Archiv für Oktober, 2006
24.10.2006, 08:19
Der Schrei vor der Revolution

Von diesem Traum bin ich gerade aufgewacht: Ich lebe in einem warmen Haus. Alle sprechen persisch. Tante Shahin lacht und ruft von draußen: “Maman, kabab ro biyar sikhesh konim. Man nemitunam boland sham al’an” (“Mama, hol’ das Kabab-Hackfleisch, damit ich’s schonmal aufspießen kann. Ich kann gerade nicht aufstehen”)

Ich renne nach draußen zu der Heiterkeit, die ich erahne, als ich merke, dass es mich Anstrengung kostet, mein Gleichgewicht zu halten. Ich sehe auf mich hinunter und sehe, dass ich kleine, weiße, dicke Schenkel & Unterschenkel habe. Kleine Babyfüßchen, die erst vor Wochen das Gehen erlernt haben. Ich sehe Oma an mir vorbeigehen. Im Hintergrund läuft Googoosh. Oma ist in Eile, wie immer, bleibt an mir aber stehen, schaut zu mir hinunter und sagt “Joonam! Azizam… Chikar mikoni to? Gorosnateh?” (“Mein Leben, mein Schatz, was machst Du? Hast Du Hunger?”), beugt sich zu mir runter und küsst mich so saftig und liebevoll auf die Wangen, dass ich sie mit großen Augen ansehe und mich geniere. Sie geht mit dem Kabab raus. Ich tappel ihr nach, so gut ich kann.

Die große Fenstertür nach draußen steht weit offen. Die Brise fühlt sich nach Meeresluft an. Ich fühle mich so natürlich. So natürlich, als sei ich endlich zu Hause. Ich bleibe an der Fenstertür stehen und schaue raus. Tante Shahin hat meinen Lieblingscousin im Arm & bringt nebenbei lachend das Hackfleisch an die Spieße ran. Ich sehe Kamy’s Gesicht, er hat mich erblickt. Ich sehe Aghajoon, ich sehe Papa Fußballspielen, ich sehe sie alle – im alten Ende 70ger Look. Laut lachend, sorglos. Ich sehe meine junge Mama, sie ist nicht älter als 16. Sie versucht sich bei meinen lieben Tanten und meiner Oma nützlich zu machen, bis sie sieht, wie ich vorsichtig näher tapple mit meinen kleinen Füßchen. Mama’s helles Gesicht schaut mich glücklich an, aber sie lässt mich die Umgebung beobachten und gibt nur unauffällig Acht auf mich.

Mich ergreift eine schreckliche Erkenntnis in jenem Moment. Das glückliche Treiben, die Sorglosigkeit, die wilden Frisuren, die Ausgelassenheit, das Familienleben. Kamy erkannte, was ich erkannte. Wir waren zwar beide Babies, aber er suchte mit ernstem Gesicht meinen Blick, während die Erwachsenen lachten. Ich sah eine dunkle Wolke aufziehen wie ein Schwarm schwarzer Raben, die nur Kamy und ich sahen. Ich hatte Angst. Mein Babygesicht verzerrte sich. Wie bei Babies, die empört ihre Mundwinkel runterlassen und ihre Augen sich mit Tränen füllen, wenn sie sich irgendwo fremd fühlen, wenn sie von den Armen ihrer Mama entrissen und an Fremde übergeben werden, damit sie mit einem spielen können.

Ich schreie. Ich schreie so laut, ich kann und sehe Kamy an, er solle mitschreien. Er soll klarmachen, dass die Zeiten bald vorbei sind. Wir fort müssen. Die heiteren Großen schauen auf, nehmen uns in den Arm und fragen uns verwundert, was los sei. Das Essen sei doch bald fertig. Mein Vater kommt zu mir und zu Kamy. Er zeigt uns zur Beruhigung seine glitzernden Murmeln und erzählt uns lächelnd, dass er Murmelmeister sei. Doch wir können nicht anders. Wir schreien. Denn wir wussten, diese Zeiten sind bald vorbei.

Es war der Schrei kurz vor der Revolution.

Ja, es war wieder ein Maugham, den ich gestern zu Ende gelesen habe. Ich muss sagen, dass ich bis jetzt schon 2 Mal von 2 Mal nach einem Roman von ihm zufriedener als vorher in den Alltag zurückgekehrt bin – und ich kann noch nicht beschreiben, warum.

