Archiv für Januar, 2007

Das hier ist Schönheit. :rose:

“Von Dir reden bedeutet, zu atmen
Von mir abzulassen bedeutet, Dich zu erreichen”

28.01.2007, 03:35
Eine Reise ins Leben

Wisst Ihr noch? Damals, in der Pubertät, als man sich auf die Nächte freute, weil man allein in seinem Zimmer konnte und endlich Walk-Man hören konnte, um wenigstens in seinen Fantasien das Geschehen so zu dirigieren, wie man es sich wünschte? Waren wir nicht alle verliebt? Hielten sich die Mädchen nicht vor sovielen Trampolinen in Bauch, Lunge und Herz den Mund schockiert zu, um nicht ständig fast dem Kreischen, dem Lachen, dem Rotwerden nahe zu sein? Oh, wie oft muss ich mich wohl verraten haben, obwohl ich dachte, ich habe vollkommen vorgesorgt. Papa würde nie was merken, Mama schon gar nicht. Wenn ich jetzt an mein Verhalten denke, dann lach’ ich mich tot, denn es muss mir in Neon-Pink auf der Stirn gestanden haben: “Sherry ist verliebt! Sie ist verdammt verliebt!” (Bitte klicken, denn ohne dieses Lied werdet Ihr meinen Traum nicht verstehen)

Mir ist etwas Seltsames passiert vorhin. Ich bin kurz eingenickt und träumte. Ich träumte; und in meinem Traum liefen persische Oldies – Sattar’s Lied lief im Hintergrund meiner Traumbilder – und ich musste so tief lächeln. Verliebt lächeln, so wie man es nur tut, wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und das Gefühl hat, die ganze Welt gehöre einem, wenn man nur einwenig lernt, mit ihr umzugehen. Ich war verliebt in das Leben und ich wusste, ich habe eine großartige Zukunft vor mir, die Wege waren alle frei, meine Lunge war so frei, wie noch nie. Als ich begann, das Leben lustig zu finden und mich ohne Ängste umschaute, sah ich Vigen und ein paar Frauen im alten 60-er Jahre Stil auf einer Decke sitzen. Er ließ sich von ihnen mit Trauben füttern und lachte strahlend mit seinen weißen Zähnen. Sie winkten mir zu, ich soll mich zu ihnen setzen. Ich antwortete nicht und lachte nur und winkte zurück, ging aber irgendwann weiter. Ich wollte mich nicht festlegen, sondern die ganze Welt umarmen. Die Welt gehörte uns allen – und ich wollte nicht nur an einem Ort sein. Sattar’s Stimme wurde langsam abgelöst von Vigen’s witziger Interpretation von “Baroun Baroune”. Ich hüpfte durch die Landschaft meiner Träume, bis ich in die Schwarz-Weiß-Welt geriet, in der Behrouz Vosughi, Googoosh, Dariush und co. damals ihre Filme drehten. Ich blieb voller Ehrfurcht stehen und bekam große Augen, weil ich nicht “stören” wollte. Dann musste ich aber doch kichern, weil Behrouz so genervt aussah, aber dabei so umwerfend brummte, dass man für dieses Brummen gestorben wäre. Plötzlich fiel das Schwarz-Weiß von den Leuten ab, alle wurden bunt, der Regisseur meckerte mit seiner angewachsenen Kippe im Mund und mahnte die Schauspieler, sich doch bitte zu konzentrieren. Googoosh rollte die Augen, sagte, sie habe keine Lust mehr und wandte sich ab. Ich entschuldigte mich, aber niemand hörte mich. Plötzlich kam der gutgelaunte Vigen mit seinen Frauen, die er um sich hatte, und brachte alle zum Tanzen und Lachen mit seinem “Baroun Baroune” – und ich war mittendrin…

Ich wollte weiter, obwohl sie mich baten, bei ihnen zu bleiben. Aber es ging nicht, ich wollte noch soviel sehen. Soviel sehen… So glücklich, wie ich war, hätte ich die Kraft dazu gehabt, die Regeln des Universums zu verändern – vielleicht hatte ich das schon, denn alle waren glücklich. Ich hüpfte weiter Richtung Leben, ständig dieses Lied bei mir…

