Archiv für August, 2008
29.08.2008, 00:57
Mein bester Freund

Viele Menschen sagen, wenn man verliebt ist, sieht man die Welt auf Rosa-