Archiv für Oktober, 2006
31.10.2006, 23:47
Frauen sind…

(Vom 09/12/2005)

…sehr zart und zerbrechlich. Sie lieben nicht intensiver als Männer, nur offensichtlicher. Ihre Augen füllen sich sofort mit Tränen, wenn Du ihnen von Bauchschmerzen erzählst. Jeder Schritt, den sie danach tun ist wie der einer Mutter für ihr Baby. Sie wollen Deinen Kopf küssen und streicheln, Dir den Schmerz nehmen und Dich heilen. Frauen reden gerne über Dich bei ihren Lieben. Sie wollen im Grunde nur, dass die ganze Welt Dich genauso sehr liebt, wie sie es tun, weil sie wissen, dass Du es verdienst.

Wenn sie spazieren gehen oder einkaufen, dann reden sie in Gedanken mit Dir, als seist Du bei ihnen. Sie fragen Dich zwischen den Lebensmitteln, was Du am liebsten essen möchtest und lächeln in die Menge rein, als seien sie mit Dir allein. Frauen wollen Dir in ihren tiefsten Momenten der Liebe ihre Seele vor Deine Füße legen und Dich darum bitten, Dich endlich ihrer anzunehmen und eins mit ihr zu werden, sie zu vereinnahmen und zu besitzen.

In ihren schwachen Momenten stoßen sie Dich weg, weil sie alle Erwartungen der Welt in Dich gesetzt haben und gemerkt haben, dass selbst Du nur ein Mensch bist und kein Gott. Danach tut es ihnen so Leid, dass sie Dir Schlaflieder vorsingen und Dein Herz küssen, damit sie diese Ungerechtigkeit mildern, die sie Dir angetan haben.

Frauen haben ständig Angst um Dich, weil sie insgeheim denken, Du seist ein kopfloses Kind mit strahlenden Augen, das sofort stolpert, wenn es ein schönes Spielzeug sieht. Wenn sie singen, dann nur für Dich. Wenn sie träumen, dann nur von Dir. Wenn Du schläfst und im Schlaf redest, dann bleiben sie wach, um Dir – solange es nur geht – zu lauschen, weil sie denken, bei Deinen Träumen seien sie Dir am nächsten.

Und wenn sie sich sicher in dieser schlechten Welt fühlen, dann nur, weil sie Dich an ihrer Seite wissen – auch, wenn sie die ganze Zeit dabei sind, Dich zu hüten auf ihre sanftmütige Art und Dich dabei ein paar Mal zu oft tadeln. Jeder ihrer Küsse ist mit einem Gebet für Dich gesegnet, in dem sie Gott bitten, dass Du gesund bleibst und glücklich bist.

Wer sagt, dass Frauen intensiver lieben, liegt falsch – ihre Liebe ist nur anders. Wie der Mund der Frau offener ist, so ist auch ihre Art der Liebe offensichtlicher. Das ist alles.

Ich danke allen Frauen, die ihre Männer wirklich lieben. Danke Mama, dass Du jeden Tag, wenn Papa zur Arbeit fährt, wie ein junges Mädchen zum Fenster gehst und ihm nachsiehst und hinterher winkst, um ihm gleich danach die Antwort auf seinen Zettel im Bad zu schreiben. Danke Oma für fünfundfünfzig Jahre Treue, egal wie schwer die Zeiten waren. Danke, Frauen.

31.10.2006, 16:32
Männer sind…

(Vom 09/12/2005)

…genauso liebend wie Frauen – nur lieben sie anders. Besitzergreifender, ein wenig grobmotorischer und egoistischer. Männer lieben aber auch sehr leidenschaftlich und wollen Dich, wenn sie Dich erst einmal wirklich lieben, mit Haut und Haaren! Alles, was Du an Dir hässlich findest, werden sie anbetungswürdig huldigen. Jede Narbe, jedes Pölsterchen – alles.

