Der Regen hatte aufgehört, gegen die Ladenfenster zu schlagen und rann an ihrer Glätte runter und seufzte in den Schlaf. Es war nass-kalt, ein Wetter, wie es unangenehmer hätte nicht sein können. Die Straßen waren leer, zumindest hatten sich die Passanten nach Hause retten müssen, weil die Läden schon längst geschlossen hatten. Mittelgroße Hagelstücke lagen reglos auf dem Boden. Vorhin noch wütend und stark in ihrer Einheit gegen die Welt, lagen sie müde da, seufzend, wie ihre Geschwister Regenguss und Peitschenwind.

Nur sie war nicht nach Hause gegangen und stand dort an der surrenden Straßenlaterne, die gleich nach dem nächsten Windstoß auszugehen drohte. Ein paar Autos fuhren unberührt von Nässe und Kälte vorbei und alle würden sie ein zu Hause finden. “Wie jeder in dieser gottverdammten Stadt”, dachte sie und versuchte sich am flackernden Licht der Straßenlaterne zu wärmen.

Regungs- und emotionslos schaute sie den Lichtern auf der Straße nach. Die Richtung, in der die Autos fuhren, fand sie interessant. Sie riet ihren Ziel und die Wohnanlagen und Häuser, in denen sie wohl leben würden. Wer würde ihnen die Tür öffnen, wenn sie klingelten? Die Frau? Der kleine Sohn? Würde der Hund freudig an der Tür bellen und kratzen und sein Herrchen erwarten? – Auch sie wollte nach Hause, nach Hause in irgendein kleines, enges Zimmerchen, in dem irgendwer auf sie wartete – egal wer, Hauptsache jemand, der ihr half, die nassen, kalten Schuhe auszuziehen und sie im Bett wärmte. Irgendwer, dessen Leben wie zerstört wäre, würde sie eines Tages nicht nach Hause kommen. Doch diese Person gab es nicht, deshalb ging sie nicht in ihr kleines Zimmer.

Sie weiß nicht mehr, wie lange sie da stand, als ihr plötzlich jemand an die Schulter tippte. Erschrocken zuckte sie zusammen und fragte laut – fast aggressiv:

“Was willst Du?
“Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.” Er kramte in seiner Manteltasche und wollte ihr etwas zeigen. Instinktiv schreckte sie zurück aus Angst, er wolle ein Messer oder eine Waffe rausholen.

“Nein, nein. Bitte, haben Sie keine Angst!”, er zeigte ihr sein kaputtes Handy. “Ich stecke nur hier fest und mein Handy ist kaputt. Ich muss die Autopanne anrufen, das ist alles. Haben Sie vielleicht ein Handy? Die Nummer ist kostenfrei, ich muss ihnen nur kurz meinen Standort…”

“Ich habe kein Handy!”, antwortete sie knapp, fast unfreundlich. Niemand konnte Menschen so detailliert beobachten und dabei so wirken, als sei sie vollkommen desinteressiert und voller Verachtung. Sie befahl dann stets ihren braunen Locken, eine Gesichtshälfte zu verdecken, und zwar jene, mit dessen Auge sie jemanden beobachtete. Ihr Kinn reckte sie sehr dezent nach oben, was ihr einen leichten Flair der Arroganz verlieh. Sie beobachtete ihn. Ganz genau. Die Größe, die nassen, schwarzen Haare, die großen, aber ratlosen Hände, die Schuhe, die einem gut gepolsterten Geldbeutel entsprachen, dunkle, lebendige Augen – seltsamerweise warm und freundlich, ganz anders als die der anderen Snobs, die auf der Straße mit ihren Anzügen verkettet mit ihrem Handy “Kaufen Kaufen Verkaufen Verkaufen” brüllten und sich dabei furchtbar wichtig vorkamen.

“Und Kleingeld?”, fragte er beschämt. “Haben Sie vielleicht Kleingeld? Dann könnte ich die nächste Telefonzelle nutzen.”

Sie bekam seine Frage gar nicht mit, so sehr war sie damit beschäftigt, ihn zu beobachten. Er hatte irgendetwas Vertrautes an sich. Ihre Alarmglocken schlugen ihr gegen den Schädel und erinnerten sie daran, was ihr das letzte Mal widerfahren war, als sie das Gefühl hatte, jemand sei ihr “vertraut”.

