Archiv für Dezember, 2006

Gestern war ich mit Imili unterwegs, um diese Sache mit den Weihnachtsgeschenken zu erledigen, was ich natürlich nicht vollständig geschafft habe. Die Familie ist groß, Oma und Papa fehlen noch. Aber morgen ist auch noch ein Tag.

Es war prappevoll; und die Geschäftsführer fanden das Wechselbad zwischen schneidener Kälte (draußen) und Sauna (Laden-Innere) wohl aus irgend einem Grunde besonders “effektiv” (ich lief schon nach 5 Minuten jedesmal genervt aus dem viel zu warmen Laden), so dass wir uns entschieden, sogar unseren rituellen Starbucks-Aufenthalt im “bemöbelten” Außengeländer vom Café zu unternehmen. Von Imili’s verzweifelt fiebrigen Augen und ihrem Rumgezuppe an meiner Jacke sehe ich jetzt ab und erzähle nicht darüber (sie dachte wohl, sie kann auf die Art eine “Lösung” oder einen Zauberspruch aus mir rauspressen), aber wir unterhielten uns nebenbei noch über zwei hinterhältige Dorfziegen, die sich in der großen weiten Welt Kölns zur Aufgabe machten, aus ihren kleinen Dorfschühchen hinauszuwachsen, indem sie Jura studierten und einen auf “humanistisch” machten. Dabei langweilten sie sich so sehr, dass sie nichts Besseres im Sinn hatten, als sich tatsächlich zwecks Lästereien miteinander offiziell zu verabreden und sich an der selbst zurecht-konstruierten “Minderwertigkeit” anderer (in diesem Fall Imans) in einer Leidenschaft zu “erfreuen” (wir kennen alle Alfred Adler und seine Theorie über die Über-Kompensationsmechanismen eigener, tiefer, schambehafteter Gefühle des Minderwerts), dass man nicht umhin kann, als ein verachtendes bis hin zu mitleidvolles Gefühl für sie zu empfinden.

Diese zwei kleinen Dorfziegen wurden nun bei einem ihrer weiteren Versuche, anderen Menschen einen in ihren Augen verachtenswerten Stempel aufzudrücken und das ganze Leben und Leiden eines “Freundes” im Namen der “Freundschaft” für ihre niederen Selbstverleumdungszwecke in den Dreck zu ziehen und ihrem Leben einen “Sinn” zu geben, von mir erst ruhig, dann aber heftigst angegangen. Nicht, dass von der selbstsicheren, heißen Luft etwas übrig geblieben wäre, die sie mit ihrer “angearbeiteten” “Intellektualität” zu “bestärken” suchten, nein. Sie echauffierten sich zudem über meine “asoziale” Ader, gleich nachdem sie sich über die schweren Schicksalsschläge ihrer “Freundin”, die sie eben für diese niederen Selbstverleumdungszwecke benutzten, vor ihren Augen, in ihrem Gesicht lustig machten und sie als “Lüge” deklarierten. Als einen verzweifelten Versuch, “Aufmerksamkeit” erregen zu wollen, hinstellten.

Diese zwei Dorfziegen haben sich weder mit dem Wort “schizoid” (LOL) noch mit dem Wort “asozial” auseinandergesetzt. Hätten sie es getan, so wären sie irgendwann an die Erkenntnis gelangt, dass “schizoid” bedeutet, wenn die Chef-Dofziege dem kleinen Dorfziegchen befiehlt, ihren Hass, ihren Neid, ihre Flucht aus ihrer Selbstzerfressenheit – sprich’ ihre “Gedanken” – als seine eigenen anzuerkennen und ihrer statt das Gift an die betreffende Person zu spritzen und sich dann selbst “unschuldig” rauszuhalten; (von der stummen und devoten Ausführung dieses feigen Befehls ganz zu schweigen) – und sie hätten gemerkt, dass der Einsatz eines Menschen für einen Anderen, dem gerade weh getan wird, das Gegenteil von asozial ist – und dass viel mehr die bewusste Intention, jemandem psychisch oder physisch schaden zu wollen, nur um sich danach in seinen Tagträumen auf ein Podest stellen zu können das ist, was man asozial zu nennen hat.

Aber bis diese zwei Dorfziegchen so weit in die weite Welt hinausblicken können, wird es noch einwenig dauern. Trotz ihres “Jura” Studiums. Nur hoffe ich, dass sie mir so lange nicht mehr über den Weg laufen werden. Ich wäre nämlich dazu geneigt, sie “asozialerweise” wieder zu kritisieren, sobald ich sie bei ihrem Bestreben, die sinnlose Leere in ihrem Leben auf “ihre Art” zu füllen, erwische.

