Es riecht nach gebratenem Fleisch. Er kocht in der Küche. Ohne, dass meine Seele Appetit hat, bildet sich der Speichel in meinem Mund, aber ich werde nicht essen. All die Mühe wäre umsonst gewesen, wenn ich jetzt wieder anfangen würde, nach sechs Uhr abends die Sau rauszulassen, nachdem ich vorhin im Fitnessstudio viele hunderte Kalorien verbrannt habe. Der Geruch drängt sich auf, mein Körper vibriert vor Hunger, aber meine Seele bleibt weiterhin träge. Ich beobachte mich; und ich bin erstaunt. Läuft das normalerweise nicht umgekehrt ab? Mein satter Körper horcht auf die Begierden meiner Seele und ergibt sich der Wolllust beim Schlemmen. Schlemmen. Eigentlich passt dieses Wort nicht. Es ist eher eine Art Gaumentanz. Der Genuss trotz Sattheit findet am Meisten mit Süßigkeiten statt. Nicht wahllos, nicht kiloweise, nicht hineinstopfend, sondern sanft, liebevoll, erlesen, liebkosend. Ja, vor allem liebkosend.

Ich war müde, als wir im Fitnessstudio ankamen. Mehrere Hochzeiten stehen in ein paar Wochen bevor, ich wollte unbedingt in ein herausragendes Kleid hineinpassen. Es sollte herausragend sein, damit niemandem auffällt, wie tollpatschig ich in Kleidern und Röcken eigentlich aussehe. Noch immer eher zum “natürlichen” Typ von “Mädchen” zugehörig (ich sollte diese Bezeichnung “Mädchen” auf mich bezogen so langsam aber sicher abstreifen und mich endlich als “Frau” ansehen), komme ich mir in Kleidern und Pumps vor wie ein großer, blonder Mann inmitten von einem Haufen kleiner Chinesen. Jedenfalls: Je herausragender das Kleid, desto bedeutungsloser das unsichere Mädchen – nein, die Frau.

Beim Strampeln hilft mir mein iPod ungemein, obwohl ich dieses Gerät über alle Maßen hasse. Das Einzige, was Apple zu bieten hat, ist eine umwerfende Optik bei all seinen Produkten, wobei ich finde, dass Apple zum ersten Mal beim iPhone sogar bezüglich Optik versagt hat. Mein iPod ist – wie soll es auch anders sein – knallpink wie ein Schimpansenarsch und tut seine Arbeit ganz gut, auch wenn ich jedes Mal die unpraktische Menühaltung verfluche (von der Datei-Übertragungs-Software gar nicht zu sprechen). Ich schweife ab. Lasst mich weiterdenken.

Jedenfalls geschehen beim Sport einige seltsame Dinge, die mir ein vergnügliches Stirnrunzeln bereiten. Ungefähr nach zehn Minuten setzen die ersten trance-artigen Fantasien ein, die mich von einer Etappe in die Nächste schmeißen, ganz so, als würde ich von einem bunten Hügel zum Nächsten springen – und jeden Hügel als eigenartige Welt neu entdecken. Das geschieht mit offenen Augen, doch vor allem mit geschlossenen Augen begegne ich den seltsamsten Situationen. Mal renne ich mit einem Puma um die Wette und lasse mich von ihm in den Dschungel locken (wo dann auch schon die nächste Etappe beginnt), mal fliege ich mit einem Adler um die Wette und verliere wohlwollend alle Zügel aus meinen nichtvorhandenen Federn und lasse mich von ihm aufpicken, auf seinen Rücken werfen und durch seine Welt stürmen. Mal springe ich in die Sonne hinein, die zwar brennend heiß ist, aber mich nicht verbrennt, mal begegne ich geliebten Menschen, die nicht mehr irdisch verweilen, und lasse mich von ihnen in einem Aufstand an Applaus zum Tanzen zwingen und schwingen. Alles in einem Tempo, dass mir fast die Sinne vergehen. Lasst mich die Farben beschreiben… Nein, lasst mich es nicht tun, es wäre hoffnungslos unmöglich.

Mitten in einer Konversation mit einer Flutwelle aus einem goldenen Ozean tippt mir jemand auf die Schulter. Ich erschrecke, schrecke auf, schrecke die Augen auf und sehe Peyman irgendetwas sagen. Sein Mund scheint stumm, ich höre ihn nicht. Bis mir einfällt, dass die Stöpsel von meinem iPod noch in meinen Ohren hängen. Ich pocke sie raus, sage atemlos “Hm?” und ernte ein lobendes Nicken.

“Schatz, Du bist über eine Stunde auf Schwierigkeitsstufe 7 gebiked. Willst Du nicht langsam aufhören?”

Erstaunt stelle ich fest, dass die Welt außerhalb der allgemein Bekannten, soetwas wie Zeit gar nicht kennt. Wir fahren nach Hause – und nach der Dusche liege ich matt und fast vom Schlaf geküsst im Bett. Es riecht nach gebratenem Fleisch, mein Körper wacht auf – und ich beginne zu schreiben.