Archiv für Mai, 2007
22.05.2007, 02:48
Er…

Ich bin erfüllt von Deiner Liebe, obwohl sie nicht mir galt. Danke, mein Freund…

The Surrender

19.05.2007, 15:53
Mein kleiner Mann

“Dein Papa war ein starker Mensch, mein großer Junge.” – sie kniete vor Shirvan in Augenhöhe und sah dem Jungen in seine viel zu ernsten Augen. Er war gerade erst fünf Jahre alt und hatte durch das Schicksal die Ernsthaftigkeit eines ruhigen Einzelgängers, der seine Mutter grimmig vor jedem Fremdling beschützen wollte. Sie roch so gut, ihre leicht gebräunte Haut war an manchen Stellen von Narben übersät – er hatte die Augen seines Vaters, dachte sie, doch eigentlich hatte er ihre Melancholie.

Sie umarmte ihn fest und sprach weiter. “Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, Shirvan, und sie sind oft mit einer Art der inneren Einwilligung gestorben. Sie haben letztendlich losgelassen. Aber Dein Vater, Shirvan, Dein Vater nicht. Er verblutete und hat bis zur letzten Sekunde gekämpft. Er hat nie losgelassen, er wollte bleiben oder uns mitnehmen.”

Shirvan sah seine Mutter ernst an und nickte. Seine Erinnerungen gehen bis zu seinem zweiten Lebensjahr zurück. Er erinnerte sich an seinen Vater, an seine bestimmte und autoritäre Ausstrahlung, die an Wärme und Güte aber niemals fehlen ließ. Er sah ihn und seine dunklen Augen, die so unergründlich waren. Er sah sein markantes Kinn und die Willensstärke eines Kriegers, der bereit war, alles für seine Familie zu geben. Er erinnerte sich an diese Liebe, die sie zu Dritt lebten. Er erinnerte sich an das wortlose Lächeln seiner schönen Mama, wenn ihr Mann sie zu sich rief mit einem Blick, den nur sie verstehen konnte. Ihre Hingabe ihm gegenüber schien an freiwilliger Hörigkeit zu grenzen. Alles war richtig, wie es war.

Ihre Locken glänzten damals vor Stolz und Glück. Die Narben an ihrem Körper gab es nicht. Sie hatten Feinde – schon immer, aber es gab nichts, was ihnen hätte Angst einjagen können. Seine Erinnerungen wurden plötzlich schwarz. Als hätte jemand mit einem Schwert durch die Atmosphäre und die Luft, die sie atmeten, geschnitten und eine neue Zeit markiert.

Ab dieser Zeit erinnerte er sich nur noch an dunkle Augenringe und das lethargische in die Ferne schauen seiner Mutter. Alles lief in schweren Bewegungen vor seinem inneren Auge ab. Gliedmaßen, Innereien und Kopf schmerzten bis zum zerreißen. Blutergüsse am weichen Körper seiner Mutter, Platzwunden, viele wortlose Schreie verfolgten ihn. Wie oft hörte er sie nachts weinen und mit einem Messer über seinem Bettchen stehen? Bereit, alles zu erdulden, was seine Mutter für richtig hielt, gab er sich weiter schlafend und hielt wartend die Luft an. Wie oft wollte sie ihn und sich mitnehmen und zu ihm – ihrem Mann, seinem Vater – zurückkehren. Egal, wo er war, sie wollte nur noch zu Dritt existieren und aus dieser unerträglichen Daseinsform der schneidenden, inneren Kälte und brustzerberstenden Ängste fliehen. Alles in ihr schrie nach ihm. Und auch Shirvan vernahm diesen markerschütternden Schrei seiner Mutter. Seine Ernsthaftigkeit erkannte sofort, was seine Mutter ihm seitdem immer sagen wollte, sich aber nicht traute. Bis heute.

