“Dein Papa war ein starker Mensch, mein großer Junge.” – sie kniete vor Shirvan in Augenhöhe und sah dem Jungen in seine viel zu ernsten Augen. Er war gerade erst fünf Jahre alt und hatte durch das Schicksal die Ernsthaftigkeit eines ruhigen Einzelgängers, der seine Mutter grimmig vor jedem Fremdling beschützen wollte. Sie roch so gut, ihre leicht gebräunte Haut war an manchen Stellen von Narben übersät – er hatte die Augen seines Vaters, dachte sie, doch eigentlich hatte er ihre Melancholie.

Sie umarmte ihn fest und sprach weiter. “Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, Shirvan, und sie sind oft mit einer Art der inneren Einwilligung gestorben. Sie haben letztendlich losgelassen. Aber Dein Vater, Shirvan, Dein Vater nicht. Er verblutete und hat bis zur letzten Sekunde gekämpft. Er hat nie losgelassen, er wollte bleiben oder uns mitnehmen.”

Shirvan sah seine Mutter ernst an und nickte. Seine Erinnerungen gehen bis zu seinem zweiten Lebensjahr zurück. Er erinnerte sich an seinen Vater, an seine bestimmte und autoritäre Ausstrahlung, die an Wärme und Güte aber niemals fehlen ließ. Er sah ihn und seine dunklen Augen, die so unergründlich waren. Er sah sein markantes Kinn und die Willensstärke eines Kriegers, der bereit war, alles für seine Familie zu geben. Er erinnerte sich an diese Liebe, die sie zu Dritt lebten. Er erinnerte sich an das wortlose Lächeln seiner schönen Mama, wenn ihr Mann sie zu sich rief mit einem Blick, den nur sie verstehen konnte. Ihre Hingabe ihm gegenüber schien an freiwilliger Hörigkeit zu grenzen. Alles war richtig, wie es war.

Ihre Locken glänzten damals vor Stolz und Glück. Die Narben an ihrem Körper gab es nicht. Sie hatten Feinde – schon immer, aber es gab nichts, was ihnen hätte Angst einjagen können. Seine Erinnerungen wurden plötzlich schwarz. Als hätte jemand mit einem Schwert durch die Atmosphäre und die Luft, die sie atmeten, geschnitten und eine neue Zeit markiert.

Ab dieser Zeit erinnerte er sich nur noch an dunkle Augenringe und das lethargische in die Ferne schauen seiner Mutter. Alles lief in schweren Bewegungen vor seinem inneren Auge ab. Gliedmaßen, Innereien und Kopf schmerzten bis zum zerreißen. Blutergüsse am weichen Körper seiner Mutter, Platzwunden, viele wortlose Schreie verfolgten ihn. Wie oft hörte er sie nachts weinen und mit einem Messer über seinem Bettchen stehen? Bereit, alles zu erdulden, was seine Mutter für richtig hielt, gab er sich weiter schlafend und hielt wartend die Luft an. Wie oft wollte sie ihn und sich mitnehmen und zu ihm – ihrem Mann, seinem Vater – zurückkehren. Egal, wo er war, sie wollte nur noch zu Dritt existieren und aus dieser unerträglichen Daseinsform der schneidenden, inneren Kälte und brustzerberstenden Ängste fliehen. Alles in ihr schrie nach ihm. Und auch Shirvan vernahm diesen markerschütternden Schrei seiner Mutter. Seine Ernsthaftigkeit erkannte sofort, was seine Mutter ihm seitdem immer sagen wollte, sich aber nicht traute. Bis heute.

“…und weißt Du, ich habe solange ausgehalten. Du weißt, ich kämpfe für uns beide, mein kleiner Mann, ich kämpfe wirklich. Aber Dein Vater ruft nach uns, das höre ich. Und ich weiß nicht, wie lange ich diesem Ruf noch widerstehen kann. Ich schaffe es nicht. Mein Mann ruft mich, mein kleiner Mann.” Sie sah ihren Sohn schuldbewusst an. “Shirvan… mein Gewissen ist das Einzige, das mich noch hier hält. Mein Gewissen will, dass Du die Möglichkeit bekommst, selbst zu entscheiden, wohin Du willst.” Sie sah ihren Sohn bedeutungsvoll an.

“Ich will bei Dir bleiben.“, sagte er leise, aber bestimmt. “Bei Dir und Papa.“
“Shirvan, wenn Du mit mir kommen willst, dann kannst Du nie wieder hierhin zurück. Verstehst Du? Und ich weiß nicht, wo wir ankommen werden. Und ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt bei Deinem Vater ankommen werden. Vielleicht landen wir auch im Nichts oder in der Hölle, weil man sagt, das, was ich vorhabe zu tun, eine Sünde sei.” Ihre Stimme überschlug sich.

