Hören: Erikah Badu – You got me
Ich leide grundsätzlich immer an einer viel zu chaotisch nuancierten Gefühlswelt – das nicht nur oberflächlich, sondern wirklich tief in mein Mark eingreifend. Vorallem, wenn ich rausgehe und vielen Menschen begegne. Leider (?) schaffe ich es nicht, Menschen wie Straßen oder Gebäude zu passieren, als seien sie eben ein architektonischer Teil der Stadt. Ich wage immer den Blick tief in ihre Gesichter, in ihre Augen, in ihre Mimik & Gestik – und manchmal bin ich erschüttert über das, was ich sehe.
Draußen ist meistens aus irgendeinem Grund ein besonderes Erlebnis, weil ich wirklich immer mit anderen ins Gespräch komme oder über die momentane Gesellschaft neue Erkenntnisse erlange. Nennen wir meinen Hang zu den Menschen eine Art “Seelendurst”, den ich habe. Ich berühre Menschen gerne, lächel’ gerne, zeige ihnen, dass sie nicht alleine sind – dass wir in einem Boot sitzen. Ich weiß nicht, woher ich diesen enormen Wunsch nach Einheit habe, aber er wechselt sich immer von einem Extrem ins Andere. Nach solch’ einer Phase verbarrikadiere ich mich nämlich zuweilen auch in mich selbst und mein Blick geht nur noch nach innen.
Ich hatte es noch nicht erwähnt, doch ich scheine eine Art partielle Synästhesie zu haben.
“Überwiegend versteht man darunter die Kopplung zweier physikalisch getrennter Domänen der Wahrnehmung, etwa Farbe und Temperatur (“warmes Grün”), im engeren Sinne die Wahrnehmung von Sinnesreizen eines Sinnesorgans als die eines anderen. Menschen, bei denen derart verknüpfte Wahrnehmungen regelmäßig auftreten, werden als Synästhetiker bezeichnet.
Synästhetiker haben also häufig zu einem Sinnesreiz zwei oder mehrere Wahrnehmungen. Sie können beispielsweise Geräusche nicht nur hören, sondern auch Formen und Farben dazu sehen. Das Geräusch bekommt zusätzlich zu den üblichen Eigenschaften diese weiteren Eigenschaften. Das Bild, das dabei entsteht, überlagert sich jedoch nur bei den wenigsten Synästhetikern mit dem Wahrgenommenen, sondern wird vor einem “inneren Auge” sichtbar.”
Meine Synästhesie bezieht sich nur auf Menschen und ein paar Tierarten. Ich sehe, wie ihre Farben sich verändern und je nach Gefühlsregung bewegen, ich nehme sofort eine Stimmung auf oder werde bei einer starken Ausstrahlung (des Farbflusses) selber von diesen Gefühlen eingenommen. Die Farben haben sogar verschiedene Konsistenzen. Es gibt dickflüssige, träge Farben, über die plötzlich ein sehr funkelnder Fluss aus kristall- und hellblau durchzieht, und ich nehme das ganz natürlich in meinem inneren Auge auf und sehe diesen Menschen. Deshalb kommt es bei mir auch sehr oft vor, dass mich Leute fragen, warum ich Person xy “angenehm” finde, obwohl sein Charakter unerträglich ist. Wenn man erst einmal diese andere Art der Wahrnehmung hat, in der sich die Sinne koppeln, dann spielt der Charakter eine ganz andere Rolle, weil man als leicht spiritueller Mensch meint, erkannt zu haben, dass der Charakter nicht die Seele eines Menschen ist, sondern nur ein von den genetischen Dispositionen und der Sozialisation geformten Gerüst. Der Kern einer Persönlichkeit liegt woanders – für mich in den Seelenfarben… (Ich habe durch Konzentrationsübungen gelernt, diese Art der Wahrnehmung je nach Bedarf abzuschalten)
Und warum erzähle ich das jetzt? Weil in der letzten Zeit die Menschen zunehmends grau werden. Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Die gerunzelten Stirne, der abweisende Blick, die emotionale Resignation gegen Alles, was einen berühren oder betroffen machen könnte. Selbst das Radio ist grau und unbeteiligt, trotz aufgesetzer, schriller Party & Konsum-Maske. Die Frau redet in einem überschwenglichen Ton von dem Mord eines Ehemannes an seine Frau letztes Jahr – und als sie noch nicht zu Ende gesprochen hat, setzt der Moderator ein Gute-Laune-Lied auf, das Dich seicht durch die Straßen trällert. Alles fast wie inszeniert in einem Theaterstück, das besonders skurril wirken will. Doch diese Skurrilität ist nicht beabsichtigt – sie ist völlig “normal”. Es fällt kaum jemandem auf – und wenn, dann schweigt man darüber. “Tjah, so ist das eben.”
