31.03.2008, 17:40
Einfachso…
Nach dem Wintereinbruch letztens sieht man den Blüten die Gereiztheit und Müdigkeit noch an. Kleine, trockene, herbstfarbene Winterleichen mitten im zartrosa Paradies gucken noch vorwurfsvoll und werden aber bald abfallen. Ich glaube, das macht denen nicht sonderlich viel aus – wetten, Blüten fühlen sich wie Borgs? (Haha)
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Heute im Baumarkt. Ich bin schnurstracks auf die Lichter zugegangen und hab’ Fotos geschossen. Leider lässt es sich nicht konzentriert und feinfühlig fotografieren, wenn Mama im Hintergrund irgendetwas über die Autofahrer schimpft oder über den Service oder über was weiß ich was!
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Und hier mein kleiner Gangster. Ich hab’ noch sehr schöne Fotos gemacht, aber die kann ich hier nicht veröffentlichen, weil ein Mindestmaß an Anonymität selbst in meinem viel zu persönlichen Blog noch bestehen bleiben sollte. Ich hab’ das Bild “Warten auf Ärger” genannt.
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Wir schreiben das Jahr 2008. Die Menschen sprechen von “großen Fortschritten” und “sozialer Evolution”. “Menschenrechte” werden in fettgedruckter Schrift plakativ und hoch gepriesen an unsere Hochhäuser gepflastert, hinter deren Wänden eine alte, verlassene Mutter schon viele Tage tot in ihrem Erbrochenen liegt, bis der penetrante Verwesungsgeruch den Nachbarn belästigt. Ja, belästigt. Darin sind die kleinkarierten Mitgenossen hier ganz gut: Den Zeigefinger zu erheben, wenn sie sich belästigt fühlen, aber konsequent wegzuschauen, wenn eine junge Frau in der S-Bahn von einem Betrunkenen vergewaltigt wird.
“Ich weiß nicht genau, ich habe das letzte Mal vor vier Monaten mit meiner Mutter telefoniert. Ich habe mich auch gewundert, dass sie sich nicht mehr meldet, aber ich hatte soviel um die Ohren, Sie wissen schon, Verpflichtungen.”, antwortet der junge, vielbeschäftigte Vater ratlos und weiß in dem Moment noch nichts von dem ähnlichen Schicksal, das ihn ereilen wird in der Einsamkeit der Stunde seines Todes, weil in dieser „humanen“ Gesellschaft Väter und Söhne miteinander brechen, als würden sie sich einer abgetragenen Unterhose entledigen. “Ja, natürlich. Ich verstehe schon. Verpflichtungen”, nickt der Beamte mechanisch, ohne dabei einen Gedanken darüber zu verschwenden, die tote Mutter hätte wenn schon nicht zur Kategorie „Liebe & Familie“, dann doch wenigstens zur Kategorie „alltägliche Verpflichtungen“ gehören können – nein müssen.
Die Wissenschaft wird hoch gelobt. Die “Wunder der Medizin” häufen sich von Tag zu Tag, Genmanipulation, Gentechnik, Krebsforschung – wundervolle Aussichten werden raus geschrien wie auf dem Bazar: “Alterungs-Gen wurde entdeckt und kann entschlüsselt werden – ist das die Realisierung der ewigen Jugend?” Wohlhabende Menschen schließen groteske Verträge ab, in denen besiegelt wird, dass sie nach ihrem Ableben ihren Kopf abtrennen und einfrieren lassen für den Fall, dass die Medizin in zig Jahren so weit ist, dass sie es schafft, den Kopf auf einen neuen (am besten jungen und makellosen) Körper eines nicht so gut situierten Unfallopfers anzunähen und ihn wieder zum Leben zu erwecken. Die richtig Reichen suchen sich die angenehmere Variante aus und lassen sich ganz-körper einfrieren.
Ein verrückter Professor macht derweil schon seine ersten Experimente in dieser Richtung – mitten in seinem Grusellabor, legt er zwei halb-narkotisierte Schimpansen nebeneinander und vertauscht ihnen die amputierten Köpfe, um zu sehen, ob es denn “theoretisch” möglich wäre, einen Organismus auf diese Art und Weise weiter am Leben – entschuldigen Sie – atmen zu erhalten. “Alles eine Sache der Technik. Eine Sache der Wissenschaft – bald sind wir soweit, meine Damen und Herren, dass die Schimpansen dabei nicht nur halb-komatös und schmerz-gepeinigt auf dem OP-Tisch liegen, sondern richtig munter rumhüpfen.”
“Das Universum ist unendlich – und wir haben die Macht!” – immer wieder neue Sensationen, immer wieder neue Wundermittel – und synchron dazu immer wieder neue Krankheiten, Plagen, unaufhaltsame Epidemien – wie zum Beispiel das „Altern“.
Wie unglücklich die Pharma-Mafia – ich meine die Industrie – doch wäre, gäbe es keine Krankheiten in gut-situierten Gesellschaften. Wie sehr würde das Geschäft darunter leiden? “Arbeitet diese Industrie wirklich an den Gegenmitteln oder doch schon an der der Konstruktion der Krankheiten von morgen?” Die Frage wird immer offen bleiben – die Antwort stets versiegelt. Nach zwei Sekunden schon – nach recht gut konditionierter Manier – tun wir unsere Gedanken als Paranoia ab. Und wenn uns nicht gleich etwas zu Konsumierendes wie Sex, Gewalt, Drogen, menschliche Schicksale, Handys oder Schokolade über den Weg läuft, bleibt sogar doch noch der bittere Nachgeschmack der subtilen Zweifel länger an uns haften, als eigentlich von “da oben” aus den Zentren des “demokratisch-liberalen Staates” gedacht war. Doch Zweifel können sogar bei den Hellsichtigen durch einwenig „Fun“ verschwinden, sogar noch dann, während man nebenbei aus irgendeinem der vielseitigen Medien entnimmt, dass die Pharma-Industrie keine AIDS-Medikamente an afrikanische Länder verkauft, weil das Geschäft sich nicht als rentabel genug erweisen würde.
