Click: ~ Udo Lindenberg – Baby Wenn Ich Down Bin.mp3 ~
Ich höre gerade Udo Lindenbergs Baby wenn ich down bin. Ich glaube, normale Iraner könnten ihn und seine zum Teil kakophonischen Töne niemals ertragen. Er hört sich ein wenig versifft an, wirkt immer leicht angetrunken – ja, sogar ein wenig ungepflegt. Er singt etwas schief, und die Sprache, in der er singt, ist eben deutsch – dazu noch einfaches Deutsch ohne Verschnörkelungen, wo wir Iraner doch gerne alles blumig, bildhaft und kompliziert ausdrücken. Feinfühlige Künstler jedoch schaffen es sehr gut, in jeder Sprache die Essenz unserer Gefühlswelten zu veräußern. Es ist nur eine Frage der Echtheit, der Verbindung zu sich und der Nähe, die man zu anderen Menschen empfindet. Und Udo hat das definitiv drauf. Er ist einer von uns.
Udo ist ein richtiger Mensch. Ich meine, ein richtiger Mensch im Sinne unserer Idee von Mensch. Die Definition von Mensch, die wir an anderen Menschen heute mit eine Lupe suchen und uns fragen, wo diese Menschlichkeit geblieben ist, was diese Menschlichkeit genau ausmacht, woher sie kommt und warum sie immer mehr vergeht. Udo singt mit gebrochener Stimme. Er nuschelt manchmal, weil er müde ist, aber redet unermüdlich seit über seit so vielen Jahren gegen braunes Gedankengut, über seine Eskapaden, Schwächen und seine Art, zu lieben. Udo ist ein Mensch, wie ich ihn mir in der Welt mehr wünsche. Einer, der einfach und ohne Umschweife sagt, dass Wasser rein ist und die Frau schön. Dass Brot gut schmeckt und mit Käse dazu sogar noch mehr. Der sagt “Das tut weh.” und der sagt “Das ist toll.”
Udo erinnert mich an einen alten Freund. Kämpfer heißt er mit Nachnamen. Ein sehr seltsamer Typ. Ein wenig Punk, ein wenig Gothic mit einem außergewöhnlich skurrilen Humor. Sein Alltag bestand eigentlich darin, die ultimativ genialste und subtilste Form von Humor zu erreichen, die ein Mensch je erreicht hat.
Wenn ich heute darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass er dadurch nichts anderes tat, als seinem Schmerz, seiner Einsamkeit, seiner Abneigung gegen die Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Ich kann seinen Humor nicht in Worte fassen. Aber lasst es mich so sagen: Seit ich ihn kenne, weiß ich, dass man über Humor eine ganze Nacht lang philosophieren kann, ohne dass es dabei langweilig wird. Ich habe durch Kämpfer plötzlich Chaplin verstanden und konnte über ihn lachen und danach weinen. Chaplin hat man nicht verstanden, wenn man nur über ihn lachte.
Kämpfer war einer dieser Typen, die überhaupt nichts Sexuelles ausstrahlten, so dass mein Papa mir sogar erlaubte, dass er zu uns nach Hause kommt und ich auch zu ihm gehe – und das heißt schon etwas. Kämpfer war ein Mensch, so wie Udo ein Mensch ist. Einer jener eben, die ihr Herz in den Augen trugen und ohne Umschweife mit dem Finger auf das zeigen, was sie liebten oder auch verachteten ohne sich etwas auf Diplomatie zu geben trotz seiner Angst, dass seine Freunde ihn irgendwann alle verlassen würden.
Kämpfer kämpfte dagegen an, ein Spießer zu werden. Er wollte nicht im grauen Anzug zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Er suchte nach etwas, das Arbeit war und Kreativität erlaubte. Also wurde er Erzieher. In der Schule lief immer mit seiner Kamera rum. Er nötigte seine Clique dazu, seinen selbstgeschriebenen Drehbücher als Schauspieler zu dienen. Ich war schon alles Mögliche von Krankenschwester bis Puffmutter. Einmal musste ich Marco, der eine fiese, kleine Oma gespielt hat, den Hintern abputzen (natürlich war er noch angezogen) und meine ganze Hand wurde zu Drehzwecken mit Nutella besudelt. Das sah so echt, dass ich mich beim Dreh fast übergeben musste. Er hatte meinen vorwurfsvollen Blick mit der Kamera eingefangen. Wie ich ihn ansah und nur fauchend dachte “Kämpfer, nach dem Dreh bring’ ich Dich um!”
