Es gibt Phasen im Leben – ja selbst in einem unbedeutenden und jungen Leben – in denen man rastlos nach irgendetwas rennt und nicht weiß, was es eigentlich ist. Dieser Drang kommt aus einer fiesen, inneren Leere heraus, die nicht groß genug ist, als dass man vollkommen resignieren könnte; aber die sich bemerkbar genug macht, als dass sie einen quält wie ein beißender, kalter Durchzug in einer klirrend kalten Sturmnacht.
Heute war so ein Tag – und dieses Gefühl endet noch immer nicht. Ich sitze hier und denke an das Einzige, das mir dieses Gefühl kurzzeitig mit Glück ersetzen könnte. Immer und immerwieder werde ich an diesem Bild festhalten. Ein Lagerfeuer, ein paar Menschen, Kinderlachen, Trommeln, Tanz und Meeresrauschen im Hintergrund. Wein, eine Gitarre, ein paar Stimmen, die herzhaft singen und dem blutleeren, gesellschaftskonformen Leben mit Leidenschaft trotzen. Ein lauthalser Chor, der irgendein Lied singt mit einem unsinnigem Text – völlig irrelevant was: Denn eigentlich sagt dieser Chor nur: "Wir gehören zusammen. Wir sind eins. Wir sitzen alle in ein und dem selben Boot. Egal, ob das Leben nun einen Sinn hat oder keinen – wir sind da. Scheiß drauf!"
Es gab viele Momente in meinem Leben, in denen ähnliche Situationen tatsächlich zustande kamen, deshalb vermisse ich sie so. Erwachsene würden es "Eine wilde Party mit viel Alkohol" nennen oder "Unerzogene, sinnentleerte Jugendliche, die mit ihrem Leben nichts Besseres anzufangen wissen, als zusammen abzuhängen und zu jammern".
Warum fragen sich diese immer mit Verachtung auf die "Unteren Gefilden" blickenden Menschen nie, was diese besoffenen Menschen, die aufeinanderhängen & verträumt ins Feuer schauen, wirklich empfinden? Warum fragen sie sich nicht, was den eine unsentimentale Liebeserklärung an die Insassen eines vom Sturm getriebenen Bootes eigentlich bedeutet? Sie soll nichts wert sein, weil das Lippenbekenntnis von einem Besoffenen kommt? Von einem Vernunftslosen?
Ich habe Menschen erlebt, die kriminell waren, aber soviel Seele hatten, dass es Dich umgehauen hat. Ich kannte einmal eine wunderschöne Prostituierte, sie hatte eine Unschuld und Güte in sich, die ich noch bei keiner einzigen selbstverliebten und selbsternannt "ehrbaren Frau" gesehen habe. Ich kannte gesellschaftlich verstoßene Schmarotzer, die am Tag mindestens einen Menschen zum Lächeln, Lachen und Weinen brachten – ohne einen Lohn zu erwarten.
Das sieht nur niemand, der sich nicht in dieses Boot traut. Ja, dieses Boot ist unberechenbar, die Menschen vielfältig, die Route driftet auch einmal ab und macht Umwege – aber dieses Boot ist das Leben und keine eingegrenzte Grauzone, in der man sich ständig vorsichtig bewegt, damit man ja nicht heraustritt in der Angst, dass man nicht mehr als "Mensch" angesehen wird.
Gott segne all jene Prostituierte dieser Welt, die noch mehr Reinheit und Moral in sich tragen, als diese verkorksten Selbst-Heuchler dieser verkopften & karrieregeilen Gesellschaft in der "Grauzone", die sie irgendwann, bevor der Tod sie einholt, geschockt und verzweifelt endlich als das entlarven, was es ist: Ein unsichtbares Gefängnis, in das Du Dich Dein Leben lang reingehockt hast, weil man Dich von den Gittern heraus mit Geldscheinen & Anerkennung gefüttert hat, obwohl Du eigentlich Wasser & Brot brauchtest.
"Erst ist das Leben Scheiße – und dann stirbst Du."
