Wie kann man seine Traurigkeit begründen, wenn die Herbstblätter nicht mehr fallen? Wie kann man seine Schwermut begründen, wenn man vorhin noch spaßend und ganze Horden ins Gelächter werfend beim scheinbaren Frohsinn gesehen wurde? Wie kann man erklären, man fühle sich lachend dem Elend unterworfen, ohne dabei als Lügner und Heuchler gesehen zu werden? Wie kann man vor sich selbst wegrennen und im Wettlauf gegen sich selbst noch verzweifelt versuchen, Andere von ihrem Schicksal zu befreien? Wie kann man die zig-fachen rohen und formlosen Parallelgefühle ordnen? Und wenn man es tut, warum entstehen daraus nur in sich widersprüchlichliche emotionale Zerreißproben und schizo-affektive Verhaltensweisen, die Deine ganze Welt in ein schwarzes Loch verschlucken und Dir die Ordnung, an der Du Dich solange festgehalten hast, mit einem hämischen Lachen ins Gesicht schmeißen?
Ich frage inzwischen nicht einmal mehr nach dem Sinn des Lebens, nach der Existenz einer Gottheit, nach dem “Warum” des ganzen sinnlosen Seins und dem “Wie” der universellen Funktionsweise sovieler, fragiler Regelsysteme in der Natur und all den Galaxien. Ich frage nur, wie ich funktioniere und warum ich mich nicht ändern kann. Warum ich mich selbst nicht loswerden kann, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche. Ich frage mich, warum ich dazu verdammt bin, als angebliches Mitglied des anpassungsfähigsten Spezies dieser Welt, mich selbst zu ertragen.
Dabei fallen nicht einmal die Blätter. Aber vielleicht gilt heute die Entschuldigung, dass es gar keine Blätter mehr gibt. Im Herbst darf ich trauern, weil alles stirbt – und im Winter, weil alles tot ist. Ja, das ist wohl der Grund meiner Traurigkeit. Im März muss ich mir aber eine andere Begründung suchen… Ich werde eine finden, da bin ich mir sicher. Ich werde immer eine finden, solange ich keinen Weg gefunden habe, mich meiner Selbst zu enteignen.


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…
Kennst Du das auch?
du bist niemandem rechenschaft schuldig…
niemandem azizam!
Aber mir selbst schon, Schatz…

ich schreib dir morgen dazu… shab bekheyr SÄD
Ja Schatz…
oh sherry, du sprichst mir aus der tiefsten seele. lange versuche ich, begündungen für meine traurigkeit zu finden – mehr oder weniger erfolgreich. und wenn ich eine gefunden habe, dann zweifele ich sie gleich wieder an, ob es denn tatsächlich auch die richtige begründung ist. warum machen wir es nicht wie die kinder? leben im hier und jetzt, ohne gedanken an morgen oder gestern. leben wir unsere gefühle, lassen wir sie einfach zu…. es tut gut, einfach nur zu fühlen, nicht nur trauer, nein, ALLE gefühle, besonders die guten. über die machen wir uns ja auch keine gedanken, oder?
Hallo Daggi…
Es tut mir fast Leid, Dir aus der Seele zu sprechen, weil das für mich bedeutet, dass Du Dich selbst genauso wenig verstehst und einordnen kannst, wie ich. Und ich habe überhaupt keine Lust, mir entnervt von irgendwelchen “Normalos” anhören zu müssen, dass es ihnen genauso geht, etc. pp. Ich bin ganz ehrlich, bei mir tickt wirklich etwas noch weniger richtig als beim “Durchschnittsmenschen” – und der echte “Verrückte” will überhaupt nicht anders ticken als der Durchschnittsmensch.
Wenn Du herausfinden willst, ob jemand ernsthaft etwas “verrückt” ist, dann frag’ ihn einfach nur, ob er lieber “normal” wäre oder doch so “anders”, wie er nun einmal ist. Ein wirklich “Verrückter” wird Dir mit einem traurigen Lächeln sagen, dass er es zwar aufgegeben hat, den Traum der Normalität zu träumen, aber dass er sich natürlich wünschen würde, etwas “normaler” zu sein (auch, wenn wir normal jetzt nicht richtig definieren können, aber nennen wir’s einfach so: Menschen, die dazu in der Lage sind, ihren Alltag und die Realität mit den gängigsten und weniger selbst-desktrutiven Mechanismen zu meistern). Frag’ einen Normalen, er wird Dir immer sagen: “Nein, nein. Ich bin verrückt! Und das ist auch gut so! Normal ist langweilig.”
