In der Fülle Deiner jugendlichen Gedanken und der Menschen um Dich herum findest Du erst einmal Halt. Du beginnst, jeden philosophischen Gedanken, jede Möglichkeit in Deinem inneren Auge zu kombinieren und meinst, daraus eine neue Welt kreiert zu haben. In Deinem neuen Idealismus fängst Du an, Deine “Theorien” vorsichtig an zu testen. Erstmal bei den weniger Klugen, dann bei dem guten Mittelmaß-Mitmenschen – und wenn es bis dahin recht gut angekommen ist; das heißt, man Dich nicht ausgelacht hat ob Deiner Konstruktionen, gehst Du auf die hellen Köpfe zu. Die hellen Köpfe in der Schule sind nicht die ewig auswendig lernenden Streber, sondern die irgendwie etwas miefenden Skurrilos, die sich von den in Deinen Augen “armseligen” Fashion-Victims abheben und jedem Lehrstoff zum Trotz bis zu zehn plausible Gegenargumente ins Gesicht des Lehrers knallen, um zu zeigen, wie sehr sie sein gefressenes Wissen verachten. Irgendwann merkst Du, dass man nicht richtig liegen kann – also der Wahrheit am nächsten sein kann – wenn man – egal, worum’s geht – eine Antihaltung einnimmt. Also entfernst Du Dich von den Skurrilos und suchst weiter.
Die Odysee ging sehr lange, ohne dass ich es merkte. Ich habe immer wieder Menschen gesucht, bei denen ich mich in irgendeiner Weise gedanklich und emotional zu Hause fühle, aber es hat nur sehr selten geklappt. Manchmal waren die Begegnungen sogar so kurz (aber auch so genussvoll) wie eine Portion Frappucino an einem seltsam verregneten Tag mitten im Sommer – aber wenigstens gab es sie, diese kurzen Raststätten; und man tankte wieder Zuversicht.
Im Laufe meiner Entwicklung habe ich Menschen überbewertet, die es nicht wert waren, “Freund/in” genannt zu werden. Ich fing an, mich zu rechtfertigen, mich zu erklären, alles dafür zu tun, dass sie sich nicht verletzt fühlten aufgrund der Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin. Sogar verbogen habe ich mich, um niemanden weh zu tun, außer Acht lassend die Tatsache, dass man mir weh tat, weil man mich nur unter Bedingungen “akzeptierte”. Ich wollte manche von ihnen sogar auf eine subtile Art “heilen” und ihnen Großherzigkeit beibringen, indem ich ihnen immer wieder die Hand hinhielt, wenn sie Hilfe brauchten, damit sie sehen, dass nicht nur die Freundschaft von Loyalität lebt, sondern das ganze Miteinandersein – und wurde wieder und wieder Zeuge ihrer Versuche, mir ein Messer in den Rücken zu stechen. Und sei es auch nur bei einer dezenten Zurückhaltung in einer Situation, in der sie hätten so hinter mir stehen müssen, wie ich immer hinter ihnen stand oder auch nur die nach Oberflächlichkeit stinkende Unbedachtheit, mit der sie dem Leid begegnen, wenn auch ganz ohne böse Absicht – distanziere ich mich sofort.
Nach dieser langen Suche nach einem “zu Hause” in Freundeskreisen, habe ich einfach akzeptiert, dass ich eine Einzelgängerin bin und immer eine bleiben werde. Ich habe mich mit anderen Einzelgänger/innen zusammen getan, aber ich bin immer eine geblieben. Ich habe lange gebraucht, um das wirklich zu erkennen, weil man Einzelgänger als Menschen kennt, die nicht so sehr von einem großen Garten träumen, in dem es ein großes, weißes Haus gibt, in der jede geliebte Kleinfamilie der Großfamilie lebt und jeder Freund ein Zimmer bewohnte – aber so ist es: Ich bin eine Einzelgängerin.
In der letzten Zeit denke ich sehr ans Auswandern. Die Konstruktion “Deutschland” hat mich nie mehr belastet als in den letzten 3-4 Jahren. Ich dachte immer, ich fühle mich wohl hier; und vielleicht war es auch immer so, aber ich tu’ es nicht mehr. Ich fühle mich nicht mehr sicher hier – und damit das nicht falsch verstanden wird: Es liegt nicht ausschließlich an den “Deutschen”, sondern auch an einigen Ausländergruppen, die mich immer mehr nerven und auf Kosten von Ausländern, die sich hier wirklich eingliedern wollen, ihre “Manieren” und ihre “Kultur” meinen, in pervertierter Form ausleben zu müssen. Auch die Iraner in Deutschland stoßen mich in gewissen Punkten immer mehr ab. Kein Zusammenhalt, keine Offenheit, kein Rückhalt, keine Sicherheit.
