Ich muss 17 gewesen sein. Es ist, als sei es gestern gewesen. Tresor – ein 16 jähriger Junge aus Zaire, warf Stöckchen an mein Fenster. Er schien verängstigt, sein Deutsch war gebrochen, er war mit seiner Familie noch nicht lange hier. “Cherie, Cherie…” flüsterte er “Amea Angst… Sie draußen. Der Vater will sie schlagen.” Ich kletterte nur mit Socken das Fenster runter und sprang auf die Wiese. Von der normalen Tür hätte ich nicht rausgekonnt, weil Mama und Papa mich bemerkt hätten. Und bevor sich Papa in ein Gerangel stürzte, wollte ich die Sache “sauber” erledigen.
Tresor und ich rannten Richtung Wiese, wo wir Amea schon schreien hörten. Irgendwann merkte ich, dass er stehenblieb und nicht mehr mit mir Richtung Amea rannte. “Kommst Du jetzt?” Er blieb wie angewurzelt stehen. Ich sah in sein dunkles Gesicht, darin sah ich nur Angst. Gedanken blitzten mir durch den Kopf. “Mein Gott, was hat der Stiefvater denen angetan, dass ein 16-jähriger Junge solch eine Angst hat?” Ich schnappte mir den nächstbesten, dicken Ast und ging in schnellen Schritten Richtung Gerangel und den Schreien hinter das Gebüsch.
“Hallo?” rief ich mit fester Stimme (ich versuchte es zumindest!) “Lass Amea sofort los!” und ging in festen Schritten weiter auf sie zu, während der Mann brüllte
“Hau ab! Hau ab!”. Ich hörte Amea weinen (sie war erst 13 Jahre alt).
“Ich werde nicht abhauen! Lass Amea sofort los oder ich hole die Polizei.” Meine Schritte ließen nicht ab, ich ging dahin und stand da total lächerlich, aber zu allem bereit mit diesem doofen Ast vor ihm und Amea. Aber irgendwie hatte ich keine Angst, obwohl es dunkel war und ich seine Bewegungen schlecht einschätzen konnte.
“Was ist los, Amea?”, fragte ich schnaufend.
“Er schlägt mich! Ich will niewieder nach Hause.”
“Schlägst Du ein kleines Kind?”, frage ich den Stiefvater.
“Das geht Dich nichts an! Geh weg!”, brüllte er.
“Amea!”, brüllte ich. “Komm jetzt zu mir.”
Sie versuchte, zu mir zu kommen, aber er hielt sie fest.
“Lass sie los. Lass sie los, oder Du hast gleich diesen dicken Stock auf Deinem Schädel hängen.” Ich wusste in dem Moment, ich kann diesen Mann nicht schlagen, weil in seinem Gesicht irgendetwas dermaßen verzweifeltes drin war, dass ich schon Mitleid mit ihm empfand, bevor ich seine Sorgen kannte. Das da war kein schlechter Mensch in dem Sinne, es war nur ein sehr verzweifelter Mensch, das habe ich damals sofort erkannt. Aber dennoch würde er sich nie ändern und Amea und seine Familie schlagen.
Er ließ Amea wütend los. Sie lief zu mir und sagte nur “Ich will niewieder nach Hause…”
“Amea schläft heute bei mir, ok?”
“Oke”
“Morgen kommt sie nach Hause dann reden wir über alles. Ok?”
“Oke”, antwortete er nur geistesabwesend.
Amea und ich liefen nach Hause. Tresor war nicht mehr da. Also schlichen wir uns irgendwie in die Wohnung. Ich konnte sie unentdeckt in mein Zimmer schleusen.
Am nächsten Tag gingen wir zu ihrer Familie. Wir redeten dort so gut es ging, weil die Verständigungsprobleme waren groß. Der Stiefvater versprach, dass er seine Kinder niewieder schlagen würde. Aber Amea machte klar, dass er lügt. “Er sagt das immer Sherry… Aber dann schlägt er uns wieder. Ich will ins Heim! Ich will in Ruhe in die Schule gehen, die Sprache lernen… Ich habe keine Heimat mehr, ich muss hier eine Heimat finden. Er macht meine Zukunft kaputt.”
Ihr Wort war klar und deutlich. Am nächsten Tag gingen wir zum Jugendamt. Als ich nach 12 Stunden abends nach Hause kam, bekam ich furchtbar Ärger von meinen Eltern, weil ich so verantwortungslos gehandelt habe und keinem Erwachsenen bescheidgegeben habe. Am nächsten Tag kam die Mutter zu mir und scheuerte mir eine. Ich ließ es zu, obwohl ich nicht der Typ bin, der soetwas zulässt. Gott sei Dank war niemand zu Hause.
“Du hast mir Tochter genommen.”, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Ich schluckte und antwortete mit gebrochener Stimme: “Irgendwann wirst Du froh sein, dass sie nicht mehr bei Euch ist, bitte versteh doch…”
“Du hast mir Tochter genommen…”, wiederholte sie, drehte sich um und ging. An ihrem angewiderten Gesicht sah ich, dass sie mich am liebsten angespuckt hätte.
Zwei Jahre später sah ich sie mit ihrer Tochter und ihrem Sohn strahlend in der Stadt. Amea wurde Klassenbeste, Tresor machte seine Ausbildung. Sie lächelten alle – und niemand war mir mehr böse.

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