Archiv für Dezember, 2006
13.12.2006, 03:47
Was übrig blieb

Jeder Schritt zu Dir
wie heißes Blut
im klirrenden Schnee

Jeder Atemzug für Dich
wie des Messers Schneide
durch meine Lunge

Jeder Gedanke an Dich
wie ein fiebriger Eisengürtel
um meinen schreienden Kopf

Jeder Kuss für Dich
wie das Ablassen
von meiner eigenen Würde

Jedes Gefühl der Liebe
wie der Ruf der Verführung
in den Schlund der Sünde

Ich hasse Dich.

Forbidden Fruit

12.12.2006, 15:18
Das offene Tor

Es gibt dieses kleine Intervall zwischen Wachsein und Schlaftrunkenheit, das man noch bewusst wahrnimmt. Jeder kennt es – und jeder, den ich kenne, denkt in jenem Moment, dass Schlaf das Wundervollste auf der Welt sei. Die Übergänge zwischen “realer Wahrnehmung” und “assoziativer Wahrnehmung” werden empfunden, aber alles Surreale, das man sieht, nicht wirklich als ungewöhnlich gesehen. Wie es auch oft im Traum vorkommt, denkt man sich: “So ist das hier. So war es schon immer, und das ist völlig normal.” Nicht einmal so weit denkt man, denn das würde ja bedeuten, dass man irgendeinen Kontrast zwischen Traumwelt und realer Welt empfinden würde – doch das passt nicht zum natürlichen Empfinden dieses Intervalls, das man hat.

Ich habe letztens dieses kleine Tor des bewussten “Träumens” festgehalten. Ich konnte mich dazu zwingen, mich auf die surrealen Bilder, die ich sah, zu konzentrieren, auch wenn die Bilder nicht mehr unbefleckt von meiner bewussten Vernunft waren, so waren sie dennoch intensiv und bemerkenswert.

Ich sah, wie ich von einem Strahl der Sonne wie an einer Stange runterglitt und mich ohne Angst und voller Freude in die Welt warf und rief: “Ich komme gleich. Welt, ich komme gleich, warte…” Ich lachte und schrie, so frei war ich. An dieses Bild und meine Empfindungen darin erinnere ich mich noch sehr gut, die anderen waren nicht mehr festzuhalten. Da war ein Bild, da nahm mich Papa an die Hand, aber war selber noch ein Kind, nannte mich aber “Dokhtaram (meine Tochter).”

Wir rannten lachend und er wollte mir etwas zeigen in seinem Versteck. Ich weiß jetzt, woher ich meine großen Augen habe, die hatte Papa als Kind auch. Ich sehe aus wie er, das weiß ich jetzt. Dann zeigte er mir eine alte, kleine, vermoderte Schatzkiste, in der er seine Murmeln aufbewahrte. Wunderschöne, glitzernde Murmeln, nicht von dieser Welt. Er zeigte sie mir und sagte, ich solle sie in die Hand nehmen.

Als ich die Augen öffnete, wusste ich, was mein Papa zu Weihnachten kriegt: Eine Schatztruhe mit wunderschönen Murmeln. Im Iran war er Murmel-Spiel-Meister, wie alle Männer, die heute noch kleine Jungs sind. Ich weiß, dass es ein Weihnachtsgeschenk sein wird, woran er sehr lange seine Freude empfinden wird.

Und das ist das, was ich sagen will. Hört manchmal mehr auf die Stimme der Unvernunft. Und wehrt Eure Bilder nicht ab, sie wissen viel mehr als die linearen Impulse Eurer Alltagsvernunft. Vorallem, wenn es um Herzensdinge geht.

Ich werde das offene Tor heute Nacht wieder nutzen, wenn ich es schaffe. Dann versuche ich noch mehr Bilder mitzunehmen.

