Mein Herz zerbröselt
Wie trockenes Herbstlaub
Vor Deinen Augen
Doch nur,
Weil ich stumm bin
Schaust Du weg
Wenn alle Wege versagen
Nähe ich meinen Mund zusammen
Um mich niemandem sonst zuzuwenden
Denn Dir
Doch nur,
Weil ich stumm bin
Schaust Du weg
Wenn die Tage fallen
Wie unsere Kinder
In Eurem Krieg,
Bedecke ich mein Haupt mit
Dreck und Staub,
Um Dir meine Demut zu schwören
Doch nur,
Weil ich stumm bin
Schaust Du weg
Dabei ist jeder Gedanke
Den ich male
Jede Liebe
Die ich bete
An Dich gerichtet
Doch nur,
weil ich stumm bin
Schaust Du weg

09.02.2007, 00:50
Warum Schule?
In den letzten zwei bis drei Wochen träume ich jeden Tag bis alle zwei Tage von Schule. Entweder bin ich auf einem Schulfest, in der Klasse, während einer Klausur, vor dem Klassenzimmer mit den Anderen oder auf dem Pausenhof meiner alten Schule oder auf der Wiese beim Fußball spielen. Gestern Abend habe ich mich vor der Sporthalle darüber geärgert, dass ich meinen Badminton-Schläger vergessen habe und nicht beim Sportunterricht teilnehmen konnte. Seltsamerweise bin ich in den Träumen nicht meinem Schulalter entsprechend. Mein jetziges, reales Alter bleibt erhalten, was ich an Kleinigkeiten merke wie z.B., dass ich nicht mehr so ein Badminton As bin wie damals. Stets an meiner Seite klebend meine beste Freundin Dini. Man nannte uns wieder “Siamesische Zwillinge” wie damals – sie wich nicht von meiner Seite, und alles war wie früher…
Naja, nostalgische Träume sind bei mir nichts Neues. Was ich mich frage ist nur, warum ständig die “Schule” dabei so eine große Rolle dabei spielt? Vielleicht habt Ihr ja eine Idee. Mir ist es jedenfalls ein Rätsel. Denn ich hatte noch nie sich ständig wiederholende Elemente in meinen Träumen – und das fast jede Nacht.
“Ich höre gerade ein sehr altes, persisches Lied auf Gitarre: ‘Ghesseyeh Do Mahi’ (‘Das Märchen der zwei Fische’). Es ist eine zarte Liebesgeschichte, vielleicht erzählt das Lied sogar vom Ende dieser Liebe, denn die zwei Fische haben den Wahnsinn hinter sich gelassen – und wenn man den durchgegangen ist, bleibt nur der Tod übrig. Das war das, was mich an der weltlichen Liebe als junges Mädchen schon störte. Dass das liebende Paar kurz vor Ende der absoluten Erfüllung, ihren reißerischen Fluss der absoluten Hingabe stoppt oder stoppen muss, weil es über das Leben hinaus gehen würde. Wollen wir uns Allem in der Liebe hingeben, müssen wir letztendlich vom Leben ablassen. So wie die Großen und Tragischen, die wir öffentlich als utopische Liebesgeschichten und kitschige Belletristik abtun, aber in unseren Träumen ersehnen. Die Geschichte von Farhad und Shirin… Wer stirbt innerlich keine tausend Tode, wenn er sich vorstellt, wie Farhad auf diesem Berg soviele Jahre verbringt und Shirins Gesicht in in den Berg meißelt, bis ein Bote ihm mitteilt, Shirin habe geheiratet. Wie er sich die Meißel in den Schädel schlägt im Moment des Wahnsinns aus Kummer… So krank und tragisch all das ist – wir Orientalen neigen zu dieser krankhaften Hingabe der zerstörerischen Liebe. Weinen wir nicht um Farhad, während wir uns im selben Atemzug genau so eine Liebe wünschen? Was ist das? Sie wird zum Tode führen, wenn man die Liebe nicht versucht, zu “beherrschen”. Das habe ich gelernt…
Und genau hier beginnt die Geschichte ihres Endes. Der Mensch kann die Liebe nicht beherrschen. Seine kläglichen Versuche, dies zu tun, enden in Eifersucht, Grausamkeit, Besessenheit, Hass, Eitelkeit, Zerstörungswut und Rache – oder einfach Resignation und Selbsttötung. Manchmal zerstört sich die Liebende nur deshalb, weil sie keinen Ausdruck für ihre Liebe findet. Kennst Du das Gefühl, wenn Du Deinen Finger, Deine Hand, Deinen Augapfel amputieren willst und dem Geliebten auf’s Tablett servieren willst, weil Worte, Umarmungen und Küsse Dir zu wenig scheinen, um Dein Gigantum an Liebe zu veräußern? Wenn ich Dir all das schreibe, dann deshalb, weil ich Dir vertraue und weiß, dass Du meine pathologischen Gedanken verstehen wirst. Aber dieser Drang, Dich für nur einen einzigen würdigen Ausdruck Deiner Liebe aufzuopfern, ist bei mehr Menschen vorhanden, als man es sich vorstellen kann. Und würden wir die Liebe nicht durch unsere schlechten Eigenschaften kontrollieren, so würde jedes in sich reine Liebespaar doch letztendlich im Messer enden. Denkst Du nicht auch?
