Archiv für Januar, 2007
19.01.2007, 12:14
Warum man dennoch lacht

Ich weiß nicht, woran es liegt, dass an manchen Tagen oder in manchen Phasen, alles Übel aufeinmal kommt. Es geht nicht um einwenig Pech oder das tägliche “In Scheiße treten” – es geht um soviel mehr. Aber dennoch habe ich uns gestern beim Lachen erwischt. Vielleicht war es ein Lachen stellvertretend für all die Trauer, all die Wut, all das Geschrei, das eigentlich nötig gewesen wäre, um nur einen Bruchteil dessen loszuwerden, was uns Herz und Magen zuschnürt. Vielleicht ist es auch die Erkenntnis gewesen, dass wir nur einander haben. Der kleine Kreis Familie. Er und er gehören auch dazu, sie geben Halt und leiden ehrlich mit. Ihre Gedanken sind bei uns, alles ist bei uns. Aber an solchen Tagen gibt es keine Freunde mehr. So gut sie es mit einem meinen, sie sind weiter weg von meinem Leid-Herd, als es für den inneren Austausch möglich wäre. Deshalb bleibt der Mund zu. Auch ich bin zuweit weg. Aber das wird sich nicht ändern, denn ich habe hier zu bleiben. Bei den Anderen. Denn wir müssen heute das Leben verlachen und beweinen – in einem Kreis, in dem es keine “Anstands-Tränen” gibt.

Monate lang hatten wir Bewohner zwecks “Sarnierungsmaßnahmen” diese Bauarbeiter direkt in der Wohnung hängen. Ich meine, wenn mein Fenster auf Kippe stand, dann hätten sie wirklich durchplumpsen können – schnurstracks in mein Bett. Das war keine leichte Zeit, müsst Ihr wissen. Sie waren an ihren Gerüsten, gingen hin und her, schauten ab und zu bei mir rein – und ich musste ständig sicherstellen, dass ich auch – entgegen meiner sonstigen, freien Wohnkultur, anständig angezogen rum lief und nicht etwa gerade dazu genötigt wurde, einen hochroten Kopf zu kriegen. Lange hielt ich es nicht aus. Denn nach einem Schlüsselerlebnis zu dieser Zeit (nein, ich werde jetzt nicht darüber berichten, ich bin noch immer dabei, dieses Trauma zu verarbeiten!), beschloss ich, meine Gewohnheiten beizubehalten und mich jedes Mal genüsslichst der lästigen, kneifenden “Draußen-Kleider” zu entledigen und rumzulaufen, wie ich wollte. Immerhin war diese ständige “Irgendetwas-anhaben-müssen”-Vorschrift einer der primären Gründe, warum ich mit 17 Jahren schon ausgezogen bin. Das dürfen meine Eltern natürlich nicht wissen, weil denen sämtliche Schulpsychologen weitaus trifftigere Gründe für meinen Auszug erklärten, nachdem ich sie bearbeitet hatte (LOL).

Jedenfalls lief ich hier die letzten Monate mit zugezogenen Vorhängen rum, nur um “frei” sein zu können – was mir längerfristig aufgrund zuwenig Sonnenlicht (Oke, Deutschlands Sonnenlicht ist nicht unbedingt gleich Sonnenlicht nach herkömmlicher Defintion, aber eben alles, was wir haben) wirklich einen Knacks in der Birne verschaffte (also einen Weiteren, nicht den so schon Vorhandenen). Außerdem blieb ich weiterhin paranoid. Weder konnte ich mich in meiner wiedererkämpften “Wohnkultur”-Freiheit (=rumlaufen, wie mir lieb ist) daran gewöhnen, dass die Vorhänge zugezogen sind – und habe mich dementsprechend immer noch von den Bauarbeitern beobachtet gefühlt – noch konnte ich mit offenen Vorhängen, das Licht hereinlassend, rumlaufen, ohne an den Zwängen des Alltags da draußen nicht zu Grunde zu gehen. (Ihr habt ja keine Ahnung, Ihr dummen Männer, wie anstrengend so ein BH ist oder eine Jeans oder ein Oberteil, das man sich nur leisten kann, wenn man ständig die Luft anhält oder…!) – Mann, was habe ich gelitten.

Jedenfalls wollte ich mit diesem sinnlosen Beitrag nur loswerden, dass das Baugerüst der Bauarbeiter bau-gemäß die bebauten Etagen heruntergerasselt sind und ich endlich Licht und “Wohnkultur” gleichsam habe und vor Glück fast jedesmal zerspringe, wenn ich meiner hellen Wohnzimmerküche begegne, die mir liebevoll lächelnd zu meiner wiedergewonnen Wohnkultur gratuliert.