In “Silbermond & Kupfermünze” beschreibt Maugham frei nach der Geschichte des Malers Paul Gauguin das Leben eines erfolgreichen Marklers, der von heute auf morgen seine Frau, seine 2 Kinder und sein gesichertes Leben verlässt, ohne etwas zurückzulassen, um in Paris seinem heftigen Drang, zu malen, nachzukommen. Er lebt Jahre lang total verarmt und in einem extrem schäbigen Hotel und geht seinem fast animalischen Trieb nach, als suche er die Befreiung von einem Geist, der ihn ständig in Besitz genommen hat. Seine Bilder werden verspottet, doch das interessiert ihn nicht, denn es geht ihm in rein gar nichts im Leben um die Anerkennung von Außen. Auch nicht bei dem, was ihm am Wichtigsten ist: Seiner Malerei.

Das wirklich faszinierende, aber auch abschreckende an dieser Geschichte ist die Persönlichkeit des Malers (in diesem Roman): Strickland ist hart, kalt, unhöflich, skrupellos, grausam und ungerecht. Er zerstört nebenbei Leben und zuckt dabei die Achseln. Ihm ist komplett alles egal, solange er nur Farbe & Pinsel hat, um seiner Malerei nachzukommen. Dabei geht es ihm nicht darum, seine Bilder zu verkaufen oder durch sie eine Art Anerkennung zu erhalten, sondern um eine Leidenschaft, die fernab jeglicher Menschlichkeit zu liegen scheint.

Maugham schafft es hier in einer fesselnden Form, den Leser ständig nach dem Kern von Stricklands Persönlichkeit suchen zu lassen, seine Leidenschaft ergründen und verstehen zu wollen, weil man es trotz seiner radikalen Eigenschaften trotzdem nicht schafft, ihn zu hassen. Er beschreibt die Qualen eines Künstlers, der darum ringt, etwas, das er selber nicht fassen kann, in Formen, Farben und Schwingungen zu äußern und dabei aber von den Grenzen der Realität gepeinigt wird. Maugham veranschaulicht hier schlicht und einfach die Qualen eines Genies.

Stricklands Genie wurde zu seinen Lebzeiten nicht erkannt. Er starb verarmt, aber irgendwie glücklicher als je zuvor, in Tahiti an Lepra. Zum Ende seiner Lebzeit war er komplett blind und beendete sein letztes, jahrelanges Malwerk nicht an der Malwand, sondern benutzte das komplette Zimmer dazu. Dies war sein größtes Werk – und jenes, das ihn endlich von diesem Geist, das ihn ritt, peitschte und zum Malen trieb, befreite. Danach starb er glücklich und ließ erfüllt vom Leben ab.

Ein hervorragender, mitreißender und suchterzeugender Roman, der sich sehr gut lesen lässt, weil Herr Maugham daran gedacht hat, keine langatmigen Kapitel zu schreiben. Danke Herr Maugham. Danke für alles.

Mein Kumpel Chinaski hat in einer Diskussion Folgendes geschrieben, worüber ich heute wieder einwenig mehr nachgedacht habe und zum Teil immernoch nicht seine Meinung teilen kann – wie bei so einigen Dingen in Diskussionen. Er sagte:

Du bist nichts anderes als ein Wesen das irgendwo in der Ecke sitzt und auf dem Tod wartet und zwar selbst dann während du eine wilde Nacht feierst [...]

Du kannst machen was du willst, du näherst dich jedentag dem Tode an. Ob du in der Zeit ein Penner bist oder ein König, am ende wird deine hässliche und leblose Körper unter der selben Erde begraben und die selben Würmer werden sich an der Leiche erfreuen. Das ist nichts schlimmes, du wirst dieses Erkenntnis später lieben weil sie dich in Situationen in denen du dich aufregst, in denen du Angst bekommst, in denen du Unruhig bist, in denen du etwas mehr Bedeutung zurechnest als nötig… in solchen Situationen wirst du dann ruhig bleiben, dich daran erinnern dass das alles doch nur ein Witz ist, eine vergängliche und sinnlose Scheisse, dass NICHTS auf dieser Erde soviel Wert ist dass man dafür die paar sinnlosen Tage die man zu leben hat, vergifteten sollte.

Ich stimme in den meisten Punkten mit Herrn Chinaski überein. Darin, dass egal wie wir leben, wieviel Geld wir haben, wieviel Partner, Erfolg, Schmuck, Kleider, Häuser wir haben oder nicht haben – wir letztendlich alle sterben werden und nichts von alle dem ins Grab mitnehmen können.

