Archiv für April, 2007
28.04.2007, 17:55
Die Nacht der Heimatlosen

Ich muss 17 gewesen sein. Es ist, als sei es gestern gewesen. Tresor – ein 16 jähriger Junge aus Zaire, warf Stöckchen an mein Fenster. Er schien verängstigt, sein Deutsch war gebrochen, er war mit seiner Familie noch nicht lange hier. “Cherie, Cherie…” flüsterte er “Amea Angst… Sie draußen. Der Vater will sie schlagen.” Ich kletterte nur mit Socken das Fenster runter und sprang auf die Wiese. Von der normalen Tür hätte ich nicht rausgekonnt, weil Mama und Papa mich bemerkt hätten. Und bevor sich Papa in ein Gerangel stürzte, wollte ich die Sache “sauber” erledigen.

Tresor und ich rannten Richtung Wiese, wo wir Amea schon schreien hörten. Irgendwann merkte ich, dass er stehenblieb und nicht mehr mit mir Richtung Amea rannte. “Kommst Du jetzt?” Er blieb wie angewurzelt stehen. Ich sah in sein dunkles Gesicht, darin sah ich nur Angst. Gedanken blitzten mir durch den Kopf. “Mein Gott, was hat der Stiefvater denen angetan, dass ein 16-jähriger Junge solch eine Angst hat?” Ich schnappte mir den nächstbesten, dicken Ast und ging in schnellen Schritten Richtung Gerangel und den Schreien hinter das Gebüsch.

“Hallo?” rief ich mit fester Stimme (ich versuchte es zumindest!) “Lass Amea sofort los!” und ging in festen Schritten weiter auf sie zu, während der Mann brüllte

“Hau ab! Hau ab!”. Ich hörte Amea weinen (sie war erst 13 Jahre alt).

“Ich werde nicht abhauen! Lass Amea sofort los oder ich hole die Polizei.” Meine Schritte ließen nicht ab, ich ging dahin und stand da total lächerlich, aber zu allem bereit mit diesem doofen Ast vor ihm und Amea. Aber irgendwie hatte ich keine Angst, obwohl es dunkel war und ich seine Bewegungen schlecht einschätzen konnte.

“Was ist los, Amea?”, fragte ich schnaufend.
“Er schlägt mich! Ich will niewieder nach Hause.”
“Schlägst Du ein kleines Kind?”, frage ich den Stiefvater.
“Das geht Dich nichts an! Geh weg!”, brüllte er.
“Amea!”, brüllte ich. “Komm jetzt zu mir.”

Sie versuchte, zu mir zu kommen, aber er hielt sie fest.

“Lass sie los. Lass sie los, oder Du hast gleich diesen dicken Stock auf Deinem Schädel hängen.” Ich wusste in dem Moment, ich kann diesen Mann nicht schlagen, weil in seinem Gesicht irgendetwas dermaßen verzweifeltes drin war, dass ich schon Mitleid mit ihm empfand, bevor ich seine Sorgen kannte. Das da war kein schlechter Mensch in dem Sinne, es war nur ein sehr verzweifelter Mensch, das habe ich damals sofort erkannt. Aber dennoch würde er sich nie ändern und Amea und seine Familie schlagen.

Er ließ Amea wütend los. Sie lief zu mir und sagte nur “Ich will niewieder nach Hause…”

“Amea schläft heute bei mir, ok?”
“Oke”
“Morgen kommt sie nach Hause dann reden wir über alles. Ok?”
“Oke”, antwortete er nur geistesabwesend.

Amea und ich liefen nach Hause. Tresor war nicht mehr da. Also schlichen wir uns irgendwie in die Wohnung. Ich konnte sie unentdeckt in mein Zimmer schleusen.

Am nächsten Tag gingen wir zu ihrer Familie. Wir redeten dort so gut es ging, weil die Verständigungsprobleme waren groß. Der Stiefvater versprach, dass er seine Kinder niewieder schlagen würde. Aber Amea machte klar, dass er lügt. “Er sagt das immer Sherry… Aber dann schlägt er uns wieder. Ich will ins Heim! Ich will in Ruhe in die Schule gehen, die Sprache lernen… Ich habe keine Heimat mehr, ich muss hier eine Heimat finden. Er macht meine Zukunft kaputt.”