Das, meine Lieben, ist Glück.

12.01.2007, 06:58
Lass uns fort

Lebenskräfte schwinden
Lass sie runtergleiten
sich an jedem unserer Hälse winden
und Leib und Seele fortgeleiten -
Lass uns fort

Augenlider fallen
Schwarze wimpern ruhn’ auf Kissen
Und ihre Sternenhäupter krallen
sich noch verzweifelt an
des Mondgesichtes kühlen Küssen -
Lass uns fort

Lebenswege scheiden
Alle Bittgedanken schlafen
Dunkle Gräber ruhen tief,
während die Lebenden noch leiden
Lass uns aneinander in die Schwärze laben
Lass uns Fort

Kurz nach der wunder-vollen (und wenn ich “Wunder” schreibe, dann meine ich es auch so) Familienfeier am ersten Tag des Jahres, träumte ich von einem meiner Cousins, weil unser Gespräch wohl sehr an mir hängenblieb. Wir klinkten uns an jenem Abend einwenig aus, gingen in der eisigen Nacht-Kälte spazieren und redeten über alles. Über alles, was dieses seltsame Leben zu bieten und einem an zu tun hatte. Es war wohltuend, bis auch in gewissem Maße “erschreckend”, zu sehen, wie weise er schon auf seiner Art war. Mitte dreißig ist er – und kann seine Gefühle und das Handeln der Menschen in seiner Umgebung ab und zu sehr reflektiert und von einer neben-sich-selbst-stehnden Distanz fasziniert beobachten, ohne dabei in emotionale Ungnade zu fallen und sein Gleichgewicht zu verlieren. Er ist so wenig egozentrisch, dass es manchmal schon befremdlich wirkt. Er gehört zu jenen Menschen, die ohne Bitterkeit tränenüberströmt um den Verlust eines Menschen trauern, aber in ihrem Gefühl die Erkenntnis tief verankert ist, dass dieser Mensch hätte sterben müssen und dass dieser Mechanismus für das Leben wichtig ist – ob nun als Faktor, der uns das Leben so herzzreißend leben lassen will oder aber auch als Selbstregulationsmechanismus zur Erhaltung des Bestehenden.

Solche Eigenschaften sah ich oft an unterkühlten Menschen – diese Eigenschaft, aus der Distanz Dinge beobachten und anerkennen zu können. Doch er hat eine Wärme in sich, die alles überflutet. Er lacht laut, er umarmt spontan und sehr oft, er hat so lebendige und funkelnde Augen, dass man ihn manchmal nur lächelnd bewundern möchte, ohne etwas zu sagen. Er ist nicht einer jener verbitterter Zyniker, die mit der Realität “abgeschlossen” haben, in jenem Moment, an dem sie sie erkannt haben. Er kann die Realität ohne den bitteren Nachgeschmack eines eigentlich emotionalen, doch enttäuschten, einsamen Zynikers, der so sein Leid allen offenbaren und aber auch gleichsam ersticken will, ertragen und sogar in dieser Erkenntnis um die Regeln des Lebens allen anderen predigen, die Möglichkeiten dieser Realität gut zu nutzen. Die letzte Frage von mir, die seine Weisheit standzuhalten hatte, erwies sich als letzter Beweis dafür, dass er den Meisten voraus ist und es ihm tatsächlich an Egozentrismus so weit wie möglich mangelt (nicht so weit wie einem Buddhamönch oder einem Advaita Menschen, aber so weit, wie es in dieser konsumgeilen, mastubierenden Gesellschaft eben möglich ist)

“Bist Du Atheist (inzwischen)?”
“Mir steht es nicht zu, Atheist zu sein. Es wäre genauso sehr nur ein Glaube, wie wenn ich an Gott glauben würde. Ich weiß nichts über Gottes Nicht-Existenz.”
“Du denkst, es gibt Gott?”
“Was ich denke oder glaube, ist völlig irrelevant, Azizam. Ich weiß nichts von seiner Existenz.”
“Also weder das Eine, noch das Andere?”
“Wissen tu ich weder das Eine noch das Andere. Und was wir darüber denken, ändert an der ‘Realität’ nichts.”