Sie halten Dich fest, selbst wenn Du zornig bist – sogar dann noch, wenn Du auf sie schimpfst. Manchmal bieten sie Dir ihren Oberarm, damit Du Dir Deinen Frust von der Seele schlagen kannst und haben – während ihnen der Oberarm noch schmerzt – das Gefühl, Dich vor allem beschützen zu müssen. Männer leiden mit Dir, nur zeigen sie das nicht mit Kopfnicken und direkter Empathie, sondern mit ihren direkt praktischen Lösungsalternativen oder ihrer Wut gegen jeden, der Dir etwas Böses will.

Männer fühlen sich klein und elendig, wenn sie ihrem „Mädchen“ wehgetan haben. Sie ziehen sich zurück und schauen Dich nicht an, weil sie denken, sie haben den Anblick Deiner Schönheit nicht verdient – oder sie schauen ernst aus dem Fenster – nur nicht in Dein bittendes Gesicht, weil sie Deinen schmerzerfüllten Blick und den schluchzenden Vorwurf in ihm nicht ertragen. Oft kommt es sogar vor, dass sie ihr Gesicht hinter ihre Hände verstecken und weinen, weil sie Dir wehgetan haben. Danach wollen sie Dir die Welt zu Füßen legen, weil sie es doch als ihre Aufgabe sehen, Dich glücklich zu machen. Sie halten Deine Hand ganz fest und behüten Deinen Kopf, Dein Gesicht im Gedränge der drohenden Menge.

Wer sagt, dass Männer nicht lieben können, so wie Frauen es tun, der hat Recht: Aber sie lieben dennoch genauso intensiv, wenn sie es denn endlich tun.

Ich danke allen Männern, die ihre Frauen wirklich lieben. Danke Papa, dass Du Mama heute noch Gedichte auf kleine Zettel schreibst und sie ihr am Badezimmerspiegel hinterlässt. Danke, Opa, dass Du Omas Schritte von allen anderen Schritten unterscheiden konntest und sogar ihr Meckereien nur glücklich als Liebesbeweise gepriesen hast. Danke Peyman, dass Du – egal, wie zornig und verzweifelt ich auch manchmal bin – mir immer Deine ruhige Brust zum Weinen anbietest, trotz der Gefahr, dass ich Dich mit meiner Wut ungerechterweise verletze. Danke, Männer.

Eine nebensächliche Passage aus “Silbermond und Kupfermünze” von W. Somerset Maugham:

Hierin liegt die Unwirklichkeit der Dichtung. Denn für Männer ist die Liebe gewöhnlich nur eine Episode, die ihren Platz hat zwischen den anderen täglichen Angelegenheiten, und der Nachdruck, der in Romanen darauf gelegt wird, verleiht ihr eine Wichtigkeit, die nicht in Übereinstimmung mit dem Leben steht.

Es gibt nur wenige Männer, für die sie das Wichtigste der Welt ist, und diese sind nicht die interessantesten; sogar Frauen, denen das Thema Liebe von höchstem Interesse ist, empfinden Verachtung für sie.

Sie fühlen sich durch sie geschmeichelt und gereizt, haben aber das unangenehme Gefühl, dass sie arme Geschöpfe sind. Doch selbst während der kurzen Zeitspannen, in denen sie verliebt sind, beschäftigen sich Männer mit anderen Dingen, die ihre Gedanken ablenken: Geschäfte, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, nehmen ihre Aufmerksamkeit in Anspruch; sie beschäftigen sich mit Sport; sie können sich für Kunst interessieren. Größtenteils behalten sie ihre verschiedenen Tätigkeiten auf verschiedenen Gebieten bei und gehen einer nach, während sie die andere einstweilen ausschließen. Sie haben die Fähigkeit, sich auf das, was sie im Augenblick beschäftigt, zu konzentrieren, und es stört sie, wenn man mit etwas anderem dazwischentritt.

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen als Liebenden besteht darin, dass Frauen den ganzen Tag lang lieben können, Männer aber nur zeitweise.

