Gestern wollte ich Pepe die Deutzer Kirmes zeigen. Natürlich lässt er sich von Farben, Klunker, Geisterbahnen und Riesenkarussels nicht beeindrucken – zumindest vorher nicht. Und Köln an sich findet er “Wie jede andere Stadt” auch: Voll, laut und hektisch. Ich würde mich an seiner Stelle vielleicht aus lauter Frust auch so unbeeindruckt zeigen, wenn ich zwecks Arbeit dort leben würde, wo er lebt – in einem Kuhmist-Dorf. Wenn ich jeden Tag, nachdem ich 2 Stunden auf den Bus warten würde, weil er eben nur alle 2 Stunden fährt, beim Aussteigen von immer der selben Kuh mit dicken Eutern und einer besorgniserregenden Geilheit in den Augen beobachtet und verfolgt werden würde wie es bei ihm der Fall ist, dann – ja dann würde auch ich vor lauter Frust das laute und kontaktfreudige Kölner Stadtleben als völlig gewöhnlich deklarieren.
Nachdem ich mich gestern wegen der coolen Lidschatten- und Schminktricks im Beautyforum ca. 1.5 Stunden vor dem Spiegel aufhielt (etwas, das ich bei anderen Mädchen immer abwertend begutachtete) und am Ende immernoch genauso bescheuert aussah wie vorher auch, machten wir uns auf den Weg. Es war schon früh sehr dunkel, was ich besonders liebe. Und es rieselte auch, was ich eigentlich auch besonders liebe. Aber gestern hatte ich ausnahmsweise einmal mit einer Art kosmetischem Bügeleisen meine dämlichen Wellen rausgebügelt – und ein Tröpfchen Regen hatte das ganze Kunstwerk verwandelt in einen Sack voller Schwarz-Stroh. (Vielen Dank auch. Aber ich frage mich heute immernoch, was ich gestern mit meinem Kosmetik-Beauty-Anfall hatte. Das ist im Moment gar nicht auszuhalten. Vielleicht spüre ich einfach nur, dass ich alt und hässlich werde und versuche es so zu kompensieren. Wer weiß?)
Wir haben das Auto meiner Familie geklaut und fuhren los Richtung Kirmes. Nachdem wir ca. 40 Minuten nach einem Parkplatz gesucht hatten und diese 40 Minuten mit einem leeren Tank bezahlten, anstatt einfach in ein normales Parkhaus zu fahren, machten wir uns auf den Weg zum Riesenrad.
Man muss sich das nun vorstellen: Ein dämlicher, völlig unbeeindruckter junger Mann wie Pepe und ein ungeduldiges, pausbäckiges Mädchen (Ich), das die ganze Zeit quiekte: “Guck’ mal die Farben! Guck’ mal die Faaaarben! Ich muss da sofort hin!!! Ich will die Farben essen! Scheiße, warum kann man Farben nicht essen!” – Schnaufender Pepe, groß-äugige Sherry – ein Fragezeichen schneidet die Atmosphäre der Beiden in große Gedankenfetzen. Beide fragen sich das Selbe, nur in umgekehrter Form: “Ich bin mit einem Kind zusammen.”, “Ich bin mit einem Spießer zusammen.” Der Doof tätschelte mir die Wange, nahm mich fest an die Hand und führte das Kind zum Glitzerspielzeug, zum magischen Ort voller Farben und Formen, dem Ort der bösen Hohepriester und Geister.
Als wir ankamen, zog ich ihn zum Riesen-Riesen-Riesen-Rad. “Ich will auf’s Rieeesenrad, Schatz! Unbedingt. Jetzt sofort!” “Riesenrad?” Er rollte die Augen. “Riesenrad ist doch etwas für Omas!” – Ich versetzte ihm einen Tritt auf den Fuß, während ich ihn noch zuckersüß anlächelte, kniff in seinen Unterarm und stieß ein nettes “Arschlochleinchen” aus. Er drohte mir mit dem Wegkneifen und Auffressen meiner Wangen und zog mich murrend Richtung Riesenrad. Ich war zufrieden. Da war das Riesenrad. Da würde ich gleich draufgehen und die großen Klunkerfarben würden mich tragen, ich würde auf ihnen schweben wie auf langsamen Farbwellen meiner Träume. Ich würde versinken, mit ihnen Eins werden und aus der Höhe furchtbare, aber lustmachende Angst davor haben, mit den Farben tropfend in den Rhein zu fallen wie im größten, aber schwebend-langsamste Regen den es gibt. Ich würde lichterloh im Rhein aufgehen und meinen Beitrag dazu leisten, dass dieser große Fluss niewieder grau wirkte, sondern in einem farbigen Lichterfluss zum Farbwunder mutierte. Ja, so würde es sein, dachte ich…
Ein lautes, prolliges Frauenlachen riss mich aus meinen Träumereien. Ich schaute hin und sah eine große Frau mit kurzen, blonden Haaren und einem knall-orangenen Overall. Sie hielt sich an einem Glas Bier fest und unterhielt sich mit einer anderen Frau. Ich hörte eigentlich nur sie reden, die andere Dame schien völlig ruhig und eingeschüchtert dem sympathischen Rededrang der lauten Frau Folge zu leisten.
