Archiv für Januar, 2007

Das hier ist Schönheit. :rose:

“Von Dir reden bedeutet, zu atmen
Von mir abzulassen bedeutet, Dich zu erreichen”

28.01.2007, 03:35
Eine Reise ins Leben

Wisst Ihr noch? Damals, in der Pubertät, als man sich auf die Nächte freute, weil man allein in seinem Zimmer konnte und endlich Walk-Man hören konnte, um wenigstens in seinen Fantasien das Geschehen so zu dirigieren, wie man es sich wünschte? Waren wir nicht alle verliebt? Hielten sich die Mädchen nicht vor sovielen Trampolinen in Bauch, Lunge und Herz den Mund schockiert zu, um nicht ständig fast dem Kreischen, dem Lachen, dem Rotwerden nahe zu sein? Oh, wie oft muss ich mich wohl verraten haben, obwohl ich dachte, ich habe vollkommen vorgesorgt. Papa würde nie was merken, Mama schon gar nicht. Wenn ich jetzt an mein Verhalten denke, dann lach’ ich mich tot, denn es muss mir in Neon-Pink auf der Stirn gestanden haben: “Sherry ist verliebt! Sie ist verdammt verliebt!” (Bitte klicken, denn ohne dieses Lied werdet Ihr meinen Traum nicht verstehen)

Mir ist etwas Seltsames passiert vorhin. Ich bin kurz eingenickt und träumte. Ich träumte; und in meinem Traum liefen persische Oldies – Sattar’s Lied lief im Hintergrund meiner Traumbilder – und ich musste so tief lächeln. Verliebt lächeln, so wie man es nur tut, wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und das Gefühl hat, die ganze Welt gehöre einem, wenn man nur einwenig lernt, mit ihr umzugehen. Ich war verliebt in das Leben und ich wusste, ich habe eine großartige Zukunft vor mir, die Wege waren alle frei, meine Lunge war so frei, wie noch nie. Als ich begann, das Leben lustig zu finden und mich ohne Ängste umschaute, sah ich Vigen und ein paar Frauen im alten 60-er Jahre Stil auf einer Decke sitzen. Er ließ sich von ihnen mit Trauben füttern und lachte strahlend mit seinen weißen Zähnen. Sie winkten mir zu, ich soll mich zu ihnen setzen. Ich antwortete nicht und lachte nur und winkte zurück, ging aber irgendwann weiter. Ich wollte mich nicht festlegen, sondern die ganze Welt umarmen. Die Welt gehörte uns allen – und ich wollte nicht nur an einem Ort sein. Sattar’s Stimme wurde langsam abgelöst von Vigen’s witziger Interpretation von “Baroun Baroune”. Ich hüpfte durch die Landschaft meiner Träume, bis ich in die Schwarz-Weiß-Welt geriet, in der Behrouz Vosughi, Googoosh, Dariush und co. damals ihre Filme drehten. Ich blieb voller Ehrfurcht stehen und bekam große Augen, weil ich nicht “stören” wollte. Dann musste ich aber doch kichern, weil Behrouz so genervt aussah, aber dabei so umwerfend brummte, dass man für dieses Brummen gestorben wäre. Plötzlich fiel das Schwarz-Weiß von den Leuten ab, alle wurden bunt, der Regisseur meckerte mit seiner angewachsenen Kippe im Mund und mahnte die Schauspieler, sich doch bitte zu konzentrieren. Googoosh rollte die Augen, sagte, sie habe keine Lust mehr und wandte sich ab. Ich entschuldigte mich, aber niemand hörte mich. Plötzlich kam der gutgelaunte Vigen mit seinen Frauen, die er um sich hatte, und brachte alle zum Tanzen und Lachen mit seinem “Baroun Baroune” – und ich war mittendrin…

Ich wollte weiter, obwohl sie mich baten, bei ihnen zu bleiben. Aber es ging nicht, ich wollte noch soviel sehen. Soviel sehen… So glücklich, wie ich war, hätte ich die Kraft dazu gehabt, die Regeln des Universums zu verändern – vielleicht hatte ich das schon, denn alle waren glücklich. Ich hüpfte weiter Richtung Leben, ständig dieses Lied bei mir…