28.10.2006, 17:48
Das L-Wort

Ich kenne ein Mädchen – heute eine junge Frau in meinem Alter – das damals schon sehr bitter und sarkastisch über die Liebe sprach und dabei ein so zartes und mädchenhaftes Gesicht hatte, dass man dachte, man habe eine Porzellanpuppe in Kindchenschema vor sich. Sie war zu großen Gefühlen fähig, das erkannte ich aus ihrem ganzen Wesen. Aber irgendwann hat sie das blechige Summen der “Realität” nicht mehr aus den Ohren bekommen. Ich bin ihr nie wirklich näher gekommen, doch die paar Worte, die wir miteinander wechselten, waren immer kurz und stechend nah. Wir mochten uns.

Ich erinnere mich an einen Wortwechsel:

Ich: “Ja, aber wenn man doch geliebt wird…”
Sie: “Ge-was?”
Ich: “Na geliebt.”
Sie: “Ach, Sherry. Du glaubst noch immer an den Unsinn, oder?”
Ich: “Was heißt noch immer?”
Sie: “Nach alle dem? Du weißt schon.”
Ich: “Na und? Jetzt erst Recht. Er war eben zu schwach.”
Sie: “Ach, Sherry.”
Ich: “Hör’ doch auf, mich zu bedauern. Du wirst es noch erleben.”
Sie: “We’ll see.”

Heute sehe ich sie hier und da mit einem Jungen zusammen. Sie ist vorsichtig verliebt und kostet das Beisammensein aus, kennt ihr Ende, aber trägt es mit schwarzem Humor. Immer mit diesem bitteren Lächeln im Hintergrund ihrer Mimik, das mir verrät, dass sie keine einzige Sekunde in ihrem Leben jemals wieder an die Liebe geglaubt hat, nachdem sie ihn einmal verloren hatte.

Und dennoch hat sie’s überlebt. So wichtig scheint dieses L-Wort also gar nicht zu sein.

Ich hatte eine unruhige Nacht. Ich bin ständig aufgeschrocken und musste 2 Mal sogar orientierungslos das Licht anknipsen, damit ich weiß, wo ich mich gerade befinde – im Traum oder in der “realen Welt”. Dann bin ich immer erschöpft wieder ins Bett gesackt.

Die ganze Nacht war ein einziger Kampf. Ich erinnere mich sogar, wie ich einmal auf einem Schlachtfeld war und orientierungslos nach jemandem schrie. Einmal anscheinend als Frau eines Yankee’s, die mit ihrem kaputten Korsettkleid durch die zerfetzten Leichen schritt und nach irgendjemanden suchte und weinte – und einmal als streng geschnürte Kämpferin (wie in diesen Fantasy-Bildern) mit einem großen Schwert mit rotem Rubin, die nach der Befriedigung ihrer Rache suchte. Ich erinnere mich, wie ich mit jemandem gekämpft habe, der dann verlor und am Boden lag. Ich stand breitbeinig über ihm, schwang das Schwert artistisch, so dass ich den Knauf mit 2 Fäusten hielt und die Schneide nach unten reinrammen konnte – aber bevor ich dem Feind das Schwert in die Brust des Feindes rammen konnte, wachte ich wieder auf.

Kurz vor Erwachen scheine ich wohl einen Traum gehabt zu haben, der mich vorerst vom Kampf in der Nacht erlöst hat.

(Hier das erste Lied zum Traum: Shai – If I Ever fall in Love again)

Ich war in meiner Wohnung, die plötzlich anders aussah und viel größer war, als meine Jetzige. Es kamen immer Leute rein und raus, ich war in der Küche und kochte ihnen schweigend etwas, während sie sich bedankten und miteinander plauderten. Aber alles in einer unterdurchschnittlichen Lautstärke, ohne auffällig oder schönfarbig hell zu sein.

Es waren keine Fremde. Alte Schulkameraden, Freunde, Familienmitglieder – sie kamen und gingen, als sei ich ein warmherziges Restaurant, eine Art Ruhestätte, zu der man immerwieder kehrt, wenn man eine seelische Rast einlegen wollte. Wenn sie gestärkt waren, kamen die Männer zu mir, ließen sich ihre Krawatten oder Kragen von mir richten und die Frauen ihr Haar bürsten, bis ich sie umarmte, ihre Stirn küsste und sie raus ließ.