Ich erkannte die Nicht-Erfüllung der Liebenden sehr früh. Deshalb starben meine Liebenden in den Kurzgeschichten, die ich als 12 Jährige schon schrieb am Ende immer. Nach ihrer ersten Liebesnacht schon starben sie freiwillig, weil sie den Abklang nach dem Rausch nicht ertrugen; die festen, grau-schwarzen Konturen der Realität sie mehr Überwindung kosteten, als der Tod. Weißt Du, was ich meine? Ja, wenn nicht Du, wer dann?
Ich musste, um meine Liebe (aus) zu halten, diese Kräfte in mir in einen kristallenen Eisklotz sperren, Azizam. Ich will meiner kleinen Umgebung erhalten bleiben. Also ent-mystifizierte ich die Liebe. Und wenn ich mich ganz hart dazu zwinge, kann ich sie sogar mit einem künstlich-bitteren Zug um meine Lippen verlachen und sie als chemisches/hormonelles Spiel zur Arterhaltung abtun und meines Weges gehen. Alles Andere lebe ich manchmal, wenn ich stark genug bin, in Gedichten wie “Deine Füße” oder “Tausend Messer” aus.
‘Und tausend Messer
habe ich mir in meinen Leib gerammt,
um dort zu sein, wo Du verweilst -
doch als ich stehen blieb,
weil das Letzte keinen Platz mehr fand,
schrie ich’
Erst da schrie sie, verstehst Du? Nicht etwa ob der 999 Messer im Leib, sondern nur, weil es keinen Platz mehr gab, in das sie sich hätte das letzte Messer rammen können. Muss man solche Gefühle nicht einfrieren und den Schlüssel dahin wegwerfen? Sind sie nicht gefährlich?
Liebe ist gefährlich, Azizam. Sie ist so wundervoll gefährlich. Fragt sich nur, warum ich all das schreibe und ob Du irgendetwas damit anfangen kannst…”
06.02.2007, 07:56
Momente
Es gibt Momente, in denen fühlt man mit vollster Wucht, wie sehr man Fehl am Platz ist in dieser Welt. Ich beneide dann all jene, die einfach keinen Glauben an andere Existenzmöglichkeiten haben. Die einfach an keinen (guten) Gott, keine elysischen Felder, keine undefinierbaren Farb-Leben und den Gärten in ihren Träumen glauben. Wie oft muss man sich denn noch voller Spott anhören, dass es keine Einhörner, keine Engel gibt? Und wie kurz und vernichtend ist die Zeit, die man braucht, um sich wie in strenger Konditionierung nach jedem dieser Bilder selbst zu geißeln und ob all dieser Gefühle selbst zu verlachen? Nennt man das “Erwachsenwerden”?
Es gibt viele Arten, mit dem, was ist, klarzukommen. Die Einen flüchten in Mythologien und Fabelwelten, die Anderen in ihre Religion und wieder Andere verlieren sich in einer so positiven Zukunftsaussicht und der Allmacht des menschlichen Verstandes, die überhaupt nicht zu der bisherigen Entwicklung der Menschheitsgeschichte passt, in der durch Wissen und Technologie nicht eben einfach mal alles besser wurde, sondern die Relationen der Katastrophen stetig zunahm, dass auch der Glaube daran fast “fabel”-haft wirkt. Egal, wie man es dreht und wendet, alles blüht in der Pracht seiner Nichtigkeit hervor und lacht uns aus.
