Ich muss 16 gewesen sein, als ich mich in meinen Französischlehrer verliebte. Er kam leider einwenig zu spät in mein Leben, um meine Begeisterung für diese eigentlich doch so schöne Sprache noch in einer Zeit zu fördern, in der ich hätte wirklich intensiv französisch lernen können. Ich bin damals nur mit in den Kurs gegangen, weil ich gerade an dem Tag mit einem Klassenkumpel noch in die Stadt wollte und er eben seine erste Französischstunde noch hinter sich bringen musste. Also ging ich mit rein.
Eigentlich hatte ich wenig Lust. Ich war froh, dass ich Französisch schon hinter mich gebracht hatte – und der Trotz in mir gegen diese Sprache wuchs von Neuem. Aber was soll’s? Während wir auf den Lehrer warteten, saßen wir da, kritzelten unanständige Comics, lachten uns tot, wunderten uns kurz, warum der Französischlehrer noch nicht da war, flaxten weiter, mein Negerkuss flog gegen die Tafel (Ich war’s nicht!), ich schimpfte, weil man Lebensmittel niemals so behandeln durfte, putzte die Tafel und spürte, während ich noch meckernd putzte, irgendeine “Hitze” hinter mir, die ich nicht definieren konnte (und heute auch noch nicht kann, wenn ich an diesen seltsamen Augeblick zurückdenke).
Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment an der Tafel, als ich mir dachte: “Sherry, schau’ jetzt nicht zurück, da hinter Dir stimmt etwas nicht. Da stimmt etwas nicht vallah be Khoda!”
Ich drehte mich natürlich um – und mein Französischlehrer stand hinter mir, ca. 1.90 m groß, skeptisch auf mich herabblickend und mit einem unverschämten, verschmitzten Lächeln, das seinesgleichen suchte.
“Mademoiselle?”, sagte er und musterte mich.
“Monsieur… Ehm. Sie sind reichlich spät!”, rief ich aus, um meine unergründliche Unsicherheit zu kaschieren.
Ich galt in der Öffentlichkeit nie wirklich als schüchtern, muss ich hier erwähnen. Ich muss hier aber auch erwähnen, dass ich in Wirklichkeit verdammt schüchtern war und meine Schüchternheit lediglich mit einer vorlauten Klappe und meinem angeborenen Temperament zu übertönt wurde – ganz bewusst. Dieses Temperament hat mich wirklich immer gerettet, so dass ich nicht ständig irgendwo zurückgezogen und leise das Gesicht senkte.
Aber gerade in dem Moment bin ich bisschen rot geworden, was gar nicht typisch für mich ist. Dieser Umstand bewirkte, dass ich diesem komisch aussehenden Lehrer, der mich da noch immer unverblühmt ansah, sehr böse war. Was fiel ihm denn jetzt bitteschön ein, so spät zu kommen und sich nicht einmal zu entschuldigen! Und prompt sagte er:
“Je vous demande pardon, Mademoiselle.”
“Jaja, schon oke…”, murmelte ich kaum hörbar und verzog mich aus dieser mir wirklich unangenehmen Situation.
Der “Unterricht” begann. Dieser große Mensch da vorne, begann, sich vorzustellen. Er wirkte irgendwie immer einwenig gelangweilt, sarkastisch und wie ein richtiger Franzose aus dem Bilderbuch. Er schien gut zu essen, gut zu trinken. gut zu poppen – und die Art, wie er Französisch sprach, war ganz anders als Madame Menke damals. Er erzählte viel, aber ich hörte nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die Art, wie er etwas sagte und erwischte mich wirklich verärgert darüber, dass ich diesen unverschämten, viel zu groß geratenen, auch noch blonden und blauäugigen (Skandal!), viel zu alten und eigentlich gar nicht gutaussehenden Lehrer verdammt anziehend fand.
Ich kam absolut nicht damit klar – und der einzige Weg, das irgendwie auszuhalten war der, dass ich ihm in jener, ersten Französischstunde trotzte, wo es nur ging. Er schmiss uns gelangweilt die Französischbücher zu, sagte in seinem viel zu unsauberen Französisch (damals dachte ich “unsauber”, aber sein Französisch war einfach verdammt authentisch!) irgendwelche unverständlichen Seitenzahlen und zeigte eiskalt mit dem Finger auf mich, ich solle vorlesen. (Oh nein!)
