Sade – It’s Only Love That Gets You Through

Heute ist ein seltsamer Tag. Die Sonne scheint seit gestern, als habe es noch nie einen Fast-Weltuntergang gegegeben, oder zumindest gewisse Anlässe, die eines Weltunterganges würdig gewesen wären.

Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass es fast an Perversität grenzt, dass die Welt sich einfach weiterdreht, egal was passiert? Es bekümmert das Leben überhaupt nicht, dass es in jeder Sekunde mehr als tausende von Malen zu Ende geht. Selbst, wenn wir bereit sind, den Tod als etwas Natürliches zu akzeptieren – doch wie kann man die vielen Arten des Sterbens akzeptieren? Wie sollen wir begreifen, dass Leid zum Leben gehört, wenn Leid doch offensichtlich keinen richtigen Sinn macht? Der eine stirbt an Altersschwäche, der andere an einem Herzinfarkt, der andere wird von ein paar Kranken geköpft, der andere wird freiwilliges Opfer eines Kannibalen, viele sterben an Krebs, HIV, einem Unfall – hätte das nicht alles schöner zugehen können? Weniger schmerzhaft? Einfachso wie ein Dahingleiten ins Nichts oder in das Danach (je nachdem, woran man eben glaubt)?

Heute ist ein seltsamer Tag. Solche Gedanken liegen tief, aber sie werden von mir als Bestandteil des Natürlichen akzeptiert. Ich habe einen Waffenstillstand mit dem Leben geschlossen. Wange an Schulter lehne ich mich an die Absurditäten des Lebens und sage: “Oke, Du hast gewonnen. Ich brauche Pause…” – Die Reaktion war ungewöhnlich liebevoll. Die Ruhe in mir wuchs zur Gewissheit, dass meine Annahme, dass eines Tages alles gut wird, nicht so kindisch ist, wie ich all die letzten Jahre immer und immer wieder dachte. Es wird alles gut. Spätestens, wenn dieses Spiel aus Atmen, Bewegung, Wachstum, Verwesung wenigstens für das einzelne Individuum ein Ende genommen hat. Der Tod ist nichts Grausames, denn das Sterben an sich gehört gar nicht zum Tod, sondern nur zum Leben. Wenn Du endlich abgelassen hast von Licht, Sonne, Sehen, Fühlen, Hören – wie leicht muss man sich in dem kurzen Moment fühlen? Wie schön muss es sein, wenn alles plötzlich nicht mehr die übergeordnete Bedeutung hat, an die man sich das ganze Leben geklammert hat? Wenn dieser lächerliche, ich-zentrierte Teil von Dir, einfach den “Geist” aufgibt? Dieser Moment muss wundervoll sein… Akzeptanz von dem, was ist und was immer sein wird, muss das Geheimnis zur inneren Ruhe sein. Nur so wird man Frieden schließen können mit sich, dem Leben, dem, was kommt oder nicht kommt – gleich, was es ist oder nicht ist – es ist einfach wie es ist.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als diese Ruhe länger als nur zwei Atemzüge erfahren zu dürfen, um danach wieder in den alltäglichen, weltlichen Strudel dessen zu fallen, was man hat und nicht hat, was man muss und nicht darf, was man will und nicht kann, wovor man Angst hat und was man liebt. Ich wäre gerne länger befreit von all den Zwangsgedanken und Teufelskreisen, in denen man sich immer und immer wieder findet.

Aber auch das gehört zum Leben… Die Unfähigkeit, sich selbst zu durchbrechen.

Mein Geliebter ist bei mir. Ich meine, wirklich bei mir. Manchmal so nah, dass es weh tut, ihn anzusehen. In solchen Augenblicken der Stille fragen wir uns beide im Grunde immer das Selbe, wenn auch jeder für sich und völlig lautlos: Wie schafft man es, dem anderen noch näher zu sein? Und vorallem warum, wo die Nähe doch jetzt schon weh, aber nur, weil’s nicht noch näher geht. Die Frage bleibt unbeantwortet.

Peyman sagte etwas, das ich einst Dada mal sagte in einem Augenblick, an dem ich ihr (meine) Liebe erklären wollte: “Irgendwann, Baby, kommt man an einen Punkt an, an dem selbst die festeste und verzweifelste Umarmung einfach nicht mehr reicht. Es reicht einfach nicht mehr. Es muss doch noch einen anderen Weg geben…” Ich weiß jetzt, dass er versteht. Und das Gefühl der Dankbarkeit, das mich danach wie ein warmer, cremiger Fluss von Haupt bis Fuß durchlabte, ist Glück. Einfach nur tiefes Glück.

Und auch das gehört zum Leben…