Gestern entschloss ich mich irgendwann um 21 Uhr, doch nochmal schnell einkaufen zu gehen. Also packte ich meinen Rucksack und ging zielsicher Richtung Rewe, die haben nämlich netterweise bis 22 Uhr geöffnet. Als ich dort ankam, hab’ ich nur ein paar Bauarbeiter gesehen, die den ganzen Laden am auseinandernehmen waren. Ich habe sie genau so -> <- angesehen, woraufhin alle geschmunzelt haben. Ich entschied also, mit der Bahn zum anderen REWE zu fahren. Es begann zu regnen, was meiner Laune aber nichts anhaben konnte, ich gehöre ja zu den seltsamen Wesen, die nichts gegen Regen haben. (Außer die Socken werden nass, dann werde ich aggressiv.)
Beim REWE angekommen, merkte ich, dass in der Innenstadt wieder die Hölle los war. Mir fiel ein, dass ja Freitag ist und wie ätzend es doch sein kann, wenn man keinen geregelten Tagesablauf hat, kein Studium, nur einen sporadischen Job und man sich gar nicht mehr so bewusst auf's Wochenende freuen kann, weil man sich gar nicht so sehr erholen muss. Die Leute waren gut drauf, die ersten deutschen Landsmänner- und Frauen auch schon komplett besoffen, die ersten Mit-Südländer schon dabei, sich über die deutschen Landsmänner- und Frauen kaputt zu lachen, um dabei selber mit ihren gezupften "Stylo-Augenbrauen" total lächerlich auszusehen, weil das macho-männliche Grunzen und breitbeinige Gehen einfach im völligen Kontrast zu dem stand, was sie mit ihrer glattgepflegten Haut und ihrem weichen, haarwachs mit Mandelduft überfluteten Haaren darstellten.
Ich verdrehte die Augen über beide - Besoffene und Südländer - und zählte weiterhin stur meine imaginäre Einkaufsliste auf und betonte innerlich, dass ich Fleisch brauche, weil ich an Eisenmangel leide. Wo finde ich nun Fleisch? Der REWE dort war riesig. Ich ging mit zusammengekniffenen Augen vom tausend Meter langen Süßigkeitenregalwerk vorbei und öffnete sie leider wieder einen Tick zu früh. Der Tick zu früh hat mich leider genau meine Lieblingsschokoserie sehen lassen (Kinderriegel, Kinderüberraschung, Kinder...) - verdammt. Unauffällig griff ich rein und nahm doch etwas mit. Aber wo war nun das Fleisch?
Meine inzwischen großen Augen suchten und fanden etwas... etwas umwerfend Schönes - oder erstmal nur Attraktives, weil zur Schönheit musste man sich mit den Augen noch vordringen. Eine junge Frau, vielleicht 25, leider total überschminkt, leider zu sehr unter der Sonnenbank gelegen, leider generell zu eitel - aber mir blieb die Luft weg bei diesen Augen und Augenbrauen, bei dieser glas-ebenen Haut. Bei ihrem Geruch, bei jeder Bewegung ihres zierlichen Körpers, die sie voller Anmut machte, als würde sie von etwas Anderem getragen als von einem normalen, menschlichen Skelett - bei Allem, was sie tat oder auch nicht tat, hatte ich das Gefühl, sie könne gar nicht von dieser Welt sein. Ich schaute sie mit großen Augen an und blieb kurz wie angewurzelt stehen. Als sie meinen Blick erfasste, tat ich so, als sei ich stehen geblieben, um etwas in den Regalen zu suchen. Dennoch sah ich sie an, sie lächelte plötzlich - ich dachte, ich sterbe (ich wäre gestorben, wäre ich ein Mann gewesen) - doch ich lächelte zurück. Ich kam mir bei ihrer Anmut so dermaßen plump vor, das kann man sich gar nicht vorstellen. Doch sie schien das überhaupt nicht so zu sehen, lächelte nochmal und schaute irgendwann leicht verlegen weg, rief ihren Freund auf persisch und schien einfach der Situation mit mir entgehen zu wollen, weil sie vermutlich gemerkt hatte, wie atemberaubend ich sie fand.