Auf einem großen Spielplatz spielten Jungs miteinander Fußball. Ich schrie auf vor Freude und lief kichernd dahin, weil ich mitspielen wollte. Als ich bei ihnen ankam, sah ich alle Jungs, in die ich in meinem Leben schon verliebt war. Ich war völlig überfordert, denn ich merkte plötzlich, dass ich in alle gleichzeitig unendlich verliebt war. In jeden Einzelnen, ihrer aller Schönheit traf mich von Neuem, ich wollte sie alle mit Umarmungen und Küssen beschenken. Ich lief gellend und lachend mit Anlauf auf sie alle zu und sprang im Flug auf’s Spielfeld, mit geschlossenen Augen, ohne Angst, auf den Boden zu knallen, denn ich wusste, sie fangen mich auf – und sie taten es; und wie sie es taten… Wir kullerten alle auf den Rasen und lachten. Ich sah nur noch Augen und Zähne und Blüten. Sie gehörten alle mir, ich liebte sie so. Selbst Peyman war nicht all zu skeptisch und fragte nur, wie man denn soviele Menschen gleichzeitig lieben könne. Als Antwort legte ich seine Hand auf mein Herz und fragte, ob er da irgendwelche Grenzen spüre. Er schüttelte den Kopf und warf sich auf mich, um mich in dem Getümmel zu umarmen.

Auch sie wollten mich dort halten, doch ich sagte, ich müsse weiter. Also stand ich auf, völlig befreit von meinen eigentlichen Anwandlungen wie Abschiedstränen und Wehmut, und ging weiter meines Weges – immernoch Vigens Lied in der Atmosphäre meiner Reise.

Ich machte bei sovielen Menschen Halt, manche waren bekannt und berühmt, Künstler aus meiner Kindheit, aus meinen Sehnsüchten und aus meiner Liebe – viele kannte ich aber auch gar nicht, dennoch waren sie alle so freundlich und liebevoll. Ich sah auch mein Einhorn, Micchaella – meine Schutzengelin – und Arielle. Ich sah Piraten, wie sie lachend ihre Schätze wegwarfen, weil sie bemerkten, dass sie sich mit ihnen kein Glück kaufen konnten. Die Befreiung ließ sie fast wahnsinnig vor Glück werden. Ich ging und ging und hüpfte weiter, bis ich bei meiner Familie ankam. Oma kochte und meckerte mit allen. Eine große Menschenmenge, über 150 bekannte, geliebte Gesichter lachten, tranken, tanzten, neckten Oma und die anderen Frauen und tanzten zu Vigens Lied. Diese ganzen Leute waren meine Familie. Viele Gesichter hatte ich schon seit meinem 2. Lebensjahr nicht mehr gesehen, als ich von Teheran nach Deutschland musste. Viele lebten aber auch gleich mit mir in dieser Stadt – doch alle waren sie gleichsam geliebte, vertraute Wesen. Meine kleine Schwester hatte ein Hochzeitskleid an und ich war schwanger. Auf meinem Bauch sprossen zart-rosa Kirschblüten, die ich sanft pflückte und in die tosende, feiernde Menge warf. Ich sah Mama und Papa miteinander tanzen. Sie waren völlig in weiß und so jung wie damals, als sie sich das erste Mal sahen. Wir waren so unendlich glücklich. Nach und nach sah ich alle Menschen, die ich auf dieser Reise kennengelernt hatte. Sie waren plötzlich da und feierten mit. Eine gute, große Seele schien uns anzusehen und milde zu lächeln, aber ich wusste nicht, wer sie war. Doch eines wusste ich…

Hier wollte ich für immer bleiben…
Für immer…

~*Javad Maroufi – Khâbhâye talâee*~

Ich hatte einmal privaten Klavierunterricht. Ich war 9 Jahre alt, als irgendwann ein Klavier in meinem Kinderzimmer stand, weil Papa’s Musiker Kollegen zu ihm meinten, es sei erstaunlich, wie ich ohne Noten und Unterricht einfach ihre Stücke versuchte, nachzuspielen – zweihändig, aber eben nur auf Papa’s Keyboard. Er hätte mich zur Profischlagzeugerin machen können, aber niemals zur Pianistin, denn Keyboard spielte er nur sporadisch, wenn er die Songs, die er schrieb, melodisch nochmal untermauern und aufnehmen wollte.

