Archiv für Juni, 2008
30.06.2008, 23:43
Das Großstadtkind

Die Menschen hier leben in kleinen, altmodischen Häusern, die einem Großstadtkind viel zu eng vorkommen, viel zu “lachhaft” vorkommen, obwohl es selber nicht merkt, dass die städtische Menschenstaplerei neben- und übereinander ihm viel größere Sorgen und Platzangst verschaffen sollte. Die Menschen hier grüßen einander, einfachso. Sie lächeln dabei. Das Großstadtkind schaut argwöhnisch und misstrauisch um sich, um auch wirklich sicher zu gehen, dass es sich dabei nicht um eine nette Geste eines überfreundlichen Psychopathen handelt, der im Keller einige Leichen versteckt hat und nach einer Neuen – dem Großstadtkind – Ausschau hält. Die Tiere sind hier anders – die Insekten größer. Die äußere Bedrohung scheint angesichts dieses ökologischen Zusammenspiels viel mehr Adrenalin und Angstschweiß zu erzeugen als der tägliche Smog und die hupenden, wildgewordenen Autos, dem das Großstadtkind täglich begegnet und in seine Lunge atmet. Das sich dort festsetzt, die DNA in den Zellen zerstört und irgendwann zu Tumore mutieren lässt. Das Großstadtkind muss sich an all das gewöhnen… Seine Füße baumeln im See, doch es schaut sich um, dass keine Libelle es im Sturzflug angreift. (Dabei hat es dort gar keine entdeckt)

Und dann, doch sehr unverhofft nach all den anstrengenden Eindrücken, das ein Großstadtkind zu verarbeiten hat, entdeckt es eine Szene voller Ruhe. Alte Menschen sitzen auf einer Bank mit der Aussicht auf den größten See in diesem Land – und dies mit einer heiteren Gelassenheit, die ein alter Mensch in der Großstadt vor lauter Existenzangst und tagtäglichen Demütigungen, die man ihm zufügt, indem man ihm einredet, er sei eine Belastung für diese schnelle, großstädtische, industrielle Gesellschaft gleich, was er alles in seiner Jugend geleistet hat – gar nicht kennen kann. Sie unterhalten sich angeregt, voll mit ausschweifenden Gesten, gar nicht in sich gekrümmt, still, steif und nachdenklich – sondern stolz auf das Leben, das sie hatten. Ein Leben außerhalb der Großstadt. Anscheinend ist das gar nicht so schlecht…

Das Großstadtkind lächelt.

18.06.2008, 21:43
Memories
17.06.2008, 15:53
“Früher war alles besser”

Viele sagen, das ist nicht wahr – die Welt war schon immer, wie sie heute ist – dreckig, scheiße, stinkend – und auch mal bunt, liebevoll und schön. Aus der Distanz betrachtet mag das stimmen. Das “Böse” und “Schlechte” scheint zur Eigenregulation der “Natur” zu gehören, damit überhaupt alles so funktioniert, wie es funktioniert. Ohne Polaritäten gäbe es die Wahrnehmung vielleicht nicht, wer weiß? Ich weiß es jedenfalls nicht, ist auch egal, heute habe ich wenig Bock auf den Scheiß, um es ausgiebig genug zu formulieren.

Wie gesagt, aus der “historischen” Distanz betrachtet, mag das stimmen. Aber was ist mit dem individuellen Empfindung innerhalb des eigenen Lebens? Da ist es genau so, wie wir behaupten: Früher war alles besser!

Es ist so: Betrachtet man die Dinge / das Leben in Relationionen innerhalb des eigenen Lebens, muss das Früher schöner und einfacher gewesen sein als das Heute – und das nicht etwa nur, weil unser Gehirn (angeblich) positive Erinnerungen höher bewertet, als Negative, sondern ganz einfach, weil wir früher jung waren und heute das Altern spüren. Das Altern ist nicht nur das Altern und das körperliche Zerfallen an sich, sondern auch die Erfahrung, dass Beziehungen, Freundschaften, Situationen, Schwüre, Prinzipien, Ideale, Familien, große Liebesgeschichten einfach das Klo runtergespült werden können. Früher war alles besser, weil wir früher noch nicht einen so großen Dreckshaufen an negativen Erfahrungen und Erinnerungen intus hatten und die Hoffnung und der Optimismus mehr Platz hatte, als eben heute. Heute, nach einigen Erfahrungen mehr, die man sich am Liebsten erspart hätte, lächelt man in besten Fall über irgendwelche idealistischen Hirngespinste oder wird sogar wütend, dass man je so gedacht hat, wie man gedacht hat.