Sie hätte nur Iranerin sein können. Diese Augen und Augenbrauen gehören wirklich nur ihnen. Sie sind unglaublich. Für alle nicht-iranischen Leser kann ich nur sagen: Es tut mir Leid, ich kann solche Augen nicht beschreiben. Aber typisch iranische Augen und Augenbrauen sind Magie. Sie sind mandelförmig, aber groß. Die Augenbrauen sind so geschwungen, als würden sie auf der goldenen Hautfarbe einen Schlangentanz machen. Der Blick ist intensiv und offen – und immer mit einer Art tiefer Traurigkeit benetzt. Das Braun ist wie dunkler, reicher Honig, den man leicht riechen kann. Diese Frau hat mich gestern einfach gefesselt. Und ich weiß nicht, wie sehr sie mich verzaubert hätte, wenn sie nicht so überstyled gewesen wäre. Leider ist nämlich auch das eine typische Eigenschaft iranischer Frauen: Sie schminken sich zuviel, werkeln zu sehr an ihrer Schönheit rum, verdecken sie dann oft dadurch…
Filmriss. Wo war ich stehen geblieben? An den Regalen. Ich wusste nicht mehr, was ich holen wollte. Ahja, Fleisch. Also suchte ich die Fleischtheke, fand nicht das, was ich wollte, was mir aber vollkommen egal war, denn in dem Moment, in dem es angebracht gewesen wäre, mich zu ärgern, fiel mir wieder ein, was meine geliebte Freundin A. gestern zu mir sagte: “Ach, Sherry… Deine Augen sind reine Unschuld pur. So, wie meine Sherry eben ist…” – Vielleicht hatte ich ja auch etwas annähernd so Schönes wie die Frau in meinen Augen, die ich gestern gesehen hatte. Nur anders… Ich trällerte innerlich Dean Martins “Sway” und ging zufrieden mit vollem Rucksack durch den Regen nach Hause…
Ich kann diesen Blick in Deinen Augen nicht vergessen…
Es war ein grauer Januar-Nachmittag. Die Uhr pochte mit meinem Herzen um die Wette, weil die Zeit wie immer gegen mich spielte. Wir sollten uns in einer Stunde nach vielen Tagen im elysischen Schwebezustand wieder trennen. Ich hatte vergessen, welche Umstände uns dazu zwangen, wieder alleine im Bett einzuschlafen, deshalb sagte ich mit der letzten Kraft in meiner Stimme:
“Können wir denn nicht einfach hier bleiben?”
Dann kam dieser Blick, den ich nie vergessen werde. Der Blick eines Mannes, der daran zu Grunde geht, weil er den Wunsch seines Mädchens nicht erfüllen kann. Wir lagen seitlich beide – mein Gesicht an Deiner Brust. Ich schaute in diesen Blick hoch und dann tief hinein, den ich nie vergessen werde. Meine Lippen zitterten – und Du sagtest nur – fast flehend: “Nicht…” – doch ich vergrub meine Augen und meine Wange schon in Deine Brust und weinte, bis Dein Blick mich wieder zu sich zwang. Der Blick eines Mannes, der daran zu Grunde geht, weil er den Wunsch seines Mädchens nicht erfüllen kann. Dieser Blick, wie er mir fast in aller erdenklichen Zärtlichkeit und doch mit Gewalt in die verweinten Augen sah und nur bedauerte. Bedauerte, dass es die Gesetze der Natur gab, die es unmöglich machten, dass weit entfernte Orte binnen Sekunden erreicht werden können. Ich hörte, wie Dein Herz aussetzte, als Du mich ansahst, die Glut von Deiner Brust in Deinen Hals gelang, Dich beben ließ und sich in Deinen Augen feucht-nass entlud. Mir blieb die Luft weg bei diesem Blick. Der Blick eines Mannes, der daran zu Grunde geht, weil er den Wunsch seines Mädchens nicht erfüllen kann, kann so unendlich weh tun.
“Du liebst mich wirklich…”, brach meine Stimme und ging in Deiner Wärme unter – und ich vergrub mein Gesicht wieder in Deine Brust. Du sagtest nichts und hieltest mich fest an Dein Herz. Du dachtest, Dein pochendes, weinendes Herz würde schon Antwort genug sein. “Du liebst mich wirklich… Ganz wirklich…”, weinte ich leise und spürte den Blick eines Mannes, der daran zu Grunde geht, weil er den Wunsch seines Mädchens nicht erfüllen kann noch Tage später auf mir ruhen…

Ich fand Neujahrswünsche noch nie so überflüssig wie dieses Jahr. Und noch nie habe ich meiner Ansicht darüber soviel Ausdruck verliehen, wie dieses Jahr. Neujahrs-Emails habe ich wohlsortiert unbeantwortet gelassen. Meiner Großfamilie gegenüber habe ich eine gut durchdachte und dennoch riskante Unhöflicheit zu Teil werden lassen, indem ich die Erwachsenen zuerst anrufen ließ zur Gratulation, obwohl die Sitte es bei uns anders will. Ich wagte, zu behaupten, dass eine Zahl von einer 2007 zu einer 2008 nichts Gravierendes zu verändern vermag und unsere Probleme, falschen Verhaltensschemata und Gewohnheiten dadurch nicht einfach in Luft gelöst werden. Unsere verdreckten Westen würden nicht wieder in schneeköniglichem Weiß schimmern und die ganzen, uns seelenverätzenden Prägungen des Lebens, die uns wie eine Brandmarke auf die Stirn gedrückt worden sind, würden durch eine neue Jahreszahl genauso wenig verschwinden.