In unserem Gespräch über das Leben konnte er es dennoch nicht unterlassen, Folgendes nebenbei einzuwerfen: “Wir haben wahrscheinlich nur ein Leben – oder evtl. auch mehrere, sollten die östlichen Philosophien recht haben – aber selbst dann sollten wir jedes Leben wirklich nutzen, denn es bedingt vieles in den weiteren Leben…”

Es ist ein Unterschied, etwas lediglich mit dem Verstand erkannt zu haben, als wenn man das Kunststück, das Erkannte auch in sein Gefühlsleben zu integrieren, zu Stande bringen kann. Ich habe bei ihm oft das Gefühl, dass er genau dazu in der Lage war, weil er die nötige Ruhe hatte. Als die Meisten der Bildung und Karriere hinterherliefen, hat er die Schule tausend Mal abgebrochen und war in allen möglichen Etappen – vom Punk bis zu anderen Freaks-Dasein – in einem ständigen Selbstexperiment damit beschäftigt, das Leben und die Psyche des Menschen in Abhängigkeit zum jeweiligen “System” zu verstehen. Sein “Müßiggang”, war nie wirklich ein Müßiggang. Viel eher sind wir, die wir mit all den gesellschaftlich anerkannten Leistungen beschäftigt waren, fetter, träger Treibmoos, der sich vor Dreck nicht mehr rühren konnte. Schwerfällig und gedanklich beleibt wie ein Big-Size-Ami, hingen wir an den dogmatischen Regeln dieser “Gesellschaft der Anerkennung und Leistung” und fühlten uns abends nur dann wohl, wenn wir der Gesellschaft etwas für sie “Nutzbares” und “Funktionstüchtiges” gebracht haben. (Anmerkung: Ich war nicht wirklich so, anders kann ich mir nämlich meine Schwänzorgien ab der 9. oder 10. Klasse bis heute nicht erklären. Meine Fehlquoten waren immer so hoch, dass ich in diversen Konferenzen Rechenschaft ablegen musste)

Er hingegen lernte das Leben vom Kern her kennen und wuchs aus dem Kern an die Oberfläche, um uns “Gebildeten” Einiges beizubringen – ganz ohne Zeugnisse und Abschlüsse waren die Meisten von uns stets dazu genötigt, sich von ihm belehren zu lassen, ohne lange der eigenen Argumentation standhalten zu können.

Wahrscheinlich macht genau das seine Ruhe aus. Die völlige Ignoranz einiger Dinge, die dem Gesellschaftsmenschen als A und O des Selbstwertgefühles einhämmern. Weder ist er so lächerlich wie ein verkrampfter Nihilist, der auf seine Art durch und durch dogmatisch ist in seinem Alles-Negieren und sich dabei ständig selbst widerspricht – noch so unterwürfig wie ein Mensch, der in all den fehlerhaften gesellschaftlichen Systemen hängt und nicht merkt, wie er sich selbst ein Strick um den Hals legt. Er ist irgendwo “abseits”, aber immer nah genug, um uns ab und zu am Oberarm zu packen, zu sich zu ziehen und ein ernstes Wörtchen mit uns zu reden.

Warum ich all das schreibe? Das hier sollte nur die “Einleitung” sein zu meinem Traum, den ich hatte. Die Einleitung erweist sich nun aber als Haupt-Text, wie mir scheint. Dennoch will ich diesen Traum noch erzählen, denn er ist sehr kurz:

Mein Cousin und ich sind im Schlafzimmer meiner Eltern und sitzen wie Picknicker auf dem großen Bett. Überall ist leuchtendes Obst, persische Süßigkeiten und Tee zu sehen. Manchmal – nach einem kleinen Riss in der Atmosphäre, durch das man sehen konnte – sah ich uns in einem persischen Garten – aber bis ich das Bild ergreifen konnte, saßen wir wieder auf dem Bett. Seine Augen leuchten beim Erzählen und ich höre gespannt zu.

“Weißt Du, Azizam. Damals, als kleines Kind in Teheran, da hattest Du keine Angst. Mit Deiner Winzigkeit (und ich bin mir sicher, dass Du Dir ihrer bewusst warst), strecktest Du Deine nackten Arme hoch und sprangst ins tiefe Meereswasser. So ungefähr.”

Er stand auf und sprang vom Bett runter, er ahmte mich nach – und das salzige, für mich eigentlich grauenhaft bedrohliche Meereswasser spritzte mir ins Gesicht. Er tauchte wieder auf. Weder nass noch nach Wasser riechend, zog sich auf’s Bett und setzte sich wieder hin.

