Archiv für Oktober, 2006

Wir standen an dieser Brücke, die Jungs pfiffen und riefen uns zu. Ihr Gröhlen war ohrenbetäubend.

“Oh Mann, muss ich jetzt hier meine Klamotten bis auf die Unterwäsche ausziehen, Dada?”

“Wir wollten doch springen, oder?”, antwortete meine Cousine mit ihren funkelnden Augen.

“Ja, warum eigentlich nochmal?”, fragte ich genervt, während ich runter auf’s Wasser schaute und diese gurkendicken Fische an den tieferen Stellen des Fühlingersee’s rumschwimmen sah. Man bedenke, ich hasse Fische. Ich hasse Fische & Insekten, das weiß man, wenn man mich kennt. Komischerweise sind meine größten Ängste bezüglich dieser Tierchen nicht, dass sie mir etwas antun, sondern dass ich sie irgendwie ekelhaft zerquetsche oder sie irgendwo an mir hängenbleiben und ich sie vor Schreck töte im Schrei und sie dabei immernoch tot an mir kleben.

Hinzu kam, dass die Brücke ca. 15-20 Meter hoch war – oder es mir zumindest so vorkam. Aber eigentlich konnte ich das gut abschätzen, da ich einmal unfreiwillig Bekanntschaft mit einem Zehnerbrett machen musste. Das ist aber jetzt eine andere Geschichte.

“Du hast gesagt, wir sollen springen, damit wir unseren Streit so beenden und unsere Seelenverwandtschaft nochmal krasser besiegeln. Schon vergessen?”, sagte sie etwas hilflos und wartete auf eine Anweisung von mir.

“Nein, natürlich nicht. Ich habe immerhin davon geträumt, wie wir Hand in Hand aus dem tiefen Wasser wieder in Richtung Sonnenlicht an der Oberfläche schwimmen. Genau.”

“Genau.”, antwortete Dada und unterlag einem völlig, hysterischen Lachkrampf, als sie die Höhe der Brücke erfasste, als sie merkte, was wir da vorhatten. Ich klinkte mich in ihre Hysterie ein, während die Jungs schon wechselweise “Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen!” und “Springen! Springen! Springen!” gröhlten.

Dada griff meine Hand ganz fest und lächelte mich mit ihren Grübchen an. Manchmal pressten ihre schönen Wangen sich so sehr an ihre Augen, dass ihre Augen ganz klein und mandelig wurden, aber sie ins Unermessliche strahlten. Daran merkte man übrigens, dass wir miteinander verwandt waren: An den Wangen und Augen.

Ich erwiederte ihr Lächeln und zog mich wie in Trance aus, ohne meinen Blick von ihr zu wenden. Ich stand da in Slip & BH – und es war mir egal, was die Jungs da gerade für Anstalten machten. Sie tat es mir gleich. Die gröhlenden Stimmen um uns herum und von unten wurden immer lauter, aber auch schwammiger und unbedeutender. Nichts war mehr wichtig. Nur, dass Dada & Ich da runterspringen, um unsere besondere Beziehung noch mehr zu versiegeln. Niemals mehr sollte irgendetwas zwischen uns stehen.

Wir kletterten über das Geländer der Brücke. Die Stelle, auf der wir gerade noch stehen konnten, war bedrohlich schmal – und wir trauten uns nicht einmal, einander die Hand zu geben, weil wir uns daran festklammerten. Irgendwann drehte sich alles. Wir lachten und hörten, wie die anderen uns immer heftiger und lauter anfeuerten.

Ich sah nach links zu ihr und fragte:

“Bist Du bereit?”
“Oh Gott, ja, Sherry.”

Ich nahm ihre Hand und griff sie fest. Sie erwiederte den Druck meines Griffes, was ich als Zustimmung wahrnahm. Ich sagte: “Oke, auf 3 springen wir einfach.” Und dann brüllte ich: “Und auf die Fische scheiße ich verdammt!

Wir lachten nocheinmal hysterisch, als wollen wir unsere Angst rauslachen.

“Eins, zwei… DREI!”

Wir sprangen. Wir gingen nicht nur den Schritt in die Luft, wir sprangen richtig mit Wucht ab. In der Luft ließen wir unsere Hände los, ich schrie: “Ich bin Gooooottt” – und bekam auch schon nichts mehr mit. Ich hörte nur alle gröhlen und Dada neben mir schreien & lachen.

Platsch!