Einmal, als ich in der Küche stand, die einen großen Spiegel hatte, damit ich meine geliebten Gäste wenigstens alle vom Spiegel aus lächelnd betrachten konnte, wenn ich mich schon nicht zu ihnen gesellen konnte, kam ein wunderschöner, mulattenähnlicher Junge von ca. 13 Jahren zu mir und stellte sich hinter mich und beobachtete mich vom Spiegel aus.

Ich sah hinein und meinte:

“Was kann ich für Dich tun, Junge? Was soll ich Dir kochen?”
“Nichts.”
“Was dann? Sag’ mir, was Dein Herz begehert.”

Er sah mich durch den Spiegel lächelnd, aber intensiv an, legte den Kopf schief, um mich besser zu mustern und sagte dann:

“Ich will, dass Du singst, Sherry.”
“Singen? Ich? Ich kann nicht singen.”
“Das ist egal. Sing’ Sherry, sing’…”

Ich legte das Messer weg, mit dem ich Gemüse geschnitten hatte, schaute traurig in den Spiegel in mein trauriges Gesicht und dann zu ihm – dann wieder zu mir. Ich sah meinen Mund an und fragte mich, ob ich ihn wirklich zum Singen öffnen sollte und ob die Gäste mich nicht auslachen würden. Doch dann dachte ich mir, sie würden mich eh nicht hören. Wann hatten sie mich je gehört, wenn ich sie rief, nachdem sie aus ihrem Rastplatz fortgegangen waren?

Ich fing an zu singen, erst sehr unsicher.

“The very first time that I saw your brown eyes
your lips said ‘hello’ and I said ‘hi’
I knew right then you were the one”

Dann wurde ich etwas sicherer…

“But I was caught up
in physical attraction
If but to my satisfaction
baby you were more than just a face”

Beim Refrain wurde ich richtig laut, meine Stimme wurde so klar und kräftig, in mir schien sich etwas zu befreien, die dunklen Schleier in mir schienen rasend nach oben zu flüchten, ihre Farben veränderten sich zu pastellenen, zarten Tönezu verändern und sanken ruhend und friedlich mir zu Füßen.

“And if I ever (ever fall) in love (again)
I will be sure that the lady is a friend
Fall and if I ever (ever fall) in love so true
I will be sure that the lady’s just like you”

Der Junge stand die ganze Zeit hinter mir – ich weiß, dass er mich von hinten umarmte und lächelnd in den Spiegel sah, während ich sang. Er lächelte, diese schönen Augen lächelten und tränten währenddessen. Er drückte meine Hand, ich soll nicht aufhören und einfach weitersingen. Immer, wenn ich weitersang, wurde etwas in der Umgebung oder auch in mir befreit. Die leere Vase spross Blumen heraus, die Gerichte für meine geliebten Gäste wurden bunter und gesünder, grüner, roter, gelber. Also sang ich weiter… Ich schloss die Augen und sang, als wäre ich mir meiner Magie bewusst und könnte mit ihr die Welt verschönern.

Der kleine Mulatte hielt mich weiter fest. Als ich die Augen kurz öffnete, sah ich, wie er zu einem jungen Mann herangewachsen war und weiter aus seinen warmen Augen lächelte und mich zum Singen ermunterte.

“Sing’ weiter… Tu’ es einfach.”, nickte er mir bestimmt zu. Ich sah ihn nur den Mund bewegen…

Als das Lied fertig war, drehte ich mich zu ihm und sah einen großgewachsenen, unglaublich liebevoll lächelnden jungen Mann vor mir. Ich ging wie immer auf ihn zu, wollte seinen Kragen richten, seine Stirn küssen & ihm für seine Reise einen Segen schenken.

Doch er lächelte nur geheimnisvoll und schüttelte den Kopf. Ich sah zu meinen Gästen, die noch aßen und aber heiterer und herzensleichter waren als jemals zuvor. Ich fühlte mich innerlich gelöst, aber der letzte Schritt zu meiner eigenen Entfesselung fehlte. Ich wollte dem jungen Mann etwas sagen, doch er war nicht mehr in meiner Küche.