(Von einer Verrückten)


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Ist es nicht etwas zu romantisch, die Prostituierten alle zu besseren Übermenschen zu machen, und alle anderen so negativ zu bewerten? Am Ende bekommt man von ersteren auch nur mässig Leistung gegen viel Geld. Wo kann man eigentlich Liebe kaufen? Tauschen funktioniert irgendwie nicht. ;)
Doch, es wäre zu romantisch, wenn ich es denn getan hätte. Habe ich aber nicht. Liebe kann man nicht kaufen, junger Mann. Sonst würd’s keine Kriege geben.
Ich bin nicht wild drauf, Liebe zu kaufen. Ich nehm die auch gerne für lau… ;)
Du weißt schon, wie ich das meinte: Liebe kann man weder erkaufen, noch erzwingen. Das ist das Problem dieser Welt. Siehe der Trojanische Krieg oder die fixe Idee des dummen Mannes, mit immer größer werdenden Waffen, ihren Pimmel künstlich zu vergrößern. (Ja, Männer denken letztendlich nämlich immer, es liege am Pimmel).
schön beschrieben shaghayegham.
konnte mir die wunderschöne szene ganz genau vorstellen. wan treffen wir uns da?
Wenn diese eine Sache gut wird, meine Lady. Du weißt schon.
Ich weiß, wie Du das meintest, Sherry. Das ist ja das Problem. Was die Waffen betrifft möchte ich Dir aber widersprechen – vielmehr scheint es doch so zu sein, daß diejenigen die *nicht* so sehr in Waffen investieren von der Evolution benachteiligt sind. Im Endeffekt überlebt doch nicht derjenige, der zu Friedenszeiten am effektivsten wirtschaftet, sondern derjenige, der im Krieg seine Gegen- (und Mit-) -spieler am rigorosesten ausrottet und unterdrückt. Das gilt natürlich nicht ausschließlich für Waffengewalt.
Und auf die “Männer denken…”/”Frauen wollen…”-Diskussion laß’ ich mich jetzt lieber nicht ein – ich habe dazu nämlich meine ganz eigene Meinung. ;)
@Grauwolf,
das wird sich nicht durchsetzen mit der Zeit. Krieg ist wie Krebs, es zerstört Organe (=Systeme). Er ist zwar erfolgreicher als die eigene Abwehr, aber letztendlich bringt es ein Gesamtsystem zum Kollabieren. So ist es auch mit Krieg.
Man kann’s natürlich auch wieder unter einem anderen Blickwinkel sehen und so argumentieren, dass Krieg zur Selbstregulation der Population gehört. So, wie man bei einer zu hohen Populationsrate bei Mäusen beobachten kann, dass sie aggressiv werden und zu Kannibalismus neigen.
Fest steht aber immernoch, dass Waffen aussehen wie Riesenpenisse.
Ja, Krieg bringt ein Gesamtsystem zum Kollabieren – aber genau deswegen wird sich Frieden nie langfristig durchsetzen. Krieg verhindert Frieden, aber Frieden verhindert nicht Krieg.
Woher kennst Du Dich eigentlich so gut mit Riesenpenissen aus? (:
@Grauwolf,
ich finde die Argumentation einwenig “komisch”, weil es fast so aussieht, als hätten Krieg & Frieden eine bewusste Absicht, die da lautet, einander auszumerzen. So ist das aber nicht. Natürlich kann Frieden Krieg verhindern, wenn dieser Frieden mit wirtschaftlichen Sicherheiten einhergeht – zumindest lokal.
Krieg & Frieden bestehen tagtäglich zur selben Zeit auf der selben Welt – und das gleichzeitig. Möglich, dass Krieg aggressiver ist, aber wäre er eindeutig stärker als Frieden, wäre der Frieden ja auch durchgehend ausgemerzt, aber die beiden spielen sich wohl immerwieder den Ball zu – die Relationen zueinander bestehen nach wie vor – es war sozusagen nie anders.
Zu Deiner Frage: Ich bin mit einem Iraner zusammen.