“…und weißt Du, ich habe solange ausgehalten. Du weißt, ich kämpfe für uns beide, mein kleiner Mann, ich kämpfe wirklich. Aber Dein Vater ruft nach uns, das höre ich. Und ich weiß nicht, wie lange ich diesem Ruf noch widerstehen kann. Ich schaffe es nicht. Mein Mann ruft mich, mein kleiner Mann.” Sie sah ihren Sohn schuldbewusst an. “Shirvan… mein Gewissen ist das Einzige, das mich noch hier hält. Mein Gewissen will, dass Du die Möglichkeit bekommst, selbst zu entscheiden, wohin Du willst.” Sie sah ihren Sohn bedeutungsvoll an.

“Ich will bei Dir bleiben.“, sagte er leise, aber bestimmt. “Bei Dir und Papa.“
“Shirvan, wenn Du mit mir kommen willst, dann kannst Du nie wieder hierhin zurück. Verstehst Du? Und ich weiß nicht, wo wir ankommen werden. Und ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt bei Deinem Vater ankommen werden. Vielleicht landen wir auch im Nichts oder in der Hölle, weil man sagt, das, was ich vorhabe zu tun, eine Sünde sei.” Ihre Stimme überschlug sich.

“Ich will bei Dir bleiben, Mama. Egal wo wir hingehen.”, antwortete er selbstsicher.
“Bist Du ganz sicher?”
“Ja. Ich habe auch keine Angst vor dem Messer, Mama.”

Sie schaute ihn mit großen Augen an und senkte unwillkürlich ihr Gesicht. Sie schämte sich plötzlich so, denn sie wusste jetzt, dass er sie nachts bei ihren Versuchen, ihr eigenes Kind zu töten und dann selbst mitzugehen, beobachtet hatte.

“Mein großer Junge, mein kleiner Mann…”, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte diesen empfindsamen, so ernsten Jungen – ihren Sohn – nicht direkt ansehen.

“Mama, ich habe keine Angst vor dem Messer.” Er blieb ernst und streichelte mit seinen kleinen Händen die Locken im Gesicht seiner schönen Mutter weg, die den Glanz in ihren Augen seit dem Tod ihres Geliebten zwar nicht verloren hatte, der sich aber von Stolz und Leidenschaft in tiefe Trauer verwandelt hatte.

“Mein kleiner Mann, ich werde unsere Reise nicht mit dem Messer antreten. Ich habe etwas Besseres gefunden. Wir sollten keine Schmerzen dabei haben.”

Sie holte aus dem Ausschnitt ihres Kleides ein kleines, festverschnürtes Lederpäckchen heraus, öffnete es und holte einen Ballen getrocknete Kräuter mit einem ihnen fremden Geruch.

“Ich werde die Tabletten zermalmen und zu einem unserer Lieblingstränke umrühren, mein kleiner Mann, und sie uns in unsere Lieblingsgetränke schütten. Wir trinken ihn zusammen und legen uns dann gemeinsam in unser Bett. In Ordnung?”, sie atmete erleichtert auf. Jetzt, da sie das Gefühl hatte, dass sie ihren Sohn hat selbst entscheiden lassen, fühlte sie sich nicht mehr so schwer. Den Gedanken, dass ein Junge in dem Alter keine andere Wahl hatte, als mitzugehen, wohin die Mutter auch hingeht, schüttelte sie sofort ab. Sie war so kurz an ihrem Ziel. So kurz davor, die pulsierende Fleischwunde ihrer Seele endlich zur Ruhe zu bringen, wollte sie nichts mehr zulassen, das sie hätte aufhalten können.

“Ja, Mutter.”, riss er sie aus ihren Gedanken raus.
Sie redeten noch lange an diesem Abend. Sie planten, was sie alles tun würden, wenn sie wieder beim Geliebten und beim Vater ankommen würden. Sie lachten unbeschwert. Es gab nichts mehr, was man ihnen hätte noch nehmen können, denn sie würden es sich selber bald nehmen.

“Und wenn nichts kommt danach, dann sind wir alle drei im Nichts. Hauptsache alle im selben Zustand..”, fieberte sie erregt.

Shirvan sah seine Mutter das erste Mal nach zweieinhalb Jahren wieder glücklich. Sie strahlte und erlangte kurz vor ihrem Tod ihre alte Lebhaftigkeit zurück. Sie war voller Elan, voller Freude auf die Zukunft. Alles ging ihr wieder leicht von der Hand. Ihre Wangen röteten sich der Vorfreude wegen. Sie hatte ihren Sohn gefragt und er würde mitkommen. Alles würde gut werden.