Ich bin davon überzeugt, Daggi, dass der Normalo mit diesem Satz überhaupt nicht weiß, was er bei einem “Verrückten” anrichtet, der sich nach nichts mehr sehnt, als eine gewisse Ordnung in seiner schozophrenen Gefühls- und Wahrnehmungswelt.
Kinder… Da sagst Du etwas. Ja, Kinder haben diese Zukunftsängste nicht, weil sie noch nicht soviele schlechte Erfahrungen gesammelt haben. (Schlechte) Erfahrungen bedeuten nichts anderes als eine Konditionierung seitens der Erfahrungen, die Dir irgendwann je nach Relation zueinander (von guten zu den schlechten Erfahrungen) sagen “Die Welt ist böse” oder “Die Welt ist gut”. Erst, wenn das Kind Erfahrungen mit dem Feuer gemacht hat, wird es Angst haben, dass morgen vielleicht das Feuer ausbricht und Deine ganze Wohnung abfackelt. Verstehst Du?
Wir müssten täglich von neuem erwachen und ohne vorbelastende Erfahrung den Tag ergründen, dann wären wir wieder wie Kinder. Aber dass das nicht geht, wissen wir ja. Tut mir Leid, wenn ich ab und zu am Thema vorbei geschrieben habe.
vielleicht habe ich dich auch nicht richtig verstanden…tue mich manchmal sehr schwer, meine gedanken, empfindungen zu sortieren. will dich auch nicht mit meiner eigenen unsortiertheit nerven. deine geschichte hat mich einfach angesprochen und ich fühlte mich verstanden.nix für ungut
Oh nein, Du hast Dich von meinem Gemeckere angesprochen gefühlt. Warst Du aber gar nicht. Ich hab’ mich in meiner Antwort nur einwenig über meine Umgebung ausgelassen.
Ich hab’ Dich schon verstanden, Daggi. Ich wollte Dich sogar zu gerne fragen, worin Du die Gründe Deiner Traurigkeit siehst. Aber ich dachte, vielleicht ist Dir das zu persönlich.
du kannst mich das gerne fragen, nur wird es schwierig mit der antwort. wie gesagt, jedesmal, wenn ich denke “jetzt weiß ich warum”, stimmt schon alles nicht mehr. es gibt scheinbar keinen wirklichen grund traurig zu sein. mein leben sollte mich fröhlich und zufrieden machen…. tut es aber nicht, weil es eben doch nur ein korsett ist, das an vielen stellen kneift und ich den knoten zum öffnen nicht finde. so sehr ich auch danach suche….
Das hatte ich dir vor ein oder zwei jahren vorher gesagt. Diese Entwicklung ist normal. Je mehr du weisst, je besser du dein Umgebung analysieren kannst desto klarer wird die Sinnlosigkeit die drin steckt. Das ist das los der jenigen die schärfer denken und beobachten können als andere. Aber ich sage dir jetzt etwas anderes vorraus was du vielleicht in ein paar Jahren erleben wirst. Du wirst lernen mit dein los zu leben und das wird dich ruhiger machen, du wirst lernen diese Beobachtungsgabe und die Scharfsinnigkeit dir zunutze zu machen, du wirst entspannter beobachten und nicht bei jede gefühlte ungerechtigkeit in die Höhe gehen sondern dein Gehirn wird soweit sein dass es gleich die pragmatischen und logischen Antworten parat hat die du brauchst. Somit wirst du dich teilweise über Dinge amüsieren die dich heute depressiv machen oder eben zur Weissglut bringen.
Du wirst an meine Worte denken
Hormoz
@Hormoz,
ich werde an Deine Worte denken – und lass’ mich raten – meine sinnlose Zeit, die ich hier abzusitzen habe, dennoch irgendwie hübsch gestalten. Ja? Ach, ich glaube, wenn ich Kinder habe, werde ich wieder furchtbar viel Sinn im Leben finden, aber eben nur einen egoistischen Sinn – denn der Kreislauf der Sinnlosigkeit all der Menschenleben wird ja nicht durch ein Kind gebrochen.
Und ich werde nicht mehr völlig schockiert und empört sein über irgendwelche seltesamen Verhaltensweisen von “Freunden” und anderen Menschen? Weißt Du, es ist fast lächerlich. Ich bin jedesmal auf’s Neue “schockiert”, wenn ich heuchlerischen, hinterhältigen Menschen begegne. Egal, was passiert, ich bin immer noch nicht desensibilisert, Hormoz. Wie lange hat das bei Dir gedauert? Zuweilen bin ich selber oft erschrocken über meine Mordswut und Gewaltfantasien… Und der Fähigkeit und Möglichkeit, die jedem von uns inne wohnt, jemanden umzubringen, ihm zu schaden oder sonst etwas.
