Ich hatte eine unruhige Nacht. Ich bin ständig aufgeschrocken und musste 2 Mal sogar orientierungslos das Licht anknipsen, damit ich weiß, wo ich mich gerade befinde – im Traum oder in der “realen Welt”. Dann bin ich immer erschöpft wieder ins Bett gesackt.
Die ganze Nacht war ein einziger Kampf. Ich erinnere mich sogar, wie ich einmal auf einem Schlachtfeld war und orientierungslos nach jemandem schrie. Einmal anscheinend als Frau eines Yankee’s, die mit ihrem kaputten Korsettkleid durch die zerfetzten Leichen schritt und nach irgendjemanden suchte und weinte – und einmal als streng geschnürte Kämpferin (wie in diesen Fantasy-Bildern) mit einem großen Schwert mit rotem Rubin, die nach der Befriedigung ihrer Rache suchte. Ich erinnere mich, wie ich mit jemandem gekämpft habe, der dann verlor und am Boden lag. Ich stand breitbeinig über ihm, schwang das Schwert artistisch, so dass ich den Knauf mit 2 Fäusten hielt und die Schneide nach unten reinrammen konnte – aber bevor ich dem Feind das Schwert in die Brust des Feindes rammen konnte, wachte ich wieder auf.
Kurz vor Erwachen scheine ich wohl einen Traum gehabt zu haben, der mich vorerst vom Kampf in der Nacht erlöst hat.
(Hier das erste Lied zum Traum: Shai – If I Ever fall in Love again)
Ich war in meiner Wohnung, die plötzlich anders aussah und viel größer war, als meine Jetzige. Es kamen immer Leute rein und raus, ich war in der Küche und kochte ihnen schweigend etwas, während sie sich bedankten und miteinander plauderten. Aber alles in einer unterdurchschnittlichen Lautstärke, ohne auffällig oder schönfarbig hell zu sein.
Es waren keine Fremde. Alte Schulkameraden, Freunde, Familienmitglieder – sie kamen und gingen, als sei ich ein warmherziges Restaurant, eine Art Ruhestätte, zu der man immerwieder kehrt, wenn man eine seelische Rast einlegen wollte. Wenn sie gestärkt waren, kamen die Männer zu mir, ließen sich ihre Krawatten oder Kragen von mir richten und die Frauen ihr Haar bürsten, bis ich sie umarmte, ihre Stirn küsste und sie raus ließ.
Einmal, als ich in der Küche stand, die einen großen Spiegel hatte, damit ich meine geliebten Gäste wenigstens alle vom Spiegel aus lächelnd betrachten konnte, wenn ich mich schon nicht zu ihnen gesellen konnte, kam ein wunderschöner, mulattenähnlicher Junge von ca. 13 Jahren zu mir und stellte sich hinter mich und beobachtete mich vom Spiegel aus.
Ich sah hinein und meinte:
“Was kann ich für Dich tun, Junge? Was soll ich Dir kochen?”
“Nichts.”
“Was dann? Sag’ mir, was Dein Herz begehert.”
Er sah mich durch den Spiegel lächelnd, aber intensiv an, legte den Kopf schief, um mich besser zu mustern und sagte dann:
“Ich will, dass Du singst, Sherry.”
“Singen? Ich? Ich kann nicht singen.”
“Das ist egal. Sing’ Sherry, sing’…”
Ich legte das Messer weg, mit dem ich Gemüse geschnitten hatte, schaute traurig in den Spiegel in mein trauriges Gesicht und dann zu ihm – dann wieder zu mir. Ich sah meinen Mund an und fragte mich, ob ich ihn wirklich zum Singen öffnen sollte und ob die Gäste mich nicht auslachen würden. Doch dann dachte ich mir, sie würden mich eh nicht hören. Wann hatten sie mich je gehört, wenn ich sie rief, nachdem sie aus ihrem Rastplatz fortgegangen waren?
Ich fing an zu singen, erst sehr unsicher.
“The very first time that I saw your brown eyes
your lips said ‘hello’ and I said ‘hi’
I knew right then you were the one”
Dann wurde ich etwas sicherer…
“But I was caught up
in physical attraction
If but to my satisfaction
baby you were more than just a face”
Beim Refrain wurde ich richtig laut, meine Stimme wurde so klar und kräftig, in mir schien sich etwas zu befreien, die dunklen Schleier in mir schienen rasend nach oben zu flüchten, ihre Farben veränderten sich zu pastellenen, zarten Tönezu verändern und sanken ruhend und friedlich mir zu Füßen.