Lied: ~*Nilüfer – Cok Uzaklarda*~

Das Alter, in dem ich (wir) gerade bin (sind), ist seltsam. Ich verändere mich innerlich und weltanschauungstechnisch sehr rasant. Die geschwungenen Traumzeichnungen meines Geistes weichen immer öfter und schneller einer harten Alltags-Pragmatik – und jedes Mal spüre ich, wie diese Pragmatik mir ins Fleisch schneidet. Der Kontrast meines noch recht unveränderten Gesichtes zu diesen inneren Veränderungen, macht mir zu schaffen – und ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil ich selbst mich kenne. Weil ich weiß, was für Narben die letzten Jahre in meiner Seele hinterlassen haben – und wie unpassend mein Gesicht dazu scheint.

Letzte Woche begegnete ich einem alten Freund – Sascha. Unsere Freundschaft dauerte genau einen Sommer lang, dennoch war es eine intensive und schöne Freundschaft. Intensiv, wie alles in jenem Sommer. Das war der Sommer 1996. Noch heute, wenn ich an diesen Sommer denke, weiß ich, dass er etwas ganz Besonderes war. Die Art, wie wir das Leben sahen, wie wir die Jugend lebten, wie verrückt wir waren und was für Pläne wir schmiedeten, zeichnen diesen Sommer 1996 aus. Als Sascha und ich im Bus saßen und lachend über die alten Zeiten sprachen, sind wir so sehr ins Träumen gekommen, dass er entschied, mit mir auszusteigen und mich noch bis zur Haustür zu bringen, so dass wir noch einen Blick auf den alten Spielplatz werfen konnten, auf dem wir quasi unseren ganzen Tag mit allen verbrachten. Wie oft habe ich meinen Drang, auf’s Klo zu gehen, bis zum letzten Augenblick zurückgehalten, nur damit ich den Platz unserer Welt vor der Haustür unserer Eltern nicht verlassen musste? Ich weiß es nicht.

Also sah ich diesen jungen Mann an und war fassungslos darüber, dass auch er sich äußerlich kaum verändert hatte. Nur die Naivität in seinen Augen ist einer Art Langeweile über die nicht einmal mehr nervende Routine des Alltags gewichen, was mich melancholisch stimmte. Hatte er niemanden mehr, mit dem er so über die alten Zeiten reden und lachen konnte, wie mit mir jetzt? Als ich mir diese Frage stellte, wusste ich, warum ich so froh bin, dass die meisten meiner Freundinnen mit mir jung waren und mit mir älter wurden. Ich brauche alte Freunde und Freundinnen. Menschen, die mir bezeugen, dass das Leben einst anders war, die Ideale wichtiger waren als die Realität, die Träume wichtiger als die nicht vorhandenen Möglichkeiten, sie zu erfüllen. Freunde, die mich daran erinnern können, woran ich einst geglaubt habe – und wie natürlich all jene Pläne und Ideale waren, für die ich mich heute schon selbst verächtlich belächle.

Nach all den gedachten und erlittenen “Wahrheiten” des Alltags, bin ich stets traurig davon überzeugt gewesen, dass diese Zeiten niewieder zurückkehren können. Doch ich habe nicht vor, aufzugeben. Ich werd’ meine Hand auf den letzten von der Realität unbefleckten Teil meiner Seele halten und ihn schützen so gut ich kann.

16.12.2006, 18:33
Fluss

Der Fluss
plätschert nicht mehr
Ein Toter Fisch
Sein Schmuck

Rühr’ mit der
Fingerkuppe rein
Ein Strudel
verirrt sich
zum toten Fisch
und hinterlässt
‘n Kuss

Lass’ uns
am Rande sitzen
über die alte Sonne reden
wie sie noch schien
ohne zu töten

Und lass’ uns
auf der Wiese liegen
und das kleine Tiervolk missen
über das ich einst so schimpfte

Über die Vögel
lass’ uns kein Wort verlieren
sonst muss ich weinen

Und über die Sterne
kein Lied mehr singen
sonst muss ich schrein’

Der Fluss
plätschert nicht mehr
Ein Toter Fisch
mit seinem einsame Strudel
Sein Schmuck

Der Abend war kalt, so kalt, wie es meinem Geschmack entsprach. Ich liebe die klirrende Kälte, das weiß man, wenn man mich kennt. Ich traf Peyman auf der Domplatte. Wir ersparten uns den Stress mit dem chaotischen Linienverkehr in Köln, setzten uns in ein Taxi und ließen uns kutschieren. Er nahm meine Hand, lächelte – und los gings. Meine Schwester konnte leider nicht mitkommen, weil ihre Freundin keine Karten mehr gefunden hatte und sie ohne sie nicht mit wollte. Sonst hätte Peyman gerne verzichtet und ihr den Vortritt gelassen, weil meine Schwester Evanescence fast mehr liebt als ich.

