Ich frage mich, wie sehr wir uns eigentlich noch selbst verarschen können. Beispiel: Ich habe mich in den letzten Tagen oft mit Malen, Schreiben, Photographie und Musik beschäftigt. Ich will nicht sagen, dass ich weniger depressiv bin dadurch als sonst in der letzten Zeit, aber wenigstens werde ich von meinen Gedanken nicht regelrecht gefickt bis zum Zusammenruch, wenn ich mich intensiv mit einer Farbe, mit einer Form, mit der Liebe und Hingabe zu einem Musikstück beschäftige. Irgendetwas passiert mit mir, vorallem wenn ich male. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll – aber alle Gedanken und negativen Gefühle bündeln sich furchtbar gierig, stellen sich lieb und brav an und wollen von meinem Pinsel auf’s Blatt gebracht werden. Als würden sie sich auf die Freiheit freuen. Ich schaffe es, dieses Bündel an Negativität zu spüren, ohne ihnen aber die stechende Form von Gedanken zu geben. Das hört sich doch erstmal gut an, ja? Aber wie sieht’s nun wirklich aus?
Sagen wir, ich habe in den letzten Tagen erkannt, dass die größte Nebensächlichkeit in meinem Leben, die ich null ernstgenommen habe – nämlich die Poesie, Kunst, das Schreiben, das Malen, die Photographie – eigentlich mein Lebensweg ist. Meine Art und Weise, den Menschen in meiner Umgebung dienen zu können. Ich kann mit meinem Shit tatsächlich Menschen erreichen, sie berühren, ihnen trotz all der melancholischen Gedanken eine Art Hoffnung geben, weil es doch tatsächlich Menschen zu geben scheint, die deren Traurigkeit, ihre Einsamkeit und Stolperversuche in die große, weite Welt verstehen. Und was mache ich? Ich studiere Pädagogik, dann Orientalistik – und jetzt bald auch noch Jura! Zieht Euch das mal rein! (Ich muss mir grad’ den Mund zuhalten, sorry. Sonst schreie ich.)
Oke, Lachkrampf ist vorbei. Wieviele Menschen haben sich, ihre Berufung, ihre Lebensträume denn schon zugunsten der erwarteten Leistungen in der Familie, der Kultur, der Gesellschaft geopfert? Und warum ist es so einfach, diese starken, ur-eigenen Impulse zu verdrängen? Ist es nicht beängstigend, welche Macht Konditionierungen auf einen haben?
Nein, ich bin nun nicht befreit von solchen Selbstlügen, Selbstverleumdungen etc. Die Kunst wird weiterhin eine nicht erwähnenswerte Nebensache in meinem Leben bleiben, zumal ich sie durch meine Dummheit nicht einmal perfektionieren konnte. Ich fange nach 10 Jahren wieder an, zu malen, und bin noch immer auf dem Niveau der 12-jährigen Sherry. Um wirklich gut zu werden, bin ich schon zu alt. Um diese kleinen Nebensachen jedoch gänzlich aufzugeben, noch viel zu jung. Was machen wir nun? – Richtig: Jura studieren. Toll, Sherry, toll.
Oke. Lachkrampf ist vorbei.
“Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Ich halte mir immer nur diese kleine Tür offen, damit ich im Tragen dieser sinnentleerten Tage einen Fluchtweg sehen kann. Einen, von dem ich weiß, dass ich ihn niemals nutzen darf, egal was passiert. Das Licht, das mich erreicht, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich selbst von dieser nichtigen Existenz wegschlachte – wegschlachte wie ein Stück Vieh – und befreit meinen Schmerz ausblute, was ich bis jetzt in Überdosierungen wie grün-gelbe Galle durch meine Adern habe fließen lassen, ist unsagbar schwerelos und warm.
Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Doch der Gedanke daran ist einfach nur kraftspendend und befreiend. Ich könnte, wenn ich wollte. Wie gut, dass ich könnte, wenn ich wollte. Wenn Ihr wüsstet, was ich könnte, wenn ich wollte… Und dass ich könnte, wenn ich wollte, macht mich unschlagbar.