Dennoch finde ich es falsch, dem Inhalt eines Lebens aufgrund des gleichen Endes die selbe Bewertung zu geben. Es macht durchaus einen Unterschied, wie man die vielen aneinandergereihten Gegenwartsmomente erlebt hat, womit man sein Leben gefüllt hat oder nicht. Jedes Buch endet mit dem Zuklappen dieses Buches – aber dieses gleiche Ende macht nicht jedes Buch gleich gut oder gleich schlecht. Menschen mit vielen Beziehungen haben genausoviele Trennungen erlebt, dennoch würden sie niemals auf die Idee kommen, alle Beziehungen aufgrund der letztendlichen Trennung gleich zu bewerten.

Nicht nur, dass ich diese Bewertung nicht für richtig halte, ich halte sie sogar für ignorant gegenüber all jenen Menschen, die in ihrem Leben so extrem gelitten haben oder für ehrliche Ideale ihr Leben gelassen haben. Vielleicht ist ihr Sinn genauso sinnlos wie das eines Schuftes (wenn nicht sogar weniger sinnvoll, denn der Schuft erspart den Opfern wenigstens sein Dasein und somit seine Grausamkeiten), aber sein ganzes Leben mit dem Leben eines Schuftes gleichzustellen, wäre nicht gerecht, nein nicht nur das, es wäre faktisch falsch. Oder noch schlimmer: Dem Leben einer Frau, die jahrelang als gefoltert wurde, die selbe Bedeutung oder Nicht-Bedeutung beizumessen wie dem einer fetten, reichen Frau, die nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld, ist respektlos gegenüber der Gefolterten. Es hieße nämlich, dass es ihr genauso gut oder un-gut ginge, wie der fetten Reichen – und das ist nun einmal nicht wahr.

Ergo: “Der Weg ist das Ziel.”

Was normalerweise der Lieblingssatz von “Verlierern” ist, die sich einreden, dass es unwichtig sei, was das Ergebnis ihrer Bemühungen ist, sondern nur relevant sei, dass sie sich überhaupt bemüht haben, findet in diesen Gedanken ihren eigentlichen Sinn.

Nicht, dass ich nicht schon, seit ich denken kann, über sowas nachdenken würde, aber man hat viel mehr davon, wenn man mit Menschen diskutiert. Worin ich Chinaski noch besonders Recht geben kann, ist die Gelassenheit, die einen heimsuchen kann, wenn man sich der Sinnlosigkeit des Lebens bewusst wird. Mal schauen, ob eine viel zu emotionale Person wie ich, die unter Reizüberflutungen leidet, überhaupt zu solcher Gelassenheit nicht nur fähig, sondern auch willig ist. Ich habe immer das Gefühl, dass gelassene Leute etwas verpassen. Ich kann natürlich auch falsch liegen.

21.10.2006, 16:29
Mal kalt, mal warm

Manchmal tut mir die emotionale Kälte ganz gut, auch wenn ich nach der “Erwärmung” völlig erschöpft ein paar Stunden in der Ecke liege, weil sie im völligen Kontrast zu meiner eigentlich warmen Persönlichkeit steht. Dennoch muss es manchmal sein. Man muss nicht alles mit sich machen lassen und kann – nein sollte – sich zurückziehen, meinetwegen auch schützen, bis man irgendwann keines Schutzes mehr bedarf. Ich gebe zu, Menschen die diesen kalten Vorhang brauchen, der nun einmal mit viel Verachtung und Arroganz einhergeht, sind schwache Wesen, denn sie können nicht so bleiben, wie sie sind, ohne dabei komplett zerstört zu werden von ihren “netten Mitmenschen”. Schwamm drüber, darum geht’s gerade nicht. Ich habe ein anderes Problem – nämlich:

In diesen kalten Momenten, Minuten, Stunden sieht man plötzlich Dinge, die man vorher nicht gesehen hat. Man wird zum verbitterten Zyniker und ist sich dessen sicher, just in jenem Moment die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind – nämlich heuchlerisch, falsch und voller Scheiße. Man beginnt, Ekel zu empfinden – nicht nur für gewisse Menschen, die einem wieder auf die Möpse gegangen sind, sondern für die Spezies “Mensch” generell. Alles mit einem unangenehmen Nachgeschmack eines stechenden, eisigen Windes in giftgelber Farbe. Auch das ist nicht das Hauptproblem. Viel mehr interessiert mich jetzt:

Welche Sicht der Dinge ist richtig? Jene, in der ich mit Wärme & Zuneigung auf die Menschen sehe oder jene, in der ich unterkühlt und bitterböse zynisch bin? Welche “Erkenntnis” ist hier die “Wahre”?

