Ich bin ein Mensch, der zumindest im Geheimen denkt, dass wir keinen eigenen Willen haben und sehr determiniert sind. Diese Einstellung ist keine Bequeme, auch wenn sie erst einmal so wirkt, als könne ich sie dazu benutzen, jegliche Schuld und jeglichen Missstand in meinem Leben auf andere, mich festlegende Faktoren zu schieben.
Dieses “Begrenztheit”, die ich schon seit meiner Kindheit spüre, da ich schon immer eine unbestimmte Sehnsucht nach einer Art von Freiheit hatte, die es so nicht gibt, habe ich damit unterdrückt, indem ich anfing, ständig zu träumen. Ich träumte, wo es nur ging. Erschuf mir meine eigene, kleine Welt, sogar meine eigenen Farben, die es hier bis jetzt noch nicht gibt. Alles, was um mich herum geschah, hatte meinen speziellen Farbschleier als Schmuck, ich ließ mich in jedes Gefühl hineinfallen, als sei es ein unendliches Meer an Schätze. Ich ließ mich in Papa fallen, in Mama fallen, in meine ganze Großfamilie. Wenn sie lachten und tanzten, dann war ich davon überzeugt, dass ich im Paradies war. Wenn sie weinten oder stritten, dann wusste ich, die Welt geht gleich unter. So lebte ich ständig in einem Wechsel zwischen Himmel und Hölle und entwickelte meine extremen Gefühlsausbrüche, weil ich zwischen zwei Extremen lebte. Nicht nur zwischen zwei.
Als ich fünf Jahre alt war, bebte meine Fantasie, meine ganze scheinbar vogelfreie Wahrnehmung in einen Höhepunkt, der nicht mehr zu überbieten war. Wir lebten oberhalb eines persischen Restaurants namens “Khayyam”. Er gehörte meinem Papa und meinem Onkel. Sie schmissen den Laden mit einer Leidenschaft, die ich heute noch bei anderen Menschen und ihren Berufen vergeblich suche. Ich, mit meiner verträumten Art, den ineinandertriefenden, sich umarmenden Welten- und Seelenfarben, die ich um mich herum wahrnahm, bin fast in eine Art angenehme Ohnmacht gefallen zu jener Zeit, als ich nachts das Gelächter und die glücklichen Gaumen der Gäste sah – und im nächsten Augenblick der Fakir mit seinen geheimen Instrumenten und Künsten in der großen Mitte des Saales erschien und Schwerter schluckte und Feuer rausspie. Ich sehe noch immer meine großen Augen, die mal ungläubig, mal “unbeeindruckt” aufgrund dessen waren, was sie sahen. Denn in meiner realitätsfernen Welt waren solche Dinge wirklich möglich, aber dennoch so unendlich erstaunlich. Ich verlor mich in den Wandmalereien unseres Restaurants. Diese Frauen mit den runden Hüften, den gewellten, langen, schwarzen Haaren, den roten, kleinen Lippen – und Augen und Augenbrauen wie aus einem Märchen, so geschwungen wie die Kalligrafie aus einem Kunstwerk, fesselten mich in einen einzigen geballten Punkt der Zeit. Die ihnen zu Füßen liegenden Männer, die ein Instrument in der Hand hielten und ihrem Gott nach einem Vers anbettelten, der der Schönheit dieser Frau vor ihnen nur annähernd würdig war, berührten mich. Der Hintergrund dieser Malereien war oft meeresblau bis türkis. Also konnte ich im Hintergrund der persischen Musik, die Papa und seine Band in die Atmosphäre spielte, direkt in die Geschehnisse der Wandmalereigeschichte eintauchen. Und wenn ich berauscht und fast trunken aus dem Blau wieder hinaus in das „Leben“ torkelte und die Augen weit öffnete, stand schon die Schlangen-Bauchtänzerin vor mir und bewegte sich noch weicher als die Schlange selbst, die sie fest umgriff und sein Gesicht zu ihr zum Kusse neigte. So fasziniert wie ich war und mir schon eine neue Geschichte zu der Frau und der Schlange hinter vielen, bunten Schleiern ausmalte, so erstaunt war ich auch, als ich mich plötzlich auf ihrem Schoß in der Kabine fand. Allein mit ihrer Boa, die sich an mich schmiegte wie ein kleiner Geliebter und ihrem Versprechen, dass sie ihren nächsten Liebling nach mir benennen würde.