Auf einem großen Spielplatz spielten Jungs miteinander Fußball. Ich schrie auf vor Freude und lief kichernd dahin, weil ich mitspielen wollte. Als ich bei ihnen ankam, sah ich alle Jungs, in die ich in meinem Leben schon verliebt war. Ich war völlig überfordert, denn ich merkte plötzlich, dass ich in alle gleichzeitig unendlich verliebt war. In jeden Einzelnen, ihrer aller Schönheit traf mich von Neuem, ich wollte sie alle mit Umarmungen und Küssen beschenken. Ich lief gellend und lachend mit Anlauf auf sie alle zu und sprang im Flug auf’s Spielfeld, mit geschlossenen Augen, ohne Angst, auf den Boden zu knallen, denn ich wusste, sie fangen mich auf – und sie taten es; und wie sie es taten… Wir kullerten alle auf den Rasen und lachten. Ich sah nur noch Augen und Zähne und Blüten. Sie gehörten alle mir, ich liebte sie so. Selbst Peyman war nicht all zu skeptisch und fragte nur, wie man denn soviele Menschen gleichzeitig lieben könne. Als Antwort legte ich seine Hand auf mein Herz und fragte, ob er da irgendwelche Grenzen spüre. Er schüttelte den Kopf und warf sich auf mich, um mich in dem Getümmel zu umarmen.

Auch sie wollten mich dort halten, doch ich sagte, ich müsse weiter. Also stand ich auf, völlig befreit von meinen eigentlichen Anwandlungen wie Abschiedstränen und Wehmut, und ging weiter meines Weges – immernoch Vigens Lied in der Atmosphäre meiner Reise.

Ich machte bei sovielen Menschen Halt, manche waren bekannt und berühmt, Künstler aus meiner Kindheit, aus meinen Sehnsüchten und aus meiner Liebe – viele kannte ich aber auch gar nicht, dennoch waren sie alle so freundlich und liebevoll. Ich sah auch mein Einhorn, Micchaella – meine Schutzengelin – und Arielle. Ich sah Piraten, wie sie lachend ihre Schätze wegwarfen, weil sie bemerkten, dass sie sich mit ihnen kein Glück kaufen konnten. Die Befreiung ließ sie fast wahnsinnig vor Glück werden. Ich ging und ging und hüpfte weiter, bis ich bei meiner Familie ankam. Oma kochte und meckerte mit allen. Eine große Menschenmenge, über 150 bekannte, geliebte Gesichter lachten, tranken, tanzten, neckten Oma und die anderen Frauen und tanzten zu Vigens Lied. Diese ganzen Leute waren meine Familie. Viele Gesichter hatte ich schon seit meinem 2. Lebensjahr nicht mehr gesehen, als ich von Teheran nach Deutschland musste. Viele lebten aber auch gleich mit mir in dieser Stadt – doch alle waren sie gleichsam geliebte, vertraute Wesen. Meine kleine Schwester hatte ein Hochzeitskleid an und ich war schwanger. Auf meinem Bauch sprossen zart-rosa Kirschblüten, die ich sanft pflückte und in die tosende, feiernde Menge warf. Ich sah Mama und Papa miteinander tanzen. Sie waren völlig in weiß und so jung wie damals, als sie sich das erste Mal sahen. Wir waren so unendlich glücklich. Nach und nach sah ich alle Menschen, die ich auf dieser Reise kennengelernt hatte. Sie waren plötzlich da und feierten mit. Eine gute, große Seele schien uns anzusehen und milde zu lächeln, aber ich wusste nicht, wer sie war. Doch eines wusste ich…

Hier wollte ich für immer bleiben…
Für immer…

~*Javad Maroufi – Khâbhâye talâee*~

Ich hatte einmal privaten Klavierunterricht. Ich war 9 Jahre alt, als irgendwann ein Klavier in meinem Kinderzimmer stand, weil Papa’s Musiker Kollegen zu ihm meinten, es sei erstaunlich, wie ich ohne Noten und Unterricht einfach ihre Stücke versuchte, nachzuspielen – zweihändig, aber eben nur auf Papa’s Keyboard. Er hätte mich zur Profischlagzeugerin machen können, aber niemals zur Pianistin, denn Keyboard spielte er nur sporadisch, wenn er die Songs, die er schrieb, melodisch nochmal untermauern und aufnehmen wollte.