“Hallo? Lady… Haben Sie Kleingeld?”
“Oh!”, entfuhr es ihr, als sie ihren Gedanken entrissen, wieder zu sich kam. “Kleingeld. Moment, ich schaue mal.” – und kramte in ihrer Jackentasche nach irgendetwas Brauchbarem. Aber sie wurde nicht fündig.

“Es tut mir Leid. Ich hab’ einfach nichts. Ich bin Ihnen wirklich keine große Hilfe.” Ihre Stimme wurde plötzlich weich, so wie Knie weich werden, weil sie zu schlottern beginnen und ihr Gerüst sie nicht mehr halten kann, so ging es ihrer Stimme, weil sie keine Kraft mehr hatte, Verachtung, Skepsis, Misstrauen aufrecht zu erhalten. Es lag nicht an ihm, es lag einfach am Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, die ihren sinnentleerten Alltag füllte. Obwohl sie sich selber von all den Enttäuschungen – ob Freundschaft oder Männer – hart und konsequent losgesagt hatte, bevor sie noch einmal diesen Zusammenbruch von damals erlebte, sehnte sie sich doch nach Nähe, Freundschaft – oder einfach einem Gespräch.

“Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber können Sie mir sagen, warum Sie hier draußen alleine stehen? Möchten Sie nicht nach Hause? Es ist ziemlich kalt.”

“Nach Hause. Nein, nicht jetzt. Ich… Hm.”
“Warten Sie hier auf jemanden?”
“Ich? Auf jemanden warten… Auf jemanden. Nein, ich warte nicht.”, antwortete sie verlegen, so als wäre sie erwischt worden und die Peinlichkeit ihrer Einsamkeit in nur einer Frage und einer unbeholfenen Antwort entlarvt worden.

“Was machen Sie dann hier? Mein Auto werde ich heute wohl nicht mehr retten können. Wir könnten uns ein gemeinsames Taxi besorgen, wir fahren Sie vorher nach Hause.”

“Nach Hause?”
“Ja, nach Hause.”
“Ich will aber nicht nach Hause.”
“Warum denn nicht? Jeder will nach Hause.”
“Ich will aber nicht! Ich will hier bleiben!”
“Was wollen Sie denn hier?”
“Hör’ mal, was geht Dich das überhaupt an? Was willst Du von mir?”, wurde sie nun aufbrausend.

“Ich will gar nichts! Ich wollte nur telefonieren und mein Auto wieder fahrtüchtig machen. Und dann will ich nach Hause!”

“Schön, dann geh’ nach Hause.”
“Und Du?”
“Was ich?”
“Na, und Du?”, schaute er sie jetzt fest an.
“Ich will nicht nach Hause…”, erwiderte sie. “Ich hab’ kein zu Hause…”, flüsterte sie und senkte ihren Kopf. Sich sofort dessen bewusst, was für ein erbärmliches Bild sie wohl abgeben würde, richtete sie ihre Körperhaltung sofort wieder auf und sah ihm direkt, unverblühmt und kampflustig ins Gesicht. “Er hat ein sehr warmes Gesicht. Die Augen sind groß, das Kinn aber markant. Die Narbe da über seiner Oberlippe, woher hat er sie bloß? Naja, die Haare sind etwas zu gegelt, es riecht nach süßem Haarwachs…”

Er trat einen Schritt näher, um ihr Gesicht besser sehen zu können. Als sie einen zurückgeht, ruckte sie die Straßenlaterne. Sie wackelte und gab den Geist auf. Das Licht war nun völlig aus, es war dunkel – aber nach einer kurzen Eingewöhnungszeit sah sie seine Augen wieder funkeln.

“Wieso hast Du kein zu Hause? Bist Du obdachlos? So riechst Du gar nicht.” – Verunsichert über diesen vertrauten und alles durchdringenden Blick, antwortete sie erst einmal nicht. Sie holte tief Luft und dachte, sie bräuchte sie, um wieder ihre Mauern zurechtzusetzen, aber es geschah das Gegenteil: Als sie ausatmete, fielen alle Mauern vor Müdigkeit in eine angenehme Mattheit.

“Ich hab’ schon ein zu Hause, aber da wartet niemand auf mich. Und kann man soetwas dann zu Hause nennen?” Ihre Stimme war das erste Mal völlig klar.