Nur junge Menschen, egal aus welcher Ecke sie kommen, deuten innerlich eine Art Leben an – auch, wenn sie viel gegen sich selbst kämpfen und viel Wut empfinden, sie haben Farben. Starke, kräftige Farben. Und ich hoffe, dass sie es schaffen, sie am Leben zu erhalten.
Ja, wir sind hier satt, wir haben Geld, wir haben ein Dach über’m Kopf – aber wir sind dabei, Wesentliches zu verlieren, weil wir immer denken, dass es “irgendwie weitergehen” muss, egal was passiert. Dass die “Welt nicht aufhört, sich zu drehen” – egal, wieviele Menschen gerade sterben. Dass es einen im Grunde nichts angeht, egal wenn das Mädchen in der Bahn gerade vor meinen Augen vergewaltigt wird. “Der Krieg ist schon oke, die wissen schon, was sie tun.”, “Ach, die Terroristen wieder. Was wollen die eigentlich?”, “Naja, schonwieder ein Mädchen vergewaltigt und getötet. Schade. Wann kommt der nächste Bus nochmal?”
Solche Komprimisse mit den Leichen Anderer, über die man zwar ungern vorübergeht, es aber eben dennoch tut und sich dabei daran gewöhnt, töten einen selbst. Jedesmal, wenn man über etwas hinwegkommt, über das man als Mensch eigentlich nicht hinwegkommen darf, bevor man nicht wenigstens einwenig darum gekämpft hat, tötet einen. Die Wirkung solch’ wachsender Resignation bemerke ich immerwieder, indem ich eben da draußen sehe, dass wir ergrauen und unsere Seelenfarben sich von dem grauen Beton der Straßen kaum noch unterscheiden.
Was kann man dagegen tun?


Suche




Hallo Sherry!
Ich habe mal in dein Gästebuch (im Forum) geschrieben, du seiest eine „Graffitikünstlerin, die Emotionen versprüht“. Da hatte ich genau vor Augen, was du hier offen legst:
Du wirst lachen, aber ich habe vermutet, dass du eine Syn-Ästhetikerin bist. Im Studium habe ich darüber gelesen, und anders konnte ich mir die emotionalen Nuancen in deinen Texten schwer erklären…
Ich wäre geneigt gewesen das als eine Gabe anzusehen; aber mir ist die Reizüberflutung bewusst. Du sagtest „man ersaufe im Denken“. Das muss eine Art Trunkenheit sein…
Dann hast du etwas mit W. Kandinsky gemeinsam: Er ist wohl der König der „Graffiti–Künstler“ gewesen.
Wie du sicherlich weißt, gibt es nicht wenige Synästhetiker. Nur wissen sie lange nichts von ihrer „Einstellung“. Es finden sogar Treffen statt, in denen sie diese optimieren…
Und ja, so unauffällig, wie die Erde „verheizt“ wird, geht auch die Verrohung der Menschen vonstatten. Zurück bleiben öde Seelenlandschaften, denen Menschen mit „Seelendurst“ etwas abgewinnen müssen, mit viel Phantasie …
Shab khosh,
S.
Khosh amadi, Sokrates bey…
Nasilsin, arkadasim? Schön, dass Du da bist.
Natürlich erinnere ich mich an diesen einen, ersten Gästebucheintrag bei INN, der mich total verblüfft hat. Er hat mich nicht nur deshalb verblüfft, weil Du sehr Vieles in mir tatsächlich aufgespürt und erkannt hast, sondern weil man diese Dinge nur erkennen kann und auf diese Weise “erforschen” kann, wenn man jemanden zumindest ein klitzekleinewenig mag.
Du hast also vermutet, dass ich eine Synästhetikerin bin? Ich bin nicht ganz sicher, ob man physiologisch tatsächlich eine Sinneskopplung bei mir finden würde. Aber für mich ist es einfacher, wenn ich sage: “Ich bin Synästhetikerin”, als wenn ich sage: “Ja, ich sehe die Aura der Menschen in ihren Farbflüssen & Nuancen.” – Das wirkt einwenig “krank”, oder?