Der Abgrund ist mein bester Freund, er schaut lächelnd hoch zu mir. Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre.”
Von einem Unbekannten,
der Alles hatte,
Alles verlor –
Aber Nichts mehr zurücklassen wollte.
Schon gar nicht sich…
28.08.2007, 07:44
Selbstportrait I
26.08.2007, 21:55
Menschen
Click: ~ Udo Lindenberg – Baby Wenn Ich Down Bin.mp3 ~
Ich höre gerade Udo Lindenbergs Baby wenn ich down bin. Ich glaube, normale Iraner könnten ihn und seine zum Teil kakophonischen Töne niemals ertragen. Er hört sich ein wenig versifft an, wirkt immer leicht angetrunken – ja, sogar ein wenig ungepflegt. Er singt etwas schief, und die Sprache, in der er singt, ist eben deutsch – dazu noch einfaches Deutsch ohne Verschnörkelungen, wo wir Iraner doch gerne alles blumig, bildhaft und kompliziert ausdrücken. Feinfühlige Künstler jedoch schaffen es sehr gut, in jeder Sprache die Essenz unserer Gefühlswelten zu veräußern. Es ist nur eine Frage der Echtheit, der Verbindung zu sich und der Nähe, die man zu anderen Menschen empfindet. Und Udo hat das definitiv drauf. Er ist einer von uns.
Udo ist ein richtiger Mensch. Ich meine, ein richtiger Mensch im Sinne unserer Idee von Mensch. Die Definition von Mensch, die wir an anderen Menschen heute mit eine Lupe suchen und uns fragen, wo diese Menschlichkeit geblieben ist, was diese Menschlichkeit genau ausmacht, woher sie kommt und warum sie immer mehr vergeht. Udo singt mit gebrochener Stimme. Er nuschelt manchmal, weil er müde ist, aber redet unermüdlich seit über seit so vielen Jahren gegen braunes Gedankengut, über seine Eskapaden, Schwächen und seine Art, zu lieben. Udo ist ein Mensch, wie ich ihn mir in der Welt mehr wünsche. Einer, der einfach und ohne Umschweife sagt, dass Wasser rein ist und die Frau schön. Dass Brot gut schmeckt und mit Käse dazu sogar noch mehr. Der sagt “Das tut weh.” und der sagt “Das ist toll.”
Udo erinnert mich an einen alten Freund. Kämpfer heißt er mit Nachnamen. Ein sehr seltsamer Typ. Ein wenig Punk, ein wenig Gothic mit einem außergewöhnlich skurrilen Humor. Sein Alltag bestand eigentlich darin, die ultimativ genialste und subtilste Form von Humor zu erreichen, die ein Mensch je erreicht hat.
Wenn ich heute darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass er dadurch nichts anderes tat, als seinem Schmerz, seiner Einsamkeit, seiner Abneigung gegen die Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Ich kann seinen Humor nicht in Worte fassen. Aber lasst es mich so sagen: Seit ich ihn kenne, weiß ich, dass man über Humor eine ganze Nacht lang philosophieren kann, ohne dass es dabei langweilig wird. Ich habe durch Kämpfer plötzlich Chaplin verstanden und konnte über ihn lachen und danach weinen. Chaplin hat man nicht verstanden, wenn man nur über ihn lachte.
Kämpfer war einer dieser Typen, die überhaupt nichts Sexuelles ausstrahlten, so dass mein Papa mir sogar erlaubte, dass er zu uns nach Hause kommt und ich auch zu ihm gehe – und das heißt schon etwas. Kämpfer war ein Mensch, so wie Udo ein Mensch ist. Einer jener eben, die ihr Herz in den Augen trugen und ohne Umschweife mit dem Finger auf das zeigen, was sie liebten oder auch verachteten ohne sich etwas auf Diplomatie zu geben trotz seiner Angst, dass seine Freunde ihn irgendwann alle verlassen würden.