“Humanismus schön und gut – aber warum den Preis senken und an das Land anpassen, wenn wir dafür mehr verdienen können?” – Ohne, dass man selber merkt, welchem Denkschema wir inzwischen verfallen sind, beruhigen wir uns noch selbst: “Klar, ist verständlich. Jeder muss das tun, was ihm am meisten Profit bringt. Was soll man machen?” – Der selbe große Mann (Bush Junior), der diesbezüglich gegenüber etlichen AIDS-Waisen und Kranken für die freie Marktwirtschaft stand und die Aussage der Pharma-Industrie verteidigte, kam irgendwann auf die Idee, für seine 15 Mrd. Dollar Aids-Initiative zu werben (natürlich aus rein selbstlosen Motiven und nicht etwa, weil er die US-Position und die Stellung amerikanischer Konzerne in Afrika auf Kosten imperialistischer Rivalen und ideologischen Brüdern wie Frankreich stärken will.). Im vielleicht widerlichsten Moment einer zynischen und holly- oder bollywoodhaften Tour umarmt er vor laufenden Kameras Aids-Waisen, während seine Frau plakativ Tränen vergießt. “Und? Schon geknipst? Oke, nächstes Bündel Kinder bitte.” Dass seine Aids-Initiative sich schon dann als Farce erwies, während er noch für die Fotos posierte, indem seine republikanische Partei die Zahlungen für den Fonds um mehr als eindrittel kürzte, tat nichts mehr zur Sache. Die wundervoll sentimentalen Fotos eines strahlenden Bush’s mit dem Elend von Waisen in seinen trostspendenden Armen, waren dienlich genug. Immerhin musste die Kriegsausrüstung aktualisiert werden – Thema abgehakt. Man hat immerhin sein Bestes gegeben. „Dabei ist alles“.
Die Menschenliebe ist groß. So groß, so atemberaubend groß, dass man sogar bereit ist, für die Ausbreitung der herrlichen Ideologie der „Demokratie und Menschenrechte“, den Weltfrieden und nicht zuletzt für die Sicherheit der “zivilisierten Welt” die eigenen, geliebten und ehrwürdigen Soldaten zu opfern. Für ein höheres Ziel zu kämpfen, das heilige Gottesland USA gegen all die niederträchtigen Neider zu verteidigen – das ist doch jedem patriotischen Amerikaner eine Ehre. Andere Länder zu zerbomben, menschliche Körper in Fetzen zu reißen – natürlich aus völlig legitimen Gründen – das muss doch jedem Humanisten klar sein – ist eine notwendige Maßnahme zur Einführung edler Werte.
Massenvernichtungswaffen, Kooperationen mit irrsinnigen Terroristen, Menschen, die die gottgegebene Herrlichkeit Amerikas antasten wollen müssen doch auf der Stelle gestoppt werden. „Oh my God!“ Nachdem das Geschäft erledigt, die Leichenberge groß, die elternlosen Kinder verhungert sind und das orientierungslose Kind auf der Straße von einem US-Soldaten einen Happy-End-Lolli überreicht bekommt, erinnert man sich irgendwann wieder an den eigentlichen Grund dieser gut gemeinten Invasionen und stellt sich die Frage: “Und wo sind jetzt die Massenvernichtungswaffen?” – “Öhm, die Massenvernichtungswaffen haben wir immer noch nicht gefunden – die befinden sich in ‚metaphysischer’ Form jetzt sicher im Iran. Lasst uns mal rüberschielen gehen, Jungs!”
Doch all die Widersprüche interessieren den gewöhnlichen Couch-Potato nicht, wenn er doch die einmalige Chance bekommt, sich von den „Medien“ die Angst einpflanzen zu lassen, die dazu benötigt wird, um den nächsten militärischen Anschlag “da hinten wo die Barbaren leben” anzupeilen. „Ach, Tote. Tote habe ich auch im letzten Action-Thriller gesehen. Außerdem handelt es sich um Notwehr! So ist das Leben! Sollen die uns doch in Ruhe lassen, selbst Schuld. Amerika antwortet eben nur!”
Schweißgebadet durch die Vorstellung, dass jede Sekunde so ein verrückter Terrorist (“Was überhaupt wollen die von uns? Was haben wir ihnen getan? Sind sie neidisch auf unsere Schönheit? Unsere halbnackten Frauen?”) die eigenen vier Wände völlig willkürlich und ohne ersichtlichen Grund in die Luft sprengen könnte, lässt er sich durch jede Rede über „Die Lage der Nation“ wie ein kleines Baby beruhigen und schmiegt sich an die potente, phallus-strotzende Drohgebärde seines Vaterlandes und summt die Nationalhymne, bis er in Disney-World seine Träume findet. “Wie gut es ist, ein Amerikaner zu sein…”, brabbelt er und schläft sich in der Geborgenheit seines Rechtes auf „The American Way Of Life“ die Sorgen aus dem Leib.
Auf die Idee, dass der Fettsack fett sein kann, weil andere Teile der Welt mit struktureller Gewalt, einem organisiertem Mangel und Verschuldungen in Milliardenhöhen in der Gosse gehalten werden, kommt man erst gar nicht. Dass der Fettsack fett sein kann, weil in seinem göttlichen Land die Herrscher sich empört fragen “Was die verdammten Schwarzköpfe da hinten” denn mit ihrem Öl machen und dieser Gedanke sie auf die abartigsten Ideen bringt, um das ihnen eigentlich “zustehende”, schwarze Gold letztendlich doch noch zu erlangen (“Gott muss sich einfach bei der Verteilung der Ressourcen geirrt haben. Wir sind doch die Guten – das hat Hollywood doch schon längst herausgefunden!”), kommt man erst gar nicht.
