Archiv für November, 2006
25.11.2006, 19:22
“Die Sanfte” (Dostojewski)

Wieder ein fieberhaftes Werk. Wieder atemlos & ruhelos zu lesen bis zum letzten Augenblick. Unbedingt lesenswert!

Die Erzählung des Meisters schildert die Gedanken eines Ehemannes, der in seiner Wohnung neben der aufgebahrten Leiche seiner Frau ruhelos auf und ab geht und sich in einem verzweifelten und sehr lebhaften Selbstgespräch von Sinnen zur Klarheit redet und ihr ganzes, kurzes Eheleben revue passieren lässt.

Er erkennt und gibt letztendlich gnadenlos zu, dass er im Zusammenleben mit seiner sehr jungen, sanften und stolzen Frau Fehler gemacht hat, indem er ihrem schönen und liebevollen Wesen die Strenge und das Schweigen entgegen gehalten hat. Er wollte sie nach seinem Sinne erziehen und ihr klarmachen, dass er es ist, der sie gerettet hat und dem sie sich anzupassen hat.

All seine Strenge und all seine Regeln sind vorallem durch einige demütigende Erlebnisse vor ihrer Bekanntschaft bedingt. Er will sich in allem, was er tut, an seiner Umgebung rächen und die Gefühle der Unterlegenheit durch die strickte Selbstkontrolle seiner Gefühle gegenüber seiner Frau kompensieren und merkt nicht, wie seine sanfte Frau emotional verhungert & in sich verhärtet.

Erst kurz vor ihrem Tod erkennt er in einem Anflug von Wahn seine Liebe zu ihr und legt sie ihr zu Füßen. In der Erkenntnis der Frau, dass sie seelisch nun so tot und verstümmelt ist, dass sie all das, was sie sich die ganze Zeit über wünschte und nun von ihrem sonst so unnahbaren Mann vor die Füße geworfen bekam, nicht annehmen kann, fühlen, genießen und kann (da sie es abgetötet hatten), springt sie aus dem Fenster.

Er bleibt einsam zurück mit vielen Fragen, aber auch einem glasklaren Schuldbewusstsein über das Leben seiner toten Frau.

“Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind.”

Eine zarte Liebesgeschichte in all ihrer Unschuld & Schönheit in 4 sternklaren, kalten Winternächten in Petersbourg. Ich habe selten soetwas Zerbrechliches und Schönes gelesen. Ich habe das Buch vorhin zugeklappt und bin jetzt voller Wehmut. Der Mann, der soetwas schreiben kann, muss einfach nur eine wunderschöne & sehr zerbrechliche Seele haben…

Dostojewskij erzählt die Geschichte eines einsamen Spaziergängers und Träumers, der auf eine verzweifelte, junge Frau trifft. Aus dieser Begegnung entwickeln sich wundervolle Gespräche und eine schöne Liebe von Seele zu Seele.

Ein vorerst scheinbar durchschnittliches Buch, das ich gerade zu Ende gelesen habe, weil der Schreibstil und der Aufbau alles dran zu setzen scheint, dass der Leser diese Frau und ihre Geschichte nicht versteht, sie einfach nicht greifen kann. Abgehackte Sätze, eine Erzählweise, bei der man das schleichende Gefühl hat, man habe es mit einer kalten, lethargischen und abwesenden Frau zu tun, die neben sich selbst steht und völlig emotionslos schreibt – aber eben doch nicht emotionslos, da man spürt, dass sie all das nicht hätte bei vollem Dasein schreiben können, weil sie sonst vor emotionaler Erregung zusammengebrochen wäre. Vielleicht ist genau das die Würze ihres kurzen, autobiografisch angehauchten Romans. Aber auch das ist es wiederum, was den Roman so langatmig macht, obwohl es gerade mal knapp 100 Seiten lang ist.

