Du hast den Regen vergessen. Er sucht Dich heute noch immer. Damals wusch er Dich rein, als Deine Hände sich nach ihm streckten und Du ihm in der warmen Sommerschwüle Dein lachendes Gesicht und Deine schwarzen Wimpern als weichen Boden schenktest. Rein wusch er Dich – bis in die Fingerspitzen warst Du nur noch pur wie der reißerische Fluss, der mit Gewalt und Leidenschaft seine Mündung suchte.
Du hast den Regen vergessen. Heute bist Du gelb wie der Neid einer strengen Frau mit zu auffälliger Toilette. Dein Lächeln strahlt noch immer weiße Zähne – doch Deine Augen spielen nicht mit. Lebhaft kokettierst Du mit all Deiner Pracht – doch Deine Augen spielen nicht mit. Deine Hände rufen auf zum Tanz, Dein wildes Gelächter ruft zur Freude und manchmal zur Eleganz – doch nein: Deine Augen spielen nicht mit.
Du hast den Regen vergessen, er sucht Dich heute noch immer. Damals, als Du um Deine Liebsten weintest, stahl er Dir die pulsierenden Tränen, die Du ihm zur Geliebten schenktest. Rein wusch er Dich bis in jeder wunden Windung Deines Fleisches, Deiner Seele – so dass Du vor wilder Freiheit aufschriest.
Du hast den Regen vergessen. Heute bist Du grün-grau wie der fressende Ehrgeiz einer Made in anderer Leute Leiber. Edel und voller Stolz sprichst Du Dir Einfluss und Ruhm zu – doch Deine Augen spielen nicht mit. Die Früchte Deines Könnens baumeln prall an den schweren Ästen Deiner Hände – doch Deine Augen spielen nicht mit. Das Glück der Sieger strahlt aus Deiner Stirn – doch nein: Deine Augen spielen nicht mit.
Du hast den Regen vergessen, doch suchen tust Du ihn nicht. Zu träge ist der Schmutz Deiner Haut, getränkt vom dickflüssigen Ausfluss eines schlammigen Treibsandes Richtung Sumpf im Tief. Braun-Grün nagt die Gier an Deinem Hals – und Deine Augen spielen mit. Wut-Rot klopft Dein Versagen an Deine Schläfe – und Deine Augen spielen mit. Eisblau-Kalt der Wind, der in der Leere Deiner Seele gottverlassen pfeift – doch ja: Deine Augen spielen mit. Du hast den Regen vergessen…


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