~ Starsailor – Tie Up My Hands.mp3 ~
Ich habe damals immer so liebenswürdige Scheiße geredet, von der ich tatsächlich überzeugt war. Meine tiefsten Überzeugungen waren: “Letztendlich wird alles gut”. Meine Lieblingsweisheiten an Menschen mit verschlossener, unterkühlter Seele war: “Ja, gewiss. Natürlich machen Dich die Mauern schmerz-undurchlässiger. Aber bedenke, sie sind dann gleichzeitig auch undurchlässiger für tiefes Glück.”
Ich habe wirklich jedes verfickte Opfer gebracht, um durstig nach diesen mich tief erzitternden Gefühlen der absoluten Einheit mit der Menschheit zu erreichen. Ich hatte in meinem Leben schon Momente, in denen ich vor Glück alles, was ich in den Händen hielt, fallen ließ und die Luft anhielt. Für diese Momente hätte ich alles getan. Jede Unvernunft in Notwendigkeit umgewandelt, jede noch so große Hürde habe ich gemeistert, auf den Rändern irgendwelcher Klippen ins Endlose bin ich balanciert, in alle offenen Arme bin ich reingelaufen – immer mit der Überzeugung, dass grundsätzlich war kein Mensch böse ist. Böse Menschen waren nur Menschen, die leiden. Menschen, die leiden, brauchten nach meiner Auffassung aber nur Liebe. Die hätte ich mit meiner überschwänglichen Agapé-Liebe schon irgendwie heilen können, dachte ich.
Ich war schon immer ein sehr melancholischer Mensch, der jedoch mit einem sehr temperamentvollen Naturelle und viel Kampfeslust einherging. Aber das alles scheine ich nicht mehr zu sein. Die Melancholie ist zur Resignation aufgestiegen, die Kampfeslust für ein besseres Dasein zu einem alten Wappen, das ich irgendwann nach einer verlorenen Schlacht weggelegt habe. Diese Veränderung ist nicht von heute auf morgen geschehen. Ihr sind viele hässliche, traurige, zerschmetternde Ereignisse vorausgegangen, die ich auch niemals einfach benennen werden kann. Damals hätte die alte Sherry vielleicht darüber berichtet, denn sie hätte niemandem etwas Böses zugetraut. “Mein Gott, wer könnte schon so gemein sein und all diese schwachen, wunden Stellen an Dir dazu nutzen, um Dich zu quälen?” Heute sieht’s anders aus. Völlig anders. Ich weiß, es gibt diese Menschen. Ich habe es am eigenen Leib erlebt. Und Ihr vermutlich auch.
Während man noch dabei ist, sich über das Erwachsenwerden Gedanken zu machen, liegt man schon in der verfickten Scheiße des Erwachsenseins. Erwachsensein bedeutet nichts Anderes, als ein abgestumpftes, gestresstes Etwas zu sein, das seine amputierten Gefühle in irgendeine andere Bahn kanalisiert, um sie doch noch irgendwie zu entladen, wenn auch nicht in ihrer ursprünglichen Form. Bei mir ist es das Essen, bei anderen ist es Sex, bei einem Anderen wiederum ist es der Spaß an Selbstdarstellung. Dann gibt es noch die armen Schweine, die sich und ihre Persönlichkeit nur auf ihren Beruf und ihre gemachten Karriere reduzieren, als seien sie ohne nichts wert. Manche mutieren zum Nihilisten, um sich jede Sekunde einzuhämmern, man habe keine Empfindungen und Erwartungen mehr zum Leben. Andere wiederum gehen Menschen zum Spaß ermorden. Dann gibt es noch unsere Internet Junkies, die sich isolieren, aber aufgrund “reger Kontakte” in virtuellen Gefilden meinen, sie stünden mitten im Leben, während ihre Leben um sie herum jedoch einfach verfällt wie abgestandener Joghurt. Die Echtesten sind noch immer unsere Borderliner. Die Armen sind in einer Situation, in der sie wissen, dass die ganze Welt sich selbst verarscht, deshalb schneiden sie aus Verzweiflung an sich selber rum und sind dabei gar nicht so viel anders als die Aufzählungen vorher: Denn bei allen Beispielen handelt es sich um nichts Anderes als um Selbstverstümmelung auf die eine oder andere Art.