Ich weiß noch genau, wie ich mich fühlte, als in meinem kleinen Zimmer dieses schwarze Klavier stand. Es kam mir vor wie ein Baby, das gerade von seiner Mama Selbstbewusstsein bekommen hatte, damit es seinen ersten Job bei mir gut machen würde. Ich stand dort mit großen Augen, wie angewurzelt, und konnte erst einmal nicht glauben, was ich da sah. Anstatt auf das Klavier zuzugehen, drehte ich mich um und rannte Papa in die Arme und weinte. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber ich hörte ihn lächelnd und tröstend auf mich einreden. Er nahm meine Hand und führte mich zum Klavier, setzte mich auf den Klavierhocker und ließ mich irgendwann mit ihm allein.

Ich weiß nicht, wie lange ich da saß und das Baby-Klavier nur ansah und vorsichtig streichelte, aber irgendwann begann ich zu spielen. Ganz zaghaft, bis ich merkte, dass ein Klavier anders angefasst werden muss alsl ein Keyboard. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich spielte. Aber als ich aufhörte, waren Papa und Mama glücklich…

Ein paar Tage später stellte Papa mir meine liebe Klavierlehrerin vor. Eine ältere Dame mit einer leicht arroganten Erscheinung, aber einem guten, disziplinierten Herzen. Wir spielten immer deutsche, klassische Stücke. Ich verzweifelte sie immer damit, dass ich keine Noten lernte, beeindruckte sie aber damit, dass ich die Stücke dennoch fehlerfrei spielen konnte. Nach ein paar Monaten brachte Papa Noten von alten, iranischen Stücken mit – und sie unterrichtete mich darin. Sie tat es sehr gerne. Die Noten waren sehr ungewöhnlich für sie, aber sie begann, Gefallen an iranischen Klavierstücken zu finden und spielte sie irgendwann nicht mehr nur nach Noten, sondern konnte die Stücke fühlen. Sie sagte immer: “Sherry, Du träumst immer beim Spielen. Du musst Dich doch konzentrieren.” – “Aber wenn ich mich konzentriere, mache ich Fehler.”; und es war wirklich so.

Dieses Stück hier war unser Lieblingsstück. Ich lernte es sehr schnell. Und obwohl ich heute komplett aus der Übung bin, kann ich das hier immernoch wie im Schlaf spielen. Ich muss mich einfach hinsetzen, die Augen schließen und beim Spielen träumen.

20.01.2007, 23:14
Was heute haften blieb…

Der heutige Tag hat mich das hier gelehrt…

Ein Seelenverwandter ist jemand,
der die Melodie Deines Herzens hört
und sie Dir vorsingt,
wenn Du sie vergessen hast

Danke, dass Ihr da seid. Und danke, dass Ihr so seid, wie Ihr seid und dass Ihr schweigt, wenn das Schweigen mehr sagt, als Worte jemals könnten und dass Ihr statt meiner singt, wenn Ihr meinen Mund stocken und mich meine eigene Melodie verwerfen seht. Danke. Gute Nacht.

Dieses Video (Leila ro bordan) (und vorallem dieses Lied) haben mich wieder daran erinnert, wo meine Heimat eigentlich ist. Nicht im heutigen Iran, nicht hier in Deutschland – nirgends: Nur in der Vergangenheit, meiner iranischen schwarz-weiß Nostalgia-Welt und bei meiner Familie. Ich bin in der falschen Zeit zur Welt gekommen, das habe ich schon sehr früh als Kind gespürt, als ich mit all diesen alten Liedern und Filmen großgeworden bin – da draußen im neuen, kalten Exil.