All dieses “abgeklärte” Abwinken brachte ich natürlich nicht auf einmal einem einzigen Familienmitglied entgegen, sondern verteilte all meine tollen, ersten Weisheiten als neue Erwachsene in dieser Welt, die sich nun endgültig mit diesem Etikett mit der Aufschrift “Ich gehöre zu Eurer dämlichen, grauen Masse und glaube nicht mehr an Illusionen” mürrisch anfreundet, sparsam aber effektiv. Ich hörte ein paar gute Ratschläge, bekam ein paar neue Bücher zur Lebensberatung empfohlen, eine liebe Person machte sich sogar auf die Suche nach einem persischen Psychotherapeuten, der mich besser verstehen würde – und überhaupt empfahl man mir ganz allgemein, jetzt bald endlich zu heiraten und Kinder zu werfen, damit ich nicht mehr so oft zu grübeln hatte.
Oh, der Gedanke, Kinder zu “werfen”, ist ehrlich sehr verlockend. Ich krieg’ ja schon bei ganz käseweißen, kahlen Babies Entzückungsanfälle – selbst wenn sie nicht solche Riesenwangen haben, wie ich sie bei Babies so liebe, aber die Zeit ist dazu noch nicht reif. Also sie ist schon reif, aber wir haben gerade noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen vorher, weil Pepe meinte “Ältere, persische Frauen haben nichts Besseres zu tun, als tatsächlich nachzurechnen, ob’s wirklich 9 Monate gedauert hat – und dann? Lass’ uns erst heiraten…” – Nagut.
Letztens – in einem argentinischen Steakhaus – als ich schon voller Elan mein Menü am Planen war (300 Gramm Rindersteak Medium mit so einer nichtssagenden riesen Pellkartoffel und einer unerhört fettigen Mayosoße – aber vorher war ich glaube ich fast am sabbern) und Pepe mich wieder fragte, wie man Essen nur soviel Wert beimessen könne, wie ich es ständig tu’, begegnete uns doch tatsächlich eine kleine Maus, die ungestört durch die Mitte des Raumes spazierte und nach Futter suchte. Nach viel Futter, wie sich herausstellte, nachdem uns dann später die ganze Großfamilie begegnete. Ich schien die Situation etwas falsch interpretiert zu haben. Restaurant. Essen. Hygienevorschriften. Küche. Mäusefamilie – denn ich quietschte nur und sagte:
“Ach, wie süß, Schatz. Die Maus! Wie frech sie ist!”
“Du bist komisch, Schatz. Vor kleinen Insekten hat Du Angst, aber bei Mäusen im Restaurant?” – er schüttelte den Kopf.
“Aber die Maus ist ein Säugetier. Diese Insektenviecher – das sind doch Aliens.”, flüsterte ich.
Die Kellnerin kam peinlichst berührt auf uns zu. Pepe muss wohl so getan haben, als wolle er sich überlegen, ob er noch hier bleibt. Ich finde, er hat sie einwenig zu lange angesehen für seine Verhältnisse, so dass die arme Kellnerin irgendwann stotterte und meinte “Geht auch auf’s Haus. Tut uns sowas von Leid…” Ich war schon dabei, den Finger zu heben und zu sagen “Ach, die sind doch süß!”, aber irgendetwas sagte mir dann, dass ich Pepe’s Plan damit vernichten würde. (Ein verlockender Gedanke, aber nicht, wenn’s um’s Essen geht.)
Der Abend sah dann so aus, dass wir beide nicht mit sonderlich gutem Appetit essen konnten, nachdem ich Pepe die Frage stellte, ob es denn nicht sein könnte, dass sich Mäusekot ins Essen vermischt hat – das sei ja schon eine ziemliche Großfamilie, die wir da kennenlernen durften. Ich war ganz furchtbar stolz auf diese analytische Frage meines überaus scharfen Verstandes, aber irgendwie half sie uns nicht weiter. Wir aßen sehr vorsichtig – und jedesmal darauf bedacht, keine Familienmitglieder versehentlich zu zertrampeln und fingen dann eine philosophische Diskussion über die Gründe von Homosexualität an. Wir wollten der Frage nachgehen, ob sie eher genetisch bedingt sei – oder, wie mein Erklärungsansatz es wollte – es vielleicht doch an einer komplizierten ödipalen Phase liegen könnte. (Ganz toll)… Nach einigen lauteren “Argumenten” kamen wir zu dem Ergebnis, dass beide Faktoren eine wichtige Rolle spielen würden. Pepe schwafelte dann weiter in seinem größenwahnsinnigen Wissenschafts-Technik-Fantasien und erzählte von großen Superrechnern, die man sich vielleicht irgendwann an das Gehirn andocken könnte und die organischen Grenzen des Gehirns so vielleicht immer ein Stück weiter beheben könnte. Ich glaube, da hörte ich dann auch schon auf, zuzuhören und plante, wie ich noch zu meinem McCafé Schokokuchen komme. Das Gute an meinem Schatz ist, dass er merkt, wenn man ihm nicht mehr zuhört.
Der Abend war sehr, sehr schön. Trotz des wirklich miesen Kinofilmes, der Mäusefamilie und dem Schokokuchen auf Umwegen… Aber die Schönheit dieses Abends hatte verdammt nochmal nichts mit dem neuen Jahr 2008 zu tun. Punkt.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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