Ich frage mich, was es letztendlich ist, das aus uns das gemacht hat, was wir heute sind – nämlich absolute emotionale Versager! Wie oft muss ich noch erleben, wie die Augen der einen und selben Person bei jedem Mal, an dem ich sie wiedersehe, wie in Schlamm versinken und völlig leer und wieder einmal ärmer um einen Kindheitstraum raus blicken? Wie oft muss ich auf der Straße noch jemanden zusammen scheißen, der es tatsächlich wieder fertiggebracht hat, jemanden zu ignorieren, der auf dem Boden liegt und offensichtlich bewusstlos ist? Wie oft muss man die ignoranten, grauen Erscheinungen noch ertragen? Wie lange? Ich mutiere selber bald dazu. Dieser Prozess ist wie Ersticken. Meine Seelenfarben werden eingedeckt in Betongrau, damit sie auch zum Rest der Dreckswelle passen – und ich kann nichts dagegen tun. Es geschieht einfach. Ich krepiere wie alle Anderen auch, indem ich mich zwinge, nur auf der Oberfläche zu leben und nicht mehr in der Tiefe.
Letztens war ich im Amtsgericht irgendeine Formalität erledigen. Dort stank es nach seelischer Verwesung und Frigidität. Im Ernst. Ich hätte nie gedacht, dass man diesen Zustand riechen kann, aber es war so. Ich saß da, habe gewartet – und beim Anblick dieser eigenartig riechenden Menschen dort sind mir einfach so ruhelos die Tränen über das Gesicht gelaufen. Ich wollte jeden einzelnen, stumpfen Menschen dort eigenhändig ermorden. Nicht nur aus Wut, sondern um ihn einfach von seinem nutzlosen Dasein zu befreien. Schlicht und einfach töten und die verpestete Luft von ihrer klanglosen Frigidität befreien. Und da fällt mir auch wieder der Hauptgedanke zu diesem Chaos hier ein: Ja, es kann alles gut werden. Warum? Weil wir alle eines Tages sterben werden und uns und diese Welt von uns befreien.
Bis dahin möchte ich es mir aber noch gemütlich machen und so viel von meinem alten Scheiß in der Welt verbreiten, wie es nur geht. So viel die ursprüngliche Sherry verbreiten, wie es bei meiner fortschreitenden Mutationen noch möglich ist. Vielleicht bringt es ja doch noch etwas. Also, auch, wenn Ihr mir das jetzt nicht abnehmt – aber es gibt für mich noch immer nichts Schöneres als eine Umarmung. Als festgehalten werden. Zu wissen, man nicht alleine ist, auch wenn man sich einsam fühlt. Zu wissen, dass man sich gemeinsam einsam fühlt und das die Einsamkeit wieder aufhebt.
Deshalb hört bitte zu – und damit meine ich auch mich selbst. Bitte seid für Eure Mitmenschen mitverantwortlich, selbst wenn Ihr sie nicht kennt. Seid innerlich nicht so tot, dass eine weinende Frau auf der Straße Eures Blickes nicht würdig ist. Geht hin, fragt sie, was sie hat und ob Ihr etwas für sie tun könnt. Unterhaltet Euch manchmal mit Obdachlosen, denn sie sind so reich an Lebensgeschichten und tiefen Erfahrungen, dass einem schwindelig wird. Seid der kleine, überraschende Lichtblick der grauen Masse um Euch herum. Es muss nichts Großartiges sein. Ihr müsst nichts opfern. Ein Lächeln, ein überraschendes Grüßen, das scheulose auf Andere zugehen und die Bereitschaft zur Hilfe anbieten, kann in Euch und in andere Blumen zum wachsen bringen. Auch, wenn man Euch in Eurem Treiben kurz skeptisch anschaut, lasst Euch nicht aufhalten – ist das Eis nämlich erst einmal gebrochen, ist die Befreiung und das erleichterte Lächeln Eurer Mitmenschen Euch eine unvorstellbare Freude. Seid präsenter. Seid einfach da, verdammt. Ich gebe auch mein Bestes. Lasst es uns versuchen. Dann wird auch alles gut.


Suche




*Sorry. Ich wollte niemanden so grausam aufwecken.