Jetzt gerade ist einer dieser Momente, an denen ich mich schon so alt fühle, dass ich mich am Liebsten hinlegen würde, um einschlafend mit dem Leben abzuschließen…
Ich habe selten irgendetwas in meinem Leben bereut, weil ich alle Fehler einfach zu den Regeln des Lebens zählte, in ihnen eine Bereicherung sah, einen Wegweiser, Dinge besser zu machen. Aber in so müden Momenten wie diesen, in denen ich vor Erschöpfung weder die Augen offen halten, noch schließen kann, wünschte ich, ich wäre 10 Jahre jünger und hätte anders gehandelt. Was ich alles anders gemacht hätte… Sovieles. Ich hätte meine Talente ausgeschöpft, egal welches, ich hätte daraus Gold gemacht. Ich hätte mehr Zeit mit meinem Opa verbracht, mehr als ich so schon habe. Ich hätte entweder früh meine Illusionen abgelegt oder sie nie abgelegt. Dem Internet wäre ich etwas länger ferngeblieben, so dass die sensible Phase, in der man sich daran emotional so sehr daran gewöhnt, vorbei gewesen wäre, bevor ich es zu nutzen begann. Ich hätte niemals mit dem Malen und dem Klavierspielen aufgehört, schon gar nicht mit all den Sportarten, in denen ich glänzte. Ich hätte gesünder gegessen, meine eigenen Sachen genauso kämpferisch erledigt, wie die Sachen Anderer. Ich hätte weniger mit Mama gestritten und der Liebe zum “Mann” total entsagt und mich nur der Familie hingegeben oder nicht erst so spät damit angefangen, dass es sich manchmal noch immer unnatürlich anfühlt, mit jemandem zusammen zu sein, mit dem man mitgehen muss, egal wohin, wenn’s soweit ist, obwohl ich nie aus meinem Nest herausgegangen bin und auf Mamas & Papas Wärme warte. Ich hätte mir meine Freunde besser ausgesucht, keine Lügen toleriert und meine Lebenskräfte nicht für Unwürdige verschwendet, die mir eh nichts Gutes wünschen können, außer nur dann, wenn sie sich temporär überlegen fühlten. Ich hätte mehr gesungen, vielleicht Gesangsunterricht genommen, damit meine gegen alles kämpfende Seele ein kräftigeres Instrument hat und keines, dessen Töne noch viel zu kindlich sind und im Sturm kaum noch zu hören sind.
Ich hätte mich meiner Familie mehr zu Füßen gelegt, die Stelle meiner Geburt markiert und gewartet, bis Mama mich wieder zurück in ihren Bauch nimmt. Ich hätte als vierjährige nicht versprochen, niewieder nach Iran zu fliegen, solange die Mullahs noch regierten und wäre jedes Jahr nach Iran geflogen. Ich hätte mich niemals mit Politik und Geschichte befasst und damit meinen Alltag besudelt, nie aufgehört, auf meine Intuition zu hören, bis sie gänzlich erblindet.
Ich hätte sovieles anders gemacht. Sovieles. Dennoch hoffe ich, dass ich nie wiedergeboren werde. Nein, niewieder. Niewieder jemanden verlieren. Niewieder so sehr Angst haben um jemanden, dass es in Fieber und Atemnot endet. Niewieder zweifeln. Niewieder mich auf Menschen verlassen in dem Glauben, sie lieben mich genauso sehr wie ich sie, und dann hart aufprallen. Niewieder.
Ich bin müde.
04.02.2007, 02:43
Lass mich frei
Die Seele
schlägt gegen die Grenzen
Des Kopfes -
Lass mich frei
Will die Welt
nicht mehr in Formeln
drücken
Kein Gefühl mehr
in Worte rücken
Der Liebe
nicht nur mit
einem Körper dienen
und ihr nur den
einen Namen geben
Das Herz
sprengt sich aufopfernd
in die Luft -
Lass mich frei
Will meinen wilden Schrei
nicht mehr nur durch
stumme Tränen verlieren
Keine Verzweiflung mehr
in knallbuntem Schmuck
zelebrieren
Der Musik
nicht nur mit
einer Stimme dienen
und ihr nur den
einen Namen geben
Dunkle Augen
folgen geschlossen
dem tiefem Fall
ins Licht
Lass mich frei
Endlich frei
04.02.2007, 01:04
Iran-e man
Ob ich Dich jemals frei erleben werde, Iran? Oder wirst Du mit all Deinen Schätzen bald zerbombt?

Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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