Ja, die Regionen dieser Welt beneiden Miniröcke, Hamburger, Bier und Wurst, denkt sich der Fettsack aus Europa und USA, dessen größte Sorge der nächste Gang auf’s Klo ist, weil er nicht einschätzen kann, ob die Werbung auch wirklich länger läuft, als er kacken muss – aber auf die Idee, dass die Barbaren da hinten einfach satt sein wollen und sich fragen, wie es denn sein kann, nichts zu haben, obwohl man zu den ressourcen-reichsten Ländern gehört, fragt sich der Fettsack nicht. Er frisst einfach nur und merkt nicht, wie ihm das Blut jener „von dahinten“ von den Mundwinkeln runter trieft. Pikiert schüttelt er während dessen den Kopf darüber, dass die “Araber” Israel vernichten wollen – ein kleiner Blick weiter nach rechts der Nah-Ost-Karte hätte ihn vielleicht daran erinnert, dass sein Vaterland Afghanistan regelmäßig zurück in die Steinzeit gebombt hat, jedes mal ein Stückchen mehr. Oder war es jetzt Irak? Huch, das weiß er jetzt nicht mehr so ganz genau – er hat so viele Kriegsfilme gesehen, dass er nicht mehr zwischen Hollywood und den seriösen Nachrichtenagenturen unterscheiden kann, die Dich den Krieg jedes Mal gespannt mitverfolgen lassen.
Der Couch-Potato ist unbekümmert. Für ihn ist der “Dreck”, der Staub, das Blut an der Haut dieser Menschen ein weiterer Beweis dafür, dass es sich dabei nicht um Menschen handelt, sondern eben um Barbaren. In modernen, liberalen Zeiten tötet und profitiert man doch nicht aufgrund von Religionen – das ist etwas für die Rückständigen da hinten. Heute macht man das auf der Basis anderer, progressiver Ideologien: Der Wirtschaftspolitik. Diese Ideologie ist viel standfester und hat alle Märkte fest im Griff – keiner wagt, den Mund auf zu machen, denn alle würden bei der kleinsten Revolte unter einem Crash leiden, der ihnen die Hosen ausziehen würde – und jeder, wirklich jeder braucht doch Geld. Auf Gott und Religion kann man verzichten, sie anzweifeln – Propheten kann man abwinken und für verrückt erklären – aber das gute Geld ist eine Realität, die unumgänglich ist. Die Wahrheit überhaupt. Unser Recht, unser Lebenselixier, der Stoff, aus dem unsere Freiheit erschaffen wurde und aus dem unsere Träume sich erheben und als Realität manifestieren.
Der Fettsack greift in seine Chipstüte, bestellt sich eine Pizza, den nächsten Kriegsfilm und eine Prostituierte. Und für diese Dienste und für diese Freiheit steht seine Freiheitsstatue erhobenen Hauptes stolz in der Nation und gibt allen anderen, zivilisierten Fettsäcken einen Vorgeschmack von Moral, Anstand, Vaterland, der Prostitution und der Gottesfurcht.
Sollten Sie sich noch immer nicht angesprochen fühlen, dann ändern Sie das bitte jetzt. Ich muss da nämlich jetzt auch durch.
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Anmerkung: Hierbei handelt es sich um eine bissige Satire, die sich der Übertreibung, Pauschalisierung und Zwei- bis Mehrdeutigkeiten bedient. Prostitution steht hier auch als Synonym für den Verrat an jene Menschen, die die Idee der Demokratie, Freiheit und Menschenrechte mit ihrem Leben verteidigt haben. Die Kritik an dieser Ideologie ist nicht die Ablehnung liberaler, demokratischer Werte, sondern das, was aus ihnen gemacht wurde.
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24.03.2008, 10:17
Mein Frühling…
Heute wachte ich auf und wollte dem Frühling vom Fenster aus zuwinken, als sich mir die unten zu bewundernde Aussicht darbot. Hier, wo ich bin, schneit es eigentlich nie. Wirklich nie, nicht einmal im tiefsten Winter – aber genau zum Frühlingsbeginn – der Jahreszeit, die Iranern sehr viel bedeutet, in der sie zwei Wochen nur mit Feierlichkeiten und Familientreffs beschäftigt sind, weil bei uns das neue Jahr genau zum Frühlingsanfang stattfindet – bekomme ich Schnee geschenkt. Und wenn ich sage “Ich”, dann meine ich das auch so – ich bin nämlich sicher, dass die Anderen überhaupt nicht von dieser “Unpassenheit” zum Frühling begeistert sind.
Schaut mal, wie schön sich das Leben (die Knospen) unter der Kälte zusammenzieht und die Welt nicht mehr versteht…
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In der letzten Zeit hatte sie etwas an sich beobachtet, das ihr nicht gefiel: Die Lust an der Arroganz. Manchmal, erwischte sie sich dabei, wie sie abwertend andere Menschen ansah und innerlich den Mund verzog vor Ekel. Voller Verachtung wandte sie sich jedesmal von ihnen ab, wenn auch nur innerlich, und fühlte sich danach befreit. Sei es aufgrund ihrer Dummheit, aufgrund ihrer Falschheit, aufgrund ihrer Bitchig-keit, die sie nie daran festmachte, wieviele Sexpartner eine Frau hatte, sondern daran, wie sie sich darstellte, als welche Rarität des Anstandes sie durch die Welt ging und was hinter den Vorhängen in Relation dazu aber wirklich abging.
