~ Guns ‘N Roses – Dont’ Cry ~
Unsere Klassenfahrten damals waren immer ein Abenteuer. (Ich muss dabei immer an Otes denken) Und damit meine ich nicht das normale Abenteuerliche, sondern bei uns passierte immer irgendetwas Seltsames, das unsere Klasse damals heftiger zusammenschweißen ließ. Einer der Gründe, warum ich mich so sehr nach Schule sehne, sind genau diese Zeiten. Wenn man andere Klassen damals beobachtete, so sah man stets Grüppchenbildung. Die Bonzen waren untereinander, die Streber waren irgendwo in einer Ecke und versuchten, so unauffällig wie möglich zu sein, die Mädchen-Gangs waren unter sich und fanden Spaß daran, weniger püppiehafte Mitgenossinnen zu mobben etc.
Aber mit der Klasse 10.3 war das anders. Wir mussten uns ganze Holzbänke aus dem PZ und Schließfachraum zusammenlegen, damit wir auch ja alle zusammenhocken konnten. Ich werde die Pausen niemals vergessen. Ich war damals auf einer Ganztagsschule, deshalb hatten wir täglich die große 1 Stunde Pause. Entweder hingen wir die am Kicker rum und starteten Turniere um Bechereis oder Negerkussbrötchen – und die anderen jubelten und chillten um uns herum miteinander – oder aber wir lagen auf diesen zusammengestellten Bänken alle aufeinander. Ich werde niemals unser’n schwulen Türken-Teddy Erkan vergessen. Wir wussten schon alle, dass er schwul war, da wusste er es noch selbst nicht. Wie gern legten wir Mädchen uns auf ihn in der sicheren Gewissheit, er würde das nicht ausnutzen, weil er dabei einfach keine sexuellen Gefühle empfand? Mit Dirk, unserem Footballer, habe ich mir schon sinnlose Schlachten erlaubt, die dann so endeten, dass er mich auf eiskalt kopfüber auf seiner rechten Schulter trug, während ich brüllend und schreiend mit den Armen gegen seinen Rücken haute. Dini & Ich waren meistens im Partnerlook – man nannte uns die siamesischen Zwillinge. Ich war mit ihr immer Klassenbeste, aber immerwieder Problemkind wegen meiner Schwänzgewohnheiten und gelegentlichen Prügeleien mit den Asi-Tussi-Gängs (Grüße an “Chlodwig Power” *LOL*) und den Revolte-Plänen gegen Herr Knöfels gutgemeinte Diktatur.
Dini war die Ruhige, ich die Chaotische. Manchmal musste sie meine Hausaufgaben für mich machen – und sie tat es immer nur dann, wenn sie sicher war, dass ich den Stoff eigentlich intus hatte, aber “keine Zeit” hatte. Wusste sie, dass ich bei Mathe irgendwelche Probleme hatte, schüttelte sie immer ernst den Kopf und meinte “Nee, das müssen wir erst zusammen durchgehen, Sherry.” (Ach, Dini, ich liebe Dich.)
Unsere Klasse klebte zusammen; und ich wurde oft von allen “Klebstoff” genannt. “Sherry, Du bist unser Klebstoff…” – ich winkte das immer ab, aber insgeheim zersprang mein Herz vor purem Glück, wenn ich das von allen Seiten hörte. Ich hatte oft Tagträume, wie Papa uns die ganze Schule kauft & unsere ganze Familie und alle Familien meiner Klasse darin wohnen würden, ich wollte unbedingt dort leben, mit allen zusammen. Wände kritzelte ich voll mit den Namen unserer Klassenmitglieder – wieviele Herzchen & Liebesbekundungen wir einander auf dem WC-Klo schrieben, einander neckten, 10000 Umarmungen – völlig inflationär durch die Gegend geschmissen – und dennoch jede für sich ein Liebes- und Energieschub für die nächsten 3 Jahre. Ich liebte meine Klasse – und ja, ich liebte sogar Herr Knöfel und Frau Spekker, meine Klassenlehrer. Vor den großen Sommerferien umarmten wir sie, manchmal verloren wir ein paar Tränen. Auf Klassenfahrten gab sie uns Mädchen Gute Nacht Küsschen – und im Unterricht haute sie uns manchmal auch mit strenger, aber nicht fester Hand auf den Kopf. Uns machte es nichts aus, sie durfte das.
Einmal beschwerte sich Mustafa darüber, dass Frau Spekker handgreiflich würde – wir lachten ihn aus, denn sie wurde nie wirklich handgreiflich, sondern klapste uns und musste selber dabei schmunzeln. Aber sie nahm sich das wohl zu Herzen, denn ab da sagte sie immer mit einem zuckersüßen Lächeln: “Sherry, gibst Du Mustafa bitte mal eben einen Klaps auf den Hinterkopf?” “GERN!”, sagte ich und es geschah. Schallendes Gelächter – und Mustafa bettelte Frau Spekker an, dass sie ihn wieder hauen solle.. “Sherry hat kein Erbarmen! Bitte!”
Was waren das für Zeiten? Diese Zeiten waren so intensiv, dass ich heute noch mindestens 2 Mal im Monat von dieser Klasse träume; und von der letzten Zeit ganz zu schweigen, da träume ich fast jede Nacht von Schule.
Vorletzte Nacht hatte ich einen Traum, der mich bis jetzt noch traurig stimmt. Dini und Ich gehen durch den Schulhof und wollen zum Schulgebäude. Als wir davor stehen, stand statt unserer Schule ein Versicherungsgebäude da. Ich schaute fast 10 Minuten drauf und strengte meine Willenskraft an, um das Gebäude wieder in eine Schule umzuwandeln, aber es klappte nicht. Dini hielt mich schon fest an der Hand und sah mich traurig an. Ich sah sie stumm an und ließ mich auf der Stelle auf den Boden fallen. Mein Gesicht auf dem kalten Beton weinte ich und sagte “Sie haben uns die Schule geklaut. Sie haben sie kaputt gemacht… Wohin gehen wir jetzt, Dini? Sag’, wohin?” – Sie setzte sich zu mir und streichelte meinen Kopf, sah mich aus viel erwachseneren und weiseren Augen als die meinen an und sagte, dass es schon irgendwie weitergehe, wir würden schon irgendwo ankommen. Ich schluchzte – und wachte auch schluchzend auf.
Ich habe vor Kurzem noch jeden aus meiner Umgebung gefragt, was diese Träume von Schule zu bedeuten haben. Der letzte Traum darüber hat mir wohl die Antwort gegeben. Ich werde gezwungen, von etwas Abschied zu nehmen, das mich so sehr ausmachte, dass ich heute noch darunter leide, soetwas wie eine Abschlussfeier durchgemacht haben zu müssen. Die Schulzeit ist vorbei. Jene Zeiten, in denen wir uns wild aufeinanderschmissen und keine Luft mehr bekamen und dennoch die glücklichsten und stärksten Kinder der Welt waren, sind vorbei. Unsere mütterliche Frau Spekker unterrichtet schon ihre zweite, dritte Klasse nach uns – und wir sind ihr vielleicht nur Gesichter von Vielen. Unser Diktator Klassenlehrer ist zahm geworden. Wir sind erwachen geworden. Wir können in keine Schule(n) mehr einbrechen und ungestraft davon kommen. Keine Graffities, keine zerissenen Jeans, keine Guns ‘N Roses Lederjacke, keine Kritzeleien mit Edding an den Wänden, keine Zigaretten auf dem Klo, kein Negerkussbrötchen in der Pause. Die Zeiten sind vorbei. Die Zeiten sind vorbei. Eiskalt vorbei.