Ich habe einen wundervollen Trick zur Konfliktvermeidung entdeckt: Das Schweigen. Immer wieder komme ich zu diesem Phänomen meiner eigentlich redseligen Persönlichkeit zurück und frage mich immer öfter, ob es nicht vielleicht doch die beste Tugend an schweren Tagen ist, die man sich aneignen kann, um weiteren “Enttäuschungen” vorzubeugen.

Jeder Mensch hat eine Zeit, in der er für seine Verhältnisse unsagbar leidet. Das kann bei einer verhauenen, aber für die Zukunft sehr wichtigen Klausur anfangen und bei dem Verlust eines unendlich wichtigen Menschen aufhören. Und jeder wünscht sich in diesen Zeiten, von seinen Freunden nicht nur im ersten Augenblick aufgefangen zu werden, sondern solange, bis die Belastungen und Schübe von innerem Wahn und Lebensmüdigkeit von einem ablassen, die die Tragik eines Ereignisses und die wie verflucht aufeinander folgenden Katastrophen mit sich bringen können. In solchen Momenten erinnert man sich gerne an die großen Freundschaftsschwüre, die man einander gegeben hat und die man von seinen engsten Freunden immer und immer wieder in nahen, emotionalen Momenten gehört hat. Man baut auf sie. Einfachso, weil man sie glauben will, weil man keine andere Wahl hat.

Das geht meistens einige Zeit lang gut. Vielleicht drei Tage, vielleicht eine Woche, vielleicht sogar zwei Monate. Aber irgendwann haben sich Eure engsten Freunde an Eure Situation gewöhnt. Natürlich haben sie das, weil sie irgendwann aus einer Art “Selbstschutz” oder Egoismus heraus (berechtigt?) aufhören, sich in Dich hineinzuversetzen und kein Gefühl mehr für Deine Belastbarkeitsgrenzen haben. Es kann durchaus sein, dass Du ihnen dann einen Tag vorher von Dingen erzählst, die für sie selber schier unerträglich gewesen wären, aber sie am Tag darauf schon die banalsten Dinge von Dir verlangen, so als seist Du in einer völlig stabilen Situation. Es kann vorkommen, dass sie sich einfach drei Wochen nicht zurückmelden und nicht erreichbar sind. Auch kann es in solchen Situationen zu Grundsatzdiskussionen kommen (nennen wir’s Streit), in denen man Dich ob Deiner “emotionalen Verfassung” anprangert. Einem bleibt dann nur noch eines: Entweder schreien und aggressiv zurückschlagen oder fassungslos mit offenem Mund dastehen und sagen: “Wie kannst Du all das von mir fordern? Wie all das von mir verlangen, wo Du doch meine Situation genauestens kennst?” – Die Enttäuschung ist in dem Moment dann keine Enttäuschung mehr, sondern ein zusätzlicher Schmerz, der Dir den Atem kappt. Warum? Weil Du in dem Moment zu der Erkenntnis kommst, dass Du im Grunde niemanden hast, der wie eine abgeschwächte Form eines mutterartigen Wesens alles dransetzt, dass Du schlicht und einfach nicht untergehst. All die intimen Momente voller Liebesgeständnisse, freundschaftlicher Treueschwüre und pathetischer Kampfansagen gegen die Welt siechen in einem einzigen Augenblick mit Deinem dicken Kloß in Deinem Hals direkt in Deinen Bauch und verhärten sich dort zu bitterem Kummer. Alles fühlt sich an wie purer Verrat. Immer wieder gehen Dir die selben Gedanken durch den Kopf: “Er / Sie weiß doch, was ich gerade durchmache, warum tut er / sie das dann? Bin ich ihm / ihr sowenig wert? Fühlt er / sie mich denn nicht? Was muss ich noch tun, damit er / sie sieht, dass ich einfach nicht mehr kann?”

Cut.

Und hier nun meine phänomenale Lösung: Nun, wir wissen, dass wir unsere Freunde, egal wie sehr sie uns auch enttäuschen (oder auch wie sehr wir sie auch enttäuschen) dennoch weiterhin lieb haben, es geht nicht anders. Genauso wie die Liebe in einer Beziehung lassen sich auch die Gefühle in einer Freundschaft nicht einfach abwürgen. Jahrelange Loyalität und gemeinsames Kämpfen, Bangen und Feiern binden die Menschen aneinander, deshalb sticht der Weg mit dem absoluten Rückzug oder des Kontaktabbruches auch oft ins eigene Fleisch, außer man sieht wirklich nichts Gutes mehr an der Freundschaft.
Der andere Weg? Nun gut: Man fragt Dich, wie es Dir geht und Dir geht’s eigentlich schrecklich? Antworte dennoch einfach mit: “Mir geht’s gut, danke!” Warum mir das hilft? Solange mein Gegenüber der Annahme ist, mir ginge es gut und ich sei normal belastbar, kann ich ob seines “unpassenden” Verhaltens mir gegenüber nicht mehr so eine große, tiefsitzende Enttäuschung verspüren, weil? – Na weil Du Dir dann einreden kannst, dass Dein Gegenüber gar nicht entsprechend auf Dich reagieren kann, wenn er doch nicht weiß, wie es Dir wirklich geht. Die Unwissenheit Deines Gegenübers schützt einmal Dich vor der Enttäuschung der fehlenden Aufopferung, Empathie und letztendlich der “Liebe” in Deiner Freundschaft und dann aber auch Dein Gegenüber vor Deinen möglichen Vorwurfsattacken und Ausrastern – und alles ist paletti.

Ist das nicht eine fantastische Lösung? (Ich nannte sie damals schon “Lächeltherapie”. Geklaut von John aus “Ally McBeal”. Yeah.)