Archiv für Mai, 2007

Es geht nicht mehr um das Reden an sich, es geht nicht um dieses einfach “Rauslassen” der Gefühle beim Reden. Es geht darum, dass Dein Gegenüber die Sensoren, die Aufnahmekapazität Deines Leides hat. Es geht darum, dass Dein Leid die Seele Deines Gegenübers berührt, damit Du durch das Echo, den Rück-Klang Deines Gegenübers das warme Gefühl der Zusammengehörigkeit hast. Einer der Gründe (wirklich nur einer der Gründe), warum ich nicht mehr gerne rede, ist dieser floskelhafte, sinnentleerte Satz: “Ich verstehe Dich.” – Ich kann es bei gewissen Leuten nicht mehr hören. Ich kann auch keine Leute ertragen, denen ich etwas Tiefschmerzendes erzähle und die nur ein dummes “Ach, Du Arme” von sich geben (ich hasse nämlich nichts mehr, als bedauert zu werden) oder noch in der Situation des Schmerzes und dem Versuch, zu reden (was zuweilen wie eine schwierige Geburt sein kann) noch anfangen, über inhaltlich / politisch korrekte oder inkorrekte “Sachverhalte” meiner “Emotionen” zu disputieren.

Zu der schlimmeren Sorte zähle ich jene “Gesprächspartner”, die aus jeder Erzählung meinerseits ihre eigene alte Geschichte hervorkramen und sie auf mich einrasseln lassen. “Ich war so und so und mir ging’s auch so und so, dann habe ich das und das gemacht”. In vielen Gesprächen ist das sogar gut und wichtig, vorallem wenn man daraus eine Analogie aufzeigen will, aus der ein gutes Ende resultiert und dann Hoffnung spendet – aber Menschen, denen es grundsätzlich am Feingefühl fehlt, machen aus dem ursprünglichen Vorhaben, ihrer Freundin “zuzuhören” und zu helfen eine eigene Therapiestunde – und wer ist der / die Tehrapeut /in? – Richtig: Die Rat- und Hilfesuchende.

Dann gibt es noch jene (besonders schlimm), die bei jeder Erzählung darauf aufmerksam machen, um wieviel schlechter es ihnen selbst geht. Du fängst an zu erzählen, das Einzige, was sie dazu zu sagen haben: “Oh ja, Du hast aber noch Glück, das ist ja nichts. Mir geht’s so und so…” – Da höre ich sofort auf zu reden. Ich finde es oft richtig, einem von grundauf selbstmitleidigen und jammernden Menschen auf das Leid anderer Leute aufmerksam zu machen und gegebenfalls in den Hintern zu treten, aber soetwas sollte immer nur eine “Strategie” sein, eine kleine, effektive pädagogische Maßnahme, aber nicht der Grundzug eines Menschen beim “Zuhören”.

Dann gibt es noch die andere schlimme Sorte, bei der man wirklich im Nachhinein bereut, jemals mit ihnen geredet zu haben. Du erklärst ihnen in aller Seele und Herz, wie schlecht es Dir geht und wie wenig belastbar Du bist – und in dem Moment sind sie die empathischsten und helfendsten Personen, die es gibt. Aber nachdem die “Gesprächs-Session” beendet ist, kommen sie ohne Rücksicht auf Verluste extrem penetrant mit ihren normalen, alltäglichen Forderungen und Alltags-Problemchen an, die Angesichts Deines eigenen Leides einfach wie eine Beleidigung wirken. Beispiel: Stellt Euch vor, Ihr erzählt dieser Art von Person weinend, dass Euer Kind sterbenskrank ist. Sie hört Euch zu, vergießt mit Dir vielleicht ein paar (Krokodils?)-Tränen; und sobald Dein Rede- und Weinfluss vorbei ist, kommt sie mit ihrem neuen Schwarm oder ihrer Unschlüssigkeit, was ihre Mascara-Farbe angeht.