Und wenn alle nach Hause gegangen sind und er und diese Videos alleine in seinem kleinen Zimmer waren, redeten sie miteinander. Während er sie schaute, fragte er sich, warum es so etwas wie Trennungen gibt. Er machte sich bewusst, dass diese Tage nicht erst dann vorüber waren, wenn wir alle unter der Erde lagen, sondern viel früher. Er wusste, dieses Beisammensein muss festgehalten werden. Also hielt er es fest. Immer wieder. Mit seinen Videos.
Warum erzähle ich jetzt über Kämpfer? Ach so. Udo Lindenberg. Udo Lindenberg ist ein Mensch, so wie Kämpfer ein Mensch ist. Einfach, mit klaren Gefühlen – und wenn doch mit Unklaren, so dann aber mit klaren Worten, wenn sie denn versuchten, sie auszudrücken.
Einmal ging es mir sehr schlecht. Nach einem heftigen Streit mit meiner Mutter hatte ich mich hingesetzt, gegen die Wand gestarrt und ungefähr drei Stunden kein Wort mehr mit jemandem. Meine Psyche hatte dicht gemacht, nichts kam mehr durch. Meine Cousine Darya (Dada) saß neben mir und weinte, ich solle doch bitte wieder reden. Ich muss siebzehn gewesen sein. Und mit siebzehn hatte ich noch die Fähigkeit, mich im wachen Zustand in eine andere Realität abzudriften, Mauern aufzurichten, die alle selbstgebauten der Welt überragten an Dicke und Höhe und Undurchlässigkeit. Da rief Dada Kämpfer an, er solle schnell kommen, mit mir stimme etwas nicht.
Ich hörte seine Springerstiefel von draußen, und schon regte sich etwas in mir. Warum nur konnte er das? Er kam rein, schaute sorgenvoll ins Zimmer und sagte nur:
“Was machst Du denn da nur, Sherry-Maus?”, und setzte sich neben mich. Ich schaute ihn mit großen Augen an und meinte mit trockener Kehle: “Was zum Teufel machst Du denn hier, Kämpfer?”
“Nach Dir sehen. Du bist doch mein Sorgenkind Nummer 1.”
“Ich bin kein Sorgenkind!”, wehrte ich mich (wie immer) – und er schmunzelte väterlich.
Dann habe ich meinen Kopf einfach an seine Schulter gelehnt und ganz leise gefragt:
“Bringst Du mich zum Lachen, Kämpfer?”
“Das machen wir gleich. Ruh’ Dich erst einmal ein wenig aus.”
“Okay…”, seufzte ich und schlief irgendwann ein. Als ich aufwachte, war er weg.
All das kommt mir in den Sinn, wenn ich Udo Lindenberg höre. Vor allem dieses Lied. Kämpfer war immer sehr lange und schweigend verliebt, wenn er verliebt war. Nicht heimlich, aber schweigend. Er beobachtete seine Liebste nur, hielt aber immer den Atem an, wenn er sich nicht mehr zurückhalten konnte und auf sie zugehen wollte. Er wollte sich immer stoppen, wenn es um die Liebe ging. Ich glaube, er war fest davon überzeugt, dass er alles, was er anfasste, das mit Liebe zu tun hatte, kaputt gehen würde. Warum er das dachte, habe ich nie wirklich erfahren.
Heute ist er zweiunddreißig und hat eine feste Freundin, die ein Kind mit in die Beziehung reingebracht hat. Kämpfer mag Kinder. Er sieht sie als kreative Bomben an, die ihn inspirieren. Ihre Gedankengänge faszinieren ihn. Sie haben irgendein kreatives Unternehmen aufgemacht. Wandbeschmückung und Malerei oder so. Fragt mich nicht genau, ich weiß es nicht. Vielleicht wird er so seine genialen Comics an den Wänden der Wohnzimmer los.
