Ich kenne ein Mädchen – heute eine junge Frau in meinem Alter – das damals schon sehr bitter und sarkastisch über die Liebe sprach und dabei ein so zartes und mädchenhaftes Gesicht hatte, dass man dachte, man habe eine Porzellanpuppe in Kindchenschema vor sich. Sie war zu großen Gefühlen fähig, das erkannte ich aus ihrem ganzen Wesen. Aber irgendwann hat sie das blechige Summen der “Realität” nicht mehr aus den Ohren bekommen. Ich bin ihr nie wirklich näher gekommen, doch die paar Worte, die wir miteinander wechselten, waren immer kurz und stechend nah. Wir mochten uns.

Ich erinnere mich an einen Wortwechsel:

Ich: “Ja, aber wenn man doch geliebt wird…”
Sie: “Ge-was?”
Ich: “Na geliebt.”
Sie: “Ach, Sherry. Du glaubst noch immer an den Unsinn, oder?”
Ich: “Was heißt noch immer?”
Sie: “Nach alle dem? Du weißt schon.”
Ich: “Na und? Jetzt erst Recht. Er war eben zu schwach.”
Sie: “Ach, Sherry.”
Ich: “Hör’ doch auf, mich zu bedauern. Du wirst es noch erleben.”
Sie: “We’ll see.”

Heute sehe ich sie hier und da mit einem Jungen zusammen. Sie ist vorsichtig verliebt und kostet das Beisammensein aus, kennt ihr Ende, aber trägt es mit schwarzem Humor. Immer mit diesem bitteren Lächeln im Hintergrund ihrer Mimik, das mir verrät, dass sie keine einzige Sekunde in ihrem Leben jemals wieder an die Liebe geglaubt hat, nachdem sie ihn einmal verloren hatte.

Und dennoch hat sie’s überlebt. So wichtig scheint dieses L-Wort also gar nicht zu sein.