Auf der anderen Seite bewirken Menschen und einige Tiere solche “Visionen” in mir, dass ich es nur so erklären kann, zumal auch Melodien soetwas in mir bewirken können. Ich sehe Bilder.
Du hast Recht, die Reizüberflutung ist eine große Herausforderung. Ich bin zwangsläufig – ob ich will oder nicht – empfindsamer und meine Sensoren sind um Einiges ausgebildeter, als beim Durchschnittsmenschen. Ich sehe sehr oft Dinge schon vorher, die ich gar nicht wissen will, zudem kommt, dass ich noch an Prä-Kognitionen leide, die je nach Lebensphase sogar mitten im Alltag einschneiden. Kurz gesagt: Ich bin ein typischer Fall für die Geschlossene.
Ich wusste gar nicht, dass es Treffen gibt für Synästhetiker. Das ist ja witzig. Gibt es auch Menschen, die das nicht als Bereicherung empfinden, sondern als Last?
Ich frage mich, ob die Menschen heutzutage wirklich roher sind als damals, ob sie wirklich schlechter sind, brutaler & kalter sind. Ich frage mich, ob die Welt überhaupt wirklich schlechter wird, denn im Grunde bleibt dieser Kampf um die Relationen zwischen “Gut & Böse” in seinen Prinzipien doch immer der Selbe, oder? Nur die Relationen, die Größen sind anders. Aber warum kommt es uns dann immer so vor, als würde alles immer schlimmer werden?
Iyi geceler ve tatli rüyalar,
Sherry
Die Welt eines Synästhetikers wird mir wohl immer verschlossen bleiben. Wie fühlt sich das wohl an, wenn man Geräuche nicht nur hören, sondern auch “sehen”, “riechen”, “schmecken” oder gar “erfühlen” könnte? Wie sieht die Welt dann aus?
Menschen sind schon sonderbare Geschöpfe? SIE sind eigentlich das Geheimnis des Universums, nicht das Universum selbst. Denn das Universum selbst ist unbegreifbar und unbeschreibbar. Der Mensch kennt nur “sein” Universum und kann eben nur “sein” Universum beschreiben und begreifen.
Kann ich dann jemals in Dein Universum eintauchen oder Du in mein Universum, Azizam? Oder gibt es womöglich gar kein Mein und Dein Universum, sondern nur das eine UNIversum, das sich selbst, z.B. durch die Schöpfung “Mensch” erfährt.
Ach, ich schreiben wieder blösinnige Dinge. Es ist ja auch 4:40 Uhr und ich habe noch nicht geschlafen…
*küss und mich hinleg*
Mein Schatz,
warum bist Du so spät noch wach? Das ist doch eigentlich meine Aufgabe.
Die Welt einer Synästhetikerin ist nicht einfach, Azizam. Das siehst Du ja selber tagtäglich, wenn Du mich an Tagen beobachtest, an denen ich mit der Reizüberflutung nicht klarkomme. Oder wenn ich mich nicht von anderen Menschen abgrenzen kann.
Ich weiß nicht, ob der Mensch das größte Geheimnis ist oder nicht. Ich empfinde den Menschen manchmal als plump, tierisch und primitiv. Das, was ihn interessant macht, ist seine “Seele” – aber die gibt es vielleicht nicht mal. Das Universum ist für mich interessanter, auch wenn’s unergründlicher ist. Weil in ihm sind alle weiteren Dimensionen vereint, die unsere kognitiven Fähigkeiten wohl sprengen werden. Trotzdem bleibt der Drang, wissen zu wollen, was dahinter ist…
Ich weiß nicht, ob wir ein “Universum” oder eine “Welt” teilen können, aber wir können uns an gewissen Punkten berühren oder wenigstens die selben Träume & Ziele teilen, auch wenn sie jeder für sich nuanciert anders träumt. Schau’ mal, ich werde nicht müde, dieses Gedicht von Kafka weiterzugeben (Ich liebe diese Mann):
Hallo Sherry,
bin etwas zwischen Hammer und Amboss geraten, und hoffe meine Antwort ist inzwischen nicht verjährt ;-)
Ja, vielleicht sind die Menschen heute wirklich nicht roher als früher.
Wenn man sagt „Früher war alles besser!“, nimmt man das Verhalten der Menschen im eigenen, früheren Leben zum Maßstab.