11.12.2006, 15:25
Jeden Tag

Jeden Tag sagst Du mir, dass alles gut wird. “Ich glaube nicht oft und viel, weil ich bin Wissenschaftler, das weißt Du. Aber wenn ich in meinem Leben mal aus einer inneren, unergründbaren Überzeugung etwas geglaubt habe, so ist es auch genau so eingetroffen, mein Schatz.” – Auch, und gerade in Dir, finde ich mein Ur-Vertrauen wieder, das ich durch die ganze turbulente Zeit durch erhalten konnte. Weißt Du das? Vergiss’ meine heftigen Anklagen, wenn ich mal wütend bin. Nimm’ meine Wut an sich ernst, Azizam, denn sie will meinem Schmerz und irgendeinem ungerechten Umstand Luft verschaffen. Aber nimm’ nie die Inhalte, die ich Dir in meiner Wut an den Kopf werfe, ernst.

Wisse das.

11.12.2006, 01:08
Lost Lady
09.12.2006, 15:28
Das Mädchen und der Mond

Und dann schaffte das Mädchen es endlich, auf die weite Krone dieses starken Baumes zu gelangen. Ihr Kleidchen war zerissen, ihre Waden zerkratzt und blutig – doch sie hatte es geschafft. Sie saß hoch oben auf den alten Erinnerungen des Baumes, der jeden Tag Zeuge einer traurigen Romanze wurde. Die Sonne ging unter und küsste ertrinkend das Meer. In der Umgebung zischte es bei soviel Leidenschaft. Was die Sonne nicht wusste – seit sovielen Jahren einfach nicht wusste – war, dass der Mond sie vom ersten Tag an beobachtete. Mal weinend, mal lächelnd, mal loslassend, mal selbst das Meer bewundernd.

Es wurde Nacht. Das Mädchen saß noch immer hoch oben auf der Krone dieses Baumes. Und als sie fast eingeschlafen war und noch traurig über den armen Mond, der von seiner Sonne betrogen wurde, Gedanken verlor, die sich irgendwann in Träume wandelten, hörte sie eine klagende Stimme, die sang, die sang, die von ihrer Liebe sang und sang – die bis zum nächsten Sonnenuntergang singen würde und auch noch singen würde, wenn die Sonne das Meer wieder küsste…

Hören: ~*Good enough for you*~

Under your spell again
I can’t say no to you
crave my heart and its bleeding
in your hand
I can’t say no to you

Shouldn’t have let you
torture me so sweetly
now I can’t let go of this dream
I can’t breathe but I feel

Good enough
I feel
good enough for you

Drink up sweet decadence
I can’t say no to you
and I’ve completely
lost myself and I don’t mind
I can’t say no to you

Shouldn’t have let you
conquer me completely
now I can’t let go of this dream
can’t believe that I feel

Good enough
I feel good enough
its been such a long time
coming, but I feel good

And I’m still waiting
for the rain to fall
pour real life down on me
cause I can’t hold on to
anything this good
enough
am I good enough
for you to love me too?

so take care what you ask of me
cause I can’t say no

08.12.2006, 14:24
Die Französisch-Stunde

Ich muss 16 gewesen sein, als ich mich in meinen Französischlehrer verliebte. Er kam leider einwenig zu spät in mein Leben, um meine Begeisterung für diese eigentlich doch so schöne Sprache noch in einer Zeit zu fördern, in der ich hätte wirklich intensiv französisch lernen können. Ich bin damals nur mit in den Kurs gegangen, weil ich gerade an dem Tag mit einem Klassenkumpel noch in die Stadt wollte und er eben seine erste Französischstunde noch hinter sich bringen musste. Also ging ich mit rein.

Eigentlich hatte ich wenig Lust. Ich war froh, dass ich Französisch schon hinter mich gebracht hatte – und der Trotz in mir gegen diese Sprache wuchs von Neuem. Aber was soll’s? Während wir auf den Lehrer warteten, saßen wir da, kritzelten unanständige Comics, lachten uns tot, wunderten uns kurz, warum der Französischlehrer noch nicht da war, flaxten weiter, mein Negerkuss flog gegen die Tafel (Ich war’s nicht!), ich schimpfte, weil man Lebensmittel niemals so behandeln durfte, putzte die Tafel und spürte, während ich noch meckernd putzte, irgendeine “Hitze” hinter mir, die ich nicht definieren konnte (und heute auch noch nicht kann, wenn ich an diesen seltsamen Augeblick zurückdenke).

