Eine meiner wenigen Freundinnen, die sich schon ab dem ersten Augenblick auf ewig in mein Herz gebrannt haben, ist Ayse. Egal, wie lange wir uns nicht sprechen oder sehen, wenn irgendetwas in mir schmerzt, ist sie oft die Erste, die schreibt: “Ich weiß nicht warum, aber ich musste gerade so an Dich denken. Und es tat weh, Azizam. Alles ok?” – Manchmal denke ich: Nichts kann sich je zwischen uns ändern, weil, wie sie sagt, unsere Herzen wirklich im selben Takt schlagen.

Unsere Erscheinung ist wirklich witzig. Ayse ist nur 1.60m groß und sehr, sehr zierlich. Ich hingegen 1.71m und bin bekurvter. Dennoch hat man uns immer “Die Zwillinge” genannt. “Ohje, die Zwillinge kommen. ACHTUNG!”…

Warum Achtung? Ja, gute Frage. Ayse und Ich – das war immer so eine Katastrophenkombination. Ich erinnere mich, wie wir in der Uni immer mitten in der Studentenmenge saßen und uns Dinge über unsere großen Lieben erzählten. Ihre große Liebe als Türkin war ein Perser, meine große Liebe als Perserin war ein Türke – und wir waren beide ständig in Trennungsschmerz verflossen durch die Zwei und konnten über unseren Schmerz lachen und weinen im selben Atemzug. Manchmal gingen unsere Lachattacken soweit, dass wir uns wälzend auf den Boden kugelten. Mitten im Philosophikum.

Wir essen beide furchtbar gerne. So gerne, dass wir eigentlich nur noch aßen, wenn wir in der Uni waren. Was haben wir nicht alles für Vorlesungen geschwänzt, nur weil wir das und jenes in allen möglichen Restaurants oder auch nur in der Mensa essen wollten. Um die Woche mit ihr ohne Schaden zu überstehen, musste ich an den Wochenenden immer fasten, um mein Gewicht halten zu können. Nur sie nahm nie zu, obwohl sie wollte. Sie wollte eigentlich ständig zunehmen und ich ständig abnehmen.

Alles, was wir taten, entpuppte sich als kleine Katastrophe im Alltag, weil wir, wenn wir zusammen waren, immer unglaublich hektisch waren. Ich ließ immer etwas fallen, weil ich immer etwas im Mund hatte, etwas anderes Essbares noch in der einen Hand, in der Anderen meine Ordner und eine Ayse, die irgendetwas stressiges redete und mir nebenbei ihren Schokoriegel durch die andere Seite meiner Mundöffnung reinschieben wollte. “ISS ISS, SHERRY! PATLARSIN INSHALLAH!” (“Mögest Du platzen” auf türkisch) Und ich zu Ihr: “Iss selbst, ISS! Beterekki enshallah!” (“Mögest Du platzen” auf persisch)

Unsere Gespräche waren immer so tief und emotional. Egal, was wir fühlten, wir fühlten so intensiv, dass… – und da wir alles in unserer Art, zu sehen, beim Anderen reflektierten, schwappten wir ständig über. Schwappten wir ständig über, weil die Art, wie wir die Welt, die Menschen und die Dinge sahen und empfanden, einfach überschwappen mussten, wenn sie endlich Verständnis im Anderen sahen. Und jeder sah uns dabei zu. Fasziniert von soviel Energie und Emotionalität. Man liebte uns zwei einfach. Manchmal als kleine, süße Schwestern, manchmal als begehrenswerte, aber nicht mehr zu rettende Mädchen…

Warum ich über Ayse schreibe? Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass allein ihre Frage “Schatz, wie geht es Dir?” mein Herz leichter und glücklicher macht. Einfachso. Eine Freundschaft ohne Neid, ohne Konkurrenzkampf, ohne Lügen. Vorallem das ist mir wichtig: Ohne Lügen.

Wir machen wieder Istanbul-Pläne. Damals schon träumten wir, wie wir durch den Orient reisen und alles durch unsere Augen trinken und niederschreiben… Letztens meinte sie: “Schatz, es ist an der Zeit, dass wir unseren alten Traum erfüllen. Und zwar bald… Das muss ein Traum sein. Du und Ich in Istanbul. Durch unsere Augen sehen und dann die Musik abends… Wir müssen unseren Traum erfüllen. Es ist langsam an der Zeit, mein Schatz.”

Sie hat so Recht…