Beim Trinken saßen sie im Schneidersitz auf dem einstigen Ehebett und sahen einander mit großen Augen schweigend an. Niemand sprach ein Wort. Die Luft war zum Zerreißen gespannt.

Der erste Schluck ließ noch ein wenig die bitteren Kräuter schmecken. Der zweite Schluck war der Letzte, in dem man sie hätte noch stoppen können, ohne dass sie gestorben wären. Der dritte, vierte, fünfte Schluck folgte schnell und gierig aus Angst, sie würden es sich doch noch anders überlegen. Doch als beide ausgetrunken hatten, lächelten sie.

Sie legte sich auf den Rücken und öffnete ihre Arme für ihren Sohn. Er legte sein Gesicht auf ihre Brust und hielt sie ganz fest. Das erste Mal nach all den Jahren fühlte er sich wieder wie ein kleiner Junge mit dem Schutzbedürfnis eines Fünfjährigen. Er lauschte dem Herzschlag seiner Mutter, bis sie fast zeitgleich einschliefen. Und sie schliefen, bis sie nicht mehr atmeten…

19.05.2007, 01:03
Gut und Böse

Seit wir auf die Welt gekommen sind, werden wir mit Informationen darüber gefüttert, wie man “gut” von “böse” unterscheidet. Wir leben in einer Gesellschaft und haben uns moralischen Normvorstellungen anzupassen. Wir wissen ganz genau, was richtig ist, was falsch. Unser Gewissen nimmt die Form der gesellschaftlichen, sowie staatlichen Erwartungen an. Im Laufe der Jahre erleben wir jedoch, dass es verschiedene Kulturen gibt, verschiedene Moralvorstellungen – und dass selbst die Moralvorstellungen innerhalb ein und der selben Gesellschaft sich im Laufe der Zeit komplett verändern können. Wir erkennen, dass Moral keine feste Instanz ist, sondern genauso sehr der menschlichen Subjektivität entspricht, wie die Wahrnehmung auch. Deshalb lautet meine Frage:

Warum ist gut gut und böse böse?

Viele werden vielleicht sagen: “Gut ist das, was das Leben erhält, was das Leben schützt, was das Leben liebt. Gut ist das, was anderen und mir keinen Schmerz zufügt oder auch Schmerz verhindert.”

Warum ist das nun so? Wenn wir hier “gut und böse” definieren, dann doch, weil wir uns in dem Moment als Ausgangspunkt und Dreh- und Angelpunkt der moralischen Instanzen sehen, oder? Würde das z.B. eine Tierart genauso tun wie wir, würde es zu ökologischen Ungleichgewichten führen und das System kollabiert. Überpopulation oder Artsterben würden nicht zu verhindern sein. Wenn ein Fuchs meint, statt einem Hasen pro Tag doch lieber zehn fressen zu wollen, weil es ihm und seiner Art “gut” tut, so definiert er das Jagen von zehn Hasen pro Tag als “gut” und bewirkt aber “Schlechtes”.

Was genau ist der Ausgangspunkt von moralischen Instanzen genau wert, wenn sie subjektiver Natur sind? Was, wenn eine gute Tat den selben Effekt hat, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der eine große Katastrophe verursachen kann? Was, wenn unsere Vorstellung vom “Guten” einfach nur die Vorstellung vom “temporär Effektivem” im Sinne unserer Konsum- und Triebbefriedigungen ist und universell betrachtet aber nur die Zerstörung bedingt?

Was zum Teufel sind Gut und Böse?

15.05.2007, 01:16
Fels

Ich vermisse Dich. Wenn Du bald hier bist, will ich mit Dir Musik hören, soviel Musik hören, etwas trinken, vor Deinen Augen im Rausch aufgehen oder eingehen, tanzen und fallen, endlich den Schutz spüren, den ich all die letzten Wochen so dermaßen brauchte. Du weißt, ich bin ein großes, tapferes Mädchen. Stark und kämpferisch, wenn es sein muss. Trotz meiner viel zu weichen Ansichten und zerbrechlichen Glasblumen in mir, stehe ich wütend im Sturm da und biete jedem die Stirn, der es nur wagt, der es nur wagt, der es nur wagt, böse Absichten gegen uns zu denken.