Ihr Wort war klar und deutlich. Am nächsten Tag gingen wir zum Jugendamt. Als ich nach 12 Stunden abends nach Hause kam, bekam ich furchtbar Ärger von meinen Eltern, weil ich so verantwortungslos gehandelt habe und keinem Erwachsenen bescheidgegeben habe. Am nächsten Tag kam die Mutter zu mir und scheuerte mir eine. Ich ließ es zu, obwohl ich nicht der Typ bin, der soetwas zulässt. Gott sei Dank war niemand zu Hause.

“Du hast mir Tochter genommen.”, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Ich schluckte und antwortete mit gebrochener Stimme: “Irgendwann wirst Du froh sein, dass sie nicht mehr bei Euch ist, bitte versteh doch…”
“Du hast mir Tochter genommen…”, wiederholte sie, drehte sich um und ging. An ihrem angewiderten Gesicht sah ich, dass sie mich am liebsten angespuckt hätte.

Zwei Jahre später sah ich sie mit ihrer Tochter und ihrem Sohn strahlend in der Stadt. Amea wurde Klassenbeste, Tresor machte seine Ausbildung. Sie lächelten alle – und niemand war mir mehr böse.

26.04.2007, 11:07
Unwichtiges am Rande

Was für die Anderen, die nicht aus einem Land stammen, in dem man die Macht von Propaganda-Apparaten kennt, in dem man weiß, wie einfach man durch systematische Lügen und historische Verzerrungen Völker aufeinander hetzen kann, die vorher noch nebeneinander in einem Land Seite an Seite gelebt haben – unverständlich ist, ist für mich jeden Tag Realität. Meine politisch unbelasteten Freunde mögen solche Beschwerdebriefe unwichtig, dumm, hypersensibel finden – aber angesichts dessen, dass gerade diese Region, in der es eine explosive Krise nach der anderen gibt, ist diese Art von Geschichtsverzerrung und “Identitätsraub” soetwas wie die Bereitstellung eines Pulverfasses.

Seit ca. 3 Jahren erlauben sich immer mehr “Journalisten”, in ihren Berichten vom “Arabischen Golff” zu sprechen, statt vom 3000 Jahre alten “Persischen Golf” – und das im Grunde wohlwissend dessen, dass es da intern genügend Machtkämpfe und Ausschreitungen wegen dieses Themas gibt.

“Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Erstaunen stelle ich fest, dass Sie in völligem Irrtum den Persischen Golf als “arabischen Golf” bezeichnen. Ein Gewässer Namens “Arabischer Golf” gibt es nicht, zumindest nicht dort, wo Bahrain liegt. Ich muss Sie darauf hinweisen, auf geographisch-terminologische Korrektheit zu achten und nicht einem möglichen Zeitgeist oder den sachverhaltsverstellenden Angaben arabischer Staaten nachzugehen. Keine global anerkannte Institution nennt das Gewässer nördlich des Bahrain und südlich des Iran “arabischer Golf”. “Arabischer Golf” ist eine britische Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts, welche speziell von dem Panarabisten Nasser aufgegriffen wurde. Dieser erkannte aber auch Israel nicht an und sprach stets von Palästina. Ungeachtet Ihrer Ansicht bezüglich Israel: Würden Sie eine TV-Reportage über Haifa bringen und etwa schreiben “Haifa in Palästina”? Würden Sie den Golf von Mexiko heute plötzlich Golf von USA nennen, nur weil die USA wirtschaftlich “interessanter” sind?

Gerade Bahrain, welches bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Persien gehörte und nur dank britischen Protektorats sich behaupten konnte, sollte nicht der Grund sein, warum der persische Golf plötzlich zum arabischen Golf werden soll.

