Wie definiert Ihr den “Freien Willen”? Wir reden tagtäglich in vollster Selbstverständlichkeit darüber, dass der Mensch eine Entscheidungsfreiheit hat und einen freien Willen, ohne dabei wirklich all jene Faktoren zu bedenken, von denen wir beeinflusst und im Grunde auch festgelegt worden sind. Diese Antwort habe ich in einer interessanten, philosophischen Diskussion mit einem jungen Mann verfasst – wer mag, kann hier mit einsteigen und seine Meinung über den freien Willen und seine persönliche Definition darüber niederschreiben:
» Hey R….
Du sprichst da ein paar interessante Punkte an, die jeder für sich wieder einen eigenen Thread verdienen würde. Z.B. Thema “Altruismus”. Es gibt keinen Altruismus in dem Sinne, wenn Du mich fragst – aber wie gesagt, das ist ein anderes Thema.
Ich denke, ich argumentiere nicht einmal aus evolutionsbiologischer Sicht, wenn ich sage, dass jede Emotion eine Art “Nachvollziehbarkeit” aufweist. Ich versuche es anders zu erklären. Unabhängig davon, inwiefern eine Emotion “nützlich” oder “nicht-nützlich” ist, erweist sie sich immer als ein Produkt von mehreren, vorangegangenen Ursache- und Wirkungsmechanismen. D.h.: 1+1=2. Der 2 ist eine Kooperation von 1+1 vorausgegangen, so dass das Produkt 2 dabei rausgekommen ist. Wir können das Produkt also rückwirkend “nachvollziehen” und die Ursachen / die Wirkungsfaktoren dafür ausfindig machen, die dafür gesorgt haben, dass diese 2 zu Stande gekommen ist.
Genauso verhält es sich mit den Trieben, Emotionen und unvernünftig wirkende Handlungsweisen. Deshalb möchte ich noch einmal darauf verweisen, dass ich mit “logisch nachvollziehbar” nicht die Inhalte einer Idee, einer Handlung, einer Emotion meine, sondern die Reaktionskette bzw. die mathematisch nachvollziehbare Gleichung, die zu Produkt A, B, C geführt hat.
Was hat das nun mit unserem Thema “Freier Wille” zu tun? – Sehr einfach: Solange unser Gehirn (also nach Deiner Definition wir selbst) nicht dazu in der Lage ist, aus dem unbedingten Dominoeffekt einer Ursache- und Wirkungskette auszutreten und ein völlig eigenständiges, unbeeinflusstes, von jeglichen exogenen Faktoren unberührtes und außerhalb jeglicher logischer Gesetze und Denkmuster, ein Produkt zu erschaffen, können wir nicht von einem freien Willen reden. Warum? – Weil der freie Wille mindestens die Entscheidungsmöglichkeit voraussetzt, außerhalb der kognitiven Grenzen agieren und und denken zu können.
R.: Unser Gehirn ist keine Rechner, der auf sture Algorithmen läuft, es macht oft genug unlogische Entscheidungen (das liegt vielleicht zum Teil daran, dass wir sehr vom Unterbewusstsein gesteuert sind, und daher auch unser Verhalten nicht dauern “überlegt” wird).
Unvernünftige Entscheidungen, ja. Aber nicht “unlogische”. Schau’ mal, R. Weißt Du, was an “Theorien” z.B. so interessant ist? Eine Theorie kann in sich völlig schlüssig und plausibel sein, das “Ergebnis” kann aber falsch sein, weil nicht die richtigen Faktoren mit integriert worden sind, bzw. zuwenige Faktoren mit integriert worden sind. Deshalb bekommt man in einer Mathematikklausur z.B. immer ein paar Punkte, wenn der Rechenweg an sich logisch und nachvollziehbar ist, aber das Ergebnis dennoch falsch. Logik bedingt nicht immer das richtige Ergebnis. Logik ist lediglich eine Art “Denkmuster”, ein “Werkzeug” zur Lösung von Problemen – ob nun mathematischer oder alltäglicher Natur. Nun stell’ Dir aber vor, es gibt vielleicht andere Arten von Denkmuster – und nicht nur die Logik. Aber Du als “Gehirn” bist so strukturiert, dass Du nur dieses eine Denkmuster nutzen kannst, und nichts Anderes. (So ist es ja auch, wir kennen keine anderen Denkmuster) – Wo bleibt dann der freie Wille, wenn Du nicht einmal das Werkzeug auswählen darfst, mit dem Du “denken” und “handeln” willst? Du bist also von vorneherein determiniert. Und das, was Du denkst und wie Du es denkst, ist zudem von exogenen und endogenen Faktoren und Impulse vorbestimmt. Da bleibt von einem freien Willen wirklich nichts übrig, außer die Illusion.
Ich möchte dazu aber noch sagen, dass die Illusion des Menschen, einen freien Willen zu besitzen, sehr wichtig ist zum Überleben. Wäre es anders, würde jeder Mensch resignieren. Auch das scheint genetisch festgelegt zu sein: Schau’ mich z.B. an: Ich glaube nicht an den freien Willen, bin mir sozusagen dieser Illusion vollkommen bewusst und könnte Dir kein einziges Beispiel für eine “freie Entscheidung” oder einen “freien Willensimpuls” nennen und habe trotzdem im Alltag das Gefühl, ein autonomer Mensch mit eigenen Entscheidungen zu sein. Alles Andere wäre selbstmordgefährdet.
Übrigens denke ich nicht, dass der Mensch lediglich sein Gehirn ist. Aber auch das ist wieder eine andere Diskussion. Es ist mir übrigens eine Freude, mit Dir zu diskutieren.«


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ich stimme dir in vielen punkten zu, bloß ist meine wertung anders….