Als ich heute in diesen kahlen Räumen war, fragte ich mich, wie warm und lindernder alles gewesen wäre, wären es keine “professionellen”, “kühl-köpfigen”, “gewissenhaft-arbeitenden” Leute gewesen, die die Menschen dort mechanisch “pflegten”. Ich schloss die Augen und sah eine naive, liebe Krankenschwester, schwarze Haare, dunkle Augen, einwenig schüchtern und so sehr darauf bedacht, es allen anderen gut gehen zu lassen, dass sie sich fast selbst verstecken wollte. Eine naive, liebe Krankenschwester, die zwar nicht das Privileg der “westlichen Aufklärung” in vollem Maße “genoss” – aber die mit ihrer liebenswürdigen Art unter den Lippen zu Gott betete, dass all die Kranken bald gesund würden. Anstatt des “guten Arztes”, der den Patienten emotionslos die Nadel in die Ader schob, sah ich einen ernsten, konzentrierten, jungen Arzt mit dunklen, geschwungenen Augenbrauen und Augen, der dem Patienten noch das Kissen richtete und mit ihm von Mensch zu Mensch sprach, bevor er den Raum verließ – und nicht etwa von Arzt zum “krankem Objekt”.

Ich lebe schon solange hier in Deutschland. Von Iran habe ich genau 2-3 Jahre meines Lebens mitbekommen – und dennoch haben sie mich weitaus mehr geprägt, als diese vielen Jahre hier. Egal, wie ich es drehe und wende, ich bin Iranerin und ich erkälte mich in dieser ich-bezogenen, kühlen Umgangsart der Mentalität hier. Sie macht mich inzwischen krank. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter werde und weinerlicher, aber gerade in den letzten Tagen ertrage ich diese Mentalität nicht. Sie lässt einen einsam zurück. So einsam wie all die tot aufgefundenen, älteren Mütter/Väter, Großmütter/Großväter in ihren altmodischen Wohnungen, die von ihren “Kindern” immer seltener besucht werden. Immer seltener angerufen werden. Mich macht diese Mentalität einfach krank – und der Umstand, dass ich hier Bildung und Freiheit genossen habe, ändert nichts daran. Ich, wo ich doch sonst die Resistenteste von Allen war und die “Umgangsformen” hier verteidigte, die Freiheit hier hochpries, die “Demokratie” hier lobte, ertrage diese Mentalität nicht mehr. Mich macht sie einfach krank – und ich kann es nicht oft genug wiederholen. Ich spürte es besonders, als ich heute einen Iraner traf, der mich schnurstracks fragte, warum ich so traurig aussehe und ob er mir irgendwie helfen könne. Als er mir jede erdenkliche Hilfe zu Teil kommen lassen wollte, als ich dann endlich den Mund aufmachte und redete. Keine persönlichen Anstandsgrenzen waren vorhanden, kein trockenes Schulterzucken, das mich darauf verwies, dass es ihn nichts angehe, was mich belastete.

Mich macht diese kalte Mentalität einfach krank. Nicht einmal Köln blieb von ihr verschont. Nicht einmal Karneval wird gegen dieses Stockige etwas tun können. Und all die Süd- und Ausländer hier helfen auch nicht weiter, denn sie sind (zum Teil durch die “Erkältung” hier) in ihrer Identitätskrise so fundamentalistisch-”traditionell” geworden, dass sie schon gar nicht mehr sie selbst sind. Ich will hier weg.

Diese Mentalität macht mich einfach nur krank…

(Ich entschuldige mich bei jedem “deutschen Mitbürger”, dem ich mit diesem Beitrag zu nahegetreten bin. Bitte bedenkt, dass wir Exilanten schizophrene Wesen sind mit völlig auseinanderklaffenden Bedürfnissen, die weder in ihrem Ursprungsland, noch in dem Land, in das sie geflüchtet sind, gehört werden.)

19.01.2007, 12:14
Warum man dennoch lacht

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass an manchen Tagen oder in manchen Phasen, alles Übel aufeinmal kommt. Es geht nicht um einwenig Pech oder das tägliche “In Scheiße treten” – es geht um soviel mehr. Aber dennoch habe ich uns gestern beim Lachen erwischt. Vielleicht war es ein Lachen stellvertretend für all die Trauer, all die Wut, all das Geschrei, das eigentlich nötig gewesen wäre, um nur einen Bruchteil dessen loszuwerden, was uns Herz und Magen zuschnürt. Vielleicht ist es auch die Erkenntnis gewesen, dass wir nur einander haben. Der kleine Kreis Familie. Er und er gehören auch dazu, sie geben Halt und leiden ehrlich mit. Ihre Gedanken sind bei uns, alles ist bei uns. Aber an solchen Tagen gibt es keine Freunde mehr. So gut sie es mit einem meinen, sie sind weiter weg von meinem Leid-Herd, als es für den inneren Austausch möglich wäre. Deshalb bleibt der Mund zu. Auch ich bin zuweit weg. Aber das wird sich nicht ändern, denn ich habe hier zu bleiben. Bei den Anderen. Denn wir müssen heute das Leben verlachen und beweinen – in einem Kreis, in dem es keine “Anstands-Tränen” gibt.