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment an der Tafel, als ich mir dachte: “Sherry, schau’ jetzt nicht zurück, da hinter Dir stimmt etwas nicht. Da stimmt etwas nicht vallah be Khoda!”

Ich drehte mich natürlich um – und mein Französischlehrer stand hinter mir, ca. 1.90 m groß, skeptisch auf mich herabblickend und mit einem unverschämten, verschmitzten Lächeln, das seinesgleichen suchte.

“Mademoiselle?”, sagte er und musterte mich.
“Monsieur… Ehm. Sie sind reichlich spät!”, rief ich aus, um meine unergründliche Unsicherheit zu kaschieren.

Ich galt in der Öffentlichkeit nie wirklich als schüchtern, muss ich hier erwähnen. Ich muss hier aber auch erwähnen, dass ich in Wirklichkeit verdammt schüchtern war und meine Schüchternheit lediglich mit einer vorlauten Klappe und meinem angeborenen Temperament zu übertönt wurde – ganz bewusst. Dieses Temperament hat mich wirklich immer gerettet, so dass ich nicht ständig irgendwo zurückgezogen und leise das Gesicht senkte.

Aber gerade in dem Moment bin ich bisschen rot geworden, was gar nicht typisch für mich ist. Dieser Umstand bewirkte, dass ich diesem komisch aussehenden Lehrer, der mich da noch immer unverblühmt ansah, sehr böse war. Was fiel ihm denn jetzt bitteschön ein, so spät zu kommen und sich nicht einmal zu entschuldigen! Und prompt sagte er:

“Je vous demande pardon, Mademoiselle.”
“Jaja, schon oke…”, murmelte ich kaum hörbar und verzog mich aus dieser mir wirklich unangenehmen Situation.

Der “Unterricht” begann. Dieser große Mensch da vorne, begann, sich vorzustellen. Er wirkte irgendwie immer einwenig gelangweilt, sarkastisch und wie ein richtiger Franzose aus dem Bilderbuch. Er schien gut zu essen, gut zu trinken. gut zu poppen – und die Art, wie er Französisch sprach, war ganz anders als Madame Menke damals. Er erzählte viel, aber ich hörte nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die Art, wie er etwas sagte und erwischte mich wirklich verärgert darüber, dass ich diesen unverschämten, viel zu groß geratenen, auch noch blonden und blauäugigen (Skandal!), viel zu alten und eigentlich gar nicht gutaussehenden Lehrer verdammt anziehend fand.

Ich kam absolut nicht damit klar – und der einzige Weg, das irgendwie auszuhalten war der, dass ich ihm in jener, ersten Französischstunde trotzte, wo es nur ging. Er schmiss uns gelangweilt die Französischbücher zu, sagte in seinem viel zu unsauberen Französisch (damals dachte ich “unsauber”, aber sein Französisch war einfach verdammt authentisch!) irgendwelche unverständlichen Seitenzahlen und zeigte eiskalt mit dem Finger auf mich, ich solle vorlesen. (Oh nein!)

“Ich gehöre gar nicht zum Kurs, ich warte nur auf meinen Freund.”, sagte ich hektisch.
“Wie? Sie brauchen keinen Französischschein?”, hakte er nach.
“Doch, schon. Aber ich hatte schon 3 Jahre Französisch.”, antwortete ich schnippisch.
“Das ist doch bestens, Madame (?) …”
“Sherry. Ich heiße Sherry.”, fiel ich ihm ins Wort.
“Ahhh. Chérie. Frau Chérie…”, betonte er ganz langsam -
“Ich finde es ganz passend, dass wir hier jemanden im Kurs haben, der schon einwenig französisch kann. Lesen Sie bitte vor.”

Ich machte große Augen, nein, ich wollte auf keinen Fall vorlesen. Nein! Ich weiß, er wartete nur auf eine Gelegenheit, mir meine Schnippischkeiten heimzuzahlen. Aber es ging nicht anders, ich begann vorzulesen – und irgendetwas schien diesen doofen, wirklich doofen, wirklich doofen Monsieur zu belustigen. (Wenn ich nur wüsste, was es war!)