(Nat King Cole – Autumn Leaves)

Im Hintergrund lief die Version von Nat King “Autumn Leaves”, ein wunderschöner, melancholischer Song. Meine Augen suchten den jungen Mann, der mir die Freiheit schenken wollte und meiner Seele endlich ihre Flügel zurückgeben wollte. Er stand vor dem Ausgang und hatte schon meine Koffer gepackt. Er lächelte und wartete dort auf mich.

Ich ließ das Gemüse fallen und schritt zur Tür…
Dann wachte ich auf.

(Anmerkung: Es lief nicht darauf hinaus, dass ich mit dem jungen Mulatten ein wildes Leben führen sollte. Er hat mir nur die Koffer gepackt und gesagt, ich solle endgültig rausgehen, mich befreien. Er wäre wieder verschwunden und immerwieder aufgetaucht, wenn der Weg sich verdunkelt hätte. Er war wie ein Schutzengel oder ein Wegweiser – vielleicht aber auch der Tod.)

26.10.2006, 23:26
Verwesung

(Vom 07/11/2004)

Es ist wieder gelb. Ein belästigendes Summen im Raum. Ich mache die Metalltür auf, um es rauszulassen – doch das Summen klebt an meiner Haut wie lästiger Schweiß.

Ich schaue raus. Kahle Wände bemalt mit toten Bäumen in schwarz starren dort auf uns Unbeseelte zurück. Hämisch grinsen sie aus schmalgeschlitzten Augen. Der graue Wüstensand von letzter Nacht nagt an meiner Haut. Ich sollte mich waschen gehen. Das Wasser hatte ich in einer Schatztruhe versteckt, in einer kleinen Nische unter meinem Bett. Da geht niemand mehr hin, dort stank es nach der Verwesung meiner Träume. Ich kam noch nicht dazu, sie zu bestatten. Das Loslassen ist nicht meine Stärke.

Das Fenster befiehlt mich zu sich her. Ich soll den gebrochenen Flügel der weißen Taube abtrennen, damit sie nicht mehr versuchte, zu fliehen. Ich tat es und lege sie zu den Traumleichen unter meinem Bett. Das Wasser in der Schatztuhe gab ich auf, es war bestimmt schon erloschen. Die Treppen stürzten meine Seele hinunter und krallten sich in meine Füße ein – so lief ich sie runter, um ihnen zu entkommen. Der Keller ist nicht wesentlich dunkler als sonst die grauen Wände, auf denen tote Bäume grinsend auf mich hinabstarren. Ich bleibe einfach hier. Vielleicht verende ich, ohne gesehen zu werden. Wie ich diese Bäume an der grauen Wand hasste. Sie sollten sich nicht an mir erfreuen. Guter Plan. Ich nächtigte und verging dort so sinnlos wie die Träume unter meinem Bett.

24.10.2006, 08:19
Der Schrei vor der Revolution

Von diesem Traum bin ich gerade aufgewacht: Ich lebe in einem warmen Haus. Alle sprechen persisch. Tante Shahin lacht und ruft von draußen: “Maman, kabab ro biyar sikhesh konim. Man nemitunam boland sham al’an” (“Mama, hol’ das Kabab-Hackfleisch, damit ich’s schonmal aufspießen kann. Ich kann gerade nicht aufstehen”)

Ich renne nach draußen zu der Heiterkeit, die ich erahne, als ich merke, dass es mich Anstrengung kostet, mein Gleichgewicht zu halten. Ich sehe auf mich hinunter und sehe, dass ich kleine, weiße, dicke Schenkel & Unterschenkel habe. Kleine Babyfüßchen, die erst vor Wochen das Gehen erlernt haben. Ich sehe Oma an mir vorbeigehen. Im Hintergrund läuft Googoosh. Oma ist in Eile, wie immer, bleibt an mir aber stehen, schaut zu mir hinunter und sagt “Joonam! Azizam… Chikar mikoni to? Gorosnateh?” (“Mein Leben, mein Schatz, was machst Du? Hast Du Hunger?”), beugt sich zu mir runter und küsst mich so saftig und liebevoll auf die Wangen, dass ich sie mit großen Augen ansehe und mich geniere. Sie geht mit dem Kabab raus. Ich tappel ihr nach, so gut ich kann.