Hattest Du nie dieses Gefühl? Diesen innigen Wunsch, einfach zu verschwinden oder zu sterben? Ich kann sie verstehen. Es gibt Situationen, in denen bricht alles übereinander. Du hast Recht – von Außen betrachtet sind es vielleicht Lächerlichkeiten, aber meistens ist soviel vorangegangen, dass man das Gefühl hat, es gibt einfach keinen anderen Ausweg.
Entweder ist man zu feige, um sich den letzten Schuss zu geben oder zu stark. Ich habe immernoch nicht genau verstanden, wierum man das interpretieren sollte.
Ich kenne dieses Gefühl sogar. Daher ist es jah so schlimm… War vorhin bei ihr. Sie sieht in jeder Sache etwas Böses… Es ist schrecklich.
:(
Die Welt wird immer unübersichtlicher, und zwar immer schneller. Viele meinen da mithalten zu können. Auf dem ersten Blick erscheint das auch so. Aber wir sind alle Sklaven geworden. Schon längst!
Manchmal bleibe ich stehen und frage mich was zum Teufel hier los sei. Hier, hier auf der Erde, hier in dieser Welt, in diesem Universum. Was zum teufel soll das Ganze eigentlich? Wer hat sich diesen Spaß erlaubt? Wer kam auf die Idee soetwas zu erschaffen? Ist es Gott etwa langweilig gewesen und ist es ihm immernoch? Verfolgt er Ziele? Weiß er überhaupt was Ziele sind? Weiß er überhaupt, dass er GOTT ist und alles anders machen kann, wenn er denn wollen würde? Will er überhaupt irgendetwas? Oder vermenschlichen wir immer alles gnaudenlos und konsequent?
Die Welt besteht aus Zombies und ein paar wenige, die SEHEN was hier los ist. Zu denen gehörst DU, Azizam. Deswegen leidest Du so. Diese Zombies sind Gefangene. Sie können und wollen teilweise nicht befreit werden. Vielleicht muss das einfach so sein. Ich gehöre wohl auch zu den Zombies, denn ich lege auf einige Dinge Wert oder laufe Dinge nach, die ich für wichtig erachte. Warum genau, weiß ich auch nicht. Ich bin Sklave meiner selbst udn muss das tun, was ich tun muss.
Doch manchmal habe ich Augenblicke des Erwachens. Es sind solche, wo ich dann mich frage “WARUM das alles?”. Doch dann, entführt mich der Alltag wieder und ich muss das tun, was ich tun muss.
Es wird sich herausstellen, welche Rolle wir in diesem Universum spielen. Davon bin ich nun mal überzeugt. Deshalb, aber auch nur deshalb finde ich, dass alles letztendlich gut werden wird…Wenn nicht jetzt, dann hoffentlich bald.
Tut mir Leid…
Peyman
kash ke hame fahm o shoure toro dashtan azizam.
p.s.

p.p.s. ich kann auch mehr sagen “alles wird gut”.
aber “alles wird besser” ist vertretbar
hey schöne seite hast du hab sie abgespeichert und werde nachher mit mehr zeit alles durchforsten. lg
@SÄD,
ich fahm o shu’r? Ausgerechnet ich.
*umarm* Aber danke… Ich weiß nicht “Alles wird besser” ist mir ja null Trost. Ich muss immer denken, dass irgendwann alles gut wird. Aber das wird wohl nicht zu unseren Lebzeiten passieren – oder wenn, dann nur kurze Momente.
@Schatz,
danke erstmal für Deinen langen Beitrag. Du sagst, wir seien zu Sklaven geworden – darin gebe ich Dir vollkommen Recht. Sklave-Sein hat nach sufistischem Sinne eine sehr gute, von Allem-Materiellen-Ablassende Bedeutung. Das “Ich” ist aufgelöst – und somit gibt es keine Grenzen mehr. Keine, die den Sufi vom Rest der Menschheit trennt oder von Gott.
Aber die Sklaverei, die heute stattfindet, ist genau die umgekehrter Natur. Wir sind zum Teil nicht nur Sklave unserer animalischen Bedürfnisse, die tagtäglich mit subtilen Konditionierungen darauf dressiert werden, alle Produkte haben zu wollen, sondern auch Sklave unseres Verstandes. Unser Verstand rattert uns unser Dasein voll, wir können ihm nicht Ruhe geben. Es beherrscht uns.