Sie erwischte sich dabei, wie sie sich in einem geistigen Rachespiel neben diese Personen stelle und sich hochpries. “Wie gut, dass Du nicht so bist. Stell’ Dir vor, Du wärest so dumm, so einfältig, so falsch, so sinnlos nichtssagend, so heuchlerisch wie sie.” – Sie konnte nicht einmal behaupten, dass es ihr gut tat, so zu denken und mit solch’ einer Verachtung auf einige Menschen runterzuschauen, aber es machte kurzzeitig Spaß. Es machte einen Heidenspaß, sich von diesen Menschen zu separieren, sich als etwas Besseres zu betrachten. Bei der Wahl ihrer inneren Arroganzspielchen achtete sie stets darauf, dass das, was sie den zu verachtenden Personen vorwarf, auch wirklich der Wahrheit entsprach. Mit einem falschen Sündenbock konnte sie absolut nichts anfangen, das gab ihr nicht das Gefühl der moralischen Überlegenheit.
Niemals würde sie dem Aussehen in ihrem Spiel der Arroganz irgendeinen Wert beimessen – doch wenn sie Dummheit erblickte, regte sie sich so voller Genuss auf, so voller Leidenschaft, dass sie selbst über sich schmunzeln musste. Wie sie sich in dem Zustand dann an die Dummheit und Dreistigkeit dieser Menschen labte und sich selbst in aller Pracht, im Kontrast zur Dummheit, als intelligenten und innerlich unverdorbenerem Menschen gut finden konnte, war unbeschreiblich selbstverliebt. Sie wusste dann, was sie hatte – und stilisierte das, was sie hatte so in die Großartigkeit hinein, bis sie umfiel wie ein sich hochtürmendes Bauklotzgeflechte, das sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Es machte ihr Spaß, dann über sich selbst zu lachen, ihren Hochmut noch einmal in jedes kleinste Detail zu analysieren und all die Gründe für die lüsterne Arroganz zu finden, die sie empfand, wenn sie andere in Gedanken degradierte.
Sie war intelligent genug, um zu wissen, dass es sich dabei um nichts Anderes handelte als um große Minderwertigkeitsgefühle. Große Selbstgeißelungen und Selbsthass-Attacken fanden in immer kürzeren Intervallen statt, die sie mit den kurzen Phasen der Selbstverherrlichung zu kompensieren suchte. In denen sie sich bis zur Verausgabung das zurückzugeben suchte, was sie sich in jeder Sekunde ihres Alltags zu nehmen gewohnt war: Ihre Selbstachtung.
Natürlich ging das schief. Es bewirkte das Gegenteil, denn die Lust an ihrer Arroganz gingen ihren Idealen komplett zuwider. Nach ihren Hochs und Tiefs in diesen unendlich impulsiven und fantasievollen Selbstbildnissen eines göttlichen Ich’s, verachtete sie sich umso mehr und weinte, als habe sie ihre Arroganz wirklich gezeigt, um jemanden zu Schaden kommen zu lassen. Die Frage des “Wie, wenn sich alles nur in Gedanken abspielte”, stellte sie sich erst gar nicht. Sie war so streng zu sich selbst, dass nach jedem Genuss, die Selbstkasteiung ihren gewohnten Weg zu ihr fand.
Egal, wie sie es anstellte, sie war gefangen in ihrer blinden Endlosschleife, die ihre ganzen Gedanken scante, ihre ganzen Gefühle durchleuchtete, um sie in einem Akt das Erbrechens der eigenen Seele kurz die Gnade der Emotionslosigkeit antasten zu dürfen, bevor sie das Erbrochene wieder in sich reinschluckte. Aus irgendeinem Grund schien sie sich bewusst dazu entschieden zu haben, so weiter zu leben. Warum, wusste sie nicht. Die Frage quälte sie nicht lange, denn sie hatte sehr schnell ein neues Opfer gefunden, das sie in ihren Gedanken tief unter sich stellen konnte und leidenschaftlich verachten konnte, um sich selbst zu feiern.
Wie einsam dieses Fest doch war. Und wie endlos qualvoll der Morgen danach.
11.03.2008, 17:28
“Kleine Schätze”
Ich mag vorallem das erste Bild. Ich frage mich, woran man “Talent” in der Fotografie wirklich festmachen kann? Ist das Foto nicht einfach nur schön, weil die Kamera, die ich habe, gut ist? Ich hab’ wirklich keine Ahnung. Aber Martin wird mir das ja bald alles richtig erklären. Irgendwo mitten in Köln, wenn wir die armen Passanten mit unseren Kameras terrorisieren. Bis dahin experementiere ich weiter.
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Die Diskussionen, die um den Wahlkampf um Roland Koch entstanden sind, fanden nicht nur in den Medien statt, sondern auch sehr intensiv in vielen Migranten-Communities – auch und verstärkt in iranischen Communities, in denen sehr differenziert und tiefgründig alles hinterfragt worden ist, was mit dem Begriff “Integration” und “eigene, kulturelle Identität” zu tun hat. Selbst bei den eigentlich sehr integrationsbereiten Iranern machte sich eine Art Trotzreaktion gegenüber der deutschen Definition von Integration breit.
Vor allem Migranten, die aus islamisch geprägten Regionen kommen, scheinen sich in den letzten Jahren zunehmend mit einem anderen Spiegelbild wahrnehmen zu müssen, das ihnen die deutsche Gesellschaft – gehetzt von den einseitigen Medienberichten – vorsetzt: Das Spiegelbild des angstauslösenden, unberechenbaren “Islamisten”, in dem die Bombe quasi schon einsatzbereit tickt und der nur auf die nächst beste Gelegenheit wartet, die Werte einer “verhassten”, liberalen Gesellschaft demonstrativ in die Luft zu sprengen.
Kleiner Exkurs
Beobachtet man nun die Entwicklung von vor allem türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen in den letzten Jahren, so wird man die Konsequenzen von verstärkten Stigmatisierungen seitens der Medien deutlich erkennen, die sich gleich einer selbsterfüllenden Prophezeiung im rasenden Tempo dem Bild zu gleichen beginnen, das von den Medien so einseitig dargestellt wird. Die natürliche Konsequenz einer skeptischen und leicht feindlichen Betrachtungsweise gegenüber Migranten bedingt eine Radikalisierung seitens der türkisch- und arabischstämmigen Migranten. “Lehnt ihr uns ab, lehnen wir Euch noch stärker ab.” Das Ergebnis sieht man dann in den Straßen von Großstädten oder in Jugendzentren, in denen der Neuanlauf von Jugendlichen erst einmal von den “kleinen Herrschern” mit einer direkten Frage dahingehend geprüft wird, ob er Moslem ist oder nicht. Ist er keiner, ist er ein Feind; ist er einer, ist er ein Bruder. Ein immer schlechter werdendes Deutsch und die radikale Ablehnung jeglicher pädagogischer Angebote und Förder-Institutionen für Jugendliche und auch ältere Migranten, die einmal die Sprache und einmal die Einsicht über die Werte und Normen jener Gesellschaft fördern sollen – in der die eigenen Eltern die Existenz aufgebaut haben, weil sie sie in der Vergangenheit für eine bessere Zukunft hielten – werden mit einem übersteigerten Traditionalismus und Nationalstolz niedergedrückt. Vor lauter “Aufklärungslust” der Medien ist nun eine kulturelle Polarität entstanden, die Pessimisten die Prognose einer unschönen Entladung befürchten lässt.
Man kann die Ursachen für die Entwicklung nicht allein bei den Medien, der falschen Integrationspolitik und den “gutgläubigen” Deutschen suchen, sondern eindeutig auch bei den sich damals schon isolierenden, türkischstämmigen Migranten, die sich in ihrem übersteigerten Nationalgefühl ob bewusst oder unbewusst jeglicher Art der Integration, Anpassung und Konformität im Rahmen demokratisch-liberaler Gesellschaftswerte entzogen, da sie sie als Demütigung der eigenen Identität empfanden. Die Gründe für diese Empfindungen sind einmal in der zugegeben kalten und herabwürdigenden Umgangsart in deutschen Ämtern und angeblichen “sozialen Institutionen” begründet und einmal in der zugegeben tunnelblickgleichen Verbohrtheit von über-traditions- und nationalbewussten Migranten. Hinzu kommt noch die uneindeutige, linienschwache Integrationspolitik Deutschlands. Aus lauter Angst, politisch unkorrekt zu handeln und wieder dem Bild des bösen Nazideutschlands zu entsprechen, verzichtete man auf eindeutige Leitforderungen gegenüber Migranten. Zwar wird man sehr oft bei Amtsgängen mit einer gewissen Arroganz behandelt als “Schwarzkopf” und beschwert sich über die mangelnden Sprachkenntnisse eines Migrantenvolkes, das schon in der dritten Generation in Deutschland lebt – doch andererseits findet man überall im Alltag ganze “Gebrauchsanweisungen” – sei es nun in den Wartezimmern der Ämter, in den Vordrucken für Formulare oder am Fahrscheinautomaten – in türkischer Sprache, so dass die existenzielle Notwendigkeit eines anständigen Spracherwerbs als wichtigste Voraussetzung für Integration quasi ausfällt.
Und was geht die Iraner das jetzt an?
Warum ist das nun auch ein Problem für Iraner? Die Iraner sind einer der best-integrierten Migrantengruppe in Deutschland. Verglichen mit den türkischstämmigen Migranten ist die Akademikerrate sehr hoch, die Kriminalitätsrate niedrig und die Integrationsbereitschaft stark – vielleicht sogar einwenig zu stark – vorhanden. Sie sind der deutschen Sprache mächtig, erkennen die staatlichen Gesetze Deutschlands an, können mit un-islamischen und weniger dogmatischen Gesellschaften mehr anfangen als mit Islamischen, sind nur auf dem Papier oder nur sehr “frei” religiös. Wo nun das Problem liegt? – Genauso, wie jeder Asiate für ein ungeübtes Auge aussieht wie ein Chinese, so sieht der Iraner genauso aus wie jene Migrantengruppen, die sich schlecht integrieren und als “Problemherd” betrachtet werden. Zudem kommt, dass sie aus einem Land stammen, dessen Präsident mit Negativschlagzeilen auffällt und gerne als globaler Feind hochstilisiert wird. Und hier beginnt der Konflikt zwischen Iranern und der deutschen Gesellschaft – samt der oben genannten Migrantengruppen.
“Ich tu’ doch alles – warum werde ich noch immer behandelt wie ein ‘Kanake’?”
Die Iraner haben auf eine jahrtausende alte Kultur zurück zu blicken, in der einige Grundsteine der heutigen Wissenschaft, Medizin, Kultur, Kunst, Musik und Religion gesetzt worden sind, von der gerade der “zivilisierte Teil” der Welt seinen Nutzen zieht. Obwohl gerade in Deutschland die Antike in den Schulen sich ausschließlich hellenistischer Quellen bedient, in denen die “alten Perser” nicht unbedingt vorteilhaft dargestellt werden oder im Rahmen des Lehrprogramms gar nicht erst auftauchen, blicken vor allem Exil-Iraner mit einem unsicheren und deshalb vielleicht auch manchmal übersteigertem Stolz in die Vergangenheit ihres Landes, die ihr einziger Anhaltspunkt dafür ist, dass die Zukunft ihres Landes sich vielleicht bessert.
Aufgrund der letzten 28 Jahre islamischer Theokratie und der Flucht der Iraner ins Exil, hat das iranische Selbstbewusstsein einen großen, unheilbar wirkenden Riss erlitten. Der Stolz eines alten Weltreiches mit einem großen, kulturellen Erbe für die Welt wird 1979 innerhalb kürzester Zeit stark verunsichert. Es entstand eine schizophrene Haltung zwischen übersteigertem Stolz und einer übermotivierten Assimilation bezüglich ihres Gastlandes (in diesem Fall Deutschland), die die Iraner in einen Identitätskonflikt stürzte, der sich heute noch abzeichnet.
Was sich einerseits als die best integrierte Migrantengruppe mit der höchsten Akademikerrate manifestiert hat, zeigt sich auf der anderen Seite der Medaille auch als Identitätskonflikt. Wie sieht es wirklich in der iranischen Selbstwahrnehmung aus? Wer oder was will der Iraner sein? Was stellt er dar und wie fühlt er sich neben dem, was er darstellt wirklich? Aus einem Gefühl der Demütigung heraus, die aus der Angst, Schande und Scham für die vergangenen, gegenwärtigen und noch zukünftigen Gegebenheiten, die mit dem Namen “Iran” gefallen sind und noch fallen werden, vollzogen die Iraner in Deutschland einen zu inbrünstigen Integrations- und Assimilationsprozess. Als seien sie in einer ständigen Rechtfertigungsposition dafür, was in ihrem Herkunftsland geschieht und welches ideologische Gesicht es angenommen hat, entstehen bei einer erwähnenswerten Anzahl von Iranern eine so starke Integrationssehnsucht, dass es fast an Selbstverleugnung grenzt. Was “Die Zeit” hier als sehr positiv darstellt, zeigt eigentlich eine starke Tendenz der Akkulturation¹, die aber nicht auf jeglicher psychosozialer Ebene stattfindet, sondern nur als Image, während die Psyche selbst einen Kampf mal um und gegen die eigene Herkunftsidentität ausfechtet.
“Eine Einwanderergruppe, in der es einen Markt für solche Karten gibt, scheint nicht schlecht zurechtzukommen. Aber was heißt überhaupt Gruppe? Die Iraner in Deutschland waren immer ein wenig stolz auf ihre Unauffälligkeit. Die überwältigende Mehrheit der etwa 120.000 Migranten aus Iran kommt in ihrer neuen Heimat so gut zurecht, dass sie als Gruppe kaum wahrgenommen wird. Die Deutsch-Iraner – mehrheitlich Muslime – sind lebende Beweise dafür, dass der Integrationserfolg weniger mit der Religionszugehörigkeit als mit Bildungsorientierung und einer positiven Haltung zum Einwanderungsland zu tun hat. Keine andere Migranten-Community hat so viele Ärzte, so viele Unternehmer und Ingenieure hervorgebracht. Seit dem Jahr 2000 haben sich unter dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht über 50.000 Iraner einbürgern lassen – eine stille Erfolgsgeschichte.” (Aus “Die Zeit”)
Das größte Bestreben einiger Iraner scheint es zu sein, in seiner Umwelt zu erfahren, dass es auch zum zivilisierten und unauffälligen Teil dieser liberalen Welt gehört und dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen ihm und dem entsteht, was in den Medien über sein Herkunftsland berichtet wird. “Iraner” und “Iranerin” wird durch “Perser” und “Perserin” ersetzt, die Religion, mit der man aufgewachsen ist und gegen die man vermutlich ohne die islamische Revolution und deren Folgen in Form eines Gottesstaates mit klerikalen Herrschern nicht als herbe Enttäuschung empfinden würde, gibt man eine untergeordnete bis gar keine Rolle mehr. Täglich ist der Iraner darauf erpicht, seiner Umwelt zu beweisen, dass die Werte der liberalen und demokratischen Welt voll und ganz von ihm einverleibt worden sind und es nun endlich an der Zeit sei, ihn als volles und achtenswertes Mitglied der leistungsorientierten Gesellschaftsdynamik an zu erkennen. In übersteigerter Form kann das darin ausarten, dass die Frage nach der Herkunft vereinzelt auch mal mit “Italien” oder “Spanien” beantwortet wird und der “Spitzname” wie alles andere klingt, nur nicht persisch. Als ortsversetzte Trotzreaktion gegen die strengen Sitten des Herkunftslandes, präsentiert sich die “Perserin” und der “Perser” besonders aufreizend gestylt, einige phänotypische Erscheinungsformen eines typisch iranischen „Wesens“ werden unterdrückt.
Trotz all dieser genannten Punkte wurden und werden Iraner im Laufe ihres ehrgeizigen Integrationsprozesses immer wieder durch Vorurteile und gezielte Fragen fast drangsaliert. Angefangen von Betty Mahmoody’s “Nicht ohne meine Tochter” und der Frage, ob iranische Männer ihre Frauen wirklich so brutal schlagen und man “dahinten wirklich Käfer isst” bis hin zur Verknüpfung mit den Aussagen des heutigen Präsidenten und der Frage, “ob man sich denn mit ihm identifiziere und auch den Israelis die Vernichtung wünsche”, wird den Iranern noch immer das Gefühl gegeben, rückständig und skepsiswürdig zu sein. Hinzu kommt die Assoziation mit anderen Migrantengruppen wie türkischstämmigen und arabischstämmigen Migranten, die in Relation zu Iranern eine hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosenrate aufweisen und bezüglich des Bildungsstandes und der Integrationsbereitschaft zu den “Problemfällen” gehören. Meint man es in der Begegnung mit einem Iraner als Deutscher sehr gut und ist erfreut über die “Ausnahme und die Seltenheit”, die er als “Ausländer”, “Kanake” und “Schwarzkopf” mit seinen hervorragenden Deutschkenntnissen und seinem Bildungsstand darstellt, wird dem Iraner in so einer peinlichen Situation erneut bewusst, dass er trotz seines eigeninitiativen und ehrgeizigen Spagats zwischen Identität und Anpassung immer noch in den selben Topf geschmissen wird wie jene anderen Migrantengruppen, die tatsächlich – ohne der Maske der politischen Korrektheit in der Artikulation ergeben zu sein – problematische Tendenzen aufweisen.
Das Resultat endet darin, dass optimal integrierte Iraner mit einer depressiven Verstimmung in Deutschland sitzen und mal wütend mal seufzend sagen: “Was wollen die von mir? Ich habe alles gegeben. Ich habe besser deutsch gelernt, als die Deutschen selbst. Meine Abschlüsse sind besser als ihre eigenen. Ich bin selbständig und sorge für Arbeitsplätze, ich bin erfolgreich, ich bin integriert – aber ich werde immer noch behandelt wie ein ungebildeter ‘Kanake’, dessen Gene per se mit ‘Barbarismus’, ‘Terrorismus’ und ‘Fundamentalismus’ bestückt zu sein scheinen. Deutschland ist ein kaltes Land, ein graues Land, nicht meine Heimat – das Land der grauen Tristesse.” Die zornige Variante könnte so lauten: “Als mein Land schon über eine Hochkultur verfügte, lebten die Menschen hier noch wie Affen auf den Bäumen! Man macht mich im Sozialamt nach der Insolvenz meiner Firma doof an, dabei lebt Deutschland von iranischem Öl von iranischem Blut meines Volkes! Milliardengeschäfte mit den Mullahs und fette Waffenlieferungen an den Irak während des Krieges stabilisierten die jetzige Regierung! Die sollen mir mal nicht mit Moral und Arroganz kommen!” Doch echte Fluchtmöglichkeiten im Alltag gibt es wenige, denn im Zuge der Akkulturation fingen Iraner durch ihre schizophrene Haltung an, sich und ihre eigene Migrationsgruppe abzulehnen. Übrig bleibt eine oberflächliche Zusammenkunft von einem Haufen Individualisten auf diversen Parties, die erleichtert sind, wenn sie aus ihren “eigenen Reihen” raus sind und sich zu Hause wieder dem berufs- und karriereorientierten Alltag widmen können.
Der Endeffekt
Die aktuelle weltpolitische Situation, in der Iran eingeflochten ist, ist zugegeben keine einfache; und vor allem keine, die die Entflechtung von Vorurteilen und Offenheit Iranern gegenüber fördert. Dennoch ist die Situation zwischen Iranern und Deutschen alles andere als aussichtslos, denn eigentlich verstehen sich beide Völker sehr gut. Erstrebenswert wäre jedoch eine klare und öffentliche Differenzierung zwischen den Migrantengruppen in Deutschland, damit spezifischere Integrationskonzepte entworfen werden können.
Es entspricht einfach nicht der Wahrheit, wenn man von den “Integrationsproblemen der Migranten” spricht, anstatt die Alltags- und Integrationsprobleme differenziert und spezifisch zu betrachten. Nur so ist eine realistische Problemlösung möglich und Migrantengruppen, die nicht betroffen sind, fühlen sich nicht zu Unrecht stigmatisiert, so wie es bei Iranern der Fall ist. Sicher ist es schwer für ein Land mit einer faschistischen Vergangenheit seine Überbesorgtheit bezüglich solcher konkreten Aussagen über Migrantengruppen zu vernachlässigen, doch im Endeffekt erhöhen solche politischen “Schüchternheiten” ein zielloses Umherwüten und Sündenbock-Suchen der deutschen Gesellschaft. Solange Probleme nicht konkretisiert werden, wird man sie einer allgemeinen dumpfen Masse namens “Ausländer” aufstülpen – und eigentlich unbeteiligte oder gar vorbildliche Migranten werden zu Unrecht mit kritisiert. Selbst bei den Problemherden sei gesagt: Es gibt keinen Sündenbock, es gibt nur Probleme, die gelöst werden müssen. Dafür braucht man aber eine Feststellung und Benennung spezifischer und differenzierter Inhalte.
Eine vehementere Erwartungshaltung gegenüber Migranten sollte artikuliert werden – der Spracherwerb als mindeste Zusage und Pflichterfüllung sollte gefordert werden, da die Sprache die primäre Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration ist, die allen Beteiligten – Gesellschaft und Migranten – von großem Nutzen ist.
Bezogen auf die Iraner sollte eine eindeutige positive Stellungnahme zu ihren Leistungen gemacht werden, damit auch bei ihnen keine Trotzreaktion und Radikalisierung entsteht. “Selbsterfüllende Prophezeiungen”, die sich bei iranischen Jugendlichen immer mehr zeigen, indem sie anfangen, sich mehr mit muslimischen, türkischen, arabischen “Ghetto-Boys-Subkulturen” zu identifizieren, müssen ein Stopp geboten werden.
Und Iraner selbst sollten sich über Einiges bewusst werden und dafür möchte ich Sie jetzt direkt ansprechen, liebe Landsleute:
Sie haben ihr gutes Benehmen, Ihren Hang zur Höflichkeit und zur Etiquette nicht erst in Deutschland erlernt. Der Wissensdurst, die Begeisterung für Wissenschaft, Mathematik, Medizin und Bildung ist nicht erst entstanden, seit Sie in Deutschland sind. Geschäftstüchtigkeit und Fleiß, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit ist kein ausschließlich “ausländisches” Gut, sondern integraler Bestandteil einer typisch iranischen Erziehung – und das wissen Sie. Die eigene Identität muss nicht bekämpft und verleugnet werden, damit eine Integration hier stattfinden kann, da die eigene Identität in den existenziellen Bereichen überhaupt nicht im Widerspruch zu den deutschen Werten steht. Sie mussten sich nicht erst durch Selbstgeißelung den “Barbarismus” aus dem Leib erziehen, um hier als richtiger, zivilisierter Mensch neugeboren zu werden – eine ständige Rechtfertigungshaltung aufgrund der momentanen Regierung Ihrer Heimat ist überhaupt nicht nötig. Sie dürfen nicht nur, Sie sollten eine starke Community bilden und Ihre spezifischen Interessen vertreten, damit man sieht, wofür Sie stehen und wofür Sie nicht stehen, damit man Ihnen keine demoralisierenden Fragen mehr stellt. Sie brauchen sich nicht zu verstellen, denn was Sie leisten – in und für Deutschland, ist lobenswert. Eine Selbstverleumdung ist nicht nötig, liebe Landsleute, es schwächt nur das Selbstwertgefühl und bedingt die Heimsuchung immer wieder kehrender Depressionen, zu denen Sie neigen. Ein Spagat ist verschwendete Energie, weil er nichts, aber auch gar nichts ändert – Sie werden von den selben “Idioten” immer noch als das gesehen, als das man Sie sehen will, doch das sollte Sie nicht weiter tangieren und Sie weiter in eine Selbstdarstellung beugen, die Sie nicht nötig haben und die Ihnen schadet.