Monate lang hatten wir Bewohner zwecks “Sarnierungsmaßnahmen” diese Bauarbeiter direkt in der Wohnung hängen. Ich meine, wenn mein Fenster auf Kippe stand, dann hätten sie wirklich durchplumpsen können – schnurstracks in mein Bett. Das war keine leichte Zeit, müsst Ihr wissen. Sie waren an ihren Gerüsten, gingen hin und her, schauten ab und zu bei mir rein – und ich musste ständig sicherstellen, dass ich auch – entgegen meiner sonstigen, freien Wohnkultur, anständig angezogen rum lief und nicht etwa gerade dazu genötigt wurde, einen hochroten Kopf zu kriegen. Lange hielt ich es nicht aus. Denn nach einem Schlüsselerlebnis zu dieser Zeit (nein, ich werde jetzt nicht darüber berichten, ich bin noch immer dabei, dieses Trauma zu verarbeiten!), beschloss ich, meine Gewohnheiten beizubehalten und mich jedes Mal genüsslichst der lästigen, kneifenden “Draußen-Kleider” zu entledigen und rumzulaufen, wie ich wollte. Immerhin war diese ständige “Irgendetwas-anhaben-müssen”-Vorschrift einer der primären Gründe, warum ich mit 17 Jahren schon ausgezogen bin. Das dürfen meine Eltern natürlich nicht wissen, weil denen sämtliche Schulpsychologen weitaus trifftigere Gründe für meinen Auszug erklärten, nachdem ich sie bearbeitet hatte (LOL).

Jedenfalls lief ich hier die letzten Monate mit zugezogenen Vorhängen rum, nur um “frei” sein zu können – was mir längerfristig aufgrund zuwenig Sonnenlicht (Oke, Deutschlands Sonnenlicht ist nicht unbedingt gleich Sonnenlicht nach herkömmlicher Defintion, aber eben alles, was wir haben) wirklich einen Knacks in der Birne verschaffte (also einen Weiteren, nicht den so schon Vorhandenen). Außerdem blieb ich weiterhin paranoid. Weder konnte ich mich in meiner wiedererkämpften “Wohnkultur”-Freiheit (=rumlaufen, wie mir lieb ist) daran gewöhnen, dass die Vorhänge zugezogen sind – und habe mich dementsprechend immer noch von den Bauarbeitern beobachtet gefühlt – noch konnte ich mit offenen Vorhängen, das Licht hereinlassend, rumlaufen, ohne an den Zwängen des Alltags da draußen nicht zu Grunde zu gehen. (Ihr habt ja keine Ahnung, Ihr dummen Männer, wie anstrengend so ein BH ist oder eine Jeans oder ein Oberteil, das man sich nur leisten kann, wenn man ständig die Luft anhält oder…!) – Mann, was habe ich gelitten.

Jedenfalls wollte ich mit diesem sinnlosen Beitrag nur loswerden, dass das Baugerüst der Bauarbeiter bau-gemäß die bebauten Etagen heruntergerasselt sind und ich endlich Licht und “Wohnkultur” gleichsam habe und vor Glück fast jedesmal zerspringe, wenn ich meiner hellen Wohnzimmerküche begegne, die mir liebevoll lächelnd zu meiner wiedergewonnen Wohnkultur gratuliert.

Das, meine Lieben, ist Glück.