Mit freundlichen Grüßen”

23.04.2007, 22:35
“Selbstverwirklichung”

Ich bin sehr wortkarg dieses Jahr für meine Verhältnisse. Das liegt daran, dass – je tiefer ich in der Scheiße sitze, desto weniger rede ich. Und wenn, dann nur verschleiert.

Vorhin wurde ich wieder schmerzerfüllte Zeugin der Mentalität in den “kühleren Regionen” dieser Welt, in der man so stolz darauf ist, “sein Ding” zu machen, “seinen Weg” zu gehen, sich “selbst” zu verwirklichen. Ich durfte wieder spüren, wie leicht es einigen fällt, über ein zerüttetes Herz hinwegzusehen, abzuschalten, auszuknipsen, wegzugehen. Ich habe wieder erleben dürfen, mit welcher Abfälligkeit man mich und meine Kultur wegen meiner starken Familiengebundenheit behandelte mit einer Geste, die ein paar auf die dämliche Fresse verdient hätte.

Das hier ist nicht nur nicht mein Land, das hier ist nicht mal meine Welt.

:aua:

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Khiyalet rahat mishe, sar be biyaboon bezaram?
Gheyde hame donya ro be khatere cheshmat zadam
Har kari gofti kardam o har jayi gofti oomadam
Diwoonegi oon awala kheyli baram sadeh nabood
Ama alan kheyli ghashang dige jonoono baladam

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Gofti saret paiin bashe, be hich kasi negah nakon
Esme hich kasi be joz mano too zendegit seda nakon
Waghti dastam too dastete be hich kasi dast nade
Be khatere ye ehteram, daste mano raha nakon
Ghorooramo shekastamo, ghalbamo rikhtam zire pat
Har ja residam goftam ke mimiram barat
Bidar neshastam ta sahar, choon ke to khabet nemibord
Gheseh migoftam ta shayad be khabe naz beran cheshat

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Waghti ke gofti teshneii, mesle ye cheshmeh ab shodam
Gofti bayad roswa beshi, pishe hame kharab shodam
Gofti mikhay ye ghahreman sharike lahzehat bashe
Ashegh tarin man boodamo, dobareh entekhab shodam

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Dige bayad eshghamo too kooche ha dad bezanam?
Rooye sakhrehaye ewerst esmeto faryad bezanam?
Gofti ina ke chizi nist, karat bayad ajib bashe
Asemoono beshkafio roo daste farhad bezani
Be khatere dashtane to, roo zendegim khat keshidam
Fekro khiyalam to boodi, joz to kasio nadidam
Gofti age asheghami, 1 omr joz harfaye to man be kasi goosh nemdiam
Doostiamo bekhateret sadeh gozashtamesh kenar
Gofti ke ba sad ta gole sorkh bayad biyam man sare gharar
Taghwimamo gereftio gofti khodet bayad begi
2 sale pish hamdigaro chand bar didim too bahar
Neweshtam esme nazeto rooye bargaye sabze derakht
Akse ghashangeto zadam tooye otahg balaye takht

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Zadam roo daste Majnoono ba sahra hamkhooneh shodam
Nazashtam ashketo biyad, tekiyeh dadi shooneh shodam
Wase be dast awordanet omramo joonamo dadam
Kame kamesh ine ke wase to diwooneh shodam
Khiyale to rahat mishe sar be biyaboon bezaram?
Ba ashke range baroonam daryaii sakhtam wase to
Tooye ghomare sarnewesht hastimo bakhtam wase to
Naghashi kardam khodamo kenare akse naze to
Taze didam ke khodadam faghat shenakhtam wase to

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
Tooye royahaye sooratim to padeshahe man shodi
Be asemoon niyazi nist, to dige mahe man shodi
Be harja ke khireh besham, har ja nega konam toii
Roo cheshme man ja dari, range negahe man shodi
Khiyale to rahat mishe sar be biyaboon bezaram?
Too shabe naze mojehat, ba asheghi ghadam zadam
Ba har ki meyle to nabood, rabetamo be ham zadam
Shaba kenare panjerat, az eshghe to zanoo zadam
Ta bekhabi barat saze dooset daram zadam
Tamame donya midoonan dast az to bar nemidaram
Asheghetam, ama bazam pishe cheshat kam miyaram

Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?