Man erinnert sich an seine Kindheit und an Zeiten, in denen man in der Obhut eines anderen sein „Goldenes Zeitalter“ erlebte, das später immer wieder als Referenz dienen wird, und zu der Aussage oben verleitet. Dann fiel dieser Nestschutz irgendwann weg und man schloss Bekanntschaft mit dem Egoismus, der Feindseligkeit und der Rohheit des Menschen. Man lässt sich hinreißen zu sagen, dass wenn Menschen bereits in der Kindheit verträglicher waren, sie es auch „pränatal“ gewesen sein müssen. Ihre Verrohung dürfe danach linear abnehmen, je weiter man in die Vergangenheit schaut. Meine Theorie jedenfalls…:-)
Also behaupte ich jetzt mal:
Sie waren in der Steinzeit schon so roh und die Tatsache, dass sie nun Kebabspieß am Feuer brutzeln können, hat ihnen nicht mehr Wärme eingehaucht.
Jetzt könnte man nur noch darüber diskutieren, wie und warum das Individuum im Laufe seines Lebens kardial verknöchert, und Emotion und Empathie, zu denen er am ehesten in der Kindheit fähig ist, so schnell aufbraucht…
Weißt du, wenn sich heute einer von uns den Nagel bricht, ist das für ihn schmerzhafter und relevanter als die Nachricht, dass gerade im Sudan 1.5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind…
Wenn man bewusstlos umkippt, dauert es eine Ewigkeit bis einer den Anstand aufbringt sich verantwortlich zu fühlen. „Man könnte Tage lang tot in der New Yorker U-Bahn herumfahren, ohne dass es irgend jemandem auffällt“, meinte Woody Allen einmal. Das hat sich eingebrannt…
Nicht selten hört man, dass Kinder in unseren Längengraden verhungern oder plötzlich verschwinden, ohne dass es jemandem aufgefallen sein möchte. Im Grunde genommen ist das die gleiche Mentalität, die nach dem Krieg vehement abstritt, etwas von abgemagerten Menschen hinter Stacheldraht gewusst zu haben. Die Mentalität des Verdrängens, des Ignorierens, des Nicht -Teilhaben – Wollens an der Situation des Anderen…
Ich habe mal einen Text ins Forum gesetzt, der dich interessieren könnte.
Ich meine, jemand der in Gesichter lesen kann, bestätigt das vielleicht. Möglicherweise irre ich mich aber auch, was mir fast schon lieber wäre…
Parias
Zwei Verrückten, die das Bezugssystem ihrer Anstalt nie verlassen haben und keinen Kontakt zu „Normalen“ pflegen, kann das Ausmaß ihres kognitiven Defizites nicht bewusst werden;
Ich behaupte einfach mal, dass die meisten in Deutschland depressiv sind. Nur wissen das die “Eingeborenen” selbst nicht, weil sie immer nur den Vergleich zu ihresgleichen haben;
Damit ist Deutschland das “Gelobte Land” für Melancholiker und Depressive, denen diese Mentalität eine Anonymität verleiht.
Emotionale Schwingungsfähigkeit, die man im Süden aufbringen muss, um gesellschaftlich nicht zu zerschellen, oder Empathie, die zu Solidarität aufruft, sind Zusatzballast, den man am Zoll, an der deutschen Grenze abzugeben hat.
Das hat einen pfiffigen, italienischen Psychiater auf eine interessante Therapieoption gebracht:
Demnächst werden für depressive Südländer Flüge nach Deutschland angeboten. Übernachtung und Vollpension inklusive. In einem Land ohne emotionales Eigenleben, fällt es dem Patienten leicht nicht unangenehm aufzufallen. Um seine krankheitsbedingte eingefrorene Mimik muss er sich hier am wenigsten Sorgen machen. Eine Enttarnung ist unwahrscheinlich, die Umwelt imitiert ihn ja sozusagen.
Niemand verzieht hier die geringste Mimik, wenn er jemanden anrempelt, oder ihm zu Nahe kommt. Diese coole Seite, der Pseudo-Stoizismus ist wie eine Erlösung für unseren Depressiven. Sie ist eine Befreiung von sozialem Druck für jemanden, der sich nicht auf sich selbst konzentrieren kann, geschweige denn auf andere. Hier ist er in seiner Phase „zu Gast bei Freunden“. Den sozialen Erwartungsdruck gibt es hier nicht. Ein Depressiver fühlt sich ständig verantwortlich und schuldig, für alles Getane und nicht Getane.
In Deutschland atmet er auf. Er ist gut aufgehoben….im Land der zugefrorenen Seelenlandschaften.
Wenn seine Schwingungsfähigkeit zurückkehrt, ist er allerdings Fehl am Platz…
Viele Grüße,
S.