Ich weiß noch genau, wie ich mich fühlte, als in meinem kleinen Zimmer dieses schwarze Klavier stand. Es kam mir vor wie ein Baby, das gerade von seiner Mama Selbstbewusstsein bekommen hatte, damit es seinen ersten Job bei mir gut machen würde. Ich stand dort mit großen Augen, wie angewurzelt, und konnte erst einmal nicht glauben, was ich da sah. Anstatt auf das Klavier zuzugehen, drehte ich mich um und rannte Papa in die Arme und weinte. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber ich hörte ihn lächelnd und tröstend auf mich einreden. Er nahm meine Hand und führte mich zum Klavier, setzte mich auf den Klavierhocker und ließ mich irgendwann mit ihm allein.

Ich weiß nicht, wie lange ich da saß und das Baby-Klavier nur ansah und vorsichtig streichelte, aber irgendwann begann ich zu spielen. Ganz zaghaft, bis ich merkte, dass ein Klavier anders angefasst werden muss alsl ein Keyboard. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich spielte. Aber als ich aufhörte, waren Papa und Mama glücklich…

Ein paar Tage später stellte Papa mir meine liebe Klavierlehrerin vor. Eine ältere Dame mit einer leicht arroganten Erscheinung, aber einem guten, disziplinierten Herzen. Wir spielten immer deutsche, klassische Stücke. Ich verzweifelte sie immer damit, dass ich keine Noten lernte, beeindruckte sie aber damit, dass ich die Stücke dennoch fehlerfrei spielen konnte. Nach ein paar Monaten brachte Papa Noten von alten, iranischen Stücken mit – und sie unterrichtete mich darin. Sie tat es sehr gerne. Die Noten waren sehr ungewöhnlich für sie, aber sie begann, Gefallen an iranischen Klavierstücken zu finden und spielte sie irgendwann nicht mehr nur nach Noten, sondern konnte die Stücke fühlen. Sie sagte immer: “Sherry, Du träumst immer beim Spielen. Du musst Dich doch konzentrieren.” – “Aber wenn ich mich konzentriere, mache ich Fehler.”; und es war wirklich so.

Dieses Stück hier war unser Lieblingsstück. Ich lernte es sehr schnell. Und obwohl ich heute komplett aus der Übung bin, kann ich das hier immernoch wie im Schlaf spielen. Ich muss mich einfach hinsetzen, die Augen schließen und beim Spielen träumen.

20.01.2007, 23:14
Was heute haften blieb…

Der heutige Tag hat mich das hier gelehrt…

Ein Seelenverwandter ist jemand,
der die Melodie Deines Herzens hört
und sie Dir vorsingt,
wenn Du sie vergessen hast

Danke, dass Ihr da seid. Und danke, dass Ihr so seid, wie Ihr seid und dass Ihr schweigt, wenn das Schweigen mehr sagt, als Worte jemals könnten und dass Ihr statt meiner singt, wenn Ihr meinen Mund stocken und mich meine eigene Melodie verwerfen seht. Danke. Gute Nacht.

Dieses Video (Leila ro bordan) (und vorallem dieses Lied) haben mich wieder daran erinnert, wo meine Heimat eigentlich ist. Nicht im heutigen Iran, nicht hier in Deutschland – nirgends: Nur in der Vergangenheit, meiner iranischen schwarz-weiß Nostalgia-Welt und bei meiner Familie. Ich bin in der falschen Zeit zur Welt gekommen, das habe ich schon sehr früh als Kind gespürt, als ich mit all diesen alten Liedern und Filmen großgeworden bin – da draußen im neuen, kalten Exil.

Als ich heute in diesen kahlen Räumen war, fragte ich mich, wie warm und lindernder alles gewesen wäre, wären es keine “professionellen”, “kühl-köpfigen”, “gewissenhaft-arbeitenden” Leute gewesen, die die Menschen dort mechanisch “pflegten”. Ich schloss die Augen und sah eine naive, liebe Krankenschwester, schwarze Haare, dunkle Augen, einwenig schüchtern und so sehr darauf bedacht, es allen anderen gut gehen zu lassen, dass sie sich fast selbst verstecken wollte. Eine naive, liebe Krankenschwester, die zwar nicht das Privileg der “westlichen Aufklärung” in vollem Maße “genoss” – aber die mit ihrer liebenswürdigen Art unter den Lippen zu Gott betete, dass all die Kranken bald gesund würden. Anstatt des “guten Arztes”, der den Patienten emotionslos die Nadel in die Ader schob, sah ich einen ernsten, konzentrierten, jungen Arzt mit dunklen, geschwungenen Augenbrauen und Augen, der dem Patienten noch das Kissen richtete und mit ihm von Mensch zu Mensch sprach, bevor er den Raum verließ – und nicht etwa von Arzt zum “krankem Objekt”.