“And if I ever (ever fall) in love (again)
I will be sure that the lady is a friend
Fall and if I ever (ever fall) in love so true
I will be sure that the lady’s just like you”
Der Junge stand die ganze Zeit hinter mir – ich weiß, dass er mich von hinten umarmte und lächelnd in den Spiegel sah, während ich sang. Er lächelte, diese schönen Augen lächelten und tränten währenddessen. Er drückte meine Hand, ich soll nicht aufhören und einfach weitersingen. Immer, wenn ich weitersang, wurde etwas in der Umgebung oder auch in mir befreit. Die leere Vase spross Blumen heraus, die Gerichte für meine geliebten Gäste wurden bunter und gesünder, grüner, roter, gelber. Also sang ich weiter… Ich schloss die Augen und sang, als wäre ich mir meiner Magie bewusst und könnte mit ihr die Welt verschönern.
Der kleine Mulatte hielt mich weiter fest. Als ich die Augen kurz öffnete, sah ich, wie er zu einem jungen Mann herangewachsen war und weiter aus seinen warmen Augen lächelte und mich zum Singen ermunterte.
“Sing’ weiter… Tu’ es einfach.”, nickte er mir bestimmt zu. Ich sah ihn nur den Mund bewegen…
Als das Lied fertig war, drehte ich mich zu ihm und sah einen großgewachsenen, unglaublich liebevoll lächelnden jungen Mann vor mir. Ich ging wie immer auf ihn zu, wollte seinen Kragen richten, seine Stirn küssen & ihm für seine Reise einen Segen schenken.
Doch er lächelte nur geheimnisvoll und schüttelte den Kopf. Ich sah zu meinen Gästen, die noch aßen und aber heiterer und herzensleichter waren als jemals zuvor. Ich fühlte mich innerlich gelöst, aber der letzte Schritt zu meiner eigenen Entfesselung fehlte. Ich wollte dem jungen Mann etwas sagen, doch er war nicht mehr in meiner Küche.
(Nat King Cole – Autumn Leaves)
Im Hintergrund lief die Version von Nat King “Autumn Leaves”, ein wunderschöner, melancholischer Song. Meine Augen suchten den jungen Mann, der mir die Freiheit schenken wollte und meiner Seele endlich ihre Flügel zurückgeben wollte. Er stand vor dem Ausgang und hatte schon meine Koffer gepackt. Er lächelte und wartete dort auf mich.
Ich ließ das Gemüse fallen und schritt zur Tür…
Dann wachte ich auf.
(Anmerkung: Es lief nicht darauf hinaus, dass ich mit dem jungen Mulatten ein wildes Leben führen sollte. Er hat mir nur die Koffer gepackt und gesagt, ich solle endgültig rausgehen, mich befreien. Er wäre wieder verschwunden und immerwieder aufgetaucht, wenn der Weg sich verdunkelt hätte. Er war wie ein Schutzengel oder ein Wegweiser – vielleicht aber auch der Tod.)


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Das mit Shai ist ein total schönes Lied. Dank Dir, hab ich es nun den ganzen Tag in mir, d.h. ich singe es ständig vor mir her. Die Version von
East17 war auch total schön gewesen.
Netten Gruß
Gerngeschehen, Human jan. Die Version von East17 fand ich nicht so schön. :)
Die schönste Geschichte die ich jemals von dir gelesen habe. Halt dich an solchen Mulatten, sie wollen dir eigentlich helfen auch wenn es manchmal nicht danach aussieht.
Wäre es doch eine Geschichte, Chinaski. Es war nur – “nur” – ein Traum. Ich halte ihn aber fest. Da steckt sehr viel drin und kann mir verraten, wo ich gerade stehe. Wir werden sehen.
Danke jedenfalls.
Hmmmm! Ich frage mich ob du raus willst oder nicht in den Sardellenschwarn rein willst! Was Du willst, das willst Du jedenfalls heftig!
Ist gut wenn man noch heftig wollen kann!
Ja, ich will. Ich will irgendetwas sehr heftig. Nur fragt sich, was zum Teufel ich eigentlich will. Warum weiß das niemand?
Weil man sowas manchmal erst weiss, wenn man es bekommen hat
Vielleicht will ich ja nur ein Kind.