Als ich fertig war, grinste er, bedankte sich – und der Unterricht ging weiter. Irgendwie war ich wütend. Ich weiß nicht, wieso genau – aber es lag wohl daran, dass ich mich von diesem unverschämten, viel zu alten Typen (wir erfuhren noch in der ersten Stunde, dass er 43 Jahre alt war) extrem angezogen fühlte und nicht einmal wusste, was ich an ihm so mochte. Das Schlimmste war eigentlich, dass ich befürchten musste, dass er intelligent und gerissen genug war, um die Anziehung, die er auf mich hatte, sofort zu bemerken, was meinen Trotz und meine Unfreundlichkeit noch mehr herausforderte – so als plakativer Beweis dafür, dass ich ihn überhaupt nicht leiden konnte.

Ich zermürbte mir die ganze Stunde über den Kopf und lachte innerlich immerwieder über mich, denn: Ich würde diesen Unterricht sowieso nicht mehr besuchen. Ich war doch nur an jenem Tag dabei, um auf Chrissi zu warten, weil wir in die Stadt wollten. Ich hatte meinen Französisch-Pflichtbereich doch schon abgedeckt, das war doch alles nur eine dumme Ausnahme, außerdem war der Typ da zu alt und unförmig für meinen Geschmack – und um Gottes Willen – blond dazu. Was sollte ich denn bitte mit blond anfangen? Blond durfte nur Michael (meine erste Liebe – also Liebe, keine Beziehung) sein, aber der war ja auch etwas Besonderes und nicht wie dieser unverschämte, französisch-nuschelnde Typ! Ja!

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als alle die Bücher zugeklappten. Ich schaute verwirrt auf diesen Monsieur da vorne. Er fragte, wie wir die Stunde empfunden hätten. Ich meldete mich entschlossen, er nahm mich dran und ich ließ mich dann aus:

“Also, Monsieur! Nicht nur, dass Sie zu Ihrer ersten Französisch-Stunde zu spät erschienen sind, nein! Ihr Unterricht war total chaotisch, unstrukturiert und Ihr Französisch… Lieber Monsieuer, ich will mich ja nicht als Sprachexpertin auftun, aber ich verstehe kein Wort von Ihrem Genuschel!”

“Danke für Ihr Kritik, Chérie. Dafür, dass Ihnen die Stunde eigentlich egal sein könnte, weil Sie uns eh nicht mehr beglücken werden, haben Sie sich aber viele Gedanken gemacht.”, lächelte er unverschämt. Ich kam mir so entblößt vor.
“Sonst noch jemand?”, fragte er.

Die Anderen verdrehten nur die Augen, sie wollten eigentlich nur ihre Bücher packen und raus. Niemand fügte meiner Kritik etwas hinzu, der Monsieur entließ uns vergnügt aus dem Unterricht – und wir platzten aus der Klasse.

“Gott sei Dank ist diese doofe Französischstunde vorbei, und ich brauche sie niewieder zu besuchen”, sagte ich zu Chrissi.
“Ich kann diesen Typen nämlich gar nicht leiden.”

Die Woche darauf erschien ich wieder pünktlich zur Französisch-Stunde.

06.12.2006, 00:01
Kleine Welt

Ich tu’ gerade etwas Unerhörtes. Unerhört, ja. Obwohl ich ein Leben lang nichts Anderes tu’, als genau das: Schreiben.

Diesmal ist es anders. Mit ca. 16 Jahren schrieb ich meinen ersten persönlichen, autobiografischen Roman, den ich jemand ganz Bestimmtem widmete. Damals wie heute handelte es sich um eine Zeit, eine Gegebenheit, die ich irgendwie zu verarbeiten suchte. Heute wie damals wird nur eine sehr auserwählte Leserschaft meinen Roman zu lesen kriegen.

Vielleicht ist es geradezu lächerlich, in diesem Alter etwas Autobiografisches zu schreiben. “Was hat man in dem Alter schon Großartiges erlebt?” – aber ich möchte mich davon nicht abhalten lassen. Denn Abenteuer, Erlebnisse, Geschichten sind immer subjektiv – die Art und Intensität, in der man sie erlebt und wiedergibt, sind wichtig. Das absolut Pure und Authentische ist der Kern.