Ich lebe schon solange hier in Deutschland. Von Iran habe ich genau 2-3 Jahre meines Lebens mitbekommen – und dennoch haben sie mich weitaus mehr geprägt, als diese vielen Jahre hier. Egal, wie ich es drehe und wende, ich bin Iranerin und ich erkälte mich in dieser ich-bezogenen, kühlen Umgangsart der Mentalität hier. Sie macht mich inzwischen krank. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter werde und weinerlicher, aber gerade in den letzten Tagen ertrage ich diese Mentalität nicht. Sie lässt einen einsam zurück. So einsam wie all die tot aufgefundenen, älteren Mütter/Väter, Großmütter/Großväter in ihren altmodischen Wohnungen, die von ihren “Kindern” immer seltener besucht werden. Immer seltener angerufen werden. Mich macht diese Mentalität einfach krank – und der Umstand, dass ich hier Bildung und Freiheit genossen habe, ändert nichts daran. Ich, wo ich doch sonst die Resistenteste von Allen war und die “Umgangsformen” hier verteidigte, die Freiheit hier hochpries, die “Demokratie” hier lobte, ertrage diese Mentalität nicht mehr. Mich macht sie einfach krank – und ich kann es nicht oft genug wiederholen. Ich spürte es besonders, als ich heute einen Iraner traf, der mich schnurstracks fragte, warum ich so traurig aussehe und ob er mir irgendwie helfen könne. Als er mir jede erdenkliche Hilfe zu Teil kommen lassen wollte, als ich dann endlich den Mund aufmachte und redete. Keine persönlichen Anstandsgrenzen waren vorhanden, kein trockenes Schulterzucken, das mich darauf verwies, dass es ihn nichts angehe, was mich belastete.

Mich macht diese kalte Mentalität einfach krank. Nicht einmal Köln blieb von ihr verschont. Nicht einmal Karneval wird gegen dieses Stockige etwas tun können. Und all die Süd- und Ausländer hier helfen auch nicht weiter, denn sie sind (zum Teil durch die “Erkältung” hier) in ihrer Identitätskrise so fundamentalistisch-”traditionell” geworden, dass sie schon gar nicht mehr sie selbst sind. Ich will hier weg.

Diese Mentalität macht mich einfach nur krank…

(Ich entschuldige mich bei jedem “deutschen Mitbürger”, dem ich mit diesem Beitrag zu nahegetreten bin. Bitte bedenkt, dass wir Exilanten schizophrene Wesen sind mit völlig auseinanderklaffenden Bedürfnissen, die weder in ihrem Ursprungsland, noch in dem Land, in das sie geflüchtet sind, gehört werden.)

19.01.2007, 12:14
Warum man dennoch lacht

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass an manchen Tagen oder in manchen Phasen, alles Übel aufeinmal kommt. Es geht nicht um einwenig Pech oder das tägliche “In Scheiße treten” – es geht um soviel mehr. Aber dennoch habe ich uns gestern beim Lachen erwischt. Vielleicht war es ein Lachen stellvertretend für all die Trauer, all die Wut, all das Geschrei, das eigentlich nötig gewesen wäre, um nur einen Bruchteil dessen loszuwerden, was uns Herz und Magen zuschnürt. Vielleicht ist es auch die Erkenntnis gewesen, dass wir nur einander haben. Der kleine Kreis Familie. Er und er gehören auch dazu, sie geben Halt und leiden ehrlich mit. Ihre Gedanken sind bei uns, alles ist bei uns. Aber an solchen Tagen gibt es keine Freunde mehr. So gut sie es mit einem meinen, sie sind weiter weg von meinem Leid-Herd, als es für den inneren Austausch möglich wäre. Deshalb bleibt der Mund zu. Auch ich bin zuweit weg. Aber das wird sich nicht ändern, denn ich habe hier zu bleiben. Bei den Anderen. Denn wir müssen heute das Leben verlachen und beweinen – in einem Kreis, in dem es keine “Anstands-Tränen” gibt.