Die große Fenstertür nach draußen steht weit offen. Die Brise fühlt sich nach Meeresluft an. Ich fühle mich so natürlich. So natürlich, als sei ich endlich zu Hause. Ich bleibe an der Fenstertür stehen und schaue raus. Tante Shahin hat meinen Lieblingscousin im Arm & bringt nebenbei lachend das Hackfleisch an die Spieße ran. Ich sehe Kamy’s Gesicht, er hat mich erblickt. Ich sehe Aghajoon, ich sehe Papa Fußballspielen, ich sehe sie alle – im alten Ende 70ger Look. Laut lachend, sorglos. Ich sehe meine junge Mama, sie ist nicht älter als 16. Sie versucht sich bei meinen lieben Tanten und meiner Oma nützlich zu machen, bis sie sieht, wie ich vorsichtig näher tapple mit meinen kleinen Füßchen. Mama’s helles Gesicht schaut mich glücklich an, aber sie lässt mich die Umgebung beobachten und gibt nur unauffällig Acht auf mich.

Mich ergreift eine schreckliche Erkenntnis in jenem Moment. Das glückliche Treiben, die Sorglosigkeit, die wilden Frisuren, die Ausgelassenheit, das Familienleben. Kamy erkannte, was ich erkannte. Wir waren zwar beide Babies, aber er suchte mit ernstem Gesicht meinen Blick, während die Erwachsenen lachten. Ich sah eine dunkle Wolke aufziehen wie ein Schwarm schwarzer Raben, die nur Kamy und ich sahen. Ich hatte Angst. Mein Babygesicht verzerrte sich. Wie bei Babies, die empört ihre Mundwinkel runterlassen und ihre Augen sich mit Tränen füllen, wenn sie sich irgendwo fremd fühlen, wenn sie von den Armen ihrer Mama entrissen und an Fremde übergeben werden, damit sie mit einem spielen können.

Ich schreie. Ich schreie so laut, ich kann und sehe Kamy an, er solle mitschreien. Er soll klarmachen, dass die Zeiten bald vorbei sind. Wir fort müssen. Die heiteren Großen schauen auf, nehmen uns in den Arm und fragen uns verwundert, was los sei. Das Essen sei doch bald fertig. Mein Vater kommt zu mir und zu Kamy. Er zeigt uns zur Beruhigung seine glitzernden Murmeln und erzählt uns lächelnd, dass er Murmelmeister sei. Doch wir können nicht anders. Wir schreien. Denn wir wussten, diese Zeiten sind bald vorbei.

Es war der Schrei kurz vor der Revolution.

Ja, es war wieder ein Maugham, den ich gestern zu Ende gelesen habe. Ich muss sagen, dass ich bis jetzt schon 2 Mal von 2 Mal nach einem Roman von ihm zufriedener als vorher in den Alltag zurückgekehrt bin – und ich kann noch nicht beschreiben, warum.

In “Silbermond & Kupfermünze” beschreibt Maugham frei nach der Geschichte des Malers Paul Gauguin das Leben eines erfolgreichen Marklers, der von heute auf morgen seine Frau, seine 2 Kinder und sein gesichertes Leben verlässt, ohne etwas zurückzulassen, um in Paris seinem heftigen Drang, zu malen, nachzukommen. Er lebt Jahre lang total verarmt und in einem extrem schäbigen Hotel und geht seinem fast animalischen Trieb nach, als suche er die Befreiung von einem Geist, der ihn ständig in Besitz genommen hat. Seine Bilder werden verspottet, doch das interessiert ihn nicht, denn es geht ihm in rein gar nichts im Leben um die Anerkennung von Außen. Auch nicht bei dem, was ihm am Wichtigsten ist: Seiner Malerei.