Vergessen wir nicht, dass viele große Romane nur einen einzigen Schauplatz und eine minimale Handlung hatten – und es viel eher den großen, kleinen, subtilen und dunklen Gefühlen und ihrer Assoziationskraft während eines Dialoges zu verdanken war, dass aus einem scheinbar schlichten Roman, ein mal prächtiges, mal beängstigendes Gemälde einer fremden, aber faszinierenden Gefühlswelt verwandelte.

04.12.2006, 23:53
Der Prophet (Traum)

Ich hoffe, dass ich mit diesem Traum über den muslmischen Propheten keine religiösen Gefühle verletze, denn das ist nicht meine Absicht. Ich hatte diesen Traum vor ca. 1.5 Jahren, nachdem ich mich sehr intensiv mit der Geschichte der islamischen Welt befasst habe. Ich weiß noch, dass ich mich für diesen Traum geschämt hatte, obwohl ich nichts dafür konnte. Ich bin zwar keine Muslimin, aber irgendwie hatte und hat der Prophet immernoch etwas an sich, das bewirkt, dass ich trotz sovieler Dinge, die er getan hat, mit denen ich absolut nicht einverstanden bin, etwas Unantastbares an sich. Das liegt daran, dass – obwohl ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der auf Religion weniger Wert gelegt wird – ich dennoch unter Anderem auch islamisch geprägt bin.

Mein Traum hatte sogar einen Soundtrack: ~*Ananda Skandar – Snowflower*~

(03/03/2005)

Ich träumte, ich war draußen in der Wüste. Ich wusste, dass ich nicht ich (also Sherry) bin, sondern aus der Perspektive einer Anderen schaute. Offene Haare, barfuß und ein weißes Kleid. Ich stand vor dem Zelt der Krieger Muhammads – sie und der Prophet planten, was als Nächstes geschehen sollte – ich verstand jedes Wort. Ich beherrschte die arabische, aber auch persische Sprache. Der Zelteingang wurde aufgeschoben, und der Prophet schaute raus. Er horchte dem Wüstenwind und verlor sich in Gedanken. Seine Stirn war so ernst, seine Augenbrauen so geschwungen, wie auf den Bildern Ali’s, die man im Iran oft findet – und die Ausstrahlung, die er hatte, war nicht in Worte zu fassen. Er war zweifelsohne eine raue Schönheit.

Er war in Gedanken versunken, seine geschminkten Augen hatten einen entschlossenen Blick. Ich ging langsam auf ihn zu, bis ich merkte, dass ich eigentlich nur Seele war und keinen Körper hatte – dennoch spürte er mich – denn er lauschte stets den Stimmen seiner Umgebung, wie mir schien.

Alles in der Szenerie war wie in Zeitlupe. Meine Schritte, sein Blick, der sich nach meinem Gesicht hob und mich voller Ruhe und Klarheit ansah und auf mir ruhte. Ich sah, wie er atmete. Er sagte nichts. Ich umkreiste ihn in Zeitlupe und sah ihn bittend an – doch er sagte nichts. Einfach nichts. Irgendwann blieb ich hinter ihm stehen und umarmte ihn sanft von hinten und legte meine Hände auf seine Brust. Ich spürte, wie er heftiger atmete, doch noch immer versuchte, die Haltung zu wahren. Er schaute weiterhin in die Ferne.

“Geliebter, warum hörst Du nicht auf mich? Bin ich Dir schon so fremd geworden?”, fragte ich und schmiegte meine Wange an seinen Rücken und weinte. Ich fühlte sein Herz, es war so unruhig – ganz anders als die unerschütterlicher Ruhe, die er auf seine Krieger ausstrahlte.

Entschlossen, aber leise antwortete er: “Sei still, Liebes. Gott hat Dich mir genommen – ich muss jetzt alles tun, damit er Dich mir wieder gibt. Verstehst Du denn nicht?”

