Wisst Ihr noch? Damals, in der Pubertät, als man sich auf die Nächte freute, weil man allein in seinem Zimmer konnte und endlich Walk-Man hören konnte, um wenigstens in seinen Fantasien das Geschehen so zu dirigieren, wie man es sich wünschte? Waren wir nicht alle verliebt? Hielten sich die Mädchen nicht vor sovielen Trampolinen in Bauch, Lunge und Herz den Mund schockiert zu, um nicht ständig fast dem Kreischen, dem Lachen, dem Rotwerden nahe zu sein? Oh, wie oft muss ich mich wohl verraten haben, obwohl ich dachte, ich habe vollkommen vorgesorgt. Papa würde nie was merken, Mama schon gar nicht. Wenn ich jetzt an mein Verhalten denke, dann lach’ ich mich tot, denn es muss mir in Neon-Pink auf der Stirn gestanden haben: “Sherry ist verliebt! Sie ist verdammt verliebt!” (Bitte klicken, denn ohne dieses Lied werdet Ihr meinen Traum nicht verstehen)

Mir ist etwas Seltsames passiert vorhin. Ich bin kurz eingenickt und träumte. Ich träumte; und in meinem Traum liefen persische Oldies – Sattar’s Lied lief im Hintergrund meiner Traumbilder – und ich musste so tief lächeln. Verliebt lächeln, so wie man es nur tut, wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und das Gefühl hat, die ganze Welt gehöre einem, wenn man nur einwenig lernt, mit ihr umzugehen. Ich war verliebt in das Leben und ich wusste, ich habe eine großartige Zukunft vor mir, die Wege waren alle frei, meine Lunge war so frei, wie noch nie. Als ich begann, das Leben lustig zu finden und mich ohne Ängste umschaute, sah ich Vigen und ein paar Frauen im alten 60-er Jahre Stil auf einer Decke sitzen. Er ließ sich von ihnen mit Trauben füttern und lachte strahlend mit seinen weißen Zähnen. Sie winkten mir zu, ich soll mich zu ihnen setzen. Ich antwortete nicht und lachte nur und winkte zurück, ging aber irgendwann weiter. Ich wollte mich nicht festlegen, sondern die ganze Welt umarmen. Die Welt gehörte uns allen – und ich wollte nicht nur an einem Ort sein. Sattar’s Stimme wurde langsam abgelöst von Vigen’s witziger Interpretation von “Baroun Baroune”. Ich hüpfte durch die Landschaft meiner Träume, bis ich in die Schwarz-Weiß-Welt geriet, in der Behrouz Vosughi, Googoosh, Dariush und co. damals ihre Filme drehten. Ich blieb voller Ehrfurcht stehen und bekam große Augen, weil ich nicht “stören” wollte. Dann musste ich aber doch kichern, weil Behrouz so genervt aussah, aber dabei so umwerfend brummte, dass man für dieses Brummen gestorben wäre. Plötzlich fiel das Schwarz-Weiß von den Leuten ab, alle wurden bunt, der Regisseur meckerte mit seiner angewachsenen Kippe im Mund und mahnte die Schauspieler, sich doch bitte zu konzentrieren. Googoosh rollte die Augen, sagte, sie habe keine Lust mehr und wandte sich ab. Ich entschuldigte mich, aber niemand hörte mich. Plötzlich kam der gutgelaunte Vigen mit seinen Frauen, die er um sich hatte, und brachte alle zum Tanzen und Lachen mit seinem “Baroun Baroune” – und ich war mittendrin…

Ich wollte weiter, obwohl sie mich baten, bei ihnen zu bleiben. Aber es ging nicht, ich wollte noch soviel sehen. Soviel sehen… So glücklich, wie ich war, hätte ich die Kraft dazu gehabt, die Regeln des Universums zu verändern – vielleicht hatte ich das schon, denn alle waren glücklich. Ich hüpfte weiter Richtung Leben, ständig dieses Lied bei mir…

Auf einem großen Spielplatz spielten Jungs miteinander Fußball. Ich schrie auf vor Freude und lief kichernd dahin, weil ich mitspielen wollte. Als ich bei ihnen ankam, sah ich alle Jungs, in die ich in meinem Leben schon verliebt war. Ich war völlig überfordert, denn ich merkte plötzlich, dass ich in alle gleichzeitig unendlich verliebt war. In jeden Einzelnen, ihrer aller Schönheit traf mich von Neuem, ich wollte sie alle mit Umarmungen und Küssen beschenken. Ich lief gellend und lachend mit Anlauf auf sie alle zu und sprang im Flug auf’s Spielfeld, mit geschlossenen Augen, ohne Angst, auf den Boden zu knallen, denn ich wusste, sie fangen mich auf – und sie taten es; und wie sie es taten… Wir kullerten alle auf den Rasen und lachten. Ich sah nur noch Augen und Zähne und Blüten. Sie gehörten alle mir, ich liebte sie so. Selbst Peyman war nicht all zu skeptisch und fragte nur, wie man denn soviele Menschen gleichzeitig lieben könne. Als Antwort legte ich seine Hand auf mein Herz und fragte, ob er da irgendwelche Grenzen spüre. Er schüttelte den Kopf und warf sich auf mich, um mich in dem Getümmel zu umarmen.

Auch sie wollten mich dort halten, doch ich sagte, ich müsse weiter. Also stand ich auf, völlig befreit von meinen eigentlichen Anwandlungen wie Abschiedstränen und Wehmut, und ging weiter meines Weges – immernoch Vigens Lied in der Atmosphäre meiner Reise.

Ich machte bei sovielen Menschen Halt, manche waren bekannt und berühmt, Künstler aus meiner Kindheit, aus meinen Sehnsüchten und aus meiner Liebe – viele kannte ich aber auch gar nicht, dennoch waren sie alle so freundlich und liebevoll. Ich sah auch mein Einhorn, Micchaella – meine Schutzengelin – und Arielle. Ich sah Piraten, wie sie lachend ihre Schätze wegwarfen, weil sie bemerkten, dass sie sich mit ihnen kein Glück kaufen konnten. Die Befreiung ließ sie fast wahnsinnig vor Glück werden. Ich ging und ging und hüpfte weiter, bis ich bei meiner Familie ankam. Oma kochte und meckerte mit allen. Eine große Menschenmenge, über 150 bekannte, geliebte Gesichter lachten, tranken, tanzten, neckten Oma und die anderen Frauen und tanzten zu Vigens Lied. Diese ganzen Leute waren meine Familie. Viele Gesichter hatte ich schon seit meinem 2. Lebensjahr nicht mehr gesehen, als ich von Teheran nach Deutschland musste. Viele lebten aber auch gleich mit mir in dieser Stadt – doch alle waren sie gleichsam geliebte, vertraute Wesen. Meine kleine Schwester hatte ein Hochzeitskleid an und ich war schwanger. Auf meinem Bauch sprossen zart-rosa Kirschblüten, die ich sanft pflückte und in die tosende, feiernde Menge warf. Ich sah Mama und Papa miteinander tanzen. Sie waren völlig in weiß und so jung wie damals, als sie sich das erste Mal sahen. Wir waren so unendlich glücklich. Nach und nach sah ich alle Menschen, die ich auf dieser Reise kennengelernt hatte. Sie waren plötzlich da und feierten mit. Eine gute, große Seele schien uns anzusehen und milde zu lächeln, aber ich wusste nicht, wer sie war. Doch eines wusste ich…

Hier wollte ich für immer bleiben…
Für immer…