~ Click: Nasser Cheshmazar – Awaiting ~

Es ist alles in Ordnung, sage ich mir. Das ist der Lauf der Welt – und es muss so sein. Es ist natürlich, und jeder muss da durch. Dass ich mit Endlichkeiten weniger zurechtkomme als Andere, ist völlig irrelevant. Es gibt auch keine Gerechtigkeit, sage ich mir. Gerechtigkeit ist eine Illusion, und das sage ich nicht einmal mit Verbitterung. Solange ich mir an diesen Dingen die Fragen aus dem Gehirn reiße und im Überbleibsel meiner klaren Gedanken eine Antwort suche, werde ich keine Ruhe finden und weiterhin an Schlafstörungen und anderem Übel leiden. Es gibt Menschen, die leben einfach vor sich hin, trällern, lieben die Musik, lachen und tanzen. Sie schalten die Nachrichten ab und sagen “Mein Gott, was interessiert mich das? Man lebt nicht lange, also sollte man sich von solchen Dingen fernhalten, wenn man sowieso nichts an ihnen ändern kann.” – Was ich gerne mit Verachtung strafen würde, ist eigentlich das einzig Richtige: Einfach Dinge, die mir schaden, ausblenden. Vorallem, wenn ich gegen sie eh nichts anrichten kann.

Wie oft habe ich mich aufgeregt? Angefangen von kleinen Undingen aus dem privaten Leben bis hin in die weite Welt der Politik? Mit meinen Mitteln habe ich versucht, dagegen anzukämpfen. Für das “Gute” oder das, was ich als gut und richtig empfand. Was hat es gebracht? Was genau? Eigentlich nichts. Obwohl, ich lüge, nicht nichts, sondern doch Einiges: Außer ein paar begeisterten Zurufen von Menschen, die eh schon von vorneherein meiner Meinung waren, gab es nur Feindseligkeiten, Drohungen, schlaflose Nächte, weil ich die schlimmen (Kriegs)-Bilder nicht aus dem Kopf bekam, Existenzangst, weniger Zeit für die Menschen, die mir wirklich wichtig sind… (Ja, wie oft habe ich eigentlich für meine “Welt-Rettungs-Aktionen” meine Familie vernachlässigt? Zu oft. Viel zu oft). Und wenn jemand sagt, “Ja toll, Sherry! Stell’ Dir vor, alle würden so denken, dann ginge ja die Welt unter”, dann kann ich nur müde lächeln und antworten: “Vielleicht. Aber es wäre unnatürlich, wenn alle so denken würden wie ich. Und weil’s eben nicht so ist, dass alle so denken werden wie ich, darf ich’s mir leisten, so zu denken. Ich als Mensch und meine Meinung gehöre mit in dieses System der Gedanken und Meinungen, die die Welt so erhalten, wie sie ist.”

Es ist gut, dass es Menschen gibt, die höhere Ziele haben und auch Vieles bereit sind, zu opfern, um diesen nachzujagen. “Idealismus ist die einzige Krankheit, die nicht geheilt werden sollte”, sagte einst ein Freund – und er sagt es immerwieder. Doch Tatsache ist, dass es oft die Idealisten sind, die vom Leben so gut wie nichts mehr mitbekommen. Sie schaffen es kaum noch, zu handeln. Sie bleiben beim wehmütigen Träumen, wohingegen oberflächliche, sorglose Mitgenossen/Innen einfach leben und nicht jeden Tag um einen Grund kämpfen, aufzustehen. Sie tun, was sie tun müssen, denn sie tun, was ihnen selbst am Besten tut. Aber Idealisten streben nach dem allgemeinen Wohl ihrer Umgebung, der Gesellschaft, eines Landes, der ganzen Welt und werden täglich mehr als 20 Mal daran scheitern, dass sie nicht alle glücklich machen können. Es ist nicht natürlich, dass alle glücklich sind. Es ist aber natürlich, dass jeder Mensch eine andere Meinung, andere Bedürfnisse und eine andere Wahrnehmung hat. Nehmen wir’s einfach hin, wir können einander nicht immer zustimmen und wohlgesonnen sein. So ist die Welt.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, ich würde Gott um einen weitaus niedrigeren IQ bitten. Nicht, dass meiner zu hoch wäre, aber ich hätte gerne etwas Unterdurchschnittliches. Ich würde ihn zudem bitten, mir einen gesunden Abnabelungsprozess zu bescheren (oder überhaupt einen zu bescheren, ich hatte keinen). Ich würde ihn um einwenig mehr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl bitten, eine unkompliziertere Herkunft, weniger Fantasie, dafür mehr Bodenständigkeit. Bloß keine künstlerische oder musikalische Ader. Ich will überhaupt nicht mehr der festen Überzeugung sein, dass Musik mehr ist als ein paar Tonfolgen und dass Liebe ein mehr mystisches als körperliches Spiel ist. Farben wären einfach Farben – klar, sie erzeugen Freude – aber nicht wie bei mir Gerüche, Geräuche und Seelenflüge.

Ich lege jedenfalls die Rüstung ab, lass’ mein Schwert fallen. Es bringt nichts mehr, zu kämpfen. Weder gegen die Welt, noch gegen die Umwelt. Ich will mich nicht mehr erklären – jedes Wort ist ein Wort zuviel. Hier ist es in Ordnung, weil ich weiß, dass eine Vielzahl von Menschen lesen und jeder von ihnen vielleicht einen winzigen Abschnitt wirklich versteht, also fühlt. Aber hier in meinen kleinen, kreisförmigen Grenzen herrscht nur Einsamkeit. Und ich habe sie mir selber ausgesucht, indem ich von meiner Umgebung soviel erwarte, wie ich von mir selber erwarte – jedesmal, wenn ich ihr diene. Deshalb blieb niemand mehr übrig. Das ist oke. Jeder ist anders. Ich bin anders. Ich brauche eine kleine Rast – und ich hoffe, dass ich meine Ideale nicht nur zur Rast ablege, sondern komplett. Ich hoffe, ich werde niewieder genug Energie haben, um um Dinge zu kämpfen, für die es sich nicht zu kämpfen lohnt. Nicht, weil die Ideale nichts wert sind, sondern weil meine viel zu kleinen Hände und Hiebe und Streicheleinheiten einfach nichts bewirken können. Ich hoffe, ich werde ab jetzt nur mit so geringer Energie beglückt, dass sie gerade dafür reicht, sie für mich, mein Leben und meine Familie zu rationieren, damit kein Tropfen mehr in verschwendete Trostgedanken sinnlos dahinschwindet.

Und nun lass’ mich in Ruhe, Sherry. Ich bin müde…