Doch bei Dir… Bei Dir bin ich schwach und weine, jammere, wüte, schlage, lass mich fallen. Ich frage mich wirklich, wie Du mich erträgst. Ich frage mich das wirklich. Wenn Du öfter hier wärst, jede Nacht meine Wangen Deine Brust zum Gefährten hätten, wäre alles soviel einfacher. Aber bis dahin müssen wir noch einwenig ausharren, den ewigen Kampf des Lebens geschwächter führen. Verletzlicher führen.

Ohne Dich wäre ich schon längst nicht mehr ich. Die ganzen, letzten drei Jahre hätten mich verschlungen. Von mir wäre nichts mehr übriggeblieben. Nichts, nichts, nichts. Du selbst hast nach Allem immernoch nicht begriffen, aus welchem gelb-grünen, reißerischen Fluss Du mich in letzter Sekunde rausgezogen hast. Erinnerst Du Dich noch anfangs an Deinen Traum? Wie ich im Ozean versank, Du von der Klippe reingesprungen bist, um mich zu retten, es aber nicht geschafft hattest? Lass’ Dir gesagt sein, dass Du es vielleicht im Traum nicht geschafft hast, aber im richtigen Leben sehr wohl. Danke, mein Baby. Danke. Du bist verdammtnochmal ein Fels der Ruhe und der Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten.

13.05.2007, 15:52
Mama(n)

Jede Nacht,
legtest Du mir
einen Napf Honig
auf meinen Nachttisch, Maman –
damit ihr schwerer Duft
meine Träume
versüßt…

Still, wie ein Engel,
hieltest Du inne neben mir,
um jede Fliege
fern zu halten,
die es wagte,
mein ruhiges Seufzen
zu stören…

Als ich heranwuchs,
lehrtest Du mich,
eine stolze Frau zu sein, Maman -
jedoch ohne kalt zu sein

Dein aufrechter Gang
und Dein mildes Lächeln,
zeigten mir den Weg
in die Weiblichkeit…

Meine ersten Tränen
wegen Papa
küsstest Du mir weg, Maman…
Doch statt über ihn zu schimpfen,
erzähltest Du mir
von seiner Liebe
von seiner Sorge
zu mir…

Nie klagtest Du, Maman…
Nie zweifeltest Du an mir -

Und nun,
wo ich versuche,
eine Frau zu sein,
willst Du die Härteste
Deiner Pflichten erfüllen:

Mich loslassen,
Mich fliegen lassen,
Maman…

Deine smaragdgrünen Engelsaugen
voller Freudentränen
sehnen sich wehmütig
nach dem kleinen Mädchen
an Deiner weichen Mutterbrust
zurück -
doch lässt Du los, Maman…
doch lässt Du tapfer los…

Aber Maman, ich bleibe…
Fliegen ist nicht mein Talent -
denn es waren stets Deine Flügel,
die uns alle trugen…

Aber Maman, ich bleibe…
Wir brauchen keine Engel mehr -
denn es war stets Dein mildes Lächeln,
das uns Freiheit schenkte -
und das smaragdgrüne Meer
voller ewig fließender
Muttertränen…

:rose: :rose: :rose:

Es geht nicht mehr um das Reden an sich, es geht nicht um dieses einfach “Rauslassen” der Gefühle beim Reden. Es geht darum, dass Dein Gegenüber die Sensoren, die Aufnahmekapazität Deines Leides hat. Es geht darum, dass Dein Leid die Seele Deines Gegenübers berührt, damit Du durch das Echo, den Rück-Klang Deines Gegenübers das warme Gefühl der Zusammengehörigkeit hast. Einer der Gründe (wirklich nur einer der Gründe), warum ich nicht mehr gerne rede, ist dieser floskelhafte, sinnentleerte Satz: “Ich verstehe Dich.” – Ich kann es bei gewissen Leuten nicht mehr hören. Ich kann auch keine Leute ertragen, denen ich etwas Tiefschmerzendes erzähle und die nur ein dummes “Ach, Du Arme” von sich geben (ich hasse nämlich nichts mehr, als bedauert zu werden) oder noch in der Situation des Schmerzes und dem Versuch, zu reden (was zuweilen wie eine schwierige Geburt sein kann) noch anfangen, über inhaltlich / politisch korrekte oder inkorrekte “Sachverhalte” meiner “Emotionen” zu disputieren.

