Es geht nicht mehr um das Reden an sich, es geht nicht um dieses einfach “Rauslassen” der Gefühle beim Reden. Es geht darum, dass Dein Gegenüber die Sensoren, die Aufnahmekapazität Deines Leides hat. Es geht darum, dass Dein Leid die Seele Deines Gegenübers berührt, damit Du durch das Echo, den Rück-Klang Deines Gegenübers das warme Gefühl der Zusammengehörigkeit hast. Einer der Gründe (wirklich nur einer der Gründe), warum ich nicht mehr gerne rede, ist dieser floskelhafte, sinnentleerte Satz: “Ich verstehe Dich.” – Ich kann es bei gewissen Leuten nicht mehr hören. Ich kann auch keine Leute ertragen, denen ich etwas Tiefschmerzendes erzähle und die nur ein dummes “Ach, Du Arme” von sich geben (ich hasse nämlich nichts mehr, als bedauert zu werden) oder noch in der Situation des Schmerzes und dem Versuch, zu reden (was zuweilen wie eine schwierige Geburt sein kann) noch anfangen, über inhaltlich / politisch korrekte oder inkorrekte “Sachverhalte” meiner “Emotionen” zu disputieren.
Zu der schlimmeren Sorte zähle ich jene “Gesprächspartner”, die aus jeder Erzählung meinerseits ihre eigene alte Geschichte hervorkramen und sie auf mich einrasseln lassen. “Ich war so und so und mir ging’s auch so und so, dann habe ich das und das gemacht”. In vielen Gesprächen ist das sogar gut und wichtig, vorallem wenn man daraus eine Analogie aufzeigen will, aus der ein gutes Ende resultiert und dann Hoffnung spendet – aber Menschen, denen es grundsätzlich am Feingefühl fehlt, machen aus dem ursprünglichen Vorhaben, ihrer Freundin “zuzuhören” und zu helfen eine eigene Therapiestunde – und wer ist der / die Tehrapeut /in? – Richtig: Die Rat- und Hilfesuchende.
Dann gibt es noch jene (besonders schlimm), die bei jeder Erzählung darauf aufmerksam machen, um wieviel schlechter es ihnen selbst geht. Du fängst an zu erzählen, das Einzige, was sie dazu zu sagen haben: “Oh ja, Du hast aber noch Glück, das ist ja nichts. Mir geht’s so und so…” – Da höre ich sofort auf zu reden. Ich finde es oft richtig, einem von grundauf selbstmitleidigen und jammernden Menschen auf das Leid anderer Leute aufmerksam zu machen und gegebenfalls in den Hintern zu treten, aber soetwas sollte immer nur eine “Strategie” sein, eine kleine, effektive pädagogische Maßnahme, aber nicht der Grundzug eines Menschen beim “Zuhören”.
Dann gibt es noch die andere schlimme Sorte, bei der man wirklich im Nachhinein bereut, jemals mit ihnen geredet zu haben. Du erklärst ihnen in aller Seele und Herz, wie schlecht es Dir geht und wie wenig belastbar Du bist – und in dem Moment sind sie die empathischsten und helfendsten Personen, die es gibt. Aber nachdem die “Gesprächs-Session” beendet ist, kommen sie ohne Rücksicht auf Verluste extrem penetrant mit ihren normalen, alltäglichen Forderungen und Alltags-Problemchen an, die Angesichts Deines eigenen Leides einfach wie eine Beleidigung wirken. Beispiel: Stellt Euch vor, Ihr erzählt dieser Art von Person weinend, dass Euer Kind sterbenskrank ist. Sie hört Euch zu, vergießt mit Dir vielleicht ein paar (Krokodils?)-Tränen; und sobald Dein Rede- und Weinfluss vorbei ist, kommt sie mit ihrem neuen Schwarm oder ihrer Unschlüssigkeit, was ihre Mascara-Farbe angeht.
Dann gibt es wieder den Typ an “Zuhörer”, die Dir helfen und zuhören, damit sie sich wieder eine Kerbe ins Holz machen können “Heute habe ich wieder jemandem geholfen, ich bin was wert.” Dieser Typ vermischt sich sogar sehr oft mit dem Typ “Krokodilstränen”. Das ist überhaupt die abartigste Mischung schlechthin. Das sind oft Menschen, die Dich “lieben” und Deine Freundin sind, solange es Dir schlecht geht und sie durch Deine momentane “Schwachheit” eine Art “Größegefühl” erlangen und sich deshalb in Deiner Anwesenheit gut fühlen. Sie ziehen ihr Selbstwertgefühl einmal daraus hervor, dass es Dir schlechter geht als ihnen und einmal daraus, dass sie es sind, die Dir helfen.
