Es ist ganz seltsam, wie Menschen, die im Sterben liegen, völlige Ruhe, Zuversicht und Zufriedenheit ausstrahlen. Ich bin Einigen von ihnen begegnet – und sie sind weitaus glücklicher und ruhiger als die kommenden Hinterbliebenen. Ich durfte erleben, wie sie noch versuchten, uns zu trösten, zum Lachen zu bringen. Beeindruckend, fast surreal schön, mit welcher Sanftmut und Liebe mir erklärt wurde, warum Sterben eigentlich überhaupt nichts Schlimmes ist. Einfach nichts Schlimmes… Schlicht und einfach nichts Schlimmes.
Wenn ich eines Tages im Sterben liege, so will ich meinen Lieben genau diese Kraft und Zuversicht geben. Die Art, wie bestimmte Menschen selbst im Angesicht oder gerade im Angesicht ihres eigenen Todes noch eine Zukunft sehen und in eine unbekannte, helle Ferne schauen und sie uns liebevoll einpflanzen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ist eines der schönsten Geschenke, die ich je erhalten habe. Je erhalten habe. Jetzt müssen wir nur über uns selbst hinauswachsen.
Mein Gott…
Wenn alles gut wäre, dann wäre gestern nicht nur ein wunderschöner Tag gewesen, sondern ein einmalig zauberhafter. Aber noch drückt es überall. Ich kann nicht alles so aufnehmen, wie es eine helle und sorglose Seele könnte. Wann war ich schon je sorglos? – Das nicht, aber es gibt existenzielle Sorgen und es gibt welche, die mir heute wie Fitzelchen des Alltags vorkommen “Was, wenn ich die Prüfung nicht schaffe. Ich habe Liebeskummer (hier mal eben verharmlost, entschuldigt meine Lieben), ich bin so dick, wie sehe ich denn aus? Und ob ich den Job wohl kriege?” – Aber dann gibt es noch andere Sorgen, die ich nich benennen mag, aber sie gehen viel tiefer, sind viel radikaler, reißerischer, drängen Dich in eine Ecke, in der Du nur noch Gott beschimpfst und verzweifelt mit Deinen Fingern nach Gründen suchst, warum es sich noch lohnen sollte, einen Tag weiter zu existieren. Und jeden Grund, den Du aufzählst, verlachst Du so hässlich und gemein (außer jetzt den Grund Familie), dass Dir klar wird, dass aus Dir ein böser, gemeiner, bitterer Mensch geworden ist. Aber irgendwann gelangst Du sogar an den Punkt, an dem Du davon überzeugt bist, dass es Deiner Familie ohne Dich besser ginge. Auch, wenn Du weißt, dass es nicht so ist, Du fängst aus feigen Gründen an, Dir genau das einzureden.
Was geschieht in solchen Augenblicken? Wer auch immer da schickt Dir einen Engel – oder erinnert Dich daran, dass es noch Engel gibt. Es sind die kleinen Zeichen und Geschenke in der letzten Zeit, die mich tagsüber über Wasser hielten. Gestern kam so ein großes Geschenk in Form meiner Dada… Und die 8 Stunden mit ihr waren so schön, dass ich nachts das erste Mal seit solanger Zeit geschlafen habe wie ein Baby. Tief, fest, traumlos und ganze 10.5 Stunden.
Danke, Dada…
Und danke, Bruderherz, dass Du Dada’s und meine festentschlossene Diät gestern innerhalb von einer halben Stunde mit 3 Tüten Fast-Food mal eben zerstört hast. Das gibt Rache. Ha.