“Verstehe.”
“Ach wirklich?”
“Ja.”
“Das glaube ich Dir nicht.”
“Denk’, was Du willst.”
“Leute mit solchen Anzügen und solchen Autos, solchen Frisuren haben immer irgendeine schöne Frau, die auf sie wartet.”
“Was hat das denn mit dem Aussehen zu tun?”
“Viel.”
“Ginge es danach, würdest Du auch das Kriterium erfüllen, einige Menschen um Dich zu haben, die Dich lieben.”

Sie sah ihn verwirrt an. Sie wollte nicht ihrer Erbärmlichkeit noch eine Blöße geben und nach einem “Wirklich?” aussehen. Deshalb biss sie sich auf die Zunge und lächelte dann gequält.

“So einfach ist das nicht.”
“Genau so sehe ich das auch.”
“Ich habe Träume, weißt Du? Nein, ich hatte sie. Dann wurden sie zerstört.”
“Eine fremde Macht hat sie zerstört?”, fragte er leicht sarkastisch.
“Ach, vergiss’ es, ich wusste, mit Dir kann man nicht reden. Verdammt, was tu’ ich hier eigentlich!”
“Du hast hier an der kaputten Straßenlaterne gewartet, damit jemand kommt und mit Dir redet. So sieht’s aus. Und nun bin ich hier.”
“Du nimmst Dich wohl sehr wichtig, ja?”
“Nein. Aber ich glaube nicht an Zufälle.”
“Ach, nein. Bitte nicht… Ein Manager mit Sinn für Spiritualität und so’n Quatsch.”

Er sah sie nur fest an und sagte nichts.

“Jedenfalls weißt Du jetzt, warum ich nicht nach Hause will. Ich hab’ einfach keins. Und ich will einfach nicht sehen, dass ich keins hab’. Wenn ich “zu Hause” bin, sehe ich aber jede Sekunde, dass ich keins hab’. Und das will ich nicht. Ich bin müde vom… Verdammt!!! Was willst Du von mir?” – sie war so wütend, dass ihre Augen sich zu kleinen, überschwappenden Gefäßen verwandelten! Sie kniff die Augen zusammen und ließ die schweren Tränen frei – froh darüber, dass es wieder leicht nieselte. Sie fror.

“Nach Deiner Definition habe ich auch kein zu Hause.”, lächelte er einwenig gequält. Sie schaute ihn an und war dankbar, dass er wegsah, damit sie ihn ganz ungeniert betrachten konnte. Der Regendunst vermischte sich mit seinem Körpergeruch und stieg ihr in die Nase, die Vertrautheit machte ihr Angst. Es war furchtbar kalt und sie wollte irgendetwas haben, das einem zu Hause ähnelte – hier und jetzt. Er schaute sie noch immer nicht an, seine Hände hingen irgendwie runter, das sah so traurig aus. Sie betrachtete ihre eigenen und merkte, dass auch ihre oft so runterhingen wie die seinen. Elektrisiert von irgendwelchen unaufhaltsamen Anweisungen ihrer Seele, nahm sie einfach seine Hand in die ihre und verglich ihre Hände miteinander. Ihre waren blass und klein, seine waren dunkler und größer, aber beide waren ohne zu Hause. Er sah sie überrascht an und merkte, dass ihr Blick sich nicht mehr senkte, ihre Augen nicht mehr vor seinen flohen. Er spürte, wie sie zitterte – ob der Kälte? Ob der Angst? Er weiß es nicht. Sie wusste es auch nicht, aber als er einfach einen Schritt näher trat und seine große Silhouette ihre Kleine in einer behütenden Umarmung umschloss, ließ sie sich einfach in ihn hineinfallen und weinte. Sie weinte, wie sie lange nicht mehr geweint hatte – wütend und erleichtert, erschüttert und voller zurückgehaltener Geschenke, die sie der Welt eigentlich noch machen wollte. Er hielt sie fest, seine Hand schützend auf ihrem Kopf, die andere schützend an ihrer Tallie. Nach einer Weile von undefinierbarem Glück, sagte er leise, aber bestimmt:

“Lass uns nach Hause gehen… Okay?”

Sie nickte. Ihre Augen noch ängstlich vor der Ungewissheit, aber lächelnd ob der zart aufblühenden Zuversicht – ging sie mit.

“Ja, nach Hause…”