:aua:

(Quelle)

Lachen bringst Du uns
wie ein Bote
der lächelnd “Mojde” ruft
Und niemand erkennt
die große Trauerkluft
Wenn Deine Seele aus
dem stillen Tränenmeer
in die Freude rennt
und “Lachet” ruft

In einsamen Nächten
weilst Du still
in Deinen Bildern
in Schwarz und Weiß,
in denen der Duft der Erde
noch den Namen der Heimat
und den Namen der Liebe weiß

Die Gesichter,
die Du einst täglich geküsst
Hältst Du jede Nacht
ängstlich in Deinen
Gebeten fest

Und die Straßen,
die Du täglich als Kind gerannt,
bist Du auch letzte Nacht
in Deinen Träumen
auf und ab gerannt
selbst heute noch,
als erwachsener Mann

Ernst ist Deine Seele,
die uns jeden Tag das Lachen bringt
Schwer Dein Gedanke
der in der Stille der Nacht
nach der Antwort all Deiner Fragen
ringt

Doch heute,
meine liebe Seele,
sei mein Gast,
trink’ mit mir und
verlach’ all die sinnlose Leere
Leg’ heute ein eine Rast

Weder so hell wie ein Stern
noch so schön wie der Mond
bin ich

Doch eines versprech’ ich Dir
Mein Brot ist Dein
Und auch Deine Trauer
soll bei mir zu Hause sein

Oh Mann… (Papa findet das Lied auch genial)

11.04.2007, 01:24
Eshghe Sor’at

Tut mir Leid. Ich habe keine Übersetzung hierfür. Selbst, wenn ich’s versuchen würde, es ginge nicht.

10.04.2007, 02:35
Nur Du und Ich

Der dunkle Rauch
unserer Geschichte
übergeht schleichend
die Schwelle
zur Vergangenheit

Die Erinnerung an Dich
war immer mehr bitter
als süß
mehr traurig
als gut

Doch heute -
da ich Dich noch immer liebe
Aber die Folter von meiner Seele
abließ und ich wieder lebe -
Denk’ ich an unsere Augenblicke
voller Frieden
Als wir jedes unnötige Wort
durch einen Kuss
oder einen Blick
in des Anderen Tiefe
mieden

Wie Deine Hand sich auf die meine legte
und Deine Fingerkuppe
meine Brauen zählte
Wie meine Tränen Dich
Zu Heldentaten brachten
Und all den bösen Geistern
Nach dem Leben trachten
Wie all meine Träume
Zu all Deinen Herzenswünschen wurden
Und alle Wunden meines Herzens
Zu Deinen Heiligtümern auserkoren
sich in Deiner Oase auf dem weißen Blütenbett
in den Rausch der Vergessenheit verloren
Wie die Zeit Deinen Regeln folgte
wenn ich herrisch Deine Ewigkeit wollte
Wie die schweren Schatten meiner Ängste
erst Deine Brust beengten
und dann von Deinem lauten Lachen
In alle Himmelsrichtungen zersprengten

Und wie all die Liebe
in (D)einer einzigen Hand gehalten
Dich ob Deines Weges ohne mich
in jeder Nacht mein Klagelied
in Deine verlassene Seele schallten

Und wie Deine Stimme mir
des nachts Deine Wärme erzählte
Und ich beim Erwachen
in meiner Blutlache sitzend
das Leben um seine schmerzfreien
Momente flehte

…wissen nur Du und Ich
Nur Du und Ich…

08.04.2007, 01:00
Die seltsamen Wege des Lebens

Heute hat uns Papa eine Geschichte erzählt, bei der ich mich frage, warum er bis heute versäumt hatte, sie zu erzählen. Er dachte wohl, er habe sie uns schon erzählt.