“Aber heute hast Du soviel Angst. Du schaust Dir das Meereswasser nicht einmal mehr an, obwohl es Dich immernoch fasziniert.”

Ich zeigte wortlos auf Haie und andere ekelerregende Tiefwassertiere, deren Anblick ich nicht ertrug. Ich machte ihm klar, dass ich die “Schöpfung” für soviel grausames Spiel da unten einfach nicht mehr ernstnehmen konnte – oder so ernst nahm, dass ich mich nicht mehr rühren konnte.

“Das war Dir damals egal. Und deshalb warst Du glücklich. Du bist einfach gesprungen. Du springst einfach nicht mehr, Sherry.”, sagte er und lächelte. Ich sah ihn lange an und erwachte aus dem Traum.

Und warum ich wiederum diesen Traum hier aufschreibe? Weil ich vorhin von einem anderen Traum geweckt worden bin, der mir vermutlich ähnliche Inhalte zu sagen hatte, aber ich mich nicht mehr an ihn erinnere. Deshalb beschloss ich, diesen hier aufzuschreiben. Und dann war da noch diese SMS von einem alten Freund, die mir traurig ans Herz gedrückt worden ist. Damals hätte ich eine Antwort für ihn gehabt, heute sehe ich nur Fragezeichen, Angst, Trauer. Aber vorallem Angst.

SMS: “Warum ist das Leben so, wie es ist? Gibt es einen Ort, der nur Himmel – und nicht Hölle – zugleich ist? An dem Lebewesen einander nicht töten müssen, um zu überleben? An dem man sich nicht trennen muss? An dem kein 7-jähriger bei einem Unfall seinen jüngeren Bruder und seine Eltern verliert? An dem niemand unschuldig täglich die Hölle durchmacht? Sherry, kannst Du mir erklären, was das für ein dreckiges Spiel ist, in dem wir hier hängen? [...]“

Ob mein Cousin wohl eine Antwort gehabt hätte? Vielleicht. Schade nur, dass er vor 4 Tagen spontan nach Australien geflogen ist für drei Monate. Er wollte einfach “schauen”, was da los ist und ob es dort bessere Möglichkeiten gibt, von denen er uns dann berichten könnte.

Dieser Roman hat mich enttäuscht. Ich hatte weitaus mehr erwartet durch das, was im Klappentext stand. Im historischen Roman “Väter und Söhne” geht es um den Konflikt zwichen den tradierten Werten der aristokratischen Vätergeneration und dem radikalen Nihilismus der Jugend – oder in dem Fall die von Basarow und seinem Freund Arkad. Sie reisen umher und verlieben sich beide in die edle Anna Odinzowa, bei der Basarow seine Ablehnung der Liebe und Romantik kurz entgleitet und sich “leidenschaftlich” verliebt.

Die Person Basarow ist in Turgenjew’s Roman “Väter und Söhne” anfangs noch interessant, lässt er sich doch kaum irgendetwas anmerken und verneint jede Moral, jede Kunst, sogar die Medizin respektiert er nicht, obwohl er Biologe und Arzt ist. Nichts scheint ihn zu berühren. Selbst seine Verbundenheitsgefühle zu seinen Eltern erklärt er sich selbst einwenig spöttelnd sehr distanziert und kausal, aber von seiner eigentlichen inneren Unruhe erzählt Turgenjew leider nichts, so dass es ein mäßiges Lesevergnügen bleibt.

Es gibt einige interessante Aspekte an diesem Roman. Zum Beispiel, dass das ständige Überlegenheitsgefühl der zwei Nihilisten subtil ins Lächerliche gezogen wird, indem sie – so sehr sie sich auch anstrengen – immerwieder den menschlichen Bedürfnissen nach moralischen Gerüsten und “Illusionen” hingeben und sich immer nur knapp davon befreien können. (Arkad unterliegt ihnen dann doch letztendlich und führt somit ein endlich glückliches Leben) Basarow hingegen hat nichts in seinem Leben außer dem gleichwohl illusionären Gedanken, er sei allem überlegen.

Der Nihilismus negiert sich hier selbst, weil er zum dogmatischen Prinzip wird und sich demnach als ein lediglicher Versuch darstellt, nichts und niemanden über das eigene Leben herrschen zu lassen und dabei jeder echten Freude und Nähe aus dem Leben geht, um dann noch sinnloser zu sterben, als die Anderen, weil er niemals richtig gelebt hat. Traurig.