Zu der schlimmeren Sorte zähle ich jene “Gesprächspartner”, die aus jeder Erzählung meinerseits ihre eigene alte Geschichte hervorkramen und sie auf mich einrasseln lassen. “Ich war so und so und mir ging’s auch so und so, dann habe ich das und das gemacht”. In vielen Gesprächen ist das sogar gut und wichtig, vorallem wenn man daraus eine Analogie aufzeigen will, aus der ein gutes Ende resultiert und dann Hoffnung spendet – aber Menschen, denen es grundsätzlich am Feingefühl fehlt, machen aus dem ursprünglichen Vorhaben, ihrer Freundin “zuzuhören” und zu helfen eine eigene Therapiestunde – und wer ist der / die Tehrapeut /in? – Richtig: Die Rat- und Hilfesuchende.

Dann gibt es noch jene (besonders schlimm), die bei jeder Erzählung darauf aufmerksam machen, um wieviel schlechter es ihnen selbst geht. Du fängst an zu erzählen, das Einzige, was sie dazu zu sagen haben: “Oh ja, Du hast aber noch Glück, das ist ja nichts. Mir geht’s so und so…” – Da höre ich sofort auf zu reden. Ich finde es oft richtig, einem von grundauf selbstmitleidigen und jammernden Menschen auf das Leid anderer Leute aufmerksam zu machen und gegebenfalls in den Hintern zu treten, aber soetwas sollte immer nur eine “Strategie” sein, eine kleine, effektive pädagogische Maßnahme, aber nicht der Grundzug eines Menschen beim “Zuhören”.

Dann gibt es noch die andere schlimme Sorte, bei der man wirklich im Nachhinein bereut, jemals mit ihnen geredet zu haben. Du erklärst ihnen in aller Seele und Herz, wie schlecht es Dir geht und wie wenig belastbar Du bist – und in dem Moment sind sie die empathischsten und helfendsten Personen, die es gibt. Aber nachdem die “Gesprächs-Session” beendet ist, kommen sie ohne Rücksicht auf Verluste extrem penetrant mit ihren normalen, alltäglichen Forderungen und Alltags-Problemchen an, die Angesichts Deines eigenen Leides einfach wie eine Beleidigung wirken. Beispiel: Stellt Euch vor, Ihr erzählt dieser Art von Person weinend, dass Euer Kind sterbenskrank ist. Sie hört Euch zu, vergießt mit Dir vielleicht ein paar (Krokodils?)-Tränen; und sobald Dein Rede- und Weinfluss vorbei ist, kommt sie mit ihrem neuen Schwarm oder ihrer Unschlüssigkeit, was ihre Mascara-Farbe angeht.

Dann gibt es wieder den Typ an “Zuhörer”, die Dir helfen und zuhören, damit sie sich wieder eine Kerbe ins Holz machen können “Heute habe ich wieder jemandem geholfen, ich bin was wert.” Dieser Typ vermischt sich sogar sehr oft mit dem Typ “Krokodilstränen”. Das ist überhaupt die abartigste Mischung schlechthin. Das sind oft Menschen, die Dich “lieben” und Deine Freundin sind, solange es Dir schlecht geht und sie durch Deine momentane “Schwachheit” eine Art “Größegefühl” erlangen und sich deshalb in Deiner Anwesenheit gut fühlen. Sie ziehen ihr Selbstwertgefühl einmal daraus hervor, dass es Dir schlechter geht als ihnen und einmal daraus, dass sie es sind, die Dir helfen.

Dann gibt es noch den Typ der “über allem Stehenden”. Sie geben dann so tolle Sätze ab wie “Zeit heilt alle Wunden”, “So ist das Leben”, “Das bist Du selber Schuld.”