Tränen fielen ihm über die Wangen, doch er ignorierte sie und sah noch immer so entschlossen. Sein Blick in die Ferne gerichtet, in der er sich schon ein Imperium erschaffen sah, das er Gott zu Füßen legen wollte, um seine Liebe mit Körper und Seele wieder zu erhalten – und keine Chance, ihn davon abzubringen, das wurde mir schmerzlich klar.

“Das hier will unser Gott gar nicht. All das, was Du anrichten wirst, das…”, flehte ich leise.

“Pscht”, sagte er. Noch immer unverrückbar. “Er will doch ein Reich, das ihn voller Inbrust ehrt – ich werde alles tun, damit er es bekommt – und als Lohn für meinen Kampf, wird er Dich mir wiedergeben, nicht wahr?”, und seine Tränen fielen weiter, ohne dass sein Gesicht sich rührte.

Ich weinte weiter still an seinem müden Rücken und erkannte, dass ich ihn nicht davon abhalten konnte – so genoss ich sein Herzklopfen an meiner Handfläche und den rauhen Duft der Wüste.

Ich erwachte, so dachte ich.

Alle waren in meinem Zimmer – und ich erzählte ihnen die Geschichte von Muhammad und seiner verstorbenen Liebe, nach der er sich so sehr sehnte, dass er für Gott eine Religion und ein Reich zu erobern suchte, damit er ihm zum Lohne seine Geliebte wieder zum Leben erweckte. Ich erzählte, wie schön er einst eigentlich war. Wie ruhig und besonnen. Wie ernst und klar seine Augen – und wie stolz seine Augenbrauen. Wie viel edler seine Gedanken schon immer waren als die der anderen Beduinen. Ich erzählte von der Kindheit des geliebten Propheten und seiner kleinen Geliebten, die schon seit ihrem 6. Lebensjahr wusste, dass sie zusammengehörten. Ich erzählte, wie er Tage lang in seinem Sterbebett lag und nicht gewillt war, den Nachfolger zu nennen – denn dort erkannte er, wie falsch seine Absichten waren und wie sinnlos alles – denn nun würde er sterben und es war nicht mehr notwendig, seine Geliebte zurückzubekommen. Er würde zu ihr können, wenn Gott ihn nicht bestrafen würde. Ich erzählte, wie sie an seinem Bett war, seine Stirn mit ihrer Hand und ihrem Kuss kühlte, um ihn dann mit zu nehmen.

“Er nannte keinen Nachfolger und dachte, das Ende dieser Ära sei mit seinem Tod in einem Atemzug vorbei – aber er täuschte sich…”, erzählte ich weiter.

“Und das ist die wahre Geschichte von der Entstehnung des Islams. Muhammad war nur ein weiterer Majnun, der Gott ein großes Geschenk bringen wollte, um das größte Geschenk von ihm zurück zu erhalten – es war sie. Bis zum Ende wollte er sie, gleich ob sein Körper schon alt war; sich nicht mehr dessen bewusst, dass auch er bald gehen würde und der Krieg ganz sinnlos war.”, sprach ich wie in Trance weiter.

Ein Finger, der meine Tränen wegstreichelte, weckte mich aus meinem Delirium. Und als ich mich umsah, sah ich alle Lieben an mir geschmiegt. Und um mich herum alle Anderen. Islamfeinde, Moslems, alle. Niemand sagte ein Wort. Jeder verstand für sich – und niemand bekämpfte sich. Alles schien jetzt verständlicher, wenn auch nicht weniger traurig und grausam. Aber von Hass war nichts mehr übrig – nur noch ein leises Bedauern in Gedenken an den traurigen Propheten, der nur seine Liebe wieder haben wollte – nur seine Liebe.

Und dann sagte ich noch ganz unhörbar…

“Und nun sind wir wieder getrennt – er dort, ich hier. Doch bin ich es, die leidet und er es, der dort seine Ruhe hat. Während ich nichts Anderes tun muss, als seinen Liebesbeweis an mich in den Augen aller schlecht zu machen – den Islam.”

Aber das hörte niemand mehr.