Der Liebhaber

In diesem Roman von Marguertie Duras geht es um ein 15 Jähriges Mädchen, das sich in einen Chinesen “verliebt” und dieser ihr gänzlich verfällt. Sie wird täglich von ihm in seiner Limousine abgeholt und jeden Tag tiefer – auf ihren eigenen Wunsch hin – in die Extase der Sexualität eingeführt. Das Interessante an ihrer Beziehung ist, dass sie rein sexueller Natur zu sein scheint, aber einer übersinnlichen, einkrallenden Sexualität, die einen wirklich durch und durch in Besitz nimmt. Der Chinese ist ihr verfallen – und sie begehrt ihn, will aber nur als Prostituierte behandelt werden und Geld nach Hause bringen.

Interessant ist auch die fragmentarisch geschilderte Beziehung zwischen ihr, ihrer psychisch kranken Mutter und ihren Brüdern. Eine völlig kaputte, kalte Familie, über die man unbedingt mehr erfahren will, aber alles so verschleiert bleibt, wie in ihren Erinnerungen als Folge ihrer Verdrängungsversuche. Oft schrieb sie einfach nur “die Mutter”, als würde sie ihre Mutter mit dieser Bezeichnung vom Leib halten wollen.

Es gab eine Szene in diesem Buch, die ich fasziniert gelesen habe, da sie die einzige Stelle war, in der sie nicht neben sich stand, sondern in voller Leidenschaft schrieb – und zu Ende schrieb. Ihre Gedanken wirklich zu Ende schrieb:

“Der Körper von Helene Lagonelle ist schwer, unschuldig noch, die Zartheit ihrer Haut ist die gewisser Früchte, kaum fassbar, einwenig trügerisch, nicht auszuhalten. Sie weckt das Verlangen, sie zu töten, sie ruft den wunderbaren Traum wach, sie mit eigenen Händen umzubringen. Ihre köstlichen Formen trägt sie ohne Wissen zur Schau, sie zeigt diese Dinge, die von Händen geknetet, von einem Mund verschlungen werden wollen, ohne sich zu besinnen, ohne etwas von ihnen zu wissen, ohne auch nur etwas von ihrer sagenhaften Macht zu wissen.

Ich möchte die Brüste von Helene Lagonelle verschlingen, so wie er meine Brüste verschlingt in jenem Zimmer in der Chinesenstadt, das ich jeden Abend aufsuche, um das Wissen um Gott zu vertiefen. Mich verzehren nach diesen köstlich zarten Brüsten, die die ihren sind.

Ich bin schwach vor Verlangen nach Helene Lagonelle.
Ich bin schwach vor Verlangen.

Ich will Helene Lagonelle mitnehmen, dorthin, wo ich mir jeden Abend, mit geschlossenen Augen die Lust hole, die schreien lässt. Ich möchte Helene Lagonelle jenem Mann geben, der es mit mir macht, damit er auch ihr es macht. Und zwar in meiner Gegenwart, wie ich es verlange, soll sie es tun, sie soll sich dort hingeben, wo auch ich mich hingebe. So würde dieLust über den Umweg des Körpers von Helene Lagonelle, nachdem sie durch ihn hindurchgegangen ist, mir zuteil werden von ihm, nun endgültig.

Zum Sterben wäre das.”

Ich empfehle dieses Buch nach längerem Grübeln nur bedingt, denn es ist wie eine unbequeme Fahrt mit der Kutsche. Dennoch möchte ich anmerken: Diese Frau hat einen heftigen Sinn für Leidenschaft und krankhafte Hingabe. Egal in welcher Form. Sie ist selbstzerstörerisch und absolut. Das gefällt mir.

23.11.2006, 12:22
Was will die Frau?