Ich flüsterte zu Pepe: “Das ist Hella von Sinnen, Schatz.”
“Wie?”, flüsterte er zurück.
“Na, Hella von Sinnen.”
“Du hast Recht, das ist sie.” Er blickte wieder auf das vorher noch langweilige Riesenrad.
“Soll ich sie ansprechen? Ich tu’ sowas ja nicht. Aber irgendwie wär’s doch cool mit dieser knalligen Frau ein Foto zu haben.”
“Hm. Mach’ doch.”
“Was, wenn sie nein sagt?”, schaute ich ihn mit großen Augen an.
“Na, dann sagt sie eben nein. Ist doch egal. Versuch’s halt.”, erwiderte er.
“Aber ich will nicht, dass sie nein sagt. Ich hol’ mir doch keinen Korb von einer Frau!” – ich grübelte trotzig.
Ich beobachtete sie nochmal kurz. Ständig auf dem Sprung, auf sie zuzugehen. Sie war so schön organge und blond und weiß. Ihre Stimme vermischte sich mit dem knalligen Orange ihres Overalls, so dass mir ganz schwindelig wurde. Also gab ich mir einen Tritt und ging auf sie zu:
“Frau von Sinnen, ich weiß, das ist schrecklich unhöflich, dass ich Sie jetzt unterbreche…”
“Neeeein…”, tönte es aus ihrem wirklich kräftigen Organ raus. “Isch hab misch schon die janze Zeit jefragt ‘Wann kommt die endlisch auf misch zu!”
“Echt? Ich wollte ein Foto mit Ihnen schießen.”, stotterte ich und lachte dann.
“Ach, Liebschn! Du bist das LECKERSTE Ding, das mir heute begegnet ist! Ein Foto mit Dir wäre mir ‘ne Ehre!” – und umarmte mich ganz fest und gab’ mir ‘nen dicken Kuss auf die Wange. Dann blickte sie zu Pepe und meinte:
“Ist das Dein Bruder oder Dein Liebhaber?”
“Mein Liebhaber…”, grinste ich sie an.
Sie blickte zu Pepe und meinte: “Isch hoffe, isch durfte dat jetzt sagen, Liebhaber! Du hast echt ‘n leckeres Mädschen. Aber wenn Du ihr Liebhaber bist, dann weisste das ja eh schon…” Pepe grinste über beide Ohren und antwortete: “Oh jah, das weiß ich…”
Hella gab Pepe die Fünf und beide hauten rein. Ich kam mir vor wie ein kleines, unbedeutendes Sexobjektchen, was mir sehr gefiel und spürte nur, wie Frau Sinnen mich an sich zog, mich umarmte und meinte “So, jetzt machen wir das Foto! Schieß los…”
Dann knipste ich uns ab. Wir schauten es uns an und sie meinte: “Ich bin einbisschen zu prominent auf dem Foto! Komm’, geh’ Du einwenig vor.” – Und ich knipste wieder. Ich musste so lachen dabei, die Frau war so einmalig. So einmalig laut. So, wie ich das mochte. Pepe hatte plötzlich nur noch große Augen und musste lächeln. Als wir fertig waren mit der Fotosession drückte sie mich nochmal – und wir verschwanden alle auf das Riesenrad.
Auf dem “Oma-Spielzeug” angekommen, beobachtete ich Pepe. Was für ihn anfangs etwas “Langweiliges” sein wollte, entpuppte sich als “sehr interessant”. Er schaute die ganze Zeit runter, schaukelte rum, zeigte mit dem Finger auf dies und jenes “Guck’ mal, Schatz. Daaaa, und doooort, boaaaah… Mach’ mal Foto! Lass’ uns die ‘Kutsche’ drehen und puhhh, guck’ das Schutz-Türchen kann man ja aufmachen! Lass’ bloß die Kamera nicht fallen! Wir sind gerade an der höchsten Stelle! Nicht schlecht! Boah… Stell’ Dir vor…”
Ich wurde ganz ruhig und genoss einfach die Aussicht. Über Pepe lächelte ich wie über einen kleinen Jungen, der es dann doch nicht mehr schaffte, die Maske eines Erwachsenen aufrechtzuerhalten. Selbst Schuld. Irgendwann legte er seinen Arm fest um mich und meinte: “Diese Hella fand, dass mein Mädchen das Leckerste sei.” und lächelte zufrieden. Und ich mit ihm. Diese Schminkprozedur hatte also doch noch etwas gebracht…
Hella & Ich (verzerrt)
Orgasmusfarben



Riesenrad

