03.05.2007, 14:02
Das echte Tagebuch
Seit ich von Sahari dieses Notizbüchlein geschenkt bekommen habe, schreibe ich wieder Tagebuch. Undzwar nicht digital, sondern mit dem Kulli – wie damals. Wie ursprünglich. Wie all die Jahre davor. Seit ich 9 Jahre alt bin, schreibe ich Tagebuch. Irgendwann hörte ich auf. Um ziemlich genau zu sein vor 3 Jahren. Um noch genauer zu sein, habe ich vor 3 Jahren mit ziemlich vielen Dingen aufgehört – aber das ist ein anderes Thema.
Ich mag die Blog-Welt, ja. Aber ich werde hier nie deutlich, konkret, gezielt – ich schreibe oft allgemeiner. Natürlich spürt man meine Wut, meine Trauer, meine Hilflosigkeit oder auch mal meine Freude oder Nostalgie – doch hier, in der digitalen Welt, wird man kaum herausfinden, was mich eigentlich bedrückt, was in meinem Alltag wirklich geschieht oder woran ich gerade zu knabbern habe. Das, was ich hier tu’, ist lediglich das Malen von assoziationsreichen Bildern, undzwar weniger mit Formen und Farben, als mit beschreibenden, schmückenden Buchstabensalaten. Ich lasse nur erahnen, aber nie wirklich anpeilen. Das ist für mich auch richtig so.
Aber so ein Tagebuch ist etwas Anderes. Ich kann frei schreiben; und ich beginne meine Einträge wieder mit “Lieber Gott”. Wenn ich fertig bin mit dem Schreiben, brauche ich mir keine Sorgen darüber zu machen, dass jemand unberechtigterweise an die Daten kommt. Es ist so entlastend. Wie konnte ich nur damit aufhören? Irgendwann musste ich damit aufhören, weil ich keine Zeit mehr hatte. Oder weil meine Probleme gar nicht mehr meine waren, sondern die von Anderen. Ich hatte mich komplett verloren. Aber auch das ist wieder eine andere Geschichte…
Das nächste Mal, wenn Darya zu mir kommt, machen wir es wie damals. Wir kuscheln uns einander und lesen dann meine Tagebücher. Das hat sie immer so geliebt.
“Sherry?”
“Ja?”
“Wann liest Du mir aus Deinen Tagebüchern vor?”
“Gleich. Sofort. Lass uns erst essen.”
Dann blätterten wir mit leuchtenden Augen (Ihr müsst unbedingt mal Darya’s leuchtende Augen sehen). Seiten anfassen zu können, ist etwas Wunderbares. Wusstet Ihr das? Oder zu den Einträgen auch etwas kritzeln zu können, die sich verändernde Schrift zu beobachten, die sich an stockenden oder auch leidenschaftlichen Gedankenflüssen anpassen, das Papier zu riechen – man fühlt sich einfach 1000 Mal mehr, als hier in der digitalen Welt.

(Über die anderen Geschenke berichte ich bald sicher auch noch. Jedes für sich hatte 10000 Gedanken an mich )
Heute (nein gestern) um 14:04 Uhr habe ich tatsächlich geredet. Geredet, so gut es ging. Es kam mir nicht sinnlos vor, das Wort zu starten, weil jemand da saß und nichts mehr wollte, als mir zuzuhören, als zu wissen, wann es losgeht, wann sie endlich helfen kann, wann wir das Leben wieder in die richtige Bahn bringen können, wann ich wieder zu glauben beginne. Ich spürte, wie dieser Jemand sich ganz winzig klein machte, um ausschließlich als mein Spiegel dienen zu können und mich zum reden zu bewegen. Es war keine lange Rede, die mich dazu brachte, mich zu öffnen, es waren keine Vorwürfe, die mir ein schlechtes Gewissen machten, weil ich soviele vernachlässigte – es war der pure Wunsch, etwas für mich tun zu wollen. Ich habe diesen Wunsch gespürt, diesen kurzen Moment der Selbstlosigkeit ungläubig angesehen und stotternd begonnen und fließend aufgehört. Ich spürte einfach keine Gefahr. Absolut keine Gefahr. Dieser Jemand wollte verstehen und verstand. Alles war so fragil, ein falsches Wort hätte meinen Redefluss zum Versiegen gebracht und mich das Vertrauen bereuen lassen – aber es geschah nichts dergleichen. Nichts.
Am Ende lächelte ich gequält – aber ich lächelte. Ich danke diesem Jemand.
Erstellt in Aus dem Alltag, Home | 4 Kommentare » Tags: Angst, Begegnungen, Das Selbst, Erinnerungen, Erkenntnis, Frauen, Freundschaft, Geborgenheit, Hingabe, Liebe, Melancholie, Schönheit, Schicksalhafte Begegnungen, Seelenverwandtschaft, Trauer
01.05.2007, 02:16
Unsere Helden
Die Jahreszeiten wechseln immer schneller, die Wissenschaft macht Fortschritte, die Technologie erschafft Unglaubliches – aber die Prinzipien der Welt ändern sich dennoch nicht. Die Relationen wachsen, die Effekte sind radikaler, die Menschen zerstören unbeteiligter mit einem Knopfdruck der Körperzerfetzung, Massenvernichtungswaffen werden durch doppelmoralische Diplomatie mit Krawatte ersetzt, Grenzen werden nicht mehr mit dem Schwert erkämpft, sondern mit dem Lineal gezogen, Völker, die seit Jahrhunderten zusammenleben, fallen übereinander her und zerfetzen sich und lenken von den Raubzügen ab. Präzise, chirurgische Eingriffe in unseren Körpern verusachen andererseits neue Krankheiten, unsichtbare Organismen zerstören unsere Körper, die eigenen Zellen zerfressen Dich – und die Menschheit ist ratlos. Noch immer.
Neue Menschen kommen und erklären Dir die Liebe als biologischen Effekt der Fortpflanzungstriebe; also gehen alle ficken. Ficken drauf los, lassen sich ficken. Ficken. Ficken. Ficken, als würden sie pissen. Pissen. Dort in die Ecke, dann mal hier, dann mal oben, dann mal im Nirgendwo. Und man fragt “Warst Du pissen oder ficken?” – und die Antwort ist “Ups! Das weiß ich gar nicht mehr so genau.” Gesichtlos, skrupellos, blind.
Nach sovielen Jahren Evolution haben wir es nicht geschafft, die Prinzipien dieses Daseins zu verändern. Damals hatte man noch die Hoffnung, mit Liebe die Welt retten zu können. Aber da Liebe heute nur noch Ficken ist, haben wir nicht einmal mehr diese Waffe. Die Liebe hat sich ausgepisst.
Auf unser Wohl.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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