08.05.2007, 11:42
Braune Brühe
Ich verstehe, warum manche Menschen Gebäude in die Luft sprengen. Ich verstehe es inzwischen sehr wohl. Und das ganz ohne die angeblich unbedingte Voraussetzung, Muslim zu sein, um solches Gedankengut zu hegen. Ich verstehe sehr gut. Bei soviel Machtlosigkeit und Ungerechtigkeit, gegen die man mit aller Liebe, allen Worten, einem aufrechten und fairen Kampf nicht weiterkommt und einem immer mehr das Mark der Existenz und alle anderen Grundlagen genommen wird, kann ich verstehen, warum außer roher Gewalt nichts mehr übrigbleibt, um an sein Recht zu kommen. Und wenn man mit dieser rohen Gewalt auch nicht an sein Recht gelangt, so scheißt man drauf, denn auf anderem Wege hätte man es eh nicht geschafft. Aber mit dieser rohen, knallenden Gewalt hast Du wenigstens die Genugtuung, dass man diesen langsamern Mördern in “ehrenwerter Kutte” und mit Beamtenstatus wenigstens so richtig die hässliche Fratzen-Visage demoliert hat.
Ein paar gebrochene Gesichtsknochen unter meiner Faust, ein paar gebrochene Rippen, ein Ur-Schrei mitten in deren Fresse rein – wie sehr würde das meine Seele befreien. Ich scheiße auf Deutschland. Ihr da oben an den Hebeln der Macht ward braun, Ihr seid braun, Ihr werdet immer braun bleiben! Immer! Ich scheiße auf Euch.
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P.S.: Da ich befürchte, dass das hier missverstanden wird und meine deutschen Freunde denken, ich würde sie damit auch meinen, betone ich hier nocheinmal: Ich rede von bestimmten “Menschen”, die hier in Deutschland große Hebel in der Hand haben. Meine lieben Freunde und das normale Volk an sich ist nicht damit gemeint. Danke.
Klicken: ~ Aziza Mustafa Zadeh ~
Ich habe gerade ein heftiges Lied gefunden. Ein Lied, das mich nahezu vergewaltigt. Ich weiß nicht, ob hier irgendwer meine Beziehung zur Musik verstehen kann – aber dieses Lied ist pure Vergewaltigung. Dieses scheiß Lied, es ist ein Meisterstück. Meisterstück einer sehr leidenschaftlichen Pianistin, die persische Melodien, einst einfach nur zur Melancholie gedacht, hier einmal zur purer Schaffenskraft und dann zur purer Zerstörungswut hochgeschleudert hat. Als würde sie vom Spiel der “Schöpfung” oder der Naturgewalten erzählen. (Nein, sie schreit!) Ich hasse dieses Lied, weil es komplett Besitz von mir ergreift auf eine Art, die mir weh tut, so sehr, dass ich irgendetwas kaputtschlagen will. Während ich dieses Lied hörte, habe ich die Künstlerin dieses Liedes derbe beschimpft, weil sie mich wirklich hin und hergeschmissen hat… Ich danke ihr schrecklich für dieses Stück. Ich hasse sie dafür. Aber ich bin wirklich dankbar.
Bitte. Wenn sich irgendjemand das Stück anhören will, dann nur wirklich mit purer Aufmerksamkeit und laut. Schmeißt Eure scheiß Verkopfung weg, lasst Euch einfach wie mich gewaltsam hin und herschleudern. Und lasst Euch versklaven, verdammt! Ach, was red’ ich da. Versteht eh niemand. Scheiße…
Klicken: ~ Aziza Mustafa Zadeh ~

03.05.2007, 14:02
Das echte Tagebuch
Seit ich von Sahari dieses Notizbüchlein geschenkt bekommen habe, schreibe ich wieder Tagebuch. Undzwar nicht digital, sondern mit dem Kulli – wie damals. Wie ursprünglich. Wie all die Jahre davor. Seit ich 9 Jahre alt bin, schreibe ich Tagebuch. Irgendwann hörte ich auf. Um ziemlich genau zu sein vor 3 Jahren. Um noch genauer zu sein, habe ich vor 3 Jahren mit ziemlich vielen Dingen aufgehört – aber das ist ein anderes Thema.
Ich mag die Blog-Welt, ja. Aber ich werde hier nie deutlich, konkret, gezielt – ich schreibe oft allgemeiner. Natürlich spürt man meine Wut, meine Trauer, meine Hilflosigkeit oder auch mal meine Freude oder Nostalgie – doch hier, in der digitalen Welt, wird man kaum herausfinden, was mich eigentlich bedrückt, was in meinem Alltag wirklich geschieht oder woran ich gerade zu knabbern habe. Das, was ich hier tu’, ist lediglich das Malen von assoziationsreichen Bildern, undzwar weniger mit Formen und Farben, als mit beschreibenden, schmückenden Buchstabensalaten. Ich lasse nur erahnen, aber nie wirklich anpeilen. Das ist für mich auch richtig so.
Aber so ein Tagebuch ist etwas Anderes. Ich kann frei schreiben; und ich beginne meine Einträge wieder mit “Lieber Gott”. Wenn ich fertig bin mit dem Schreiben, brauche ich mir keine Sorgen darüber zu machen, dass jemand unberechtigterweise an die Daten kommt. Es ist so entlastend. Wie konnte ich nur damit aufhören? Irgendwann musste ich damit aufhören, weil ich keine Zeit mehr hatte. Oder weil meine Probleme gar nicht mehr meine waren, sondern die von Anderen. Ich hatte mich komplett verloren. Aber auch das ist wieder eine andere Geschichte…
Das nächste Mal, wenn Darya zu mir kommt, machen wir es wie damals. Wir kuscheln uns einander und lesen dann meine Tagebücher. Das hat sie immer so geliebt.
“Sherry?”
“Ja?”
“Wann liest Du mir aus Deinen Tagebüchern vor?”
“Gleich. Sofort. Lass uns erst essen.”
Dann blätterten wir mit leuchtenden Augen (Ihr müsst unbedingt mal Darya’s leuchtende Augen sehen). Seiten anfassen zu können, ist etwas Wunderbares. Wusstet Ihr das? Oder zu den Einträgen auch etwas kritzeln zu können, die sich verändernde Schrift zu beobachten, die sich an stockenden oder auch leidenschaftlichen Gedankenflüssen anpassen, das Papier zu riechen – man fühlt sich einfach 1000 Mal mehr, als hier in der digitalen Welt.

(Über die anderen Geschenke berichte ich bald sicher auch noch. Jedes für sich hatte 10000 Gedanken an mich )
Heute (nein gestern) um 14:04 Uhr habe ich tatsächlich geredet. Geredet, so gut es ging. Es kam mir nicht sinnlos vor, das Wort zu starten, weil jemand da saß und nichts mehr wollte, als mir zuzuhören, als zu wissen, wann es losgeht, wann sie endlich helfen kann, wann wir das Leben wieder in die richtige Bahn bringen können, wann ich wieder zu glauben beginne. Ich spürte, wie dieser Jemand sich ganz winzig klein machte, um ausschließlich als mein Spiegel dienen zu können und mich zum reden zu bewegen. Es war keine lange Rede, die mich dazu brachte, mich zu öffnen, es waren keine Vorwürfe, die mir ein schlechtes Gewissen machten, weil ich soviele vernachlässigte – es war der pure Wunsch, etwas für mich tun zu wollen. Ich habe diesen Wunsch gespürt, diesen kurzen Moment der Selbstlosigkeit ungläubig angesehen und stotternd begonnen und fließend aufgehört. Ich spürte einfach keine Gefahr. Absolut keine Gefahr. Dieser Jemand wollte verstehen und verstand. Alles war so fragil, ein falsches Wort hätte meinen Redefluss zum Versiegen gebracht und mich das Vertrauen bereuen lassen – aber es geschah nichts dergleichen. Nichts.
Am Ende lächelte ich gequält – aber ich lächelte. Ich danke diesem Jemand.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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