Kämpfer kämpfte dagegen an, ein Spießer zu werden. Er wollte nicht im grauen Anzug zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Er suchte nach etwas, das Arbeit war und Kreativität erlaubte. Also wurde er Erzieher. In der Schule lief immer mit seiner Kamera rum. Er nötigte seine Clique dazu, seinen selbstgeschriebenen Drehbücher als Schauspieler zu dienen. Ich war schon alles Mögliche von Krankenschwester bis Puffmutter. Einmal musste ich Marco, der eine fiese, kleine Oma gespielt hat, den Hintern abputzen (natürlich war er noch angezogen) und meine ganze Hand wurde zu Drehzwecken mit Nutella besudelt. Das sah so echt, dass ich mich beim Dreh fast übergeben musste. Er hatte meinen vorwurfsvollen Blick mit der Kamera eingefangen. Wie ich ihn ansah und nur fauchend dachte “Kämpfer, nach dem Dreh bring’ ich Dich um!”
Und wenn alle nach Hause gegangen sind und er und diese Videos alleine in seinem kleinen Zimmer waren, redeten sie miteinander. Während er sie schaute, fragte er sich, warum es so etwas wie Trennungen gibt. Er machte sich bewusst, dass diese Tage nicht erst dann vorüber waren, wenn wir alle unter der Erde lagen, sondern viel früher. Er wusste, dieses Beisammensein muss festgehalten werden. Also hielt er es fest. Immer wieder. Mit seinen Videos.
Warum erzähle ich jetzt über Kämpfer? Ach so. Udo Lindenberg. Udo Lindenberg ist ein Mensch, so wie Kämpfer ein Mensch ist. Einfach, mit klaren Gefühlen – und wenn doch mit Unklaren, so dann aber mit klaren Worten, wenn sie denn versuchten, sie auszudrücken.
Einmal ging es mir sehr schlecht. Nach einem heftigen Streit mit meiner Mutter hatte ich mich hingesetzt, gegen die Wand gestarrt und ungefähr drei Stunden kein Wort mehr mit jemandem. Meine Psyche hatte dicht gemacht, nichts kam mehr durch. Meine Cousine Darya (Dada) saß neben mir und weinte, ich solle doch bitte wieder reden. Ich muss siebzehn gewesen sein. Und mit siebzehn hatte ich noch die Fähigkeit, mich im wachen Zustand in eine andere Realität abzudriften, Mauern aufzurichten, die alle selbstgebauten der Welt überragten an Dicke und Höhe und Undurchlässigkeit. Da rief Dada Kämpfer an, er solle schnell kommen, mit mir stimme etwas nicht.
Ich hörte seine Springerstiefel von draußen, und schon regte sich etwas in mir. Warum nur konnte er das? Er kam rein, schaute sorgenvoll ins Zimmer und sagte nur:
“Was machst Du denn da nur, Sherry-Maus?”, und setzte sich neben mich. Ich schaute ihn mit großen Augen an und meinte mit trockener Kehle: “Was zum Teufel machst Du denn hier, Kämpfer?”
“Nach Dir sehen. Du bist doch mein Sorgenkind Nummer 1.”
“Ich bin kein Sorgenkind!”, wehrte ich mich (wie immer) – und er schmunzelte väterlich.
Dann habe ich meinen Kopf einfach an seine Schulter gelehnt und ganz leise gefragt:
“Bringst Du mich zum Lachen, Kämpfer?”
“Das machen wir gleich. Ruh’ Dich erst einmal ein wenig aus.”
“Okay…”, seufzte ich und schlief irgendwann ein. Als ich aufwachte, war er weg.
All das kommt mir in den Sinn, wenn ich Udo Lindenberg höre. Vor allem dieses Lied. Kämpfer war immer sehr lange und schweigend verliebt, wenn er verliebt war. Nicht heimlich, aber schweigend. Er beobachtete seine Liebste nur, hielt aber immer den Atem an, wenn er sich nicht mehr zurückhalten konnte und auf sie zugehen wollte. Er wollte sich immer stoppen, wenn es um die Liebe ging. Ich glaube, er war fest davon überzeugt, dass er alles, was er anfasste, das mit Liebe zu tun hatte, kaputt gehen würde. Warum er das dachte, habe ich nie wirklich erfahren.
