Tagebuch vom 09/03/2005 – 16:42

Ich hatte einen seltsamen, erschreckenden Traum. Ich bin schreiend aufgewacht, meine Faust tat weh, denn ich hatte gegen die Wand geschlagen. Ich hatte den Versuch, diesen Traum aufzuschreiben, aufgegeben, weil er so voll war von Bildern & Geschehenissen, dass ich nicht wusste, wie ich anfangen soll. Ich schreibe nicht poetisch, literarisch, emotional, sonst was. Ich habe weder Lust, noch Kraft, das zu tun. Ich bin wie ausgelaugt. Tut mir Leid.

 

Traum

Da war ein Paar. Undefinierbar. Heftig, leidenschaftlich, temperamentvoll – verrückt. Ich sage das nicht nur so. Die Beiden waren so zusammen, wie ich noch nie gesehen habe, dass Menschen zusammen sind. Wenn sie sich liebten, dann so laut und wild, dass alles erzitterte, wenn sie sich stritten, dann schellte die Frau ihm eine Backpfeiffe und er ihr eine zurück, bis sie sich an die Gurgel sprangen & letztendlich wieder heftig liebten. Sie waren nicht asozial, arm, kriminell – sie waren beide wohlhabend, aber angekotzt von der feinen Gesellschaft. Fragt mich nicht, was ich da sah – aber ich sah eine wilde Frau mit Feuer in den Augen & wenig Gnade vor Anderen, wenn sie ihr und ihrem Geliebten etwas anhaben wollten.

Da war eine Szene, in der die Geliebte eine andere Frau an ihren Haaren den Boden lang schliff, weil sie ihrem Geliebten schöne Augen gemacht hatte und wild an der Tür ihres Geliebten klopfte ( Er lebte in einem Schloss ) und ihn eiskalt, aber auch hitzig anfauchte:

"Würdest Du diese junge Dame bitte einmal beachten & ein Wörtchen mit ihr wechseln, damit sie aufhört, sich Dir anzubieten? Es nervt, klar?"

Er sah seine Frau mit großen, aber irgendwie gütigen Augen an, lachte & sagte: "Lass’ sie los, Du Verrückte." Sie ließ sie abrupt los und ließ sie auf dem Boden liegen. Ihr Geliebter half dem Mädchen auf, lächelte und sagte: "Schau’. Das da ist meine Frau. Dir ist sicherlich klar, dass ich weder Lust, Kraft, Nerv, noch Zeit habe, mich auch noch um ein kleines Mädchen wie Dich zu kümmern, das dieser tollwütigen, herrschsüchtigen Frau völlig ausgeliefert wäre. Die Frau saugt mich völlig aus.", grinste er – und die wilde Empörung der Geliebten machten ihn so glücklich. Aber das war alles so voller Hitze & Leidenschaft. Es war, als sei ich in einer Welt, in der in anderen Dimensionen geliebt & gehasst wurde. Ich weiß nicht, wo ich war – aber ich weißt jetzt, dass sie zu meinen extremen Seiten gehörte, zu einer "Krassheit", die sich hier nicht ausleben lässt. Nicht hier, in dieser ordentlichen Umgebung mit en ordentlichen Menschen und ihren ordentlichen Regeln. Das sind nur Szenen, an die ich mich erinnert habe – jetzt beginnt der Hauptteil.

Aus irgendeinem schlimmen Grund, von irgendeiner Macht – ich weiß nicht, was es war – wurden diese Zwei mit Gewalt getrennt. Es änderte sich Vieles. Selbst die Farbe der Welt in jenem Traum. Aus den lebensintensiven, kräftigen Farben, tönte sich die Welt, die ganze Umgebung in ein Reptilien-Grau/Grün. Hoffnung erlischte. Ich war manchmal die Geliebte und manchmal nur eine unsichtbare Zuschauerin. Manchmal war ich die Geliebte selbst, aber konnte mich von Außen betrachten.

Sie lag kraftlos auf einem steinigen Boden, es war kalt, sie war totenbleich, schwitzte und zitterte wie eine Drogensüchtige auf Entzug und war in sich gekrümmt. Manchmal machte sie mit ihrer letzten Kraft ein paar Bewegungen, die so aussahen, als würde sie sich ein Messer in den Bauch oder ins Herz rammen wollen. Jedesmal schrie sie danach auf. Aber nicht, weil das Messer weh tat, sondern weil sie merkte, dass da kein Messer ist und sie noch lebte. Das war so schrecklich. Ihre Augen waren fast wie tot, da war nur ein kleiner Schimmer Leben drin, ein einziger Gedanke. Es war ER, das weiß ich. Das fühlte ich, denn ich war in ihr. Sie dachte an sein Schloss, an sein Gelächter, wenn sie sich aufregte. An ihre kurzen, ruhigen Momente. Alles war ihnen so scheißegal. Welt, Religion, Geld, Gott – sie schissen auf ALLES, sie hatten nur sich und wollten nur sich. Nur. Nur! Ich weiß nicht, ich will schreien, damit jemand begreift, wie die Beiden waren. Aber wie? Niemand hört mich.