Ich bin mir sicher, dass er sich heute noch die alten Videos von uns ansieht und an uns zurück denkt, wehmütig lächelt und auch mal laut lacht. Er fragt sich ganz sicher noch immer, warum es Trennungen und Veränderungen in der Welt gibt und wie er es trotz dieses Widerwillens gegen die Natur dieser Welt geschafft hat, damit klarzukommen. Ich bin mir sicher, dass er zu den wenigen Menschen gehört, die sich selbst treu geblieben sind. Die durch ihre innere Sturheit gegen die Gesellschaft immer noch an ihren alten Idealen festhalten, auch wenn das bedeutete, dass Andere aus ihm hinausgewachsen sind und ihn zurück gelassen haben. Was Kämpfer bestimmt nicht weiß ist, dass wir – oder zumindest ich – noch sehr oft und sehr intensiv an ihn denke.
Ja, unser Udo…


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Ich erinnere mich noch genau an den Tag, Sherry. Ich glaube, das weißt Du nicht mehr so genau, aber Christian hatte es noch geschafft, dass Du, er und Darya zu mir nach Hause kommt, damit Du richtig durchschlafen kannst später. Die Kinder waren damals noch klein und sehr laut. Als Du aufwachtest, warst Du total beläppert im Kopf und hattest einen riesen Appetit. Das weiß ich noch.
Was ist aus Hessel geworden?
Ja, stümmt. Jetzt kommt’s wieder! Das war unsere “Liebevoll ergreifend”-Zeit, ne? *lach* Ja, ich habe noch Party-Pix. Du links, ich rechts – und Höpi hat ‘ne Zunge im Anmarsch, die in Dein Ohr sausen soll. Du guckst dabei extrem skeptisch. Das Foto muss ich unbedingt finden, warte Schatz…
(Ich habe mich rausgeschnitten. Ich finde, man sollte mich besoffen nicht gleich sehen.)
Das ist unser H. Weißt Du noch? Der hat immer gesagt, er würde nur auf extrem dünne Frauen stehen, hatte aber oft nichts Anderes zu tun, als fasziniert an unseren Röllchen rumzuspielen. *lach*
Azizam, tolle Geschichte und witziges Bild. Warum ist seine Zunge so lang?
Ich denke so C. Kämpfer-Typen haben wohl viele in der Schulzeit gehabt. Bei mir hiess er Thorsten Cress. Er war schlank, lang, Punk und hatte ein Baby-Face. Aber die Frauen mochten ihn trotzdem.
Ne, er war wirklich ein netter Kerl. Weiß gar nicht was aus ihm geworden ist. Das letzte mal sah ich ihn vor 19 Jahren, in Anzug und Kravatte. LOL Er musste ja unbedingt eine Banklehre machen.
PS: Hallo Dini…
Banklehre?
Für soetwas würde Kämpfer sich nie hergeben. Hihi. Er ist Erzieher geworden – mit mir zusammen – aber er hat das Abi nicht mehr gepackt, keine Ahnung, warum, denn er war wirklich sehr intelligent. Hoepi hat eben eine lange Zunge, weiß auch nicht warum. Ich weiß noch, wie ich an dem Abend an der Theke einfach so zum Spaß 3 Plastikgläser (igitt) Bier (igitt³) umgeworfen habe, um “zu gucken, wie’s fließt” (Ich war schon völlig besoffen)… Ich fand’ das wohl witzig und habe mich 20 Minuten nur darüber kaputtgelacht.
@Dini,
was aus Hessel geworden ist? Oh Mann, halt’ Dich fest. Er hat ja damals seine Gärtner-Karriere auf Eis gelegt und hat in der Abendschule diszipliniert sein Abitur gemacht. Danach war er 2 Wochen auf der Uni, hat die Augen gerollt, sich gedacht “Was für’n Stall hier” und ist wieder Gärtner geworden. Ich fass es nicht. Er ist übrigens noch mit seiner älteren Freundin zusammen, von der er sich schon vor 3 Jahren trennen wollte. Lalalala…
Hallooo Pepe
Was für ein FOTO………