Einfaches Beispiel: Es gibt Menschen, die haben den Drang, aus sich herauszugehen und einfach ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Der Verstand mit all seinen Berechnungen über Konsequenzen, Folgen, Ängste wird diesen Menschen niederzwingen und ihn mit seinen Gefühlen, die darauf warten, rauszuplatzen, gar nicht erst zulassen. Ich merke es tagtäglich bei Menschen, die meinen, sie seien kreativ. Bullshit sind sie kreativ. Ständig müssen sie bestimmten Mustern immer und immerwieder folgen, sonst sind sie total verunsichert, wenn mal etwas aus dem Konzept gerät.
Kreativität und Intelligenz bedeutet aber nichts Anderes, als aus unerwarteten Situationen ein Meisterwerk zu improvisieren. Da der zivilisierte Mensch aber durch die totale Durchstrukturierung seines Tagesablaufes, seines Lebens, seiner Ziele überhaupt nicht mehr darauf gefasst ist, sich schnell und flexibel auf solche Situationen einzulassen, büßt er viel an Eigenständigkeit und Kreativität ein.
Geschürt wird das alles noch von den Medien. Die ganzen Konsumgesellschaften werden gar nicht durch Sex in den Medien beherrscht. Hauptwerkzeug ist die “Angst”. Sie schüren Dich mit 10000 Ängsten zu, um Dir dann mit heroischem Gesang einzureden, was Du alles brauchst, um keine Angst mehr haben zu müssen. Je mehr Du aber besitzt, desto größer die (Verlusts-) Angst. Und so geht es dann weiter. Du wirst beherrscht. Ja, Schatz, wir sind Sklave unseres Verstandes und merken es nicht. Ich kenne Menschen, die sind furchtbar stolz darauf, dass sie extrem vernünftig sind. Was bringt ihnen diese Verkopfung? Viele von ihnen haben ihre emotionale Seite so dermaßen verstümmelt und von ihrer Persönlichkeit abgetrennt, dass sie es nicht einmal schaffen, vor Freude in die Luft zu springen, wenn sie ihre gesetzten und harterkämpften Ziele erreicht haben. Sie haken das Ziel einfach irgendwie emotionslos und vielleicht noch wartend auf den “großen Erfolgsknall” ab und malen sich neue Strukturen und Ziele auf ein Blatt Papier, den sie dann stur weiterverfolgen.
Beobachte mal Menschen, die Dinge und Situationen etwas “ganzheitlicher” betrachten, die nicht so oft den Satz “Was hat denn das Eine mit dem Anderen zu tun” loslassen und nicht in so strengen Tunnelblick-Kategorien denken müssen. Sie sind weitaus intuitiver und haben eine viel schnellere und allumfassendere Wahrnehmung. Während verkopfte Menschen ihre Faktoren miteinander addieren müssen, um auf Ergebnis X zu kommen, sind solche Personen schon längst durch einen sehr natürlichen Impuls auf das richtige Ergebnis gekommen.
Die Verkopfung der Menschen ist widernatürlich. Der Verstand zerhackt den Geist und all ihre von Natur aus gegebene Weisheit – und das sage ich nicht nur so. Ich erlebe jeden Tag, wie es der Verstand ist, der mir wichtige Menschen davon abhält, die Essenz einer Unterhaltung zu sehen, weil sie sich mit vielen anderen “Verständnisfragen” und “Fehlern / Bugs in der Information” beschäftigen. Solche lieben Menschen haben dann morgens mehr so Einsicht-Erlebnisse, weil ihr scheiß Gehirn noch nicht im Vollmodus zu rattern begonnen hat. Lichtblicke…
Was Gott angeht – ich bin gerade nicht so gut auf ihn zu sprechen, aber das ist normal. Was das hier alles soll, weiß ich auch nicht. Auch mir spielt mein Verstand einen üblen Streich, indem er mich nur noch mit dunkler, dumpfer Angst besudelt, so dass ich keine klaren Bilder mehr sehen kann.
Ich glaube nicht, dass ich viel anders bin, Schatz. Aber selbst, wenn Du Recht hättest, dann wisse, dass ich genauso gefangen bin. Sehr gefangen sogar. Nur unglücklicher gefangen, weil ich mir all dieser Groteske bewusst(er) bin. Ich hab’s jedenfalls satt.
…
@Roya jan,
herzlich willkommen.