Seien Sie, wie Sie sind. Sie dürfen das. Sie sollen das sogar, aber verlieren Sie niemals einen gesunden, kritischen Blick auf sich selbst und Ihre wahren Schwächen, nicht auf die, die Sie sich selbst einbilden.
© Sherry / INN
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¹ Der Begriff Akkulturation bezeichnet das Hineinwachsen einer Person in ihre kulturelle Umwelt. In der Regel bezieht sich der Begriff auf Heranwachsende, also Kinder und Jugendliche in der Phase der Adoleszenz. Es kann aber auch der Assimilationsprozess Erwachsener gemeint sein, die sich als Immigranten mit einer ihnen fremden Kultur vertraut machen.
Erstellt in Essays, Psycho Logie | 8 Kommentare » Tags: Alltag, Bildung, Gesellschaft, Integration, Iraner, Iranische Eigenarten, Kritisches, Migrationshintergrund, Soziale Kälte, Sozialisation
09.03.2008, 20:37
Domplatte
08.03.2008, 02:28
“Schmutz”
06.03.2008, 00:53
Rosa Technik
Ich verstehe das einfach nicht! Man weiß, dass ich Rosa als Farbe sehr liebe. Man weiß auch, dass Rosa als Farbe mir steht (gut kombiniert, niemals durchgehend rosa). Aber warum bitte, warum sehen technische Geräte in Rosa so geil aus, dass ich fast sabbern muss? Und warum sind sie nicht essbar? Das Canon Baby ist so schön, es liegt so toll in der Hand, es schießt gute Fotos, es ist chique – es ist endlich mein!

03.03.2008, 16:37
Klare Sicht
Ich habe in der letzten Zeit das Gefühl, dass meine sonst eigentlich ziemlich orientierungslose Persönlichkeit (was den eigenen Lebensweg angeht), immer mehr an Festigkeit gewinnt. Etwas verspätet, muss ich gestehen, aber besser als nie. Mein einziger Anhaltspunkt für meine Existenzberechtigung war bis jetzt immer “nur” meine Loyalität, meine Liebe zur Familie (Liebe generell) und gewisse Prinzipien und Kodex’, die ich stets einzuhalten suchte. Nicht, dass das wenig gewesen wäre – vermutlich ist das mehr, als viele heutzutage leisten in einer Zeit, in der gewisse Werte sich wandeln wie die eigene Unterwäsche – aber etwas fehlte. Etwas, das einwenig in die Richtung eines von mir sehr verhassten Wortes geht: Selbstverwirklichung.
Es gibt Anzeichen in meinem Verhalten, die meine Annahme bestärken: Ich rede seltener drumherum. Wenn ich jemandes Verhalten scheiße finde, sage ich: “Dein Verhalten ist scheiße.” Ich warte nicht mehr mit einer gewissen Überbesorgtheit gegenüber der Befindlichkeit meines Gegenübers oder gar einer Verlustsangst auf die Konsequenzen meiner Direktheit, sondern mit einer gewissen Neugierde. Will sich die Person aufgrund von Kritik selbst von mir abseilen, erkenne ich diese Entscheidung fast wohlwollend an, da ich dann weiß, dass ich eigentlich nur einen Parasiten losgeworden bin und keinen Freund. Ich empfinde Freunden gegenüber kein Abhängigkeitsgefühl mehr, kann sie aber dennoch uneingeschränkt lieben, wenn nicht sogar besser, weil unerfüllte Erwartungen keine großartigen Schmerzen und Enttäuschungen mehr in mir bedingen, da ich keine großartigen Erwartungen Freunden gegenüber mehr hege, ich meinerseits dennoch weiter meinen Kodex lebe, der mir in Freundschaften wichtig ist.
Nach einer Ausbildung und einem Studium weiß ich nun endlich genau, was ich beruflich erreichen will. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben kompromisslos für eine Fachrichtung entschieden, hinter der ich 100% stehen kann. All die Jahre verfolgte mich die Angst und die Stimmen einiger, es eigentlich gutmeinender Personen, die mich davon abhalten wollten, zu studieren, wozu ich eigentlich geschaffen bin. Und das, weil sie meine zugegeben etwas überdurchschnittliche Empfindsamkeit schützen wollten. Doch ich bin mir dessen bewusst, dass ich diese Empfindsamkeit in professionalisierter Form gerade in diesem Beruf sehr gut zum Vorteil nutzen kann, dass ich dazu in der Lage bin, hart an mir zu arbeiten, so wie ich – ohne es zu merken – in den letzten Monaten hart an mir gearbeitet habe.
Ich habe ein Ziel vor Augen – endlich ein richtiges Ziel. Und ich sehe sogar, wie ich dieses Ziel erreiche und wie fähig ich dazu bin, es zu erreichen. Selbstbewusstsein ist ein Gefühl, das mir noch fremd ist. Als würde ich in neuen Schuhen stecken, in denen ich noch etwas tapsig rumlaufe und es zu verbergen suche – aber bald werden meine Füße in ihnen einrasten, sich wohlfühlen und der Gang wird leichter, luftiger, zielstrebig sein.
Ich habe erkannt, dass das Leben zu kurz ist, als dass man zuviele Kompromisse eingehen sollte. Es wird eh zu Ende sein irgendwann – und bis dahin will ich den Lebensrahmen, den ich bekommen habe, ausschöpfen.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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