12.01.2007, 06:58
Lass uns fort

Lebenskräfte schwinden
Lass sie runtergleiten
sich an jedem unserer Hälse winden
und Leib und Seele fortgeleiten -
Lass uns fort

Augenlider fallen
Schwarze wimpern ruhn’ auf Kissen
Und ihre Sternenhäupter krallen
sich noch verzweifelt an
des Mondgesichtes kühlen Küssen -
Lass uns fort

Lebenswege scheiden
Alle Bittgedanken schlafen
Dunkle Gräber ruhen tief,
während die Lebenden noch leiden
Lass uns aneinander in die Schwärze laben
Lass uns Fort

Kurz nach der wunder-vollen (und wenn ich “Wunder” schreibe, dann meine ich es auch so) Familienfeier am ersten Tag des Jahres, träumte ich von einem meiner Cousins, weil unser Gespräch wohl sehr an mir hängenblieb. Wir klinkten uns an jenem Abend einwenig aus, gingen in der eisigen Nacht-Kälte spazieren und redeten über alles. Über alles, was dieses seltsame Leben zu bieten und einem an zu tun hatte. Es war wohltuend, bis auch in gewissem Maße “erschreckend”, zu sehen, wie weise er schon auf seiner Art war. Mitte dreißig ist er – und kann seine Gefühle und das Handeln der Menschen in seiner Umgebung ab und zu sehr reflektiert und von einer neben-sich-selbst-stehnden Distanz fasziniert beobachten, ohne dabei in emotionale Ungnade zu fallen und sein Gleichgewicht zu verlieren. Er ist so wenig egozentrisch, dass es manchmal schon befremdlich wirkt. Er gehört zu jenen Menschen, die ohne Bitterkeit tränenüberströmt um den Verlust eines Menschen trauern, aber in ihrem Gefühl die Erkenntnis tief verankert ist, dass dieser Mensch hätte sterben müssen und dass dieser Mechanismus für das Leben wichtig ist – ob nun als Faktor, der uns das Leben so herzzreißend leben lassen will oder aber auch als Selbstregulationsmechanismus zur Erhaltung des Bestehenden.

Solche Eigenschaften sah ich oft an unterkühlten Menschen – diese Eigenschaft, aus der Distanz Dinge beobachten und anerkennen zu können. Doch er hat eine Wärme in sich, die alles überflutet. Er lacht laut, er umarmt spontan und sehr oft, er hat so lebendige und funkelnde Augen, dass man ihn manchmal nur lächelnd bewundern möchte, ohne etwas zu sagen. Er ist nicht einer jener verbitterter Zyniker, die mit der Realität “abgeschlossen” haben, in jenem Moment, an dem sie sie erkannt haben. Er kann die Realität ohne den bitteren Nachgeschmack eines eigentlich emotionalen, doch enttäuschten, einsamen Zynikers, der so sein Leid allen offenbaren und aber auch gleichsam ersticken will, ertragen und sogar in dieser Erkenntnis um die Regeln des Lebens allen anderen predigen, die Möglichkeiten dieser Realität gut zu nutzen. Die letzte Frage von mir, die seine Weisheit standzuhalten hatte, erwies sich als letzter Beweis dafür, dass er den Meisten voraus ist und es ihm tatsächlich an Egozentrismus so weit wie möglich mangelt (nicht so weit wie einem Buddhamönch oder einem Advaita Menschen, aber so weit, wie es in dieser konsumgeilen, mastubierenden Gesellschaft eben möglich ist)

“Bist Du Atheist (inzwischen)?”
“Mir steht es nicht zu, Atheist zu sein. Es wäre genauso sehr nur ein Glaube, wie wenn ich an Gott glauben würde. Ich weiß nichts über Gottes Nicht-Existenz.”
“Du denkst, es gibt Gott?”
“Was ich denke oder glaube, ist völlig irrelevant, Azizam. Ich weiß nichts von seiner Existenz.”
“Also weder das Eine, noch das Andere?”
“Wissen tu ich weder das Eine noch das Andere. Und was wir darüber denken, ändert an der ‘Realität’ nichts.”