Die Geliebte fing an, mit ihrem letzten Funken Leben in ihren Augen, Straßen & Gehwege zu überqueren, indem sie auf dem Boden kroch. Der Boden und alles – sie sah alles in diesem Eidechsengraugrün/gelb. Sie sah nur den Dreck auf der Erde, ihre einst so starken, vitalen Arme hatten keine Kraft. Sie kroch, bis sie sein Schloss erreichte. Ihre Wahrnehmung war kaputt. Das Schloss war immernoch so schön, wie sie es in Erinnerung hatte. Sie konnte die Treppen hoch und sah ihn, lebendig und vital mit seinem Freund. Sie wollten runterlaufen zum Auto, in dem eine blonde Schönheit saß. Seine neue Freundin. Sie krächzte noch:

"Geliebter."
"Huch, was machst Du denn hier? Geh’ mir aus dem Weg, ich muss los…"

Er trat auf ihren Kopf, ging über ihren Rücken die Treppen runter. In diesem Augenblick erlitt ich Qualen, ob ich das Geschehen nun von Außen oder aus Sicht der Geliebten beobachtete, ich erlitt körperliche Schmerzen & schrie wohl auch im Schlaf. Machte kurz die Augen auf, aber alles war eidechsengrün – und ich schloss sie wieder. Ich sah sie an und bemerkte eine "Raumverzerrung". Das heißt, ich sah Fragmente im Raum, die plötzlich zeigten, dass das Schloss nicht mehr schön war & alles heruntergekommen war. Ich sah den Geliebten, er ging nicht über ihren Kopf und den Rücken, sondern er streichelte Kopf und Rücken.

Ich wollte schreien und ihr klar machen: "Der Wahnsinn hat Deine Sinne verwirrt. Er lacht nicht, er freut sich nicht, er umarmt Dich, verdammt! Schau’ hin! Bitte!" Es ging nicht, denn ICH WAR SIE – und ICH HÖRTE MIR SELBST nicht ZU! UND ICH WAR ES, DIE DIE WAHRHEIT NICHT ERKANNTE, DENN ICH WAR WAHNSINNIG und ich KONNTE DIE RAUMVERZERRUNGEN NICHT ERKENNEN. Obwohl ich sie erkannt hatte und mich selber anschrie. Es war so grauenhaft.

Er war weg, obwohl sie ihn noch glücklich lachend an der Treppe sah. Sie kroch den Weg zurück. Ihr Stückchen Leben in den Augen erblasste, während sie weiterkroch. Warum kroch sie eigentlich? Nocheinmal schaute sie zurück. Er rannte leicht und fröhlich die Treppen runter in sein neues Auto mit der Blondine drin. Auf dem Weg kam eine Frau. Sie war wohl ihre Tante, keine Ahnung. Es war jedenfalls eine ältere, milde Frau. Sie beugte sich zu ihr runter, setzte sich zu ihr, nahm sie an sich:

"Was machst Du nur, Kleines?"
"Ich wollte ihn nur sehen, einfach sehen nochmal. Wie es ihm geht, wollte bei ihm sein. Aber schau’ ihn an. Er ist so. Er ist so glücklich.", flüstert sie und schließt müde ihre entzündeten Augen. Die Tante schaut Richtung "Schloss". Denn es war kein Schloss, es war eine Anstalt für Verrückte. Für Verrückte, die kein Geld haben. Sie wurden eingeschlossen, wie in Kerkern.

"Das ist kein Palast, siehst Du denn nicht?", sagte sie leise weinend zu der Geliebten
"Wie meinst Du das?", flüstert sie.

Sie steht auf, stützt das Mädchen und bringt sie dorthin, wo sie ihren Gelieben zuletzt die Treppen runterlaufen gesehen hat. Er lag mager, angestrengt, vom Wahnsinn befallen auf dem Boden. Sie verstand, dass er nicht die Treppen runterhüpft, sondern sich runtergestürzt hatte. Er lag in der Zwangsjacke. Seine Hände hatte er irgenwie einwenig befreien können, denn er wollte sie unbedingt streicheln, als er sie vor ihm kriechen sah. Sie verstand, dass er sie nicht weggestoßen & über ihren Kopf und Rücken gegangen war, um sie zu demütigen, sondern sie mit seiner letzten Lebenskraft streicheln wollte. Sie begriff, dass er nicht lachte, sondern schrie und nicht verstand, warum sie mit jeder Streicheleinheit vor seinen Augen das Licht ihres Lebens verlor & wie tot auf dem Boden lag. Sie begriff, dass sie aus Wahnsinn nicht wahrnehmen konnte, was er wirklich tat und wo er wirklich war. Er versuchte, sie zu halten. Doch sie kroch wieder weg – und er wusste, sie würde sterben. Beide verstanden die Welt nicht. Er hatte sich deshalb die Treppen runtergestürzt und starb. Sie kroch weiter zu ihm und schrie einen Schrei, den niemand hören konnte. Nur ich. Doch gierig griff sie nach seiner NOCH lebenden Hand und wollte ihn wecken, ihm sagen, dass sie zusammen sterben jetzt. Sie ließ ihren Körper auf seinen nieder. Und in dem Moment, in dem er kurz erwacht wäre, um sie nocheinmal bei sich wahrzunehmen, zerfiel er in Staub und sie knallte auf den Boden und wimmerte, bis sie starb. Ich schrie und schlug mit der Faust gegen die Wand & erschrak aus dem Traum. Mir tat alles weh. Aber ich konnte nicht weinen.

Wer es geschafft hat, bis hierhin zu lesen, hat meinen Respekt. Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch auf der Straße. Wie sie. Das wird noch den ganzen Tag anhalten.