Für alle Nicht-Iraner, die die Bilder aus Iran nicht kennen, füge ich ein Bild ein, das dem Propheten in meinem Traum sehr ähnlich sah. Ich muss dazu aber sagen, dass im Iran dieses Bild “Ali” darstellt und nicht den Propheten:

03.12.2006, 20:05
Urvertrauen

Mir ist etwas aufgefallen, das ich damals in meiner Ausbildung zur Pädagogin in der Theorie gelernt hatte: Wenn das Kind in der sensiblen Phase seines Lebens (Vom 1.-5. Lebensjahr) eine konstante Bezugsperson hat, die sich um seine Bedüfrnisse und um die emotionale Nähe kümmert, dann wird das Kind ein gesundes Urvertrauen entwickeln und Krisen in seinem Leben bis ins höhere Alter besser meistern, als andere, die diesen Luxus nicht so ungestört hatten. Außerdem hat es eine gesunde Fähigkeit, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten und feste Bindungen aufzubauen.

Dieses Urvertrauen erkenne ich gerade in den letzten Monaten immerwieder in mir. Trotz dass gerade in meinem Kindesalter einiges unsicher und bedrohlich war (Iran, Ausreise, die Abwesenheit Papa’s, Mama’s tägliche Sorge und Weinen, ob Papa es je zu uns schafft) und all der Erfahrungen, die mir die letzten Jahre leider nicht erspart geblieben sind und einige Zerüttungen in meinem Welt- und Menschenbild hinterlassen haben, merke ich, dass ich dieses Urvertrauen gerade zu meinen Eltern habe.

Ich bin erwachsen und lebe schon seit vielen Jahren in meiner eigenen Wohnung, ich verdiene seit ich 14 Jahre alt bin immerwieder mal mein eigenes Geld, hab’ schon viel Verantwortung auf mich genommen, wenn es nötig war – aber in ratlosen Krisenphasen meines Lebens, habe ich oft meine Eltern gefragt. Und wenn Mama oder Papa mir wider all meines Pessimismus’ sagen: “Keine Sorge, meine Kleine, alles wird gut. Dies und jenes wird sich so oder so entwickeln, vertrau’ mir..”, dann fühle ich mich ganz beruhigt und sage mir innerlich: “Wenn Mama und Papa das sagen, dann wird das schon wahr sein. Immerhin sind das ja Mama und Papa.”

Dieses Gefühl will ich einfach niemals missen. So kindlich es auch ist, es ist ungemein beruhigend und warm. Diese Überzeugung, dass Mama und Papa da sind und besser als ich wissen, wie eine Sache ausgehen wird – und dass sie gut ausgehen wird.

Kennt Ihr das auch?

Ich weiß nicht. Das ist das Erste, das ich von Gogol gelesen habe – und ich muss sagen, dass ich nicht begeistert bin. Gogol versucht hier tatsächlich den “Wahnsinn” eines Menschen darzustellen, indem er lediglich ein paar surrealistische und komische Kombinationen der Wahrnehmungswelt seines Protagonisten beschreibt – einem biederen Beamten. Dabei verhält es sich mit dem Wahnsinn doch etwas anders, fataler, kognitiv artistischer. Die Gedankengänge sind so ineinander verschachtelt und manchmal sprunghaft, dass es ihre wirre Tiefe ist, die einen wahnsinnig macht. Gogol’s Wahnsinniger jedoch wirkte total seicht, sein Wahnsinn kaum der Rede wert und eher harmlos. Er bestand darin, dass der Protagonist sich für den König Spaniens hielt. Mehr aber auch nicht.

In dieser Erzählung will er eigentlich die negativen Auswirkungen starren, kleinbürgerlichen und spießigen Unterwürfigkeiten des Beamtentums kritisieren – und inwiefern diese Striktheit, Unpersönlichkeit und Nicht-Anerkennung gerade bei den kleinen Beamten eine sensible Seele in den Wahnsinn treiben kann – aber es gelingt ihm nicht wirklich.

Seine gesellschaftskritische Aussage hätte Gogol in einem einzigen, längeren Satz eigentlich zusammenfassen können. Enttäuschendes Urteil, ich weiß. Absolut nicht zu vergleichen mit der subtilen Genialität Dostojewski’s. Warum er sich unter Gogol stellte, weiß ich nicht.