Damals, in der Heimat, als Papa 14 war, brachte er sich mit seinen eigenen Mitteln irgendwie das Schlagzeug spielen bei. Er konnte keine einzige Note und hatte kein Schlagzeug, nicht einmal Schlagzeugstöcke, doch er übte mit normalen Stöcken auf Kissen & Töpfe, weil er es unbedingt wollte. Nach dem Fußball kam er immer nach Hause und spielte die Rhythmen der damaligen Rock-Bands nach. Er muss Talent gehabt haben, denn er verbesserte sich zusehends und hielt sich selbst für’n Profi.

Eines Tages – da muss er 16, 17 oder 18 gewesen sein, war Fereydoon Farokhzad im Iran gerade berühmt geworden – oder war es schon einige Zeit lang, ich weiß es nicht genau. Er forderte die Leute damals auf, dass sie sich melden sollen, wenn sie irgendein künstlerisch-musikalisches Talent haben, damit sie zum Casting gehen. Papa fand die Nummer heraus, rief das Farokhzad Team sofort an und sagte großkotzig: “Ich bin der Mann, den Ihr sucht. Ich bin Schlagzeugprofi, kann aber keine einzige Note. Aber ich bin weltklasse und würde das gerne beweisen. Habt Ihr Interesse? – Ja oder Nein?” Die Crew fand Papas Selbstbewusstsein wohl gut und sagten ihm zu. Der Casting-Termin wurde auch sofort gemacht. Am besagten Tag machte sich die Farokhzad Crew samt Farokhzad selbst auf den Weg zu Papa und seine Familie. Dort wollte man ihn spielen sehen. Papa meinte sogar, sie müssen ein Schlagzeug mitbringen, er habe gar keines.

Papa erzählte heute “Mage ma midunestim Sa’at chie? Ki hala sa’at dasht?” (“Wer hatte damals schon eine Uhr?”) Also stand er an jenem Tag draußen vor dem Haus auf der Straße, bis die Jungs kamen und ihn zu einem Fußball Match gegen die Jungs von der anderen Siedlung zu überreden suchten:

“Ey, die haben uns letztens voll fertiggemacht und sind voll frech geworden. Die fühlen sich gerade wie die Kings, komm’ bitte mit!”
“Das geht nicht. In 1.5 Stunden habe ich eine wichtige Verabredung.”
“Ein einhalb Stunden? Bis dahin sind wir schon längst fertig!”
“Nein, geht nicht! Ist wichtig.”
“Die Großkotze haben aber behauptet, dass selbst Du es nicht schaffen würdest, dass wir gegen die gewinne. Das kannst Du doch nicht auf Dir sitzen lassen. Komm schon, lass es uns denen zeigen.”

Papa konnte nicht anders und ging mit. Sie spielten, kämpften, spuckten, fluchten und vergaßen vollkommen die Zeit, weil das Spiel ständig knapp war. Die Mannschaften schossen ein Tor nach dem Anderen gegeneinander – und das Ende war nicht abzusehen. Der Kampf musste zu Ende gekämpft werden. Während Papa spielte, war Farakhzad schon unterwegs, ging durch die damalige Gegend, in der Papa aufgewachsen ist, versammelte die Leute unfreiwillig um sich die Leute sich, gab Autogramme usw. Alle fragten, was er denn hier suche – und er antwortete “Hier ist ein Junge namens … und er sagt, er sei Profischlagzeuger. Wir brauchen einen Schlagzeuger und wollen ihn spielen sehen.” Oma war total nervös und verlegen, fluchte innerlich, als sie ihn reinbat und hektisch meinte, dass ihr Sohn noch nicht da war. Sie bediente die Crew so gut sie konnte, doch Papa kam nicht, nicht einmal nach einer Stunde – und die Crew und Farokhzad gingen verärgert. Oma entschuldigte sich tausend Mal für ihren dummen Sohn. Aber nichts half, die Chance war vergeben.