“Ich gehöre gar nicht zum Kurs, ich warte nur auf meinen Freund.”, sagte ich hektisch.
“Wie? Sie brauchen keinen Französischschein?”, hakte er nach.
“Doch, schon. Aber ich hatte schon 3 Jahre Französisch.”, antwortete ich schnippisch.
“Das ist doch bestens, Madame (?) …”
“Sherry. Ich heiße Sherry.”, fiel ich ihm ins Wort.
“Ahhh. Chérie. Frau Chérie…”, betonte er ganz langsam -
“Ich finde es ganz passend, dass wir hier jemanden im Kurs haben, der schon einwenig französisch kann. Lesen Sie bitte vor.”
Ich machte große Augen, nein, ich wollte auf keinen Fall vorlesen. Nein! Ich weiß, er wartete nur auf eine Gelegenheit, mir meine Schnippischkeiten heimzuzahlen. Aber es ging nicht anders, ich begann vorzulesen – und irgendetwas schien diesen doofen, wirklich doofen, wirklich doofen Monsieur zu belustigen. (Wenn ich nur wüsste, was es war!)
Als ich fertig war, grinste er, bedankte sich – und der Unterricht ging weiter. Irgendwie war ich wütend. Ich weiß nicht, wieso genau – aber es lag wohl daran, dass ich mich von diesem unverschämten, viel zu alten Typen (wir erfuhren noch in der ersten Stunde, dass er 43 Jahre alt war) extrem angezogen fühlte und nicht einmal wusste, was ich an ihm so mochte. Das Schlimmste war eigentlich, dass ich befürchten musste, dass er intelligent und gerissen genug war, um die Anziehung, die er auf mich hatte, sofort zu bemerken, was meinen Trotz und meine Unfreundlichkeit noch mehr herausforderte – so als plakativer Beweis dafür, dass ich ihn überhaupt nicht leiden konnte.
Ich zermürbte mir die ganze Stunde über den Kopf und lachte innerlich immerwieder über mich, denn: Ich würde diesen Unterricht sowieso nicht mehr besuchen. Ich war doch nur an jenem Tag dabei, um auf Chrissi zu warten, weil wir in die Stadt wollten. Ich hatte meinen Französisch-Pflichtbereich doch schon abgedeckt, das war doch alles nur eine dumme Ausnahme, außerdem war der Typ da zu alt und unförmig für meinen Geschmack – und um Gottes Willen – blond dazu. Was sollte ich denn bitte mit blond anfangen? Blond durfte nur Michael (meine erste Liebe – also Liebe, keine Beziehung) sein, aber der war ja auch etwas Besonderes und nicht wie dieser unverschämte, französisch-nuschelnde Typ! Ja!
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als alle die Bücher zugeklappten. Ich schaute verwirrt auf diesen Monsieur da vorne. Er fragte, wie wir die Stunde empfunden hätten. Ich meldete mich entschlossen, er nahm mich dran und ich ließ mich dann aus:
“Also, Monsieur! Nicht nur, dass Sie zu Ihrer ersten Französisch-Stunde zu spät erschienen sind, nein! Ihr Unterricht war total chaotisch, unstrukturiert und Ihr Französisch… Lieber Monsieuer, ich will mich ja nicht als Sprachexpertin auftun, aber ich verstehe kein Wort von Ihrem Genuschel!”
“Danke für Ihr Kritik, Chérie. Dafür, dass Ihnen die Stunde eigentlich egal sein könnte, weil Sie uns eh nicht mehr beglücken werden, haben Sie sich aber viele Gedanken gemacht.”, lächelte er unverschämt. Ich kam mir so entblößt vor.
“Sonst noch jemand?”, fragte er.
Die Anderen verdrehten nur die Augen, sie wollten eigentlich nur ihre Bücher packen und raus. Niemand fügte meiner Kritik etwas hinzu, der Monsieur entließ uns vergnügt aus dem Unterricht – und wir platzten aus der Klasse.
