Wo wir nun bei Dada & Mir wären, kann ich ja weitererzählen. Wir waren 19 damals muss man wissen – und wir hatten noch keinen Freund und keine Erfahrungen mit Jungs gemacht. Aus Allem, was mit Jungs, Liebe & Sex zu tun hatte, haben wir eine große Sache gemacht:

“Nein, ich küsse nur jemanden, den ich liebe.”
“Nein, ich komme nur mit jemandem zusammen, den ich liebe.”
“Nein, ich… wenn er mich liebt & vergöttert.”

Wir wollten uns von niemandem anfassen lassen, der nicht mindestens das Beste für uns wollte und uns für immer bei sich haben wollte. Wer weiß, wieviele süße Jungs damals bei uns einen fetten Korb gekriegt haben, die wir zwar “geil” fanden, aber deren Emotionalität und “Aufrichtigkeit” wir als unserer “unwürdig” empfanden.

Unsere Triebe hatten wir dadurch schon sehr früh im Griff. Um das zu können, haben wir uns schon sehr früh selbst aufgeklärt mit viel Lektüre bezüglich Sex, Körper, Orgasmus, Spielzeuge und Onanie. Wir sprachen nie darüber, aber wuselten uns gemeinsam durch die Informationsquellen und taten dabei immer etwas empört und lachten danach laut.

Nun, es war nicht der Trieb, der uns eines Tages bewog, diesen Plan auszuhecken und ihn auch durchzuführen. Es war lediglich eine sehr große Unsicherheit. Wir kamen sogar gleichzeitig auf die Idee. Dada rief an:

“Sherry, wenn ich nach Köln komme, dann will ich endlich küssen.”
“Ja, ich auch. Ich hab’ da auch schon eine Idee.”, sagte ich.
“Ich hab’ aber eine Bessere: Wir – Du & Ich – wir üben küssen!”, platzte es aus ihr heraus.

“Eh.”, stockte ich.
“Eh, das wollte ich auch sagen! Aber trotzdem: Tickst Du noch ganz Recht? Wieso kommst Du auf solche Ideen?”

“Und Du? Du scheinst auch nicht besser zu sein.”, lachte sie neckisch.
“Oke, komm’ am Wochenende & wir ziehen das durch. Ich befürchte nämlich, dass man das Küssen ab einem gewissen Alter nicht mehr lernen kann, wenn man das noch nie gemacht hat. Das wäre echt schrecklich! Ich habe nicht vor, als Vollidiotin dazustehen, wenn endlich die Liebe meines Lebens kommt.”

Gesagt getan. Dada kam zu mir, warf ihren Rucksack in die Ecke, band konzentriert ihre Haare nach hinten und sagte, sie sei bereit. Ich sah sie mit großen Augen an und sagte empört:

“Jetzt schon? Wollen wir nicht erstmal was essen?” – und erkannte, dass sie es wohl ziemlich ernst meinte und es auch eilig hatte, während ich mich schon einwenig rausreden wollte.

“Ja, jetzt. Ich will’s hinter mich bringen, Mann!” sagte sie entschlossen.

Nagut, die Kampfansage hatte ich verstanden, also band auch ich meine Haare zu einem strengen Zopf, damit sie nicht störten, nahm Labello-Erdbeere, wir schmierten uns die Lippen, ich ging auf sie zu und sah sie erstmal ratlos an.

“Wie sollen wir uns hinstellen?”, fragte sie.
“Naja, einfach gegenüber, Gesicht zu Gesicht.”, zuckte ich die Schultern.
“Nee, das geht nicht. Wir müssen den Kopf schieflegen.”

Also legten wir den Kopf schief, unsere Gesichter kamen sich näher, wir lachten ganz kurz und leise, hielten aber sofort inne, weil wir uns konzentrieren wollten. Dada nahm mein Gesicht in die Hand, unsere Lippen berührten sich, unsere Zungen berührten sich und wir küssten einander. Erst vorsichtig, dann mit variierendem Tempo, variierender Tiefe, variierender Technik. Es fühlte sich vertraut, warm und angenehm an – aber dennoch so ungewohnt und einschneidend wie der erste Caipirinha. Man musste es mehr als ein Mal trinken/tun, um zu erkennen, wie lecker es ist.

Wir stoppten kurz.

“Und, Dada?”
“Boah, weich. Ungewohnt. Nass, aber nicht unangenehm.”
“Genau so empfinde ich das auch. Lass’ uns mal im Liegen versuchen.”
“Oke.”

Also nahmen wir die nächste Lektion in Angriff. Im Liegen. Ich legte mich auf sie und küsste sie. Aber das ging nicht gut, wir mussten lachen. Also versuchten wir es im Sitzen, das klappte ganz gut – danach mussten wir immer nach Luft schnappen.

“Was denkst Du? Küssen wir jetzt gut oder schlecht?”, fragte sie.
“Fuck, woher soll ich das wissen? Weder wurde ich je geküsst, noch habe ich je geküsst. Aber ich glaube, wir machen das gut, oder? Ist doch angenehm.”

“Ja.” grinste sie.
“Ich glaube, wir haben’s drauf. Das war’s auch schon, Sherry. Ich glaube, wir sind geübt und wissen jetzt, dass wir uns bei unserer großen Liebe nicht doof anstellen werden.”
“Na hoffentlich!”, antwortete ich frech.

Ich muss hierzu sagen, dass Dada & Ich absolut keine “sexuellen” Gefühle bei dieser Prozedur hatten. Es ging einzig und allein um die Technik. Wir wollten das Küssen lernen, weil wir uns als totale Spätzünderinnen sahen, deren Zug bald abläuft, wenn’s um das Erlernen der körperlichen Freuden ging. Aber dieser Abend gab uns viel Sicherheit. Wieviel Sicherheit, erzähle ich Euch dann in der nächsten Geschichte. Danach gingen wir nämlich aus.

Wir setzten uns auf die Couch und aßen erstmal unser Eis und waren sehr zufrieden mit uns.