Wir waren tiefer unten, als ich es gedacht hatte, ich vergaß sogar die Fische, ich suchte nur Dada da unten und versuchte, meinen verdammten Slip hochzuziehen, den ich eiskalt am Verlieren war. Doch das war Gott sei Dank eine Sache von 2 Sekunden. Dada war ganz nah, ich griff ihre Hand und wir schwammen hoch an die Oberfläche gen Sonnenlicht. Wie in meinem Traum in der Nacht zuvor. Alle klatschten. Die Jungs holten uns mit einem Gummiboot zurück. Als wir da durchnässt saßen und uns lachend und erleichtert in den Armen lagen, merkten wir, dass wir quasi nackt waren. Und der normale Alltag von zwei iranischen Mädchen mit strengen Papa’s fing wieder an, uns einzuholen.

“Shit! Wie kriegen wir jetzt unsere Klamotten von da oben wieder her, ohne dass wir unserer Großfamilie mit durchsichtiger Unterwäsche beim Grillen begegnen?”

Diese Aktion ist wiederum ein Abenteuer für sich und eine neue Erzählung wert…

16.10.2006, 09:10
Belästigung am Gedankenplatz

Kennt Ihr das, wenn Ihr Eure eigenen Gedanken & Gedichte nicht mehr lesen könnt? Dann erinnert Ihr Euch an den Moment, an dem Ihr ein Gedicht oder eine Poesie anderer Form kreiert habt, bis Ihr mit dem Ergebnis zufrieden wart – und ein paar Wochen oder Monate später schon kommt Euch bei soviel schwammigem Unsinn die Galle hoch. Einen Moment danach wisst Ihr zwar ganz genau, dass es nicht daran liegt, dass Poesie generell Unsinn ist, sondern Ihr einfach in einer völlig anderen Phase seid, in der Ihr das, was damals in Euch so zart schreiben lies, erstmal völlig vergraben liegt. Plattgewalzt unter Schutt & Asche. Irgendwo da unten.

Ich fühle mich im Moment von den lauten, aber dennoch kargen Überresten meiner eigenen “Romantik” belästigt. Sie erinnert mich einfach daran, dass sie noch da ist und raus will, aber nicht stark genug ist, als dass ich es im Moment für nötig befände, um sie zu kämpfen.

Ich glaube, sie hat einfach nur Durst.
Aber ich hab’ einfach nichts.

Hören: ~*Joan Baez & Mercedes Sosa – Gracias a la vida*~

Ich weiß nicht, warum man mir Wein schenkt. Das tut man wohl einfach oft, wenn Menschen einen besuchen & Dich in Deiner eigenen Wohnung nocheinmal einweihen. Nun, die Meisten wissen nicht, dass ich – sollte ich überhaupt mal trinken – sicher keinen trockenen Wein zu mir nehmen werde, sondern etwas nervtötend Süßes, damit der Alkoholgeschmack soweit es geht, verdrängt wird. Ich gehöre zu den seltenen Trinkern (sehr selten; 1 Mal im Jahr), denen es nur um die Wirkung des Alkohols geht, wenn überhaupt – und nicht um den Geschmack. Einen Weinkoster, der schnuppert und nippt, gehört neben einem Homo Faber, wohl zu den von mir am wenigsten nachvollziehbaren Wesen dieses Planeten.

Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass Weinflaschen eine unglaubliche Ästhetik auf mich ausüben, deshalb freue ich mich auf sie und warte auf Anlässe, sie zu köpfen und einzuschenken.

Das andere Geschenk ist ein Traum. Lavasteine, die vor Hitze glühen, aber (leider) nicht brennen und knistern. Ich erwische mich oft dabei, wie ich mich den Steinen nähere & mich einwenig danach sehne, dass sie mir die Fingerkuppe leicht verbrennen, so dass ich sie sofort wegziehen kann. Aber man kann nicht alles haben.

Das Überbleibsel ist das Buch, das ich gerade lese. Es lieg müde auf dem Schreibtisch. Ich habe ihm die Geschenke dazugelegt, weil die drei einfach zueinander passten. Wärme/Leidenschaft, der Rausch der Sinne und das Abtauchen in eine andere Geschichte als die Deine. So einfach kann das Leben sein, wenn man nur will.

Kann mir ein Kenner sagen, ob der Wein wenigstens gut ist?

Zwei Geschenke und ein Überbleibsel

14.10.2006, 01:12
Die Geächteten

Klickt hier: ~*Chopin*~

 

Es gibt Phasen im Leben – ja selbst in einem unbedeutenden und jungen Leben – in denen man rastlos nach irgendetwas rennt und nicht weiß, was es eigentlich ist. Dieser Drang kommt aus einer fiesen, inneren Leere heraus, die nicht groß genug ist, als dass man vollkommen resignieren könnte; aber die sich bemerkbar genug macht, als dass sie einen quält wie ein beißender, kalter Durchzug in einer klirrend kalten Sturmnacht.