Als wir am Palladium ankamen, sahen wir eine Kilometer lange Schlange. Einwenig in der Vorfreude gedämpft, stellten wir uns brav ganz nach hinten. Erst jetzt hatte ich Gelegenheit, mir meinen Mann richtig anzusehen. Er sah aus wie eine Mischung aus Metal- und Gothic-Typ. Ich merkte, dass ich das sehr anziehend finde, obwohl wir uns eigentlich nie so kleideten. Er sah sehr ernst aus mit diesem langen, schwarzen Mantel und der schwarzen Kleidung – außerdem wirkte er noch größer.

Meine kleine Schwester half mir an dem Abend, mich einzukleiden, weil sie sich in der Gothic-Szene besser auskennt als ich. Ich hatte fingerlose, schwarze Handschuhe an, die den Unterarm mit verdeckten, ein schwarzes, ärmelloses, dekoltiertes Oberteil, eine sehr aufwändige Halskette, fast einem Kollier gleich. Eigentlich hatte ich vor, einen Rock anzuziehen, aber ich glaube, selbst mir wäre draußen kalt geworden – und ich wusste, dass wir ziemlich lange warten werden müssen. Einlass war um 19.30 Uhr, wir aber waren schon um 18 Uhr dort – ca. einen Tag später als ein paar heftige Fans.

Wir schminkten mir die Augen und Lippen kräftig, und meine Schwester schlug mir kirschroten Nagellack vor, damit ich als Gothic-Metal-Lady durchging. Ich kam mir so seltsam vor. Meine 8 Jahre jüngere Schwester kannte sich mit gewissen Schminktricks besser aus, als ich – und ich genoss das.

Als wir dort an der Schlange standen, vertrieben wir uns die Zeit damit, indem wir Ferrero Roché aßen und kuschelten. Meine Schwester rief ab und zu an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte ihr und ihrer Freundin meine Wohnung überlassen, und sie war trotz, dass sie nicht dabei sein konnte, recht gefasst und gut gelaunt, vorallem, weil sie sich auch für uns freute.

“Bring’ mir soviel Amy Lee zurück, wie Du kannst, Sherry, ja?”
“Wird gemacht, Schwesterchen.”, antwortete ich.

Endlich war Einlass. Als wir uns schon längst damit abgefunden hatten, dass wir irgendwo ganz hinten stehen würden, waren wir umso überraschter, als wir sahen, dass wir quasi nur 8-10 Meter von der Bühne wegstanden. Ich freute mich wie ein kleines Kind und hüpfte rum. Wir warteten auf die Vorgruppe.

Die Vorgruppe. Meine Fresse. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, aber ich war begeistert. Die pinken, roten, lila, eisblauen Lichter, der Nebel – die Effekte, diese bedrohliche Stimme, die plötzlich ertönte, mein Körper spannte sich an und ich stand da wie elektrisiert (scheiße, ich wusste nicht, wie Metal in real wirkt) – der Körper des Sängers war wie ein Wunderwerkt. Wie er sich anspannte unter der übermenschlichen Energie, die ihm seine Adrenalinstöße verliehen, war unglaublich. Unglaublicher war aber diese schier aggressive Entladung in die Atmosphäre. Kreischen. Wir kreischten bei jeder Welle der Entladung, die von diesem völlig unbekannten Typen da kam – und manchmal musste ich lachen, weil ich mir so lächerlich vorkam. Aber positiv lächerlich. So lächerlich im Sinne von “Geil, scheiß drauf. Geil geil geil geil. Scheiß drauf!”

