Einmal verhedderte sich meine Halskette an Deinem Pulli, obwohl ich eigentlich nie Halsketten trug, tat ich es an dem Tag, um Dich auf meinen Hals und mein Dekolleté aufmerksam zu machen – so wie auf alles andere, was Du nicht haben durftest. Doch ich hing komplett an Dir fest und kam nicht von der Stelle, dabei hatte ich die Nacht zuvor bis in jede peinliche Einzelheit meinen distanzierten und erhabenen Auftritt Dir gegenüber geplant. Jede Reaktion und jeder Annäherungsversuch, der von Dir kommen könnte, habe ich vor meinem inneren Auge in einer Generalprobe durchgespielt und einen perfekte Defensive dazu entwickelt. Und nach all den peinlich peniblen Gedankenspielen kam das hier dabei raus: Ich hing fest.

Ich tat so, als würde ich mich unberührt darauf konzentrieren, das Problem zu lösen. Du solltest nach diesem Abend an mir hängen, nun hing ich im wörtlichen Sinne an Dir – und Du schienst Dich darüber zu amüsieren. Ich ignorierte Deinen intensiven Blick in mein verlegenes Gesicht völlig, ja völlig – aber nicht genug, verdammt – denn ich errötete. Dein verdammter Geruch, der war das Schuld. Man konnte die Augen schließen oder wegschauen, aber man konnte sich nicht die Nase zuhalten. Das verdammte Teil wollte sich nicht lösen lassen. Ich begann, daran zu zerren und fluchte undamenhaft, dabei wollte ich doch unnahbar wirken, ich Trottel.

Dein Lächeln konnte ich förmlich riechen, so wie ich das Aufgehen einer Blüte in einem dunklen Raum hätte riechen können. Das Verschmitzte, das darin lag, war so unverschämt, dass ich wütend wurde. Ich sah diesem Mund genau an, was Du dachtest: “Wie niedlich. Wie unbeholfen – und alles nur, um so zu tun, als ließe ich sie kalt.” – Das ärgerte mich so sehr, dass ich die Kette ungeduldig aus Deinem Pulli rauszerrte und ausversehen ein Kneuelchen mein Eigen nennen konnte.

“Oh nein…”, fluchte ich. “Ich kauf’ Dir natürlich einen Neuen”, nuschelte ich, schaute Dich aber weiterhin nicht an und fuchtelte an der Kette, als wolle ich sie von der peinlichen Situation befreien und nicht etwa mich. “Wie komme ich da jetzt wieder raus?”, fragte ich mich.

Du kamst näher und wolltest mir helfen. Deine Hand streifte meine Brust. Ich wollte aufschrecken. Anstatt zu denken, dass ich Deine Hand an meiner Brust niemals aushalten würde, nicht hier und jetzt, fragte ich mich fast panisch, ob Du bei dem versehentlichen Darüberstreifen wohl mein Herzpochen gespürt hattest. Ich war der Meinung, dass das erst meinen Plan total zunichte gemacht hätte. Dann wäre der Plan mit der Distanz wirklich komplett dahin gewesen. Ich ließ auf der Stelle meine Kette los, sprang fast zur Seite und sagte: “Oh oke, danke, übernimm’ Du das mal ruhig… Solange… solange hole ich uns etwas zu trinken. Du lächteltest nur weiter verschmitzt. Verdammt, warum warst Du so selbstsicher?

Die Stelle auf meiner Brust, die Du (ausversehen!) gestreift hattest, war noch immer ganz warm, so als ruhte sie noch immer darauf. Ich kämpfte bitterlich mit meiner lebhaften Fantasie (die mir übrigens nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wurde), dass Deine Hand immer noch darauf liegt, aber es klappte nicht. Die Stelle war so warm, dass Deine Hand fast greifbar schien. Ich musste dieses Gefühl loswerden, sonst würde ich mich nicht mehr einkriegen können. “Was mache ich jetzt?” – Ich ließ die Gläser stehen und stürmte “unauffällig” ins Badezimmer, zog mein Oberteil aus und besprenkelte die Stelle, auf der Deine Hand noch immer zu ruhen schien, mit kaltem Wasser. Währenddessen schaute ich in den Spiegel und fragte mich, was zum Teufel ich hier überhaupt am veranstalten war! “Meine Güte, Du bist kein Teeny mehr. Teeny? Teenies würden sich niemals so verhalten wie Du… Du bist echt…”

Ich atmete tief durch, beruhigte mich und kam wieder ins Wohnzimmer, um uns etwas zu trinken zu machen. Ich nahm die Gläser, kam auf Dich zu, ganz nah, schaute hoch zu Dir und überreichte Dir Dein Glas. Du rochst so unglaublich, ich wollte weder Deinen Hals sehen, noch Dein Kinn, noch Deine Hände, schon gar nicht Deine Brust und die Augen waren lebensgefährlich, aber um mit Dir kommunizieren zu können, musste ich wenigstens auf Deinen lächelnden Mund schauen, damit ich noch wusste, was Du gerade dachtest (wie kann ein Mund nur so ausdrucksstark sein?). Du erzähltest irgendetwas, aber ich hörte nicht auf den Inhalt, sondern schaute einfach auf Deinen Mund. Deine Stimme war im Vordergrund, der Inhalt aber kaum noch verständlich in meinem Zustand. Ich schaute ausversehen auf Deinen Hals, erkannte die Gefahrenzone und blickte erneut hoch zu Deinem Mund, um den Blick von diesem Hals abzuwenden. Als mein Blick statt Deinen Mund Deine Augen traf, musst Du Deinen Sieg erkannt haben, denn Du lächeltest plötzlich besonders breit. Als ich mit großen, verwunderten Augen an Deinen haften blieb und irgendetwas stotterte, schienst Du, endlich alles in die Hand nehmen zu wollen. Du nahmst die Gläser und legtest sie weg, ohne Deinen Blick von mir abzuwenden. Dein unverschämtes Lächeln sah so aus, als hättest Du gestern wie ich penibelst geplant – und in Deinen Plänen meine ganzen kindischen Anstalten mit einbezogen. Deshalb warst Du so selbstsicher, nicht wahr? Bevor ich weiter denken konnte, waren meine Augen schon geschlossen und mein Mund an Deinen gekettet…

Hoch lebe meine Unbeholfenheit. Mein Plan war zwar nicht aufgegangen, aber dafür vollständig mein ängstliches Herz…

Romy & Alain