Dann gibt es wieder den Typ an “Zuhörer”, die Dir helfen und zuhören, damit sie sich wieder eine Kerbe ins Holz machen können “Heute habe ich wieder jemandem geholfen, ich bin was wert.” Dieser Typ vermischt sich sogar sehr oft mit dem Typ “Krokodilstränen”. Das ist überhaupt die abartigste Mischung schlechthin. Das sind oft Menschen, die Dich “lieben” und Deine Freundin sind, solange es Dir schlecht geht und sie durch Deine momentane “Schwachheit” eine Art “Größegefühl” erlangen und sich deshalb in Deiner Anwesenheit gut fühlen. Sie ziehen ihr Selbstwertgefühl einmal daraus hervor, dass es Dir schlechter geht als ihnen und einmal daraus, dass sie es sind, die Dir helfen.

Dann gibt es noch den Typ der “über allem Stehenden”. Sie geben dann so tolle Sätze ab wie “Zeit heilt alle Wunden”, “So ist das Leben”, “Das bist Du selber Schuld.”

Ich kann Menschen ohne Taktgefühl inzwischen nicht mehr ertragen. Penetrante Menschen erst gar nicht. Auf diese Arten von Gesprächspartnern kann ich einfach verzichten, tu’ ich auch seit Langem. Ich rede nur noch mit Menschen (und das auch nicht wirklich kontinuierlich), bei denen ich genau fühle, dass sie mich lieben. Bei denen ich weiß, dass sie fast so sehr wie ich darauf hoffen und warten, dass es mir sehr bald gut geht. Sehr bald. Davon gibt es nicht viele, habe ich herausgefunden. Es gibt viele, die sagen zwar “Ach, Sherry hier, Sherry da – Du bist die Beste, ich liebe Dich. Ich tu’ alles für Dich…” – aber das sind nur momentane Schwankungen, kurzes Glück, das mit Liebe veranschaulicht wird, Zuneigung – aber temporär sehr begrenzt. Aber jene, denen ich wirklich am Herzen liege, sind völlig anders. Die können dann meinetwegen ein paar Typus-Eigenschaften aufweisen, die ich oben aufgezählt habe, aber das ist dann irrelevant, denn man fühlt, wie sie Dich fühlen. Man fühlt es.

Jedenfalls ist das einer der Gründe, warum ich nicht mehr reden möchte. Wenn das Reden irgendwann nur noch ein schlechtes Gefühl hervorbringt und man sich billig danach fühlt wie eine entblößte, verletzte junge Frau, der ein paar Geldscheine ins Gesicht geworfen wird und dann nach Hause geschickt wird (so in etwa fühlt es sich an), dann lässt man es am Besten.

Ich bin in meinen nicht mehr so ganz jungen Jahren schon vielen Menschen begegnet – und ohne “angeben” zu wollen – weiß ich, dass ich auch schon vielen Menschen geholfen habe, mehr, als ich eigentlich konnte, mehr als meine Kapazitäten es erlaubt haben. Ich habe nie von diesen Menschen irgendetwas im Nachhinein erwartet, außer dass sie wieder “glücklich” sind. Selbst das machte ich an meinem eigenen Versagen oder Erfolg abhängig, die Verantwortung, die ich für fremde Menschen empfand und es auch immernoch tu’, ist enorm: Aber so bin ich nicht mehr. Nach all diesen Enttäuschungen der letzten Jahre, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich eine gewisse Erwartung doch hegen darf, nachdem ich für wildfremde oder liebenswerte Personen einiges geopfert habe, damit es ihm bessergeht: Dass sie mir nicht schaden oder mich in Ruhe lassen, wenn ich es von ihnen verlange.

