm. 

30.09.2006, 01:02
“All that remains”

(Tagebucheintrag vom 17/06/2006 – 04:45)

In einer Zeit, in der Wörter wie Liebe & Freundschaft wie der Körper einer Prostituierten benutzt werden, ist es schwer, zu erkennen, wer wahr ist und wer nicht. Am Ende dieser Reise werden Menschen mit naiven Illusionen & Idealen immer negativ überrascht, aber auch positiv erstaunt. Die gewöhnlichen Romantiker in dieser Erfahrung werden zu besoffenen und liebevollen Zynikern, die von alten Zeiten reden & tief auf den Grund ihres Glases ihre verlorenen Träume zu suchen scheinen (manche nur, um sie zu töten) – die Anderen; die Seelentrinker, werden zu noch größeren, ja verbissenen Idealisten, nur um am Ende ihres Lebens vor dem Lauf der Welt zu kapitulieren. Ich weiß nicht, zu welchen der Beiden ich gehören möchte – aber heute bin ich noch ich. Weniger verändert durch die Hiebe, als ich dachte. Und das stärkt mich.

Dieses Lied “All that remains” hat mich immer so unendlich traurig gemacht. Heute weiß ich, dass das, was übrig geblieben ist, unendlich viel ist: Ihr. Ja, vielleicht seid Ihr gerade einmal eine Hand voll. Man kann mit Euch keinen lauten Party-Saal füllen, aber dafür mein Herz. “All that remains” muss nicht traurig sein. Es kann der größte Schatz der Welt sein, der Dir bleibt; und so war es in meiner Geschichte. Selbst der besoffene Zyniker, der zu tief ins Glas schaut & mich keines Blickes mehr würdigt, besudelt meine Liebe nicht. Er will mir treu sein – und nur deshalb schweigt er. Das verstehe ich jetzt.

Es geht weiter. Irgendwie. Und das, ohne zu sterben.

Gewiss, es ist nicht leicht, sich der Vielfalt und Unberechenbarkeit unserer Welt zu stellen. Damit würden wir uns unserer imaginären Macht berauben, die wir meinen, über uns, andere und unserer Umwelt zu haben. Wir würden nachts nicht mehr schlafen können vor lauter Angst, müssten wir auf Zahlen und Fakten verzichten, die uns die illusorische Gewissheit schenken, auf einem festen, prognostizierbaren Boden der Realität zu stehen. Und trotzdem: Manchmal lohnt es sich, kurz aufzublicken und inne zu halten.

Viele denken, wir würden hier in einer Informationsgesellschaft leben. In einer, in der man sich wirklich informieren kann und die Fakten von den Un-Fakten eindeutig unterscheiden kann. Die Aufgeklärten trichtern uns tagtäglich ein, was böse und was gut ist – und was absurd und was seriös ist. Sie erzählen uns etwas von Zahlen, die sich je nach politischer Agenda des Staates ganz heimlich und schleichend verändern und uns sehr raffiniert auf die plötzlich neuen Wahrheiten vorbereiten. Als Eltern merken wir nicht einmal, dass sogar die pädagogischen Institute wie Kindergärten und Schulen ihre Konzepte an die Politik des jeweiligen Landes anpassen. Es wird einfach nur von neuen Erkenntnissen in der Pädagogik gesprochen, denen Pädagogen ohne weitere Fragen Folge leisten. “Man hat jetzt herausgefunden, dass wenn man Kindern Lehrinhalte so und nicht anders vermittelt, das positive Auswirkungen auf dies und jenes hat.” “Okay…”, denken wir uns dann “…wir leben in einer gebildeten, wissenschafts- und technologieorientierten Gesellschaft mit dem Fokus auf Fakten und Zahlen, Statistiken und Daten. Die werden es schon besser wissen.”

In diesen sich ewig faktendynamischen Zeiten, schwirren dann ein paar Weltfremde oder Verschwörungstheoretiker rum, die an Wissen festhalten, die man nach den heutigen Kriterien, die ein Wissen als Wissen definieren, nicht ernst nehmen kann – nein gar darf. Sie sitzen da – fast nutzlos, wie einsam auf einer Bank auf jemanden wartend – und erzählen Dir etwas von Dingen, von denen sie überzeugt sind, die sie aber nicht mit Zahlen und Fakten belegen können.

Die meisten gehen an ihnen vorbei und belächeln sie. Manche lassen noch ihre Arroganz auf sie niederprasseln, die Guten unter ihnen versuchen sie mit ihren unerschütterlichen Fakten und Zahlen zu überzeugen, die sie aus Quellen beziehen, die sie nicht hinterfragen, aber sich sicher fühlen, weil es sich eben um Zahlen handelt.

Ich jedoch will mich zu dem Menschen ohne Zahlen auf die Bank setzen und mit ihm noch einmal kurz auf jene Welt trinken, die außerhalb seiner schlichten Intuition nicht mehr existiert. Wer jedoch den beständigen Lauf seiner Fakten und seiner „realistischen Welt“ verstanden hat, der weiß, dass es nichts Beständiges gibt und dass alles inzwischen von der egoistischen Hand eines Menschen geformt werden kann und – da können wir Gift drauf nehmen – auch wird. Und zum Objekt dieser Manipulation gehören auch unsere auch diese “Fakten”.

Wie dem auch sei. Der einsame Mensch auf der Bank soll heute mein Freund sein. Ich will ihm zuhören und mich mit ihm über die allgemein anerkannten Fakten lustig machen, so wie die ganze Welt sich über ihn lustig macht. Freund, was wissen die schon? Nichts wissen sie, nichts. Sowenig wie wir. Nur sind wir uns wenigstens dessen bewusst, während die anderen weiter Fakten erschaffen gehen.

Viele Stunden später macht mich der Gedanke über eine unsichere Welt ohne die Robustheit einer von Formalisierungen definierten Welt so ängstlich, dass ich abrupt aufstehe und den Freund auf der Bank wortlos verlasse.