Diese (Nu-)Metal Leute und Fans sind ganz anders. Da sind zum Teil richtig schräge Leute dabei. Nicht aggressiver als unsere HipHop Fans, nicht abgedrifteter als unsere Goa-Trance Leute, nicht unbedingt debiler als die Reagenzglas-Boy-Band-Fans – aber irgendwie sind sie weniger alle miteinander zusammen, sie genießen viel mehr – wie in ihrem Alltag auch – lieber allein. Selbst in einem Sammelsurium voller abgeknackter Metal-Horns-Hands-in-The-Air-mäßigen Headbangern leiden, sterben, freuen, kreischen, lieben sie mit und durch die Band meistens allein.

Neben mir stand ein dünner, großer Typ – vielleicht gerade mal 20 Jahre alt. Er war so lang, dass er eine beneidenswerte Sicht hatte. Er stand da, wie angewurzelt, sprach mit niemandem, sah niemanden an, sah aus wie ein Streber, ein Versager, einer, der dazu prädistiniert ist, irgendwann Amok zu laufen und die Schule zuzuballern. Er stand da und ging bei bestimmten Liedern plötzlich ab. Blieb dabei aber völlig allein. Wenn seine schüttelfrostartigen Ausraster sich beruhigten, weil das nächste Lied ihn nicht sonderlich interessierte, schaute er immer ganz verstohlen nach links und rechts, als würde er sich jedesmal von Neuem dessen gewahr werden, dass er nicht alleine war. Immer, wenn er das tat, schaute ich unauffällig zu Peyman hoch und beobachtete seine Gesichtsmuskulatur. Würde er wieder nur über den Dingen stehend schmunzeln? Oder würde ihn – selbst wenn das alles gar nicht seine Musikrichtung war – doch einwenig mit hüpfen? Ich war unschlüssig, muss aber gestehen, dass ich mich ohne Mann an meiner Seite in diesem aggressiven Gewirr unsicher gefühlt hätte. Ich lachte und hüpfte zu diesern angespannten und elektrizierenden Vorgruppe weiter.

Und irgendwann, ja irgendwann sollte es soweit sein. Es verging eine Ewigkeit in der Pause nach dem Abschied der Vorband, bei dem der Frontsänger völlig emotional wurde, uns per Kamera aufnahm und uns sagte, dass er uns liebte und dass wir immer in seinem Herzen bleiben würden (Ja, dieser kleine, aggressive Typ). Eine Minute gleich wie zehn Stunden. Ich wurde ungeduldig. Wir wurden ungeduldig. – Und dann kam sie plötzlich.

Enttäuschend, ich weiß, aber ich erinnere mich nicht an den ersten Augenblick, als ich sie sah. Aber ich stand wie angewurzelt da, das weiß ich noch. Während alle kreischten, wurd ich stumm und starrte auf die Bühne – was ich dachte und fühlte, weiß ich aber nicht mehr. Irgendwann stand ich auf Pepe’s Rucksack, so dass ich besser sehen konnte. Ich verfluchte zum ersten Mal meine Größe, die ich an dem Abend für zu klein hielt trotz ganzer 1, 71m. Ich wollte, dass sie mich sieht, wenn ich ihre Lieder mitsinge. Warum man in so einer Situation an soetwas denkt, weiß ich einfach nicht – es ist zum Lachen, aber in dem Moment wünscht man sich nur, ihr irgendetwas zurückgeben zu können. Und sei es nur die schiefe, aber aus Leibeskräften herausgeschrienen Lieder, die sie schrieb, sang und lebte.

Ich weiß, dass sie – dass Amy Lee ein kleines, zartes Wesen ist. Blass und sehr unsicher. Sie senkt oft den Kopf, wenn sie in Interviews redet und mag gar nicht so ausgefragt werden aus der Angst heraus, man würde ihre dramatischen Gefühle, verlachen. Sie lächelt sehr oft, vorallem, wenn sie Angst hat und schluckt offensichtlich ihre Unsicherheit runter. Manchmal lacht sie – und ihre Augen bleiben dabei traurig. Doch wenn sie auf der Bühne steht…