Wer diese klare Erwartung nicht erfüllt, wird nicht wie damals einfach von mir weitergetragen und toleriert, sondern wird schlicht und einfach aus meinem Verantwortungskreis geschmissen. Die Zeiten haben sich geändert. Der Fluss des Gebens und des Nehmens ist so gestört und unausgeglichen durch die wachsende Konsumfixiertheit, dass Du für’s Geben nicht einmal die pure Energie seines erworbenen Glückes und einer ursprünglichen, schweigsamen Dankrbarkeit von der beschenkten Person erlangst. Was das genau heißt? Das heißt, dass “Liebe” nicht mehr verlustlos geschenkt wird und zurückkommt, sondern irgendwo untergeht. Untergeht, weil sie nicht mehr soviel “wert” scheint. Deshalb ist unsere Ich-Kraft heute begrenzter als je zuvor. Diese Prioritäten, die mich meiner Kindlichkeit und ehemaligen “Reinheit” berauben und mich ein Stück erwachsener machen, tun mir sehr weh, da sie komplett gegen meine Natur und gegen meine utopischen Träume gehen, aber ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Perlen, die ich vor die Säue werfe, hätte ich meiner Familie und meinen anderen Lieben schenken können. Und dass ich sie stattdessen verschwendet habe und sie bei meinen Lieben sparen musste, ist unverzeihlich. So unverzeihlich, dass ich mich dafür auch gerne verbiege, damit das nicht wieder vorkommt – ganz gegen meine Natur.

11.05.2007, 00:40
In den letzten Stunden vor 12

Es ist ganz seltsam, wie Menschen, die im Sterben liegen, völlige Ruhe, Zuversicht und Zufriedenheit ausstrahlen. Ich bin Einigen von ihnen begegnet – und sie sind weitaus glücklicher und ruhiger als die kommenden Hinterbliebenen. Ich durfte erleben, wie sie noch versuchten, uns zu trösten, zum Lachen zu bringen. Beeindruckend, fast surreal schön, mit welcher Sanftmut und Liebe mir erklärt wurde, warum Sterben eigentlich überhaupt nichts Schlimmes ist. Einfach nichts Schlimmes… Schlicht und einfach nichts Schlimmes.

Wenn ich eines Tages im Sterben liege, so will ich meinen Lieben genau diese Kraft und Zuversicht geben. Die Art, wie bestimmte Menschen selbst im Angesicht oder gerade im Angesicht ihres eigenen Todes noch eine Zukunft sehen und in eine unbekannte, helle Ferne schauen und sie uns liebevoll einpflanzen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ist eines der schönsten Geschenke, die ich je erhalten habe. Je erhalten habe. Jetzt müssen wir nur über uns selbst hinauswachsen.

Mein Gott…

09.05.2007, 13:09
Gründe

Wenn alles gut wäre, dann wäre gestern nicht nur ein wunderschöner Tag gewesen, sondern ein einmalig zauberhafter. Aber noch drückt es überall. Ich kann nicht alles so aufnehmen, wie es eine helle und sorglose Seele könnte. Wann war ich schon je sorglos? – Das nicht, aber es gibt existenzielle Sorgen und es gibt welche, die mir heute wie Fitzelchen des Alltags vorkommen “Was, wenn ich die Prüfung nicht schaffe. Ich habe Liebeskummer (hier mal eben verharmlost, entschuldigt meine Lieben), ich bin so dick, wie sehe ich denn aus? Und ob ich den Job wohl kriege?” – Aber dann gibt es noch andere Sorgen, die ich nich benennen mag, aber sie gehen viel tiefer, sind viel radikaler, reißerischer, drängen Dich in eine Ecke, in der Du nur noch Gott beschimpfst und verzweifelt mit Deinen Fingern nach Gründen suchst, warum es sich noch lohnen sollte, einen Tag weiter zu existieren. Und jeden Grund, den Du aufzählst, verlachst Du so hässlich und gemein (außer jetzt den Grund Familie), dass Dir klar wird, dass aus Dir ein böser, gemeiner, bitterer Mensch geworden ist. Aber irgendwann gelangst Du sogar an den Punkt, an dem Du davon überzeugt bist, dass es Deiner Familie ohne Dich besser ginge. Auch, wenn Du weißt, dass es nicht so ist, Du fängst aus feigen Gründen an, Dir genau das einzureden.

