Manchmal sehe ich Dich von Weitem auf Petras Balkon sitzen. Wie damals schaust Du neugierig mit Deinem blonden Schopf durch die Blumen raus und heckst irgendwelche frechen Pläne aus. Noch gestern habe ich genau diese Szene beobachten können. Du siehst mich von Weitem, beobachtest mich, ich sehe Dich, drehe mich auf dem Absatz um und gehe wieder nach Hause.

Du musst denken, ich sei verrückt. Vor allem, wenn man die Anstalten bedenkt, die ich mache, um nicht aufzufallen. Plötzlich nehme ich das Handy in die Hand, rede irgendetwas Wirres auf Persisch vor mich hin, drehe mich wieder Richtung Haustür und verschwinde, als hätte ich irgendwas vergessen. Sobald die Tür im Treppenhaus im Schneckentempo zufällt, lehne ich mich an die kühle Wand und atme tief durch.

Ich gehe Dir leider aus dem Weg, Du sollst die Zeichen meiner seelischen Hoch- und Tiefflüge nicht an meinem Gesicht ablesen und nachfragen, wie es mir geht – ich könnte durch diese ehrliche, durchdringende Frage in Deinen Augen völlig auseinanderdriften. Und die Tatsache, dass ich ab meinem fünften Lebensjahr schon in Dich verliebt war, was sich mit sieben zwar wieder legte, aber dafür mit dreizehn in heftigster emotionaler Orgie wie ein Lastwagen-Platt-Walzer über mich gerollt ist und ungelogen sechs ganze Jahre lang andauerte, macht eine Begegnung mit Dir nicht leichter, auch wenn ich Dir nie meine Liebe beichtete, so schien sie sie doch für jeden sonnenklar gewesen zu sein.

Ich muss so lachen, wenn ich an damals denke. Dein Problem war unser Altersunterschied, sonst nichts Anderes. Du warst ganze sieben Jahre älter als ich und hieltest immer einen sehr gewissenhaften, wenn auch anstrengenden Abstand zu mir, den Du mit viel Humor und übertriebenem Witz zu stabilisieren suchtest, ohne dabei distanziert zu wirken. Bei Antonio heultest Du Dich dann aus. Abends an der Tischtennisplatte, wenn Ihr durch Eure ernsten Gesichter uns Kleinen fernhieltet, hattet Ihr Zwei Eure Gespräche. Während Du dachtest, Antonio hielte dicht, erzählte er mir gleich die darauffolgenden Tage immer, was in Deinem Herzen vorging. Dass Du “bisschen besorgt” seist wegen meines Vaters.

“Ich mag ihn so gerne, er ist sowas von korrekt, aber was seine Töchter angeht, da versteht er keinen Spaß. Verstehsse, Antonio?” Und Du hattest Recht damit.

Also weiter nichts tun. Ich war sowieso erst dreizehn. Auch wenn ich damals schon fast 1,70 Meter groß war und aussah wie achtzehn, änderte das an meinem Alter nichts. Das wussten wir beide. Also begegneten wir uns weiterhin mit unschuldigem Geplänkel. Beim Fußball und Rundlauf suchten wir heimlich ein wenig Körperkontakt, was dann so ausartete, dass Papa einmal sehr böse aus dem Balkon schaute, als er mich dabei erwischte, wie ich Dir mit dem Tischtennisschläger auf den Po klatschte. Bevor ich auf unseren Balkon sah, spürte ich schon, wie Papa mich mit seinem Blick markiert hatte. Ich lache schon wieder. Ich wollte an dem Tag auf keinen Fall nach Hause, aber so viel Ärger gab’s gar nicht. Um nicht zu sagen, überhaupt keinen.

Das Verlangen, uns zu küssen, stillten wir, indem wir immer aus derselben Cola-Dose tranken. Das ist Romantik, wenn Du mich fragst. Wir verloren kein Wort darüber. Nicht einmal aneinander. Aber ich weiß noch ganz genau, wie lange wir die Dose und die Trinkstelle anstarrten, bevor wir langsam und mit geschlossenen Augen davon tranken.

Für mich, die noch ein Kind war, war das alles aufregend, intensiv, intimer, als ich ausgehalten habe. Aber für Dich als jungen Mann muss das alles frustrierend gewesen sein.

Warum mir all das wieder einfällt? Ich höre gerade Deine Rauf-und-Runter-Lieder, mein alter Freund. Red Red Wine und Kingston Town von UB40. Weißt Du noch? Wir kommunizierten sogar über die Musik als Medium. Sobald ich begann, Klavier zu spielen, machtest Du Deine Anlage aus. Sobald Deine Anlage anging, hörte ich auf, Klavier zu spielen. Mein Zimmer war über Deinem, also benahm ich mich recht laut, damit Du mich hörtest und nicht vergaßest. Wurde ich laut, wurdest Du still, um mich zu hören – wurdest Du laut, wurde ich still, um Dich zu hören. Ein Glas auf dem Boden gehörte schon zu meiner Zimmereinrichtung. Eher mehr als weniger klebte mein neugieriges Ohr daran. Manchmal bildete ich mir ein, wie ich Dich nachts sogar atmen höre.

Wegen all dieser intensiven Erinnerungen will ich Dich heute nicht sehen. Erst, wenn ich wieder richtig leuchte und wieder zu mir gefunden habe. Irgendwann will ich Dir sagen, wie verliebt ich in Dich war als kleines Mädchen und als junge Frau. Ich möchte, dass wir beide über mich lachen. So richtig über mich lachen.

Und wenn Du Dich dann traust, sollst auch Du über jene Zeit erzählen, denn ich bin mir sicher, auch Du hast dazu mehr zu sagen als ein ganz normaler alter Freund.

Ich hoffe, dass dabei im Hintergrund UB40 und “Alles aus Liebe” von den Toten Hosen läuft. Denn es war wirklich alles aus Liebe. Nicht mehr – und schon gar nicht weniger.