Ich lese gerade Oscar Wilde’s Klassiker “Das Bildnis des Dorian Gray” und bin schon oft auf sehr interessante Stellen gestoßen, die der arrogante, zynische Lord Harry mit seinen Weisheiten über die menschliche Psyche geschmückt hat. Hier ein kleiner Ausschnitt, über den ich geholpert bin und der vielleicht ein guter Impuls für eine Diskussion ist:

“Ich war furchtbar grausam zu ihr. Du vergisst das, Harry.”, sagte Dorian.
“Ich fürchte, die Frauen schätzen die Grausamkeit, unverhohlene Grausamkeit, mehr als irgend sonst etwas. Sie haben wundervoll primitive Triebe. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben Sklavinnen, die auf die Augen des Herrn blicken, trotz alldem. Sie wollen beherrscht sein. Ich zweifle nicht, dass Du fabelhaft warst. Ich habe Dich nie wirklich und ganz und gar in Zorn gesehen; aber ich kann mir vorstellen, wie entzückend du aussahst [...]

Ist das so? Wollen Frauen die Grausamkeit auch im Alltag? Wollen sie beherrscht werden? Mir ist bewusst, dass viele Frauen in ihrer Sexualität gerne “beherrscht” und “besessen” werden – ja, auch gerne in diesem Lustspiel “besiegt” werden wollen. Aber wie sieht es im Alltag aus? Wollen Frauen mehr als nur einen starken Mann, der sich da draußen durchsetzen kann, wenn es um die Existenz ihres Nestes geht? Oder wollen sie jemanden, der sie von Zeit zu Zeit mal durch Grausamkeiten unterwirft?

Verwechselt Lord Harry hier die Suche nach Schutz & natürlicher Autorität der Frau mit der Suche nach Grausamkeit als Zeichen von Stärke & Überlegenheit?

22.11.2006, 23:43
Das “Nichts” danach

Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht über die emotionalen Gründe dafür, warum man an Gott, das Jenseits, das Paradies etc. glaubt. Viele sagen, dass man an Gott glaubt, weil der Mensch selbst sich schwach fühlt. Oder dass Menschen mit der Endlichkeit ihres Lebens nicht klarkommen und sich deshalb ein Leben nach dem Tode konstruieren, um ausgeglichener und mit weniger Angst leben zu können. Gerade arme Menschen oder Menschen mit harten Schicksalsschlägen sollen sich besonders am Leben im Jenseits festhalten, weil sie ihr Schicksal dann besser ertragen können.

Nun habe ich mich selber einem Experiment unterzogen und viel nachgedacht. Ich fragte mich ganz intensiv, wie es für mich wäre, wenn nach meinem Tod nichts meher käme. Also wirklich nichts. Mein Bewusstsein erstorben, mein Körper verfallen im Sarg, nur die Erinnerungen an mich oder meine genetische Brut durch die Welt zerstreut. Vielleicht meine Texte, Poesie, Kurzgeschichten noch – mehr nicht. Einfach nichts.

Ich muss sagen, dass der Gedanke mich anfangs erschreckte, aber mit der Zeit habe ich dieses abstrakte “Nichts” als sehr erlösend und heilsam empfunden. Innere Ruhe, weil es kein “Inneres” mehr gibt – ohne die Ruhe empfinden zu können. Keine Empfindungen, absolute Freiheit, weil man eben keinen Gesetzmäßigkeiten mehr unterliegt, keine körperlichen Schmerzen, kein Kampf mehr in der Hölle auf eine weitere Chance für’s Paradies, keine Wiedergeburt und somit kein Kreislauf des Leides – einfach nichts.

Ich finde den Gedanken recht verlockend, dass danach nichts kommen wird. Dass ich in diesem “Nichts” mit all den anderen Menschen “weile”, ohne wirklich zu weilen – und ich mich in nichts von den Anderen unterscheide, weil es mich gar nicht mehr gibt. Ja, es war angenehm. Wie ein sehr wames Bett, ein tiefer Schlaf ohne Bewusstsein, ohne Traum.

Und dennoch: Auch, wenn ich keine Angst vor diesem Nichts habe, glaube ich weiterhin an Gott. Woran liegt das nun? An meiner Angst vor dem “Nichts” kann’s nicht mehr scheitern. Was ist es denn jetzt?