“Ich will bei Dir bleiben, Mama. Egal wo wir hingehen.”, antwortete er selbstsicher.
“Bist Du ganz sicher?”
“Ja. Ich habe auch keine Angst vor dem Messer, Mama.”

Sie schaute ihn mit großen Augen an und senkte unwillkürlich ihr Gesicht. Sie schämte sich plötzlich so, denn sie wusste jetzt, dass er sie nachts bei ihren Versuchen, ihr eigenes Kind zu töten und dann selbst mitzugehen, beobachtet hatte.

“Mein großer Junge, mein kleiner Mann…”, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte diesen empfindsamen, so ernsten Jungen – ihren Sohn – nicht direkt ansehen.

“Mama, ich habe keine Angst vor dem Messer.” Er blieb ernst und streichelte mit seinen kleinen Händen die Locken im Gesicht seiner schönen Mutter weg, die den Glanz in ihren Augen seit dem Tod ihres Geliebten zwar nicht verloren hatte, der sich aber von Stolz und Leidenschaft in tiefe Trauer verwandelt hatte.

“Mein kleiner Mann, ich werde unsere Reise nicht mit dem Messer antreten. Ich habe etwas Besseres gefunden. Wir sollten keine Schmerzen dabei haben.”

Sie holte aus dem Ausschnitt ihres Kleides ein kleines, festverschnürtes Lederpäckchen heraus, öffnete es und holte einen Ballen getrocknete Kräuter mit einem ihnen fremden Geruch.

“Ich werde die Tabletten zermalmen und zu einem unserer Lieblingstränke umrühren, mein kleiner Mann, und sie uns in unsere Lieblingsgetränke schütten. Wir trinken ihn zusammen und legen uns dann gemeinsam in unser Bett. In Ordnung?”, sie atmete erleichtert auf. Jetzt, da sie das Gefühl hatte, dass sie ihren Sohn hat selbst entscheiden lassen, fühlte sie sich nicht mehr so schwer. Den Gedanken, dass ein Junge in dem Alter keine andere Wahl hatte, als mitzugehen, wohin die Mutter auch hingeht, schüttelte sie sofort ab. Sie war so kurz an ihrem Ziel. So kurz davor, die pulsierende Fleischwunde ihrer Seele endlich zur Ruhe zu bringen, wollte sie nichts mehr zulassen, das sie hätte aufhalten können.

“Ja, Mutter.”, riss er sie aus ihren Gedanken raus.
Sie redeten noch lange an diesem Abend. Sie planten, was sie alles tun würden, wenn sie wieder beim Geliebten und beim Vater ankommen würden. Sie lachten unbeschwert. Es gab nichts mehr, was man ihnen hätte noch nehmen können, denn sie würden es sich selber bald nehmen.

“Und wenn nichts kommt danach, dann sind wir alle drei im Nichts. Hauptsache alle im selben Zustand..”, fieberte sie erregt.

Shirvan sah seine Mutter das erste Mal nach zweieinhalb Jahren wieder glücklich. Sie strahlte und erlangte kurz vor ihrem Tod ihre alte Lebhaftigkeit zurück. Sie war voller Elan, voller Freude auf die Zukunft. Alles ging ihr wieder leicht von der Hand. Ihre Wangen röteten sich der Vorfreude wegen. Sie hatte ihren Sohn gefragt und er würde mitkommen. Alles würde gut werden.

Beim Trinken saßen sie im Schneidersitz auf dem einstigen Ehebett und sahen einander mit großen Augen schweigend an. Niemand sprach ein Wort. Die Luft war zum Zerreißen gespannt.

Der erste Schluck ließ noch ein wenig die bitteren Kräuter schmecken. Der zweite Schluck war der Letzte, in dem man sie hätte noch stoppen können, ohne dass sie gestorben wären. Der dritte, vierte, fünfte Schluck folgte schnell und gierig aus Angst, sie würden es sich doch noch anders überlegen. Doch als beide ausgetrunken hatten, lächelten sie.

Sie legte sich auf den Rücken und öffnete ihre Arme für ihren Sohn. Er legte sein Gesicht auf ihre Brust und hielt sie ganz fest. Das erste Mal nach all den Jahren fühlte er sich wieder wie ein kleiner Junge mit dem Schutzbedürfnis eines Fünfjährigen. Er lauschte dem Herzschlag seiner Mutter, bis sie fast zeitgleich einschliefen. Und sie schliefen, bis sie nicht mehr atmeten…