Ob ich redete, weiß ich nicht mehr. Mir kommt’s heute noch so vor, als habe ich in jener Zeit und in jener Welt mehr geschwiegen. Ich weiß aber, dass ich jeden Abend, jede Nacht, neue, kleine Freunde hatte, die mit ihren Eltern kamen und wieder müde gingen. Ich zeigte ihnen mein großes Reich, meine mysteriösen Freunde, die Fakire und Feuerspucker, die Zauberer, die unheimlichen Schlangenfrauen mit ihrer geschmeidigen, weißen Haut und dem schwarzen Haar. Ich unterhielt sie mit meinem damals schon eigenem Humor, meinen kleinen, schwarzen Locken, der rosa Hose und den weißen langen Kniestrümpfen. Ich brachte ihnen bei, wie man ganz fein isst, wie man Gabel, Messer und Löffel in die Hand nimmt. Ich ging voraus und ärgerte unseren Koch, indem ich jede Nacht meine neuen Freunde in die Küche schleuste, damit sie sehen, wie das ganze Essen zubereitet wurde…
Nur die untere Etage war für mich Tabu. Dorthin brachte ich meine kleinen Freunde nie alleine hin. Dort waren die WC’s – und irgendwo in dem großen Vorraum war eine Packung Rattengift. Ich erinnere mich an die Packungsfarbe – sie war pink. Ich liebte diese Farbe, umso unheimlicher und beängstigender erschien es mir, als aus dem eigentlich schönen Pink ein böser, grinsender Totenkopf auf mich runter starrte – jedesmal, wenn ich zur Toilette musste. Ich ging nicht gerne alleine hin. Hielt immer meine Augen zu, rannte zur Toilette, erledigte schnell alles und lief wieder hoch. Dieser verdammte Totenkopf machte mir Angst. Ich fragte mich, was in der pinken Packung ist, dass so ein böser Totenkopf darauf wohnte. Meine Eltern erklärten mir, das sei Rattengift und stellten es sofort nach meiner Frage etwas weiter hoch, damit ich nicht auf dumme Ideen komme. Aber diese Feigheit, diese Angst, die ich bei dem Totenkopf verspürte, ließ mich lange nicht los. Ich wollte ihm den Kampf ansagen…
Eines Abends, als die Gäste beschwipst waren, sich alles drehte, mal Bauchtänzerin, mal die Schlangen, mal das Feuer des Feuerspuckers und Papa die harten, kleinen Vibratiorhythmen schlug und die Gäste beim Tanzen zum Ausrasten brachte, ging ich wie in Trance allein durch die Menge, wie in Zeitlupe… erreichte das Treppengeländer und ging mit leisen, schwebenden Schritten einfach runter. Richtung Totenkopf. Richtung Totenkopf. Ich sagte mir, ich will keine Angst mehr haben. Das ist mein Reich, sagte ich mir. Und nichts darf mir hier Angst machen. Die verrauchte Musik, die harten Rhythmen meines Papas und seine Stimme beim Singen gaben mir Sicherheit. “Rakkatakk tukk tukk tak. Dumm Rakkatakk takk tukk tukk tak…” – und die Menge kreischte und tanzte. Noch eine Stufe, und ich war allein unten. Und plötzlich war es nur noch ein Schritt – und ich war beim Totenkopf. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nicht. Ein kleiner Ausschnitt hängt noch in meinem Gedächtnis. Ich hielt es in der Hand, diesen bösen Totenkopf – und im nächsten Moment übergab ich mich. Der Finger meines Opa’s war in meinem Rachen.
Ich öffnete die Augen und sagte nur schwach: “Ich habe keine Angst mehr vor dem Totenkopf…” – und danach war ich wieder weg. Alles war schwer und schwarz. Ein traumloser Schlaf, die Musik in sehr fernem Hintergrund, mich tadelnd und dennoch tragend. Mich streichelnd und dennoch schimpfend.