Nunja – Frieden kann Krieg nur dann verhindern, wenn niemand meint, durch Krieg etwas gewinnen zu können. Solche wird’s aber immer geben, und krieg kann durchaus einseitig begonnen werden. Umgekehrt kann im Krieg nicht eben einer sagen: “So, jetzt mach’ ich mal Frieden”. Wenn ich mir die Weltgeschichte so anschaue, dann glaube ich manchmal, “Frieden” sei nur dazu da, die unterschiedlichen menschlichen Populationen für den Krieg Kräfte sammeln zu lassen – und Motivation. ;)
Zu meiner Frage: das kann ja nicht gut gehen. ;)
Hum, Grauwölfchen…
Ich bin ehrlich, dass ich einwenig Probleme habe mit der Teleonomie, die Du in jedem “Zustand” siehst. Bedenke, dass es wir Menschen sind, die allem immer einen Sinn, einen Zweck oder eine Funktion verleihen. Wenn Du sagst “Manchmal denke ich, es gibt den Frieden nur, weil…” – dann muss ich sagen: “STOP! Typisch Mensch.” :P
Aber eine andere Sache: Du hast schon vollkommen Recht. Solange Krieg noch Profit bringt, wird dieses Instrument eben positiv verstärkt. Aber darin liegt ja auch die Hoffnung: Frieden kann gut gehalten werden, wenn Menschen auch “satt” sind. Solange die Güter ungerecht verteilt sind in der Welt, wird es Krieg geben. Entweder will der Mächtigere noch mächtiger werden oder der Arme will für Gerechtigkeit sorgen und wird aggressiv.
Also: Wenn Gerechtigkeit hergestellt wird, so dass alle oder die meisten satt sind, dann wird Krieg wenig Chancen haben. Wenn man es dann noch schaffen könnte, dass die Menschen die Erfahrung machen, dass Krieg mehr schadet, als nützt (( also vorallem auf wirtschaftlicher Ebene – denn um nichts Anderes geht es leider bei Krieg, nur die kleinen Leute sind es, die denken, sie würden ihr Leben für ihr Vaterland und ihre Religion oder Ideologie opfern )), dann haben wir eine gute Chance.
Denk’ nicht, ich sei optimistisch. *verzweifeltlach*
P.S.: Kannst Du mir einmal bitte sagen, was das mit dem Thema hier zu tun hat?
Es ging um die Reinheit der Hu… äh – Prostituierten. *schulterzuck*
Ach übrigens: von Wasser und Brot kann man nicht leben. Dazu braucht man Luft und… irgendwas war da noch, glaube ich. *koppkratz*
dorud azizam,
schön geschrieben….die gesellschaft kann menschenseelen und menschenherzen kaputt machen, ohne dass unbedingt die einzelnen mitglieder der gesellschaft das wollen, sie werden zu mitläufern, obwohl sie es nicht wollen.
danke für die schönheit, die du hinterlässt.
Khoda negahdaret-e
@Grauwolf,
ja, schon klar, Du Nase. Aber bei einer Iranerin musst Du Dich schon daran gewöhnen, dass sie ab und zu – nein sehr oft, außer in sachlichen Texten – metaphorisch redet. (:
@Kakum
Zum Teil sind ja diese “dreckigen Randerscheinungen” der Gesellschaft weniger nette “Absonderungsmaßnahmen” in einer Zeit vorher, aus der man nicht mehr rauskommt. Geh’ mal eine Nacht raus und schau einen Obdachlosen nicht verächtlich an und unterhalte Dich eine Stunde mit ihm. Du wirst erschrecken, welche Geschichten Du hinter ihrem Schicksal finden wirst.
Hey, ich *liebe* bildreiche Sprache! Aber das hast Du sicherlich schon selbst gemerkt. ;)
@Grauwolf,
woher sollte ich das wissen? Ich dachte, Du hast nur keinen Sinn dafür.
Na gut – nun weißt Du’s. Daß Du mir das aber nicht wieder vergißt! (: