“Nein, auch ich dachte, ich würde mir das einbilden, aber so ist es nicht: Wir sind wirklich anders. Ich weiß jetzt, dass wir wirklich anders sind. Also erwarte nichts von den Anderen.”

Dieser Satz geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich hörte ihn gestern um 13.46 Uhr während eines Telefonates, das mir nach und nach eine Erkenntnis vorbereiten wollte, die sich mir tatsächlich jetzt noch glasklar anbietet und mir ins Gesicht leuchtet. Ich muss sie nur noch greifen, greifen und einverleiben. Meine Mitte mit ihr erhellen lassen – und diese Erkenntnis dann am Besten so einfach wie möglich in einen Satz formulieren, der zu einem Begleiter meiner Lebensreise wird. Bald vielleicht, bald.

Die letzten drei Tage habe ich viel mit meiner kleinen Schwester geredet. Wir hatten es in der letzten Zeit versäumt, weil sie Schulstress hatte und ich in einer anderen Welt aus Melodien und Tagträumen versunken war. Sie erzählte mir gestern über ähnliche Gefühle, die sie ihren Freundinnen gegenüber hat wie ich. Nach einschneidenden Erfahrungen, die wir gemacht haben, die nichts mit Freundschaften oder Beziehungen zu tun hatten, sondern uns lediglich in eine Tiefe stürzten, die es erst einmal zu bändigen galt, entstand mit der Zeit eine Art Vakuum zwischen uns und unseren Freunden, ein luftleerer tonleerer Raum, der nichts durchlässt; man sieht die Münder einander zusprechen, doch es kommt nichts durch. Die fortschreitende Entfremdung belastete uns sehr. Plötzlich reichte Dir das übliche Geschwatze in einem netten Kreis nicht mehr. Die toten Floskeln verkümmerten zu Nahrungsresten einer längst verdorbenen, üppigen Mahlzeit.

Meine kleine Schwester erzählte mir, wie sie in den letzten Monaten immer öfter mitten im Unterricht aufstand und mit irgendwelchen Erklärungen unter der Lippe murmelnd aus dem Klassenzimmer ging, weil sie an der Oberflächlichkeit und Leere zu ersticken drohte. Ihre Ohren sausen sicher so wie meine, ihr Herz rast und der Kloß, den sie runterschluckt oder auch raus lässt, ist bestimmt genauso groß wie bei mir – damals und heute. Ich habe nur zugehört und mit immer größer werdenden Augen bemerkt, dass meine Schwester mir sehr ähnlich ist. Das hatten wir nie so gesehen, denn mein Bruder und ich sind uns eigentlich emotional ähnlicher, auch wenn meine Schwester und ich uns in der Physiognomie zum verwechseln gleichen. Aber die Art und Weise, wie sie berichtete und dabei ihre sonst immer einwenig aufleuchtende, herrische Art in ihrem Kloß verlor, zeigte mir, dass sie das dumpfe Treiben der Menschen so empfindet, wie ich auch. Dass sie die Art, wie sie einem vorher sagen “Ich liebe Dich”, “Du bist wie meine Schwester”, “meine beste Freundin für immer” und Dich im nächsten Moment für Kleinigkeiten fallen lassen, ohne Dich einen Satz sprechen zu lassen, genauso machtlos verachtete, wie ich auch. Auch sie kann diese hohlen Phrasen über Liebe, Ehre, Freundschaft und Ehrlichkeit nicht mehr hören; den Drang, da draußen in seiner Profilneurose Wurzeln und Blüten zu schlagen und als Produkt und nicht als Wesen geliebt zu werden, einfach nicht mehr ertragen.

Irgendwann, nachdem wir uns sprudelnd von der stillen Traurigkeit in die Wut geredet hatten, gingen wir in ihr Zimmer und fingen an, zu singen und uns dabei aufzunehmen. Wir gaben uns Mühe und lachten über uns selbst, als wir uns hörten. Sie hat eine wunderschöne, kräftige Stimme und singt die Balladen von Amy Lee besonders gut. Ihre Stimme ist dazu geeignet, zu einem herausragenden Diamanten geschliffen zu werden, damit sie töne-tanzend hinaus in die Sterne schießen kann. Meine Stimme hingegen ist klein, zu hell, fast winzig – aber seltsamerweise bin ich es, die die Töne problemlos trifft. Würden wir unsere Gaben einander verschenken oder ausleihen können, wäre aus uns eine gutes Instrument geworden – und wir hätten uns durch laute Melodielandschaften wenigstens kurzzeitig befreien können…

Die Erkenntnis, von der ich sprach; noch hat sie keinen Satz, kein Wort. Aber ich weiß, dass sie etwas mit wohlgesonnener, warmherziger Distanz zu tun hat. Mit dem Versuch, ohne Vorwurf zu sein, aber dennoch zu wissen, dass es dort, im Alltag des Menschen, wo ich stets eine kleine Heimat suchte, mehr als oft keine Heimat gibt.

Seit Monaten überlege ich, wie ich dieses stumpfe Gefühl meinen Freunden (nicht allen) gegenüber loswerden kann und weiß jetzt, dass es nicht meine Gefühle sind, die stumpf sind, sondern ihre. Ihre Welt ist flach und ihr Agieren folgt einfach einem strickten Nützlichkeit-Streben für das eigene Ego. Auch ich kann mich von solchen Vorwürfen nicht freisprechen, doch es gibt verschiedene Ebenen dieser kleinen Lebensideologie. Die, die ich meine, sind Solche, die sofort das Band zerschneiden, sobald Du ihnen nicht mehr nützlich bist. Es ist nicht die Liebe, die sie dennoch dort hält, wo sie vielleicht auch einmal verletzt worden sind – es war immer nur der Nutzen, den sie aus Dir zogen. Das sind nicht einmal halbe Bindungen, das sind einfach falsche Bindungen.

Bei meiner Familie und bei meinem Mann sind die Lippenbewegungen alles Andere als lautlos; und der luftleere Raum zwischen uns nur eine alte Legende aus einer völlig anderen Zeit… Der Kreis soll enger werden – und das Gute ist, ich muss dazu nichts tun, denn die Anderen entsorgen sich ganz von selbst und befreien Dich auf die Weise, wie ein Parasit seinen Wirt befreit, wenn es für ihn nichts mehr zu holen gibt. Die, die übrig bleiben, sind genauso anders, wie wir auch. Und ich will es anders – nur noch anders. Und ich will es ab jetzt auch anders machen – mit den anderen Andersseienden einfach anders machen und kein Objekt mehr sein, kein Werkzeug mehr sein, das für das eigene Ego und den eigenen Erfolg benutzt wird. Nach alldem will ich immer noch nur die Liebe; und nichts Anderes… Und in meinen Träumen war die Liebe immer sowenig mit Bedingungen verknüpft wie nur möglich.

So will ich es. Einfach anders…