Ich kann Menschen ohne Taktgefühl inzwischen nicht mehr ertragen. Penetrante Menschen erst gar nicht. Auf diese Arten von Gesprächspartnern kann ich einfach verzichten, tu’ ich auch seit Langem. Ich rede nur noch mit Menschen (und das auch nicht wirklich kontinuierlich), bei denen ich genau fühle, dass sie mich lieben. Bei denen ich weiß, dass sie fast so sehr wie ich darauf hoffen und warten, dass es mir sehr bald gut geht. Sehr bald. Davon gibt es nicht viele, habe ich herausgefunden. Es gibt viele, die sagen zwar “Ach, Sherry hier, Sherry da – Du bist die Beste, ich liebe Dich. Ich tu’ alles für Dich…” – aber das sind nur momentane Schwankungen, kurzes Glück, das mit Liebe veranschaulicht wird, Zuneigung – aber temporär sehr begrenzt. Aber jene, denen ich wirklich am Herzen liege, sind völlig anders. Die können dann meinetwegen ein paar Typus-Eigenschaften aufweisen, die ich oben aufgezählt habe, aber das ist dann irrelevant, denn man fühlt, wie sie Dich fühlen. Man fühlt es.

Jedenfalls ist das einer der Gründe, warum ich nicht mehr reden möchte. Wenn das Reden irgendwann nur noch ein schlechtes Gefühl hervorbringt und man sich billig danach fühlt wie eine entblößte, verletzte junge Frau, der ein paar Geldscheine ins Gesicht geworfen wird und dann nach Hause geschickt wird (so in etwa fühlt es sich an), dann lässt man es am Besten.

Ich bin in meinen nicht mehr so ganz jungen Jahren schon vielen Menschen begegnet – und ohne “angeben” zu wollen – weiß ich, dass ich auch schon vielen Menschen geholfen habe, mehr, als ich eigentlich konnte, mehr als meine Kapazitäten es erlaubt haben. Ich habe nie von diesen Menschen irgendetwas im Nachhinein erwartet, außer dass sie wieder “glücklich” sind. Selbst das machte ich an meinem eigenen Versagen oder Erfolg abhängig, die Verantwortung, die ich für fremde Menschen empfand und es auch immernoch tu’, ist enorm: Aber so bin ich nicht mehr. Nach all diesen Enttäuschungen der letzten Jahre, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich eine gewisse Erwartung doch hegen darf, nachdem ich für wildfremde oder liebenswerte Personen einiges geopfert habe, damit es ihm bessergeht: Dass sie mir nicht schaden oder mich in Ruhe lassen, wenn ich es von ihnen verlange.

Wer diese klare Erwartung nicht erfüllt, wird nicht wie damals einfach von mir weitergetragen und toleriert, sondern wird schlicht und einfach aus meinem Verantwortungskreis geschmissen. Die Zeiten haben sich geändert. Der Fluss des Gebens und des Nehmens ist so gestört und unausgeglichen durch die wachsende Konsumfixiertheit, dass Du für’s Geben nicht einmal die pure Energie seines erworbenen Glückes und einer ursprünglichen, schweigsamen Dankrbarkeit von der beschenkten Person erlangst. Was das genau heißt? Das heißt, dass “Liebe” nicht mehr verlustlos geschenkt wird und zurückkommt, sondern irgendwo untergeht. Untergeht, weil sie nicht mehr soviel “wert” scheint. Deshalb ist unsere Ich-Kraft heute begrenzter als je zuvor. Diese Prioritäten, die mich meiner Kindlichkeit und ehemaligen “Reinheit” berauben und mich ein Stück erwachsener machen, tun mir sehr weh, da sie komplett gegen meine Natur und gegen meine utopischen Träume gehen, aber ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Perlen, die ich vor die Säue werfe, hätte ich meiner Familie und meinen anderen Lieben schenken können. Und dass ich sie stattdessen verschwendet habe und sie bei meinen Lieben sparen musste, ist unverzeihlich. So unverzeihlich, dass ich mich dafür auch gerne verbiege, damit das nicht wieder vorkommt – ganz gegen meine Natur.