Das Land, in das ich auszuwandern gedenke, ist ausgerechnet Hass-Außenpolitik No. 1 oder 2: Amerika. Ausgelöst wurden diese Wünsche von einem Noruz-Video. Die Straßen von sämtlichen Straßen in den USA waren voll von feiernden Iranern, die gemeinsam Neujahr feierten und am letzten Tag des Neujahres in Massen mit ihren Familien Picknick hielten, so wie es seit tausenden Jahren für einige iranische Völker der Brauch ist. Nebenbei liefen amerikanische Reporterinnen herum und interviewten die Massen. Amerikaner feierten mit und beglückwünschten Iraner zu ihrem neuen Jahr und aßen mit. Die Situation kam mir so unglaublich surreal vor, dass mir der Mund offen blieb. Ich lebe seit über 20 Jahren hier – und mir ist soetwas noch nie begegnet – und dann sehe ich diese Art von Offenheit gerade in dem Land, dessen Außenpolitik ich so dermaßen verachte.
Ich habe schon oft gehört, Amerikaner seien dümmer, ungebildeter, ignoranter, furchtbar patriotisch (was mich besonders nerven würde) und dazu sehr oberflächlich. Das war alles für mich Grund genug, um nicht dort leben zu wollen. Auf der anderen Seite frage ich mich inzwischen: Was habe ich von der angeblichen “Nicht-Oberflächlichkeit” der in Deutschland lebenden Menschen (ob nun Ausländer oder Deutsche)? Und was schadet es mir, wenn ich zwar keine tiefe, innige Freundschaft zu der Amerikanerin eingehe, diese mich aber nett anlächelt und mir ein paar nette, vielleicht sogar ernstgemeinte Komplimente an den Kopf wirft, anstatt passend zur grauen Betonlandschaft voller, selbst auferlegter Ignoranz seiner Umgegbung gegenüber durch die Gegend zu laufen? Es schadet mir nichts. Ich bin schon lange nicht mehr irgendwelche Freundschaften aus. Ich glaube, Freundschaft ist wie Liebe – sie fällt vom Himmel und ist plötzlich da – und es liegt dann an den Beteiligten, sie vorsichtig miteinander zu vertiefen.
Bis aber soetwas Wundervolles vom Himmel fällt, soll der Himmel wenigstens blau sein und die Gesichter nicht so abgeneigt. Ich will hier einfach weg… Ich will hier nicht alt werden. Das Leben soll endlich so sonnig und bunt sein wie diese zwei Eisbecher.
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14.04.2008, 23:15
Chello Kabab
Die Fotos sind leider nicht gut geworden, weil es zu dunkel war und ich einfach nicht weiß, wie man das mit den manuellen Einstellungen so macht. Aber so sah unser Tisch gerade aus – ich habe gekocht (persisch), und Peyman hat sich als freiwilliges Opfer angeboten, die “Sache” über sich ergehen zu lassen. Es hat ihm geschmeckt – und er lebt noch. Haha.
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13.04.2008, 19:11
Kartoffel-Herz
Ich weiß, wir befinden uns im Moment in einem Foto-Blog, so wie wir uns auch einige Zeit in einem “Malerei-Blog” befanden. Es tut mir furchtbar Leid, aber es geht fast grad’ nicht anders. Wir wollten essen, haben Kartoffel geschält – und ich wette mit Euch, dieses Herzchen wäre Pepe auf jeden Fall “entgangen”. Er hätte sie geschält und getötet und dann gnadenlos gegessen. Ich habe sie gerettet und sie wenigstens auf einem Foto festgehalten.
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13.04.2008, 11:06
Auf Motivjagd…
An manchen Tagen findet man einfach nicht den richtigen Augenblick, an dem man knipsen muss. Ich habe immer noch Probleme damit, andere Menschen auf der Straße zu fotografieren. Wie soll man das machen, ohne dass sie sich in ihrer Pirvatsphäre gestört fühlen? Und wie soll man natürliche Bilder schießen, wenn man sie vorher fragt, ob man sie fotografieren darf?
Coralita, Martin – wie macht Ihr das?
Hier ein paar Fotos von vorgestern. Ich bin ehrlichgesagt mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Außerdem nervt es mich langsam, dass ich kein technisches Wissen über die Fotografie habe und ich eigentlich ein Mensch bin, der Tutorials meidet wie die Pest, weil ich immer einen “lebenden” Lehrer brauche. Urks. Ich hab’ schon nach Kursen in der Volkshochschule geguckt – für Fotografie & Photoshop und bin fündig geworden.