Dann gibt es noch den Typ der “über allem Stehenden”. Sie geben dann so tolle Sätze ab wie “Zeit heilt alle Wunden”, “So ist das Leben”, “Das bist Du selber Schuld.”
Ich kann Menschen ohne Taktgefühl inzwischen nicht mehr ertragen. Penetrante Menschen erst gar nicht. Auf diese Arten von Gesprächspartnern kann ich einfach verzichten, tu’ ich auch seit Langem. Ich rede nur noch mit Menschen (und das auch nicht wirklich kontinuierlich), bei denen ich genau fühle, dass sie mich lieben. Bei denen ich weiß, dass sie fast so sehr wie ich darauf hoffen und warten, dass es mir sehr bald gut geht. Sehr bald. Davon gibt es nicht viele, habe ich herausgefunden. Es gibt viele, die sagen zwar “Ach, Sherry hier, Sherry da – Du bist die Beste, ich liebe Dich. Ich tu’ alles für Dich…” – aber das sind nur momentane Schwankungen, kurzes Glück, das mit Liebe veranschaulicht wird, Zuneigung – aber temporär sehr begrenzt. Aber jene, denen ich wirklich am Herzen liege, sind völlig anders. Die können dann meinetwegen ein paar Typus-Eigenschaften aufweisen, die ich oben aufgezählt habe, aber das ist dann irrelevant, denn man fühlt, wie sie Dich fühlen. Man fühlt es.
Jedenfalls ist das einer der Gründe, warum ich nicht mehr reden möchte. Wenn das Reden irgendwann nur noch ein schlechtes Gefühl hervorbringt und man sich billig danach fühlt wie eine entblößte, verletzte junge Frau, der ein paar Geldscheine ins Gesicht geworfen wird und dann nach Hause geschickt wird (so in etwa fühlt es sich an), dann lässt man es am Besten.
Ich bin in meinen nicht mehr so ganz jungen Jahren schon vielen Menschen begegnet – und ohne “angeben” zu wollen – weiß ich, dass ich auch schon vielen Menschen geholfen habe, mehr, als ich eigentlich konnte, mehr als meine Kapazitäten es erlaubt haben. Ich habe nie von diesen Menschen irgendetwas im Nachhinein erwartet, außer dass sie wieder “glücklich” sind. Selbst das machte ich an meinem eigenen Versagen oder Erfolg abhängig, die Verantwortung, die ich für fremde Menschen empfand und es auch immernoch tu’, ist enorm: Aber so bin ich nicht mehr. Nach all diesen Enttäuschungen der letzten Jahre, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich eine gewisse Erwartung doch hegen darf, nachdem ich für wildfremde oder liebenswerte Personen einiges geopfert habe, damit es ihm bessergeht: Dass sie mir nicht schaden oder mich in Ruhe lassen, wenn ich es von ihnen verlange.
Wer diese klare Erwartung nicht erfüllt, wird nicht wie damals einfach von mir weitergetragen und toleriert, sondern wird schlicht und einfach aus meinem Verantwortungskreis geschmissen. Die Zeiten haben sich geändert. Der Fluss des Gebens und des Nehmens ist so gestört und unausgeglichen durch die wachsende Konsumfixiertheit, dass Du für’s Geben nicht einmal die pure Energie seines erworbenen Glückes und einer ursprünglichen, schweigsamen Dankrbarkeit von der beschenkten Person erlangst. Was das genau heißt? Das heißt, dass “Liebe” nicht mehr verlustlos geschenkt wird und zurückkommt, sondern irgendwo untergeht. Untergeht, weil sie nicht mehr soviel “wert” scheint. Deshalb ist unsere Ich-Kraft heute begrenzter als je zuvor. Diese Prioritäten, die mich meiner Kindlichkeit und ehemaligen “Reinheit” berauben und mich ein Stück erwachsener machen, tun mir sehr weh, da sie komplett gegen meine Natur und gegen meine utopischen Träume gehen, aber ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Perlen, die ich vor die Säue werfe, hätte ich meiner Familie und meinen anderen Lieben schenken können. Und dass ich sie stattdessen verschwendet habe und sie bei meinen Lieben sparen musste, ist unverzeihlich. So unverzeihlich, dass ich mich dafür auch gerne verbiege, damit das nicht wieder vorkommt – ganz gegen meine Natur.


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