Wenn sie auf der Bühne steht; und sie von den heftigen Impulsen ihres Drummers geschüttelt wird, platzt sie vor angestauter Anklage gegen die Welt. Sie sang also, ihre Stimme vibrierte – und dennoch war sie zu leise, weil man immer mehr von ihr wollte, wenn sie sang. Also kreischten alle, damit sie lauter wurde, aber hörte sie gerade deshalb dann weniger. Das kennt man schon. Man griff nach etwas, das man nicht greifen konnte – und der Wunsch, es zu greifen, knallte einen schier gegen die eigene Wut und Leidenschaft. Wenn sie auf der Bühne ist, spannt ihr ganzer Körper und bleibt dennoch geschmeidig, weich, weiß wie der Mond – zum Anfassen schön. Das unwirklich weiße Gesicht, ihre vorwurfsvollen Augen, ihr großer offener Mund, der Blick nach oben, wenn sie schreit – Lila, Rosa, Rot, Blau, Nebel – all die Effekte sollten sie nicht bestärken, sondern nur noch mehr verstecken, so dass man mehr schreit vor leidenschaftlicher Erwartung, sie deutlicher sehen zu dürfen. Sie ist wunderschön. Zum Sterben schön. Dort verliebe ich mich das erste Mal ernsthaft in sie. (Wie kann ich das sagen?)

Die Erlösung kam, als es ruhig wurde, das Licht rot – und sie sich wie ein kleines, schüchternes Mädchen ans Klavier setzte. Mit welchem Lied sie begann, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, dass ich weinte. Nicht, dass ich dabei kreischte, meine Hand hochhielt oder sonst etwas – nein. Ich stand da, fest auf dem Rucksack – und weinte. Sie ist so wunderschön.

Irgendwann spielten sie die neuen Lieder des neuen Albums. Ich entspannte mich, weil meine emotionale Bindung zu den neuen Liedern noch nicht so ausgeprägt war (was heute wieder anders aussieht). In der Zeit, in der ich mich innerlich entspannte, beobachtete ich Peyman. Er würde es nicht so direkt zugeben, aber der junge Mann war ganz schön beeindruckt von ihr. Das war Befriedigung pur. Sein Gesicht, seine Freude, sein Rumgehüpfe (Er wird mich umbringen, weil ich das hier schreibe) waren Befriedigung pur für mich. Er war also nicht nur als Aufpasser bei mir, sondern als Mitgenießer. Also konnte ich weiter ausrasten, ohne dass er mich verständnislos anschaute.

Irgendwann kam so ein Typ an, er wollte sich vordrängeln und hatte zwei bedrohlich schauende Gläser Bier in der Hand, die man einfach nicht abbekommen will. Nicht jetzt wegen der Verletzungsgefahr, sondern man will als Sherry auf keinen Fall nach Bier stinken. Ich hasse Bier. Er wollte nach vorne durch. Wir machten ihm alle klar, dass wir alle am Liebsten vor Amy’s Füßen liegen würden, aber eben nicht früh genug da waren. Er solle sich bitte mit seinem Stehplatz begnügen. Irgendwie schien er das nicht zu verstehen und bohrte sich mit Nachdruck gegen mich durch und schüttelte mir Bier auf den Arm. Ich brüllte ihn an. Dann sah ich nur noch, wie Peyman vor ihm stand und ihn wirklich heftig anbrüllte, seine Gesichtsmuskeln waren völlig angespannt, sein ganzer Körper zu pulsierendem Stein mutiert – so wütend hatte ich ihn noch nie gesehen. Dieser vernünftige Typ da (ja, dieser meiner da) hatte eine Faust in der Hosentasche und wartete nur darauf, dass dieser Depp mit den Gläsern eine Prügelei anfing – was hatte ich zu tun? Ich musste mich totlachen. Der Typ bekam Angst, drehte sich um und ging woanders sein Glück versuchen.

“Hast Du viel Bier abbekommen, Schatz?”, sah er finster drein.
“Egaaaaaal!”, lachte ich und hüpfte weiter rum und dachte noch “Von wegen Mr. Vernünftig. Darüber reden wir noch!”

Was gleich zehn Minuten danach in dem Spektakel auf der Bühne und dem Chaos im Konzertsaal geschah, bringt mich heute noch zum Lachen. An diesem Abend habe ich einfach noch einmal meine alte, militante Ader kennenlernen dürfen – und fand das erfrischend.