Ich kann so schlecht über Bücher schreiben. Denn ließen sie sich so kurz erzählen, würde der Autor keine – in diesem Fall knapp 500 Seiten – brauchen. Denke ich mir zumindest.

Dann stöberte ich über das Buch einwenig in Wikipedia rum und las folgende “Inhaltsangabe” zum Roman, die mich so nervte, dass ich nun schreiben muss:

“Geistig zerrüttet von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs löst der Amerikaner Larry Darrell nach der Rückkehr in die Heimat seine Verlobung auf, um ein Leben auf Reisen zu beginnen und nach Antworten zu suchen. Schließlich gelangt er nach Indien, wo er zur Erleuchtung findet. Einige Jahre später finden Larry und seine ehemalige Verlobte in Paris wieder zueinander, nachdem sie mit einem anderen Mann verheiratet war. Als Larry eine weitere Beziehung mit einer anderen Frau beginnt, versucht seine ehemalige Verlobte diese Liaison zu zerstören.”

Unsinn. Larry Darrell war weder geistig zerüttet, noch fand er wieder zu Isabel, seiner ehemaligen Verlobten. Weder geht es darum, dass Isabel versucht, seine gar nicht vorhandene Beziehung zu zerstören, noch um überhaupt eine große Liebesgeschichte.

Dieser Roman stellt vorallem ohne jegliche falsche Moral den Einfluss der jungen, kapitalistischen amerikanischen Gesellschaft, die in Konkurrenz zu Europa steht, auf vorallem 3 Charaktere dar, die jeweils anders mit dem Ehrgeiz eines Landes umgehen.

Larry Darrell ist ein junger Mann, der, nachdem er seinen Freund im Krieg verloren hat, den Sinn des Lebens in Frage stellt. “Die Toten sehen so schrecklich tot aus”, sagte er in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Maugham. Den Verlust eines durch Sinnlosigkeit umgekommenen Freundes im Krieg, wirft in ihm Fragen auf, die er in einem tiefen Studium all der großen Schriftsteller, Denker, Philosophen und spirituellen Meister zu beantworten sucht. Er seilt sich vom Kapitalismus ab – und damit eben auch von seinem alten Leben in Chicago und seiner sehr luxusliebenden Verlobten Isabel, die andere Ziele verfolgt, als Larry.

Während Isabel ihren Lebensstandard mit dem reichen Gary sichert, der sie anbetet, sucht Larry derweil seine Erleuchtung in Indien und erlebt viel. Immerwieder treffen Larry, Isabel, Gary, Herr Maugham (Der Beobachter und Autor) und Onkel Elliot, der sein Leben darauf ausgerichtet hat, in aristokratischen Gesellschaften hoch angesehen zu sein, aufeinander und beeinflussen ihre Eindrücke. Jeder dieser Personen empfindet den Werde- und Gedankengang des Anderen als fremdartig, obwohl sie allesamt Opfer ein und des selben Phänomens sind: Der Aristokratie und Profitgier.

W. Somerset Maugham brilliert in “Auf Messers Schneide” als überaus guter Beobachter, der sich darin versteht, Situationen so darzustellen, dass dem Leser ermöglicht wird, durch seine klare, analytische Brille zu schauen, ohne dabei das Gefühl zu haben, bei diesem Beobachter handle es sich um einen arroganten, versnobten Pseudo-Intellektuellen.

Desweiteren hat der Roman überdurchschnittlich viele Dialoge und wirkt deshalb sehr lebhaft und nicht langatmig. Es fehlte zuweilen in den philosophischen Gesprächen mit Larry der letzte Schritt an Tiefgang, um mich zu befriedigen, aber das ist Geschmackssache.

19.10.2006, 23:08
Oktober der 19.-e

(Vom 19. Oktober 2004 – Brief.mp3)

Heute ist der 19. Der 19. Oktober. Der 19. Oktober 2004. Ich kenne dieses Datum genau. Genau vor einem Jahr vergruben sich seine Zahlen in mein Herz und krallten sich atemstillend ein. Lebensberaubt, blutübergebend, niedergetreten, bettelte ich um Stillstand – in welcher Form auch immer – der Tod war erflehter Gast.