Das wirklich faszinierende, aber auch abschreckende an dieser Geschichte ist die Persönlichkeit des Malers (in diesem Roman): Strickland ist hart, kalt, unhöflich, skrupellos, grausam und ungerecht. Er zerstört nebenbei Leben und zuckt dabei die Achseln. Ihm ist komplett alles egal, solange er nur Farbe & Pinsel hat, um seiner Malerei nachzukommen. Dabei geht es ihm nicht darum, seine Bilder zu verkaufen oder durch sie eine Art Anerkennung zu erhalten, sondern um eine Leidenschaft, die fernab jeglicher Menschlichkeit zu liegen scheint.

Maugham schafft es hier in einer fesselnden Form, den Leser ständig nach dem Kern von Stricklands Persönlichkeit suchen zu lassen, seine Leidenschaft ergründen und verstehen zu wollen, weil man es trotz seiner radikalen Eigenschaften trotzdem nicht schafft, ihn zu hassen. Er beschreibt die Qualen eines Künstlers, der darum ringt, etwas, das er selber nicht fassen kann, in Formen, Farben und Schwingungen zu äußern und dabei aber von den Grenzen der Realität gepeinigt wird. Maugham veranschaulicht hier schlicht und einfach die Qualen eines Genies.

Stricklands Genie wurde zu seinen Lebzeiten nicht erkannt. Er starb verarmt, aber irgendwie glücklicher als je zuvor, in Tahiti an Lepra. Zum Ende seiner Lebzeit war er komplett blind und beendete sein letztes, jahrelanges Malwerk nicht an der Malwand, sondern benutzte das komplette Zimmer dazu. Dies war sein größtes Werk – und jenes, das ihn endlich von diesem Geist, das ihn ritt, peitschte und zum Malen trieb, befreite. Danach starb er glücklich und ließ erfüllt vom Leben ab.

Ein hervorragender, mitreißender und suchterzeugender Roman, der sich sehr gut lesen lässt, weil Herr Maugham daran gedacht hat, keine langatmigen Kapitel zu schreiben. Danke Herr Maugham. Danke für alles.

Mein Kumpel Chinaski hat in einer Diskussion Folgendes geschrieben, worüber ich heute wieder einwenig mehr nachgedacht habe und zum Teil immernoch nicht seine Meinung teilen kann – wie bei so einigen Dingen in Diskussionen. Er sagte:

Du bist nichts anderes als ein Wesen das irgendwo in der Ecke sitzt und auf dem Tod wartet und zwar selbst dann während du eine wilde Nacht feierst [...]

Du kannst machen was du willst, du näherst dich jedentag dem Tode an. Ob du in der Zeit ein Penner bist oder ein König, am ende wird deine hässliche und leblose Körper unter der selben Erde begraben und die selben Würmer werden sich an der Leiche erfreuen. Das ist nichts schlimmes, du wirst dieses Erkenntnis später lieben weil sie dich in Situationen in denen du dich aufregst, in denen du Angst bekommst, in denen du Unruhig bist, in denen du etwas mehr Bedeutung zurechnest als nötig… in solchen Situationen wirst du dann ruhig bleiben, dich daran erinnern dass das alles doch nur ein Witz ist, eine vergängliche und sinnlose Scheisse, dass NICHTS auf dieser Erde soviel Wert ist dass man dafür die paar sinnlosen Tage die man zu leben hat, vergifteten sollte.

Ich stimme in den meisten Punkten mit Herrn Chinaski überein. Darin, dass egal wie wir leben, wieviel Geld wir haben, wieviel Partner, Erfolg, Schmuck, Kleider, Häuser wir haben oder nicht haben – wir letztendlich alle sterben werden und nichts von alle dem ins Grab mitnehmen können.

Dennoch finde ich es falsch, dem Inhalt eines Lebens aufgrund des gleichen Endes die selbe Bewertung zu geben. Es macht durchaus einen Unterschied, wie man die vielen aneinandergereihten Gegenwartsmomente erlebt hat, womit man sein Leben gefüllt hat oder nicht. Jedes Buch endet mit dem Zuklappen dieses Buches – aber dieses gleiche Ende macht nicht jedes Buch gleich gut oder gleich schlecht. Menschen mit vielen Beziehungen haben genausoviele Trennungen erlebt, dennoch würden sie niemals auf die Idee kommen, alle Beziehungen aufgrund der letztendlichen Trennung gleich zu bewerten.