“Gott sei Dank ist diese doofe Französischstunde vorbei, und ich brauche sie niewieder zu besuchen”, sagte ich zu Chrissi.
“Ich kann diesen Typen nämlich gar nicht leiden.”
Die Woche darauf erschien ich wieder pünktlich zur Französisch-Stunde.


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*totlach*
Und wie ist es nun weiter gegangen?? Wurdest Du dann eine Musterschülerin??
Niemals. Meine trotzige Art behielt ich bis zur letzten Französischstunde (2 jahre lang). Vom Unterricht bekam ich wenig mit, wenn ich ehrlich bin. Viel eher habe ich ihn eifersüchtig gemacht mit den Liebesbriefen von meinem tunesischen Bekannten aus Hammamet, die ich ihm immer zu übersetzen gab. *totlach*
Mein Französischlehrer hat sich jedenfalls einwenig in mich “verknallt” gehabt, auch wenn sein Interesse nicht von solcher Entschiedenheit war, wie meines. Er war verheiratet – und sein Sohn war damals älter als ich. Ja. Außerdem hatte seine Frau einen so schönen Namen, da konnte ich nicht mithalten.
Auf der wilden Abi-Feier haben wir dann miteinander getanzt. Das wäre voll das heftige Erlebnis für mich gewesen, wenn ich da noch so heftig in ihn verliebt gewesen wäre.
P.S.: Ja, ich war verliebt. Mit Telefon-Klingelmäuschen, Adresse rausfinden, etc. Hahahahaha…
aber französisch ist so eine schöne sprache, die will ich auf jeden fall bis zum ende behalten. spanisch ist aber irgendwie cooler.
lol der franzsösichlehrer hat sich ja regelrecht beim weiterlesen gewandelt, weil du im verlauf ja immer weiter das aussehen, die charaktermerkmale und seine framzsösischaussprache (und seine blonden haare HAHA) konkretisiert hast.
ein knüller.
au revoir ma seule chérie préferée .
LOL… Ach, Kakum. Wir haben uns die ganze Zeit über, die ganzen 1.5 Jahre weiter geärgert und fertig gemacht. Er hat ab und zu sexistische Witze gerissen, die haargenau auf mich passten. (Frauen mit großer Oberweite.. Zu hitzige Frauen… Freche Mädchen…) Immer sowas.
Boah, einmal hat er seine Jacke in der Klasse vergessen. Er war grad am rausgehen und ich sah, er vergisst grad seine Jacke.
Aber ich hab es ihm nicht gesagt. Ich wollte mit dieser Jacke unbedingt allein sein, weißt Du?
Er war weg. Als genug Zeit verging, nahm ich diese Jacke ganz vorsichtig in die Hand. Hatte richtig schiss, war am Zittern. Ich nahm sie und umarmte sie ganz schnell, hektisch und fest, roch dran, hab’ weiche Knie bekommen und bin zum Lehrerzimmer gegangen:
“Tjah, Monsieuer. Sie haben mal wieder etwas vergessen. Diesmal Ihre Jacke.
”
Und bin dann abgezischt.
Maaaaaaaan Schatz hab lang nich mehr so gelacht
LOL
hahaha. guck mal, was ich dir bezogen auf die sprache französisch ins gästebuch geschrieben hab. so ein zufall
Ich gucke!

” Ich galt in der Öffentlichkeit nie wirklich als schüchtern, muss ich hier erwähnen. Ich muss hier aber auch erwähnen, dass ich in Wirklichkeit verdammt schüchtern war und meine Schüchternheit lediglich mit einer vorlauten Klappe und meinem angeborenen Temperament zu übertönt wurde – ganz bewusst. Dieses Temperament hat mich wirklich immer gerettet, so dass ich nicht ständig irgendwo zurückgezogen und leise das Gesicht senkte. ”
Wohl irgendwie selbstbewusst aus selbstschutz, was?
Genau wie ich
Aber sherry, was meinst du jetzt mit genau mit gut zu poppen?!
SörbLi,
das heißt, dass mein Französischlehrer so aussah, wie ein Mann, der rischtisch lebte wie ein Franzose.