Früher war alles besser, obwohl sich kaum etwas an den Regeln der Natur und der Gesellschaft geändert hat. Früher in Bezug eines Menschenlebens war aber dennoch besser, weil das Sammelsurium an hässlichen Erfahrungen eben noch zu gering war, als dass eine riesen Portion Hoffnung es nicht hätte vertilgen können. Dass sich Menschen trotz dieser ziemlich kontinuierichen Erfahrung dennoch so sehr an die Zukunft klammern, ist mir ein Rätsel. Ich bin mir ein Rätsel.

Es wird alles gut. Früher oder später. Punkt.

15.06.2008, 16:23
Geschützt: Die Bitch

Dieser Artikel ist durch ein Passwort geschützt.
Um ihn anzusehen, trage es bitte hier ein:


14.06.2008, 14:04
Balkonia

Das hier ist eines der wenigen Bilder von mir, die ich wirklich mag. Ich weiß noch nicht einmal, woran’s genau liegt. Vielleicht ist es die Schrift unten, die dem Bild das letzte I-Tüpfelchen verpasst oder auch der dezent gehaltene Kontrast zwischen weichem Sepia und den knalligen Farben? Oder der Fernglasblick zum Balkon? Als würde es sich um eine Insel handeln? – Keine Ahnung. Ich mag es. Auch, wenn das kaum jemand nachvollziehen kann, ich glaube, außer Peyman fand das Bild niemand so toll wie ich. Haha. (Und man sagt, dass es ein recht guter Urlaubsort ist dieses Balkonien / Balkonia)

14.06.2008, 01:57
~ Schau her ~

Schau’ her, mein Herz -
bitte schau’ mich an.
Ich bin da, hier -
vor Dir -
vollkommen hier.

Ich geh’ nicht weg,
war nie weg -
hab’ keine Angst,
fass’ meine Hand -
fass’ sie hier -
sie hält Dich fest -
vollkommen hier.

Mein Verstand ist begrenzt, mein Herz -
und meine Seele in meiner Brust
in all den Naturgesetzen des Lebens verfangen,
ich kann nicht alles fühlen, wie Du, mein Herz…

Doch manchmal, wenn Du brüllst
und Deine Faust auf Deine bebende Brust
niederfällt,
beben Knochen und Fleisch in mir
und wollen sich
wie Du Dich und Dein Leben
in alle Stücke zerlegen
und mit Dir endlich vergehen…

Schau’ her, mein Herz -
bitte schau’ mich an.
Ich bin da, hier -
vor Dir -
vollkommen hier.

Ich geh’ nicht weg,
war nie weg,
hab’ keine Angst,
fass’ meine Hand -
fass’ sie hier -
sie hält Dich fest -
vollkommen hier.

Meine Schreckensgedanken sind begrenzt, mein Herz -
und meine Leidensfähigkeit nur die eines Mannes,
ich kann nicht alles sehen, wie Du, mein Herz -

Doch manchmal,
wenn Du nichts mehr kannst,
außer atemlos zu schweigen,
und die Last Deiner eigenen Albgedanken,
Dir die Kehle immer enger, immer enger schneiden,
dann nimm’ dieses Messer und zerfleisch mich
an der selben Stelle,
an der es Dir schmerzt,
damit ich wie Du
all die toten Träume zu Grabe trage…

Schau’ her, mein Herz -
bitte schau’ mich an
Ich bin da, hier -
vor Dir – vollkommen hier.

Vollkommen bei Dir…
Schau’ nur her…
Schau’ nur her -
Und niewieder weg.

______________________
Für meine drei Helden
Sherry