Nicht nur, dass ich diese Bewertung nicht für richtig halte, ich halte sie sogar für ignorant gegenüber all jenen Menschen, die in ihrem Leben so extrem gelitten haben oder für ehrliche Ideale ihr Leben gelassen haben. Vielleicht ist ihr Sinn genauso sinnlos wie das eines Schuftes (wenn nicht sogar weniger sinnvoll, denn der Schuft erspart den Opfern wenigstens sein Dasein und somit seine Grausamkeiten), aber sein ganzes Leben mit dem Leben eines Schuftes gleichzustellen, wäre nicht gerecht, nein nicht nur das, es wäre faktisch falsch. Oder noch schlimmer: Dem Leben einer Frau, die jahrelang als gefoltert wurde, die selbe Bedeutung oder Nicht-Bedeutung beizumessen wie dem einer fetten, reichen Frau, die nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld, ist respektlos gegenüber der Gefolterten. Es hieße nämlich, dass es ihr genauso gut oder un-gut ginge, wie der fetten Reichen – und das ist nun einmal nicht wahr.

Ergo: “Der Weg ist das Ziel.”

Was normalerweise der Lieblingssatz von “Verlierern” ist, die sich einreden, dass es unwichtig sei, was das Ergebnis ihrer Bemühungen ist, sondern nur relevant sei, dass sie sich überhaupt bemüht haben, findet in diesen Gedanken ihren eigentlichen Sinn.

Nicht, dass ich nicht schon, seit ich denken kann, über sowas nachdenken würde, aber man hat viel mehr davon, wenn man mit Menschen diskutiert. Worin ich Chinaski noch besonders Recht geben kann, ist die Gelassenheit, die einen heimsuchen kann, wenn man sich der Sinnlosigkeit des Lebens bewusst wird. Mal schauen, ob eine viel zu emotionale Person wie ich, die unter Reizüberflutungen leidet, überhaupt zu solcher Gelassenheit nicht nur fähig, sondern auch willig ist. Ich habe immer das Gefühl, dass gelassene Leute etwas verpassen. Ich kann natürlich auch falsch liegen.

21.10.2006, 16:29
Mal kalt, mal warm

Manchmal tut mir die emotionale Kälte ganz gut, auch wenn ich nach der “Erwärmung” völlig erschöpft ein paar Stunden in der Ecke liege, weil sie im völligen Kontrast zu meiner eigentlich warmen Persönlichkeit steht. Dennoch muss es manchmal sein. Man muss nicht alles mit sich machen lassen und kann – nein sollte – sich zurückziehen, meinetwegen auch schützen, bis man irgendwann keines Schutzes mehr bedarf. Ich gebe zu, Menschen die diesen kalten Vorhang brauchen, der nun einmal mit viel Verachtung und Arroganz einhergeht, sind schwache Wesen, denn sie können nicht so bleiben, wie sie sind, ohne dabei komplett zerstört zu werden von ihren “netten Mitmenschen”. Schwamm drüber, darum geht’s gerade nicht. Ich habe ein anderes Problem – nämlich:

In diesen kalten Momenten, Minuten, Stunden sieht man plötzlich Dinge, die man vorher nicht gesehen hat. Man wird zum verbitterten Zyniker und ist sich dessen sicher, just in jenem Moment die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind – nämlich heuchlerisch, falsch und voller Scheiße. Man beginnt, Ekel zu empfinden – nicht nur für gewisse Menschen, die einem wieder auf die Möpse gegangen sind, sondern für die Spezies “Mensch” generell. Alles mit einem unangenehmen Nachgeschmack eines stechenden, eisigen Windes in giftgelber Farbe. Auch das ist nicht das Hauptproblem. Viel mehr interessiert mich jetzt:

Welche Sicht der Dinge ist richtig? Jene, in der ich mit Wärme & Zuneigung auf die Menschen sehe oder jene, in der ich unterkühlt und bitterböse zynisch bin? Welche “Erkenntnis” ist hier die “Wahre”?