Heute war so ein Tag – und dieses Gefühl endet noch immer nicht. Ich sitze hier und denke an das Einzige, das mir dieses Gefühl kurzzeitig mit Glück ersetzen könnte. Immer und immerwieder werde ich an diesem Bild festhalten. Ein Lagerfeuer, ein paar Menschen, Kinderlachen, Trommeln, Tanz und Meeresrauschen im Hintergrund. Wein, eine Gitarre, ein paar Stimmen, die herzhaft singen und dem blutleeren, gesellschaftskonformen Leben mit Leidenschaft trotzen. Ein lauthalser Chor, der irgendein Lied singt mit einem unsinnigem Text – völlig irrelevant was: Denn eigentlich sagt dieser Chor nur: "Wir gehören zusammen. Wir sind eins. Wir sitzen alle in ein und dem selben Boot. Egal, ob das Leben nun einen Sinn hat oder keinen – wir sind da. Scheiß drauf!"

Es gab viele Momente in meinem Leben, in denen ähnliche Situationen tatsächlich zustande kamen, deshalb vermisse ich sie so. Erwachsene würden es "Eine wilde Party mit viel Alkohol" nennen oder "Unerzogene, sinnentleerte Jugendliche, die mit ihrem Leben nichts Besseres anzufangen wissen, als zusammen abzuhängen und zu jammern".

Warum fragen sich diese immer mit Verachtung auf die "Unteren Gefilden" blickenden Menschen nie, was diese besoffenen Menschen, die aufeinanderhängen & verträumt ins Feuer schauen, wirklich empfinden? Warum fragen sie sich nicht, was den eine unsentimentale Liebeserklärung an die Insassen eines vom Sturm getriebenen Bootes eigentlich bedeutet? Sie soll nichts wert sein, weil das Lippenbekenntnis von einem Besoffenen kommt? Von einem Vernunftslosen?

Ich habe Menschen erlebt, die kriminell waren, aber soviel Seele hatten, dass es Dich umgehauen hat. Ich kannte einmal eine wunderschöne Prostituierte, sie hatte eine Unschuld und Güte in sich, die ich noch bei keiner einzigen selbstverliebten und selbsternannt "ehrbaren Frau" gesehen habe. Ich kannte gesellschaftlich verstoßene Schmarotzer, die am Tag mindestens einen Menschen zum Lächeln, Lachen und Weinen brachten – ohne einen Lohn zu erwarten.

Das sieht nur niemand, der sich nicht in dieses Boot traut. Ja, dieses Boot ist unberechenbar, die Menschen vielfältig, die Route driftet auch einmal ab und macht Umwege – aber dieses Boot ist das Leben und keine eingegrenzte Grauzone, in der man sich ständig vorsichtig bewegt, damit man ja nicht heraustritt in der Angst, dass man nicht mehr als "Mensch" angesehen wird.

Gott segne all jene Prostituierte dieser Welt, die noch mehr Reinheit und Moral in sich tragen, als diese verkorksten Selbst-Heuchler dieser verkopften & karrieregeilen Gesellschaft in der "Grauzone", die sie irgendwann, bevor der Tod sie einholt, geschockt und verzweifelt endlich als das entlarven, was es ist: Ein unsichtbares Gefängnis, in das Du Dich Dein Leben lang reingehockt hast, weil man Dich von den Gittern heraus mit Geldscheinen & Anerkennung gefüttert hat, obwohl Du eigentlich Wasser & Brot brauchtest.

 

"Erst ist das Leben Scheiße – und dann stirbst Du."
(Von einer Verrückten)

13.10.2006, 07:23
Mama Dini & ihre Kinder

Das ist das Bild, das mich begleitet, wenn ich an Dich denke, geliebte Freundin. Nun mehr als 19 Jahre hältst Du es an meiner Seite aus – und wir haben nur ein einziges Mal gestritten in all diesen Jahren. Und Gott weiß, wie unfassbar das ist, wenn wir bedenken, was für schwierige Zeiten wir hatten. Wir waren die 2 Einzelgänger, die zueinandergefunden haben. "Siamesische Zwillinge" nannten sie uns.

Heute prägt Dich Deine sanfte Mütterlichkeit – und mich das Kindliche. Dabei war ich es doch, die einst den Ton angab und Du jene, die mir folgte, aber dabei weise lächelte, als würde sie einer Göre wohlgesonnen ihre Kindereien gönnen. Danke für diese wunderschöne Nacht.