Wir standen da, hüpfend, singend, kreischend, wippend – als ich links neben mir eine fette Wucht spüre, die sich mit dem Kopf gegen die Menge schmeißt und wie ein Stier durch unsere Bäuche durch nach vorne zur Bühne gelingen wollte. Ich sah eine Reihe von Menschen weg “umfallen”, einige Ausweichen. Ich sah sie nicht wirklich, ich spürte nur, gleich bin ich an der Reihe – und scheiße, ich stehe auch noch auf einem Rucksack, stand also besonders unsicher auf den Beinen. Ich schaffte es, blitzartig auszuweichen, er raste vor meinen Augen von links nach rechts an mir vorüber – doch dann “entschloss” sich irgendetwas in mir, den Typen an seiner kleinen, losen Penner-Krawatte zu greifen. Ich griff feste zu, so dass ich von seiner Wucht mitgezogen worden bin, aber letztendlich seinen Sturm aufhielt. Er kämpfte um seine Freiheit, doch ich hielt weiter fest und wollte schon nach vorne, um ihn richtig in den Arsch zu kicken. Als ich auf ihn zulaufen wollte, nah genug, um ihn zu treten, fiel mir dieser verdammte Rucksack von Peyman ein, in dem 100 Euro drin waren. Wenn ich mich nun auf diesen Affen einlassen würde, dachte ich, wäre der Rucksack futsch im Getümmel. Also entschied ich, dieses fette Tier eiskalt loszulassen. Das Ergebnis sah so aus, dass er auf die Fresse flog und die Leute um ihn herum ins Gelächter fielen. Ich machte nur große Augen und sah ihn sehr genau an. Peyman zerrte an mir und fragte mich drei Mal, ob alles in Ordnung sei und ob er mir weh getan hätte. Ich nur:

“Ich hab’ mir sein Gesicht gemerkt. Er ist dran, wenn das Konzert zu Ende ist, ja?”

Er lachte, obwohl ich das sowas von ernst meinte. Ich war so wütend, was meine Gefühlswelt in der Bauchgegend aber noch viel mehr entzückte und ich noch wilder schreien konnte. Denn irgendwann kam sie endlich mit “Bring me to life”. Extase. Mit “My Immortal” am Klavier beendeten sie ihren Auftritt. Sie erwachte aus ihrem Inneren und wurde wieder schüchtern. Ihre kräftige Stimme war wieder wie die eines kleines Mädchens, sie bedankte sich tausend Mal, sagte, wieviel sie uns schulde, sie würde gerne noch länger bleiben – was sie dann auch tat. Es gab drei oder vier Zugaben – und alle waren glücklich.

Aus dem Konzertsaal ging es in die klirrende Kälte. Kalter Schweiß trocknete, meine Füße taten weh, meine Stimme war heiser – doch den Typen hatte ich vergessen; und die Welt wollte ich umarmen.

14.12.2006, 00:42
Befleckt

Ein Freund sagte: Wir dachten Tatsächlich die Maradonnas der Zukunft zu werden. Jeden Tag haben wir dafür trainiert, bis die Pupertät kam und die Frauenwelt. Die erste große Veränderung in unserem Leben. Dann noch eine dann noch eine, wir veränderten uns immer mehr, wir waren nicht mehr die reinen seelen von einst. schade, wirklich schade. Das leben ist trotzdem schön. Es wird nie aufhören diese Veränderung. Aber warum können wir nicht unsere reinen Seelen von einst behalten. mit all unseren Träumen?

Eine ungenügende Antwort:

Ich antwortete: Weil die Realität uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Sie hat uns klargemacht, mit harter Dresche, dass unsere Träume nicht in ihrer Purheit realisierbar sind. Gelacht hat sie über uns, diese Realität. Gelacht. Wie gedemütigt ich mich doch jedesmal gefühlt habe, das können Sie sich bestimmt vorstellen.

Wissen Sie, mein Lieber, dann fängt die Phase an, in der man die Realität vom herrlichen Ideal der “Wahrheit” separiert und sich daran festhält. Man sagt sich, ja! Ja, die Realität ist da, sie ist hart, hart, hart. Aber ich habe Ideale, die zu verwirklichen, ermöglichen werden, dass das Leben nicht mehr so hart ist.

Irgendwann – der KO Schlag – das ist der Tag, an dem man merkt, dass diese böse Realität die Wahrheit ist und zudem das ganze Leben. Und dann stirbt man qualvoll. Nicht körperlich, aber der Teil der Seele, der die Reinheit ausmachte. Sie wissen schon. Die, die bewirkte, dass man nachts unter der Bettdecke vor dem Einschlafen noch kurz lächelte, weil man sich dessen sicher war, dass man am nächsten Tag etwas Großes vollbringen wird.

Sie wissen schon, was ich meine. Sie wissen schon.

Warum fühlen wir uns so befleckt? Nicht, dass sie es nur deshalb ist, weil man Menschen verletzt hat – das tut man auch als Kind. Aber was ist es dann? Ist das das einzig wahre Kriterium des Erwachsenseins?