Was geschieht in solchen Augenblicken? Wer auch immer da schickt Dir einen Engel – oder erinnert Dich daran, dass es noch Engel gibt. Es sind die kleinen Zeichen und Geschenke in der letzten Zeit, die mich tagsüber über Wasser hielten. Gestern kam so ein großes Geschenk in Form meiner Dada… Und die 8 Stunden mit ihr waren so schön, dass ich nachts das erste Mal seit solanger Zeit geschlafen habe wie ein Baby. Tief, fest, traumlos und ganze 10.5 Stunden.

Danke, Dada…

Und danke, Bruderherz, dass Du Dada’s und meine festentschlossene Diät gestern innerhalb von einer halben Stunde mit 3 Tüten Fast-Food mal eben zerstört hast. Das gibt Rache. Ha.

08.05.2007, 11:42
Braune Brühe

Ich verstehe, warum manche Menschen Gebäude in die Luft sprengen. Ich verstehe es inzwischen sehr wohl. Und das ganz ohne die angeblich unbedingte Voraussetzung, Muslim zu sein, um solches Gedankengut zu hegen. Ich verstehe sehr gut. Bei soviel Machtlosigkeit und Ungerechtigkeit, gegen die man mit aller Liebe, allen Worten, einem aufrechten und fairen Kampf nicht weiterkommt und einem immer mehr das Mark der Existenz und alle anderen Grundlagen genommen wird, kann ich verstehen, warum außer roher Gewalt nichts mehr übrigbleibt, um an sein Recht zu kommen. Und wenn man mit dieser rohen Gewalt auch nicht an sein Recht gelangt, so scheißt man drauf, denn auf anderem Wege hätte man es eh nicht geschafft. Aber mit dieser rohen, knallenden Gewalt hast Du wenigstens die Genugtuung, dass man diesen langsamern Mördern in “ehrenwerter Kutte” und mit Beamtenstatus wenigstens so richtig die hässliche Fratzen-Visage demoliert hat.

Ein paar gebrochene Gesichtsknochen unter meiner Faust, ein paar gebrochene Rippen, ein Ur-Schrei mitten in deren Fresse rein – wie sehr würde das meine Seele befreien. Ich scheiße auf Deutschland. Ihr da oben an den Hebeln der Macht ward braun, Ihr seid braun, Ihr werdet immer braun bleiben! Immer! Ich scheiße auf Euch.

P.S.: Da ich befürchte, dass das hier missverstanden wird und meine deutschen Freunde denken, ich würde sie damit auch meinen, betone ich hier nocheinmal: Ich rede von bestimmten “Menschen”, die hier in Deutschland große Hebel in der Hand haben. Meine lieben Freunde und das normale Volk an sich ist nicht damit gemeint. Danke.

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Ich habe gerade ein heftiges Lied gefunden. Ein Lied, das mich nahezu vergewaltigt. Ich weiß nicht, ob hier irgendwer meine Beziehung zur Musik verstehen kann – aber dieses Lied ist pure Vergewaltigung. Dieses scheiß Lied, es ist ein Meisterstück. Meisterstück einer sehr leidenschaftlichen Pianistin, die persische Melodien, einst einfach nur zur Melancholie gedacht, hier einmal zur purer Schaffenskraft und dann zur purer Zerstörungswut hochgeschleudert hat. Als würde sie vom Spiel der “Schöpfung” oder der Naturgewalten erzählen. (Nein, sie schreit!) Ich hasse dieses Lied, weil es komplett Besitz von mir ergreift auf eine Art, die mir weh tut, so sehr, dass ich irgendetwas kaputtschlagen will. Während ich dieses Lied hörte, habe ich die Künstlerin dieses Liedes derbe beschimpft, weil sie mich wirklich hin und hergeschmissen hat… Ich danke ihr schrecklich für dieses Stück. Ich hasse sie dafür. Aber ich bin wirklich dankbar.

Bitte. Wenn sich irgendjemand das Stück anhören will, dann nur wirklich mit purer Aufmerksamkeit und laut. Schmeißt Eure scheiß Verkopfung weg, lasst Euch einfach wie mich gewaltsam hin und herschleudern. Und lasst Euch versklaven, verdammt! Ach, was red’ ich da. Versteht eh niemand. Scheiße…

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Aziza