@Daggi,
mich würden die Zwischenergebnisse Deiner Gründe dennoch interessieren. Falls es Dir also nichts ausmacht… :)
Danke für den schönen Text Sherry jan
Im 8. Beitrag hast du etwas sehr interessantes gesagt aziz:
Die [i]Normalität[/i] beinhaltet viele Normen, Gesetze, Maßregelungen und Verpflichtungen.
Wenn diese Normen nun nicht auf uns, auf Sherry, auf Jubin, auf daggi, abgestimmt sind, dann ist es klar, daß sie das zu enge Korsett für uns knüpfen das an vielen Stellen kneift.
Vielleicht liegt der Weg nicht darin mit noch mehr Kraft und Anstrengung zu versuchen in dieses Korsett zu passen, je mehr man da rein drückt, desto stärker tut es an anderer Stelle weh, sondern zu versuchen das Korsett selbst anzupassen.
Vielleicht muss man erst Verrückt sein (im Sinne von der Norm abweichend) um das Glück zu entdecken.
Kinder kennen keine Normen. Daher sind sie frei, spontan und ungebunden. Im Zuge unserers Wachstums lernen wir die Gesetze und Vorschriften kennen und achten.
Die Kunst besteht darin nichts desto trotz die Vitalität und Lebensfreude des Kindes zu erhalten. Quasi die Botschaft von Peter Pan, wonach nur die Menschen fliegen können, die auch ein Kind in sich haben.
Und hey, was ist schon normal und wer will schon normal sein ?
Ist normal nicht langeweilig ?
Just my 2 cents.
Ach, Jubin… Mir ist es egal, ob ich langweilig bin oder nicht. Ich will einfach nicht mehr leiden…
Nun die Sache mit leiden ist interessant…
Du weisst dass ich viel gelesen habe und du weisst auch WAS ich gelesen habe. Über die Jahre habe ich bei mir eine interessante Entwicklung feststellen können. Ich habe früh angefangen die russische Literatur zu studieren und kann mich ruhigen gewissens als ziemlich belesen einstufen, nun die russische Literatur ist eine sehr soziale Literatur, ziemlich melanchonisch, teilweise etwas dunkel aber immer down to earth. All die grossen der russischen Literatur waren sich darüber einig dass das Leiden der Schlüssel zum Glück seien musste. Ganz egal ob Dostojewski, Tolstoi, Gogol, Chechov,…
Ich habe von der russischen Literatur vieles gelernt, sie hat mich geschliffen, hat mich zu einem besseren Menschen gemacht aber andere Kulturen besonders die angelsächsische Literatur hat mir in einigen Hinsichten andere Türen geöffnet. Mittlerweile denke ich dass Tolstoi und Dostojewski in der Hinsicht unrecht hatten. Leiden adelt nicht, das macht die Leute nicht besser, stärker oder sozialer. Ein Mensch der leidet wird nur kleinmütiger, paranoider, geiziger, verletzlicher, demütiger, bitterer, ängstlicher und vertrauensloser. Ich finde keiner sollte mehr leiden als das unabwendbare.
Da gebe ich Dir Recht. Bei Vielen erzeugt das Leid die von Dir erwähnten, eher ungünstigen Eigenschaften. Bei Anderen wiederum eine unerträgliche Resignation und vorallem Selbstmitleid. Es gibt aber auch einen Typus von Mensch, der durch Leid erst zu bestimmten Erkenntnissen kommt (Siddharta z.B.). Leid kann einen zu Grenzen führen, die einem Menschen das Loslassen beibringen. Leid kann Menschen auch dazu bringen, mehr Solidarität zu empfinden und woanders Leid zu “dämpfen” oder zu bekämpfen, denn Mitleid oder Empathie entsteht meiner Meinung nach erst durch die eigene Leidensfähigkeit. Man projiziert sozusagen das eigene Leid auf Andere und will es auch beim Anderen lindern.
Letztendlich kann aber ein Mensch, der anderen helfen will, erst dann helfen, wenn er die Abgrenzung und Distanz zum eigenen Leid schafft. Aber der Impuls, der ihn überhaupt dazu bringt, helfen zu wollen, ist vermutlich (Mit)-Leid.
Wir sollten alle mehr Bob Marley hören…