Der 19. Oktober letzten Jahres war jener 19. eines Oktobers, an dem wir uns das dritte Mal zerissen. Wie sehr Du Dein eigenes Glück doch mit Füßen getreten hattest und schon Tage danach händeringend meinen Tränen bis zum Boden folgtest, um in ihrem Geschmack meine Liebe aufzufangen, ohne die Du nicht leben wolltest. Nein, nicht konntest.

Alle wandten sich ab von Dir. Mama wollte kein Wort mehr über Dich hören. Meine Schwester bemitleidete Dich. Mein Bruder vergaß Deinen Namen. Hafez gab Dich auf. Selbst Du verachtest Dich, schiebst alle Schuld auf – und hasst mich.

Ich will heute nicht über jene Dinge reden, die Du wortlos geschworen, noch herzzerfetzend gebrochen hast. Kein Wort über die Demütigung jener Person, die Dir das Lieben offenbarte. Kein Wort über die Härte Deiner Hiebe, um meine Tränen versiegen zu lassen, wenn Du Deine Scham nicht tragen konntest. Ich will heute, dem prägendsten 19-ten meines Lebens gedenkend, über Deine Güte reden.

Über Spaziergänge in hoffnungsvollen Nächten, in denen ich Dir zehn Schritte kichernd vorausrannte, die Augen schloss, die Arme hob und mich nach hinten fallen ließ – immer bangend, doch immer vertrauend, dass Du mich auffangen würdest. Lachend tatest Du es, mehr als ein Duzend Mal. Ja, mehr als ein Duzend Mal

Sollen alle heute wissen, wie Du nachts im Halbschlaf die Decke um mich wickeltest, wie bei einem Kind bis zum Kinn. Sollen heute alle wissen, wie Du schlafend murmeltest “Ich liebe Dich…”, wie Du Dich bei jeder Bewegung von mir wie im Greifreflex eines Baby’s in meinen Oberarm kralltest und aus einem schlafend-nuschelnden Mund ein “Bitte geh’ nicht weg von mir…” herausgeatmet kam.

Heute sollen alle wissen, wie ich wutentbrannt die derbsten persischen, türkischen und deutschen Schimpfwörter in Dein Gesicht schleuderte, mit geballten Fäusten gegen Dich schlagen wollte. Sollen alle wissen, wie Du diese Faust zuerst mit Deinem Oberarm, dann mit Deiner Hand abfingst, sie erst mit Gewalt, dann mit Sanftmut schweigend öffnetest und die Innenfläche küsstest. “Bitte, mein Schatz, tu’ das nicht.”, sagtest Du mit großen, traurigen Augen – und die schamhafte Stille in mir regierte kapitulierend den Raum.

Heute wollte ich über Dich, ja wirklich über Dich, reden. Über die schwere Geburt Deiner ersten Liebeserklärung, wie Du stottertend-krächzender Kehle heraus in mein Herz stolpertest und dann erstaunt ob Deiner eigenen Courage sagtest: “Ich hab’s gesagt. Ich hab’s zum ersten Mal in meinem Leben gesagt…” Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Glaubensbekenntnis? “Ich weiß jetzt, es muss einen Gott geben. Anders kann ich mir Dich nicht erklären…”

Ja. Darüber wollte ich schreiben – über Dich und das Schöne in Dir. Aber nun fehlen mir die Worte – und ich muss mich meiner Unfähigkeit beugen.

Doch sollst Du wissen, ich hasse Dich nicht. Denn niemanden hast Du mehr verlassen als Dich selbst, als Du Dich drei Mal trenntest. Trenntest, weil Deine Familie mich “Böse Zauberin” schimpfte, denn ich war “anders” als Ihr.

Das weißt Du – und genau deshalb – ein Jahr später, höre ich Dein Atmen in der Aufnahme meines Anrufbeantworters. Stillschweigend, leise atmend – meinem Ansagetext auf ein Neues horchend. Nur deshalb.

Leb’ wohl, mein Verlorener. In meinen Gebeten bitte ich immer um Dein ehrliches Lachen – sollst auch Du Deine Liebe finden – so wie ich jetzt meine fand. Und falls Du mich hier aufsuchen solltest und mich lesen solltest, so tu’ uns den Gefallen und beschmutze unsere Geschichte nicht. Denn sie war etwas Besonderes. Dein Hass wird vergehen, sobald Du Dir verziehen hast – so wie ich Dir.

Ja. Hörst Du?
So, wie ich Dir.