Diese zwei Damen habe ich gerade noch so versteckt aus dem Auto erwischt. Durch die Scheibe leider nur, deshalb ist die Qualität der Bilder nicht so gut geworden. Zudem waren sie auch sehr weit weg, und ich musste mein Zoom überstrapazieren. (Bilder wie immer zum Vergrößern anklicken)
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Hauptsache, es glitzert, dann ist es auch ein gutes Motiv…
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Hier noch zwei ungemütliche Bilder…
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12.04.2008, 12:16
Tischtennis
Pepe macht sich die ganze Zeit über mich lustig, dass ich jedem erzähle, dass ich im Tischtennis gegen ihn gewonnen habe – 21 zu 18, um genau zu sein. Was weiß ich, wie sehr er damit angegeben hat, dass er vor 15 Jahren im Verein war und sogar an Turnieren teilgenommen und Urkunden gewonnen hat. Ich hingegen kann nur auf eine “Spielplatzkarriere” verweisen, was ich auch sehr trotzig tat. Großkotzig sagt er: “Wenn Dir beim Spiel das Gewinnen am wichtigsten ist, Schatz, dann spiel’ lieber nicht mit mir. Das ist dann nicht so gut für Dein Selbstbewusstsein.” – sein selbstzufriedenes Grinsen danach kann ich nicht beschreiben, das muss man gesehen haben. Eine Pfanne hätte die Sache nicht zurecht rücken können. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Und die einzig gute Rache sah eben so aus, dass ich einfach gewinne. Schlicht und einfach gewinne.
Auf dem Weg zurück nach Hause, kauften wir uns Tischtennisschläger und Bälle. Ohne zu Hause Halt zu machen, damit wir uns wenigstens Sportschuhe anziehen, fingen wir an, zu spielen. Anfangs merkte ich, wie sehr ich eingerostet war. Ich rechnete nebenbei nach, wie lange ich schon nicht mehr gespielt hatte – und das waren wirklich 10 Jahre. Damals schlief ich sogar mit meinem Tischtennisschläger unter meiner Wange ein, der Fußball lag direkt neben meinem Bett und meine Zimmerdecke war schon ganz vergilbt von meinen Sprungübungen für’s Volleyball. Mein ganzes Leben bestand damals aus diversen Team-Sportarten, in denen ich gerade dafür, dass ich ein Mädchen war, extrem glänzte.
Pepe konnte sich das bis jetzt nicht so richtig vorstellen. Nach dem Abi wurde es nämlich immer schwerer, die alte Truppe rauszukriegen und mit ihr draußen zu “spielen”. Die Mädchen haben sich irgendwann gar nicht mehr für’s Teamsport interessiert und die Jungs sind alle umgezogen – also war’s das mit dem Sport. Tischtennis- und Badmintonschläger kamen immer weniger dazu, von mir benutzt und geliebt zu werden – vom Volley- und Fußball gar nicht mehr zu sprechen.
Deshalb dachte Pepe bis gestern, ich würde schlicht und einfach gemäß meiner manchmal auftretenden Macho-Allüren übertreiben. Doch ich konnte ihn schon im Sportgeschäft skeptisch und verwundert gucken lassen, als ich mit meinen dämlichen Stiefeln den Fußball einige male hochgehalten habe, weil ich den Ball mal “antesten” wollte. Die psychologische Angriffsfläche war also aufgebaut durch meinen Umgang mit dem Fußball, der Rest würde bald mit dem Tischtennisschläger geschehen.
Tatort Tischtennisplatte. Wir fingen mit dem Match an. Es dauerte bei uns beiden, bis wir warm wurden, weil wir ewig nicht mehr gespielt hatten – aber dann ging’s los. Egal, wie Pepe die Bälle angedreht hatte, ich versuchte es weiter mit meiner recht einfachen und straighten Spielweise. Ich hasste es, Bälle anzudrehen, da sie das Spiel kaputt machten. Vielen Jungs ging es beim Tischtennis immer darum, schnell zu punkten – ich hingegen liebte es, wenn der Ballwechsel so lang und spannend wie aufrechterhalten wird. Einmal schmetterte ich einen Ball auf seine Seite des Tisches, den er nicht für “schmetterbar” hielt. Er schaute mich daraufhin sehr verwundert an und brachte ein klägliches: “Gar nicht mal so übel, Schatz.” raus. (Das ist das höchste an Anerkennung, die ich in einer Sache kriegen würde, in der er gegen mich verliert).
Wir gingen mit 21 zu 18 aus dem Match – und ich frage mich nun, ob ich je wieder mit ihm Tischtennis spielen soll oder lieber bis ans Ende meiner Tage überall rum erzählen soll, dass ich Pepe besiegt habe. Seine Ausflüchte nach dem Spiel machen es mir natürlich sehr schwer, nie wieder mit ihm zu spielen: “Naja, ich wollte Dich mal gewinnen lassen! Ich konnte Dich nicht einschätzen und wollte noch nicht alles geben. Aber ich weiß ja jetzt, dass Du ein ernst zu nehmender Gegner bist, also spiele ich das nächste Mal auch anders. Wirst schon sehen.” – Diese verdammten Sätze fordern mich und meinen Stolz natürlich heraus. Und so, wie’s aussieht, werden wir heute oder morgen wieder spielen. Was will er sagen, wenn er diesmal verliert? Dass er seine Tage hatte?
Ich kenne meine Ausrede jedenfalls schon: “Na und? Ich bin ja auch ein Mädchen.”
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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