Ich glaube auch, dass wenn wir über einen Menschen alles wissen würden (über seinen Körper, seine Umweld, was ihm geschehen wird), und mit diesem Wissen arbeiten könnten, könnten wir jede seiner Entscheidungen nachvollzuziehen….
Dass aber der Entscheidungsvorgang logisch nachvollziehbar ist (man kann auch sagen erklärbar), ändert aus meiner Sicht nix, dass jede der Entscheidungen nicht “frei” entschieden wurde.
Unfrei wäre der Mensch für mich, wenn seine Entscheidungen von einem anderem Wesen beschlossen werden….das ist aber nicht der Fall, natürlich aber handeln wir aufgrund von äußeren Zwengen (Entscheidungen müssen wegen dem Umfeld entschlossen werden.)
Sagen wir du siehst einen roten Anzug….dein Gehirn erkennt das Objekt, überprüft alle Erinnerungen oder alle möglichen Verbindungen, die du zu diesem Anzug in irgendeiner Art und Weise schließen kannst….und kommt zum Schluss, dass du nur positive Erfahrungen damit hast und induziert die Entscheidung, dass du es kaufst.
Das Gehirn hat aufgrund von der Umgebung die Entscheidung getroffen, nicht weil ihn irgendetwas dazu gezwungen hätte.
Das witzige an dieser Diskussion ist….die Werbung ist stark an diesem Thema interessiert^^….sie haben vor die Umgebung (Kaufhäuser, etc.) so zu verändern (durch spezielle Düfte), um das Kaufverhalten der Kunden zu verbessern.
D.h. die Entscheidung zum Kaufen zu verbessern.
R.,
Wo genau ist für Dich der Unterschied zwischen “innere und äußere Faktoren bestimmen Deine Entscheidung” und “ein anderes Wesen bestimmt Deine Entscheidung”? – Netto betrachtet, ist da kaum ein Unterschied. Die Annahme, dass es ein anderes Wesen ist, der für uns entscheidet, stellt nur eine “kindlichere Version” dessen dar, was tatsächlich ist: Dass wir von Faktoren beeinflusst werden, über die wir kaum Macht haben.
Dein Beispiel mit dem roten Anzug ist z.B. ein gutes, Robert. Wie kommt es z.B. dazu, dass Person X eine Aversion gegen rote Anzüge hat, aber Person Y eine Affinität dazu? Sagen wir einmal, Person X wurde einmal von einem Mann mit rotem Anzug überfallen. Die Konditionierung “Roter Anzug = Angst, Gefahr und Schmerz” entsteht. Person Y liebt rote Anzüge, weil sein Vater mit ihm immer mit einem roten Anzug zum Cirkus gegangen ist und sie dort einen schönen Tag verbracht haben. Die Konditionierung “Roter Anzug = Spaß, Freude, Geborgenheit, Spannung”.
Inwiefern haben Peron X und Person Y eigenständig zu ihrer Aversion und / oder Affinität bzgl. rote Anzüge beigetragen, wenn sie sich in dem Moment entscheiden, ihn zu kaufen oder ablehnend nicht zu kaufen? – Im Grude gar nicht, Robert. Wenn Person Y einen roten Anzug kauft, dann nur, weil seine Affinität dazu von einem exogenen Faktor dazu geführt hat, dass er eine Affinität zu roten Anzügen entwickelt (= endogener Faktor) – und dieses Zusammenspiel dann bewirkt, dass Person Y sich den roten Anzug kauft. Seine Entscheidung hat somit nichts mit echter Eigeninitiative oder autonomer Willens- und Entscheidungsfreiheit zu tun, sondern wurde von seiner “Lebensgeschichte”, seiner vorangegangenen Konditionierungen bestimmt.
Hihi. Ich würde das z.B. anders formulieren: Sie haben vor, die Umgebung so zu verändern, dass das Kaufverhalten der Kunden verbessert wird: D.h. durch gezielte Konditionierungen, auf die fast jeder “normal entwickelte” Mensch reagiert, die erwünschte Reaktion (= Kaufen) zu erzeugen. Werbung ist nichts Anderes als subtile Konditionierung, die man in groben Mustern bei Skinner & Pawlow kennt und bei deren Versuchen man die Ausmaße dieser Konditionierungen richtig erkennt. Von einem freien Willen bleibt nicht wirklich viel übrig, Robert. Außer eben die Illusion, die aus irgendeinem Grund – wie gesagt – wichtig für unser Überleben erscheint. :)
Gruß,
Sherry
Über den freien Willen habe ich, auf Deinen Anstoß hin, nun auch ein wenig nachgedacht. Prinzipiell bin ich Deiner Meinung: wirklich frei ist der Wille nicht, denn im Grunde ist auch der Mensch eine Art “Maschine”, das Gehirn ein “Computer”, wenn auch ein sehr, sehr komplexer. Und wie ein Computer reagiert das Gehirn auf bestimmte Impulse in einer bestimmten Art und Weise – das auch wieder sehr, sehr komplex, so daß man die einzelnen Impulse und Reaktionen gar nicht mehr auseinanderhalten kann. Aber dennoch gibt es sie.
Und genau diese Komplexität ist es vielleicht auch, die die Illusion von Freiheit entstehen läßt. Wir merken einfach nichts von den elektrischen und chemischen Reaktionen im Gehirn, sondern denken, unser Denken sei frei. Und das ist auch gut so. Sonst gäbe es keine Schuld mehr und somit keine Grenzen.
Sehe ich genauso, Lady. Ich bin mir dessen bewusst, dass mach nach diser “Einsicht” jedem Menschen die Schuld im Grunde absprechen kann – aber das ändert immernoch nichts daran, dass man solche Menschen von der Gesellschaft fernhalten muss, um sie einfach vor den Gefahren zu schützen.