Während des Fußballspiels blieb Papa plötzlich wie angewurzelt stehen. Ihm fiel dieser Termin ein, seine große Chance, die er nicht verpassen durfte! Er rannte aus dem Feld raus und fragte keuchend jemanden auf der Straße, wie spät es sei. Er war 1.5 Stunden über der Zeit. Er fluchte, weinte, war völlig verzweifelt, als er zu Hause ankam. Bevor Oma mit ihm schimpfen konnte, war er selber schon so fertig, dass sie ihn erstmal in Ruhe ließ. Alle kamen sie auf ihn zu und sagten “Was bist Du denn für einer? FAROKHZAD war hier! Er wollte Dich spielen sehen. Du Idiot!”

Cut.

20 Jahre später in London nach einem Konzert von Farokhzad. Papa sitzt mit ihm und den anderen Jungs aus der Band im Zug, sie schnacken und lachen. Papa schaut Farokhzad an und musste lachen.

“Warum lachst Du, Junge? Was ist los?”, schaute er Papa gutmütig an.
“Ferri, wenn ich Dir etwas erzähle, Du wirst es nicht glauben.”, sagte Papa grinsend.
“Erzähl’ mal. Los…”
“Ferri, erinnerst Du doch noch damals in Teheran? Als Du diese Familie in … Abad besuchen gegangen bist und Du einen Jungen Schlagzeugspielen hören wolltest und er nicht erschien?”

Ferri Farokhzad dachte kurz nach und meinte: “Klar erinnere ich mich an diesen Volltrottel! Der Junge hatte so eine große Chance, die ganze Crew war zuhause, die arme Mama von dem war so fertig mit den Nerven! Und der hat die Frechheit, nicht zu erscheinen!”

“Ferri…”, setzte Papa an.
“Dieser Junge vor 20 Jahren. Das war ich.” – und er sah ihn belustigt an.
“WAS? Wirklich?”, sah er ihn mit überraschtem Gesicht an.
“Ja, wirklich! Ich hatte mich in einem Fußball Match vergessen. Im ernst!”
“Du meine Güte… Du warst das also. Ich habe das damals richtig persönlich genommen, dass Du nicht aufgetaucht bist. Und heute bist Du mein bester Schlagzeuger.”, lachten sie beide.

Ich fand diese Geschichte so wundervoll. Das Leben spielt einem so seltsame Streiche, nicht wahr? Papa erzählte heute, dass kurz, bevor Ferri ermordet worden ist, er ständig davon redete, dass sie ihn bald töten würden und dass er seine Mutter vermisse, er wollte sie so gerne und so dringend sehen. “Aber ich kann nicht nach Iran, sie bringen mich dort sofort um, weißt Du?” – Papa sagte ihm “Red’ doch keinen Unsinn von wegen ‘Ich sterbe bald.’ Mal’ nicht den Teufel an die Wand.” – Aber er schien die letzten Wochen seines Lebens gespürt zu haben, dass man nicht so einfach am Leben bleibt, wenn man Khomeini beschimpft. Nur paar Wochen später fand man ihn erstochen auf. Auf dem Anrufbeantworter von Ferri Farokhzad war Papa’s Stimme zu hören: “Junge, wo bleibst Du? Wir müssen proben…”

Da war er vermutlich schon tot und lag in seinem Zimmer. Amu Ferri, wo auch immer Du gerade bist, mögest Du glücklich sein. :rose:

Amu Ferri

07.04.2007, 11:20
Glaskugel

Dieser anstrengende Akt des Schweigens gilt auch dem eigenen Unverständnis sich selbst gegenüber. Nicht einmal mehr mit Dir oder mit mir suche ich das Gespräch, die Zustimmung. So kräftezehrend das ist, lieber – mit wem ich auch gerade immer spreche – so ist es immernoch das Wehrloseste und Einfachste, was ich tun kann. Der Kampf braucht eine Pause. Anlehnen ist schon zuviel des Guten. Ich will meine Glaskugel. Lass’ mich alleine drin sitzen und mit der Musik reden. Sie ist wieder so plastisch die Tage, dass man in ihr leben kann.

Pscht…

~ Café Del Mar – Dido ~