Heute beim Frisör. Ich war schon fast am schlafen bei Eva’s Kopfmassage und fiel meine Gedankentreppen hinunter in eine weiche Wolke der Entspannung. Aus der Ferne hörte ich meine “Nachbarin” unser’n liebenswürdigen, tuntigen Micha zureden. “Blablabla – ich bin ja so wichtig. Blabla. Hab’ Geld, hab’ ein Haus, trage Pelz, blabla.” – In Gedanken riss ich mir zwei kleine Stückchen Wolke ab, stopfte sie mir ins Ohr und döste so vor mich hin. Eva’s Kopfmassage veränderte meine Gedanken in totales rosa Gaga. Wundervoll… Die Tante nebenan hörte ich immer ferner immer ferner nur noch ganz fernab von mir – bis plötzlich ihr Handy klingelte. “Didilidiiii”. Wolke weg. Augen auf. Ich sitze steif auf dem Sessel und schaute Eva durch den Spiegel an. Die Tante nebenan brabbelte:

“Ach, da geh’ isch jetzt nisch dran. Das is meine Mutter.” – und legte das Handy weg.

“Warum denn nisch?”, fragte Micha.
“Najah. Mein Vater ist vor sechs Wochen jestorben”, erzählte sie so beiläufig, als würde sie sagen, sie müsse mal auf’s Klo “und seitdem ruft meine Mutter misch und meinen Bruder wirklich vier Mal am Tag an! Also NOCH hamma uns nisch beschwert. NOCH nisch. Die hat auch noch so von Arcor so ‘ne Telefon Flatrate, das kann sie natürlisch jetzt voll ausnutzen!”

Micha tat so, als habe er vollstes Verständnis für die arme, von der trauernden Mutter belästigten Frau.

Ich war wie versteinert. Einfach geschockt. Erschrocken über soviel toten Mist im Gehirn einer Frau Mitte vierzig, neben der noch ihre jugendliche Tochter saß und kaugummikauend eine Modezeitschrift las. Ich sah Eva durch den Spiegel fest in die Augen. Sie wusste genau, wie abartig ich das, was ich gehört hatte, fand. Sie streichelte meine Wange und flüsterte:

“Ihr lebt in zwei verschiedenen Welten. Ich weiß, Sherry…”