Warum mir diese Zeit gerade dann einfällt, wenn ich davon rede, dass wir Menschen festgelegt sind? Warum schreibe ich über eine verschwommene, von Zauber erfüllte Zeit voller geistiger Freiheit, in der ich zugegeben schon mit 5 Jahren dennoch die Grenzen erfuhr, wenn ich mit der Determiniertheit unseres Ich’s und unseres Handelns anfange? – Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich heute noch dazu neige, zu träumen und eine kleine Welt in meinem Kreis aufzubauen, in der ich vieles kontrollieren und lenken kann – so rede ich es mir zumindest ein. Meine Welt ist nicht mehr so freigeistig und fantasievoll wie damals. Meine Art, mein “Leben” kontrollieren zu wollen, begrenzt sich auf’s Auflisten von Dingen, die ich mal tun möchte und schon bald tun möchte. Von Dingen, die ich schaffen möchte, die sehr bald schaffen möchte. Ich schreibe sie auf, ich plane sie, ich fantasiere Stunden, nein Tage lang über sie – ich berede sie immer mit jemandem, der mir nahe steht und der mit mir zieht, wenn ich die Treppen runter gehen möchte und mich meinen Ängsten stellen will, sie schlucken und besiegen will…
Heute habe ich wieder viel geplant. Soviel. Und immer sorge ich dafür, dass jemand da ist, der mir in der Not auch den Finger in den Rachen stecken kann… Und Papa’s auffordernde Rhythmen begleiten mich auch heute noch…


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als wär ich dabei gewesen.. so fühlt man sich, wenn man liest
p.s. sehr schönes lied SÄD…
Ich wünschte, ich wäre wieder dort…
Klingt wie im Märchen … inklusive rosa Drache.
Es war auch wie im Märchen… Es war ein Märchen…
….klein Sherry dass trotzig die Treppe runtergeht und den Totenkopf wegputzt
p.s. wann schreibst du endlich mal ein Buch?
Jedes mal wenn du so Geschichten erzählst, dann fesselst du Einen so dass man denkt, da schreibt eine Bestsellerautorin (wirst du ja auch in naher Zukunft)
Ach, Arashi…
Ich habe sogar schon 2 Bücher geschrieben. Aber da sie so persönlich sind, geht ja schonmal gar nichts. Ich weiß auch nicht, ob ich mit dem Schreiben Geld verdienen möchte. Ich müsste ständig verdrängen, dass ich verkaufte Kunst als Verrat empfinde.
Aber danke, Arashi…
Du kannst ja das Geld was du verdienen wirst, einem Verein spenden damit du nicht mit moralischen Bedenken konfrontiert wirst.
z.B. dem
Verein für erfolglose Flamencogitarristen e.V.
Soso. Ich finde Dich nicht erfolglos… Du bist nur noch nicht berühmt.
Ich glaube, keine Kunst ist wirklich “verkauft” … es sei denn, jemand richtet sich nach dem, was das Publikum, die Manager oder wer auch immer will/wollen.
Aber wenn etwas nicht veröffentlicht wird, wie soll man es dann kennenlernen?
Da hast Du vielleicht Recht. Aber denkst Du, wenn man erst einmal einen “Namen” hat, kann man sich einfach von Publikumswünschen unbeeinflusst lassen? Das fängt bei Manchen ja schon im Blog an, dass sie sich oft nach dem richten, was gut ankommt. Das ist ja auch erstmal nichts Schlimmes, denn die “Kunst” macht man auf keinen Fall nur für sich…
Aber damit Geld verdienen könnte meine Kunst verfälschen, weil die “Angst” einem im Nacken sitzt. Dann kommt das große Burn-Out. Keine Ahnung. Ich bin da noch nicht so überzeugt von, obwohl es mir wirklich etliche Leute geraten haben… Weißt Du ja. Dir sicher auch. Hihi…
Sherry, da hast du vollkommen recht. Wir hatten vor einigen Tagen in unserem Flamencoforum eine ähnliche Diskussion. Da wollte sich einer (ein Topgitarrist) der eine CD (in USA) aufgenommen hatte, sich die Frust von der Seele reden. Es war nämlich so dass die Plattenfirma einige seiner (in seinen Augen) besten Stücke von der CD weghaben wollte und dafür mehr von den Stücken die besser beim Publikum ankommen. Und Er war nur am schimpfen und meinte dass Er das Geld brauche, sonst hätte er der Plattenfirma den Stinkefinger gezeigt.
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Sobald es kommerziell wird (oder um überhaupt den Schritt zu schaffen um etwas verkaufen zu können!), ist man nicht mehr vollkommen Frei in seiner Kunst. Das ist eine bittere Tatsache.
Du musst dann wirklich so gut und berühmt werden um selbst Geschmack zu “diktieren” und nur das zu machen was du wirklich willst. Aber das schaffen nur ganz Wenige!