Heute ist er zweiunddreißig und hat eine feste Freundin, die ein Kind mit in die Beziehung reingebracht hat. Kämpfer mag Kinder. Er sieht sie als kreative Bomben an, die ihn inspirieren. Ihre Gedankengänge faszinieren ihn. Sie haben irgendein kreatives Unternehmen aufgemacht. Wandbeschmückung und Malerei oder so. Fragt mich nicht genau, ich weiß es nicht. Vielleicht wird er so seine genialen Comics an den Wänden der Wohnzimmer los.
Ich bin mir sicher, dass er sich heute noch die alten Videos von uns ansieht und an uns zurück denkt, wehmütig lächelt und auch mal laut lacht. Er fragt sich ganz sicher noch immer, warum es Trennungen und Veränderungen in der Welt gibt und wie er es trotz dieses Widerwillens gegen die Natur dieser Welt geschafft hat, damit klarzukommen. Ich bin mir sicher, dass er zu den wenigen Menschen gehört, die sich selbst treu geblieben sind. Die durch ihre innere Sturheit gegen die Gesellschaft immer noch an ihren alten Idealen festhalten, auch wenn das bedeutete, dass Andere aus ihm hinausgewachsen sind und ihn zurück gelassen haben. Was Kämpfer bestimmt nicht weiß ist, dass wir – oder zumindest ich – noch sehr oft und sehr intensiv an ihn denke.
Ja, unser Udo…
25.08.2007, 17:29
Bettgeflüster
Lady hat mir ein Stöckchen zugeworfen. Und das auch noch bezüglich eines Themas, mit dem ich gerade auf Kriegsfuß stehe: Dem Schlaf!
Lieblings-Schlafposition?
Auf dem Bauch und seitlich – und immer irgendwie kämpfend! 
Hast Du ein “Einschlafritual”?
Ich wippe mit dem Po. Ohne Scheiß jetzt. 
Hast Du ein Kuscheltier, Knuddelkissen o.ä.?
Ja, meinen Mu-Sh-el. Er ist ein Teddy-Baby aus alten Zeiten. Er kann nichts für seinen doofen Papa, also habe ich ihn alleine aufgezogen mit viel Liebe. 
Was machst Du, wenn Du nicht schlafen kannst?
Surfen, Lesen, Schreiben, TV-schauen, an die Decke starren, Musik hören, Diät-Pläne schmieden. 
Wie groß ist Dein Bett?
160 x 200 oder so. 
Wie viele Kissen hast Du?
Vier Kissen und zwei Decken. Die Kissen umarme ich oft, in die andere Decke keile ich meine Beine oft ein. In einsamen, bedrohlichen Zeiten liegen zwei Decken auf mir, dann fühle ich mich durch die Schwere, die auf mir liegt, irgendwie geschützt. 
Linke oder rechte Seite?
Rechte.
Wie lässt Du dich wecken?
Wenn ich nicht raus muss, dann von meinen Träumen oder einem Anruf. Wenn ich Pflichten habe, dann vom Handywecker mit Lieblingsmelodien. Ich hasse es übrigens, von der Sonne geweckt zu werden. Dann ist mein Tag schonmal hin. 
Stehst Du direkt auf oder bleibst Du liegen?
Das ist verschieden. Meistens bleibe ich aber noch liegen, weil ich erstmal mit der Realität klarkommen muss oder eben auf “Realität-Modus” switchen muss, das ist bei meiner surrealen Traumwelt gar nicht so einfach. 
Dein erster Gedanke am Morgen?
Meine Familie… 
Was machst Du um wach zu werden?
Entweder etwas sehr Kaltes trinken oder kalt duschen oder beides. Das tut mir meistens gut.
So, ich gebe das Stöckchen weiter an Hasret, Momo, Avalon, Minah und Sörbeli.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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