In unserem Gespräch über das Leben konnte er es dennoch nicht unterlassen, Folgendes nebenbei einzuwerfen: “Wir haben wahrscheinlich nur ein Leben – oder evtl. auch mehrere, sollten die östlichen Philosophien recht haben – aber selbst dann sollten wir jedes Leben wirklich nutzen, denn es bedingt vieles in den weiteren Leben…”

Es ist ein Unterschied, etwas lediglich mit dem Verstand erkannt zu haben, als wenn man das Kunststück, das Erkannte auch in sein Gefühlsleben zu integrieren, zu Stande bringen kann. Ich habe bei ihm oft das Gefühl, dass er genau dazu in der Lage war, weil er die nötige Ruhe hatte. Als die Meisten der Bildung und Karriere hinterherliefen, hat er die Schule tausend Mal abgebrochen und war in allen möglichen Etappen – vom Punk bis zu anderen Freaks-Dasein – in einem ständigen Selbstexperiment damit beschäftigt, das Leben und die Psyche des Menschen in Abhängigkeit zum jeweiligen “System” zu verstehen. Sein “Müßiggang”, war nie wirklich ein Müßiggang. Viel eher sind wir, die wir mit all den gesellschaftlich anerkannten Leistungen beschäftigt waren, fetter, träger Treibmoos, der sich vor Dreck nicht mehr rühren konnte. Schwerfällig und gedanklich beleibt wie ein Big-Size-Ami, hingen wir an den dogmatischen Regeln dieser “Gesellschaft der Anerkennung und Leistung” und fühlten uns abends nur dann wohl, wenn wir der Gesellschaft etwas für sie “Nutzbares” und “Funktionstüchtiges” gebracht haben. (Anmerkung: Ich war nicht wirklich so, anders kann ich mir nämlich meine Schwänzorgien ab der 9. oder 10. Klasse bis heute nicht erklären. Meine Fehlquoten waren immer so hoch, dass ich in diversen Konferenzen Rechenschaft ablegen musste)

Er hingegen lernte das Leben vom Kern her kennen und wuchs aus dem Kern an die Oberfläche, um uns “Gebildeten” Einiges beizubringen – ganz ohne Zeugnisse und Abschlüsse waren die Meisten von uns stets dazu genötigt, sich von ihm belehren zu lassen, ohne lange der eigenen Argumentation standhalten zu können.

Wahrscheinlich macht genau das seine Ruhe aus. Die völlige Ignoranz einiger Dinge, die dem Gesellschaftsmenschen als A und O des Selbstwertgefühles einhämmern. Weder ist er so lächerlich wie ein verkrampfter Nihilist, der auf seine Art durch und durch dogmatisch ist in seinem Alles-Negieren und sich dabei ständig selbst widerspricht – noch so unterwürfig wie ein Mensch, der in all den fehlerhaften gesellschaftlichen Systemen hängt und nicht merkt, wie er sich selbst ein Strick um den Hals legt. Er ist irgendwo “abseits”, aber immer nah genug, um uns ab und zu am Oberarm zu packen, zu sich zu ziehen und ein ernstes Wörtchen mit uns zu reden.

Warum ich all das schreibe? Das hier sollte nur die “Einleitung” sein zu meinem Traum, den ich hatte. Die Einleitung erweist sich nun aber als Haupt-Text, wie mir scheint. Dennoch will ich diesen Traum noch erzählen, denn er ist sehr kurz:

Mein Cousin und ich sind im Schlafzimmer meiner Eltern und sitzen wie Picknicker auf dem großen Bett. Überall ist leuchtendes Obst, persische Süßigkeiten und Tee zu sehen. Manchmal – nach einem kleinen Riss in der Atmosphäre, durch das man sehen konnte – sah ich uns in einem persischen Garten – aber bis ich das Bild ergreifen konnte, saßen wir wieder auf dem Bett. Seine Augen leuchten beim Erzählen und ich höre gespannt zu.

“Weißt Du, Azizam. Damals, als kleines Kind in Teheran, da hattest Du keine Angst. Mit Deiner Winzigkeit (und ich bin mir sicher, dass Du Dir ihrer bewusst warst), strecktest Du Deine nackten Arme hoch und sprangst ins tiefe Meereswasser. So ungefähr.”

Er stand auf und sprang vom Bett runter, er ahmte mich nach – und das salzige, für mich eigentlich grauenhaft bedrohliche Meereswasser spritzte mir ins Gesicht. Er tauchte wieder auf. Weder nass noch nach Wasser riechend, zog sich auf’s Bett und setzte sich wieder hin.

“Aber heute hast Du soviel Angst. Du schaust Dir das Meereswasser nicht einmal mehr an, obwohl es Dich immernoch fasziniert.”

Ich zeigte wortlos auf Haie und andere ekelerregende Tiefwassertiere, deren Anblick ich nicht ertrug. Ich machte ihm klar, dass ich die “Schöpfung” für soviel grausames Spiel da unten einfach nicht mehr ernstnehmen konnte – oder so ernst nahm, dass ich mich nicht mehr rühren konnte.

“Das war Dir damals egal. Und deshalb warst Du glücklich. Du bist einfach gesprungen. Du springst einfach nicht mehr, Sherry.”, sagte er und lächelte. Ich sah ihn lange an und erwachte aus dem Traum.

Und warum ich wiederum diesen Traum hier aufschreibe? Weil ich vorhin von einem anderen Traum geweckt worden bin, der mir vermutlich ähnliche Inhalte zu sagen hatte, aber ich mich nicht mehr an ihn erinnere. Deshalb beschloss ich, diesen hier aufzuschreiben. Und dann war da noch diese SMS von einem alten Freund, die mir traurig ans Herz gedrückt worden ist. Damals hätte ich eine Antwort für ihn gehabt, heute sehe ich nur Fragezeichen, Angst, Trauer. Aber vorallem Angst.

SMS: “Warum ist das Leben so, wie es ist? Gibt es einen Ort, der nur Himmel – und nicht Hölle – zugleich ist? An dem Lebewesen einander nicht töten müssen, um zu überleben? An dem man sich nicht trennen muss? An dem kein 7-jähriger bei einem Unfall seinen jüngeren Bruder und seine Eltern verliert? An dem niemand unschuldig täglich die Hölle durchmacht? Sherry, kannst Du mir erklären, was das für ein dreckiges Spiel ist, in dem wir hier hängen? [...]“

Ob mein Cousin wohl eine Antwort gehabt hätte? Vielleicht. Schade nur, dass er vor 4 Tagen spontan nach Australien geflogen ist für drei Monate. Er wollte einfach “schauen”, was da los ist und ob es dort bessere Möglichkeiten gibt, von denen er uns dann berichten könnte.

Dieser Roman hat mich enttäuscht. Ich hatte weitaus mehr erwartet durch das, was im Klappentext stand. Im historischen Roman “Väter und Söhne” geht es um den Konflikt zwichen den tradierten Werten der aristokratischen Vätergeneration und dem radikalen Nihilismus der Jugend – oder in dem Fall die von Basarow und seinem Freund Arkad. Sie reisen umher und verlieben sich beide in die edle Anna Odinzowa, bei der Basarow seine Ablehnung der Liebe und Romantik kurz entgleitet und sich “leidenschaftlich” verliebt.

Die Person Basarow ist in Turgenjew’s Roman “Väter und Söhne” anfangs noch interessant, lässt er sich doch kaum irgendetwas anmerken und verneint jede Moral, jede Kunst, sogar die Medizin respektiert er nicht, obwohl er Biologe und Arzt ist. Nichts scheint ihn zu berühren. Selbst seine Verbundenheitsgefühle zu seinen Eltern erklärt er sich selbst einwenig spöttelnd sehr distanziert und kausal, aber von seiner eigentlichen inneren Unruhe erzählt Turgenjew leider nichts, so dass es ein mäßiges Lesevergnügen bleibt.

Es gibt einige interessante Aspekte an diesem Roman. Zum Beispiel, dass das ständige Überlegenheitsgefühl der zwei Nihilisten subtil ins Lächerliche gezogen wird, indem sie – so sehr sie sich auch anstrengen – immerwieder den menschlichen Bedürfnissen nach moralischen Gerüsten und “Illusionen” hingeben und sich immer nur knapp davon befreien können. (Arkad unterliegt ihnen dann doch letztendlich und führt somit ein endlich glückliches Leben) Basarow hingegen hat nichts in seinem Leben außer dem gleichwohl illusionären Gedanken, er sei allem überlegen.

Der Nihilismus negiert sich hier selbst, weil er zum dogmatischen Prinzip wird und sich demnach als ein lediglicher Versuch darstellt, nichts und niemanden über das eigene Leben herrschen zu lassen und dabei jeder echten Freude und Nähe aus dem Leben geht, um dann noch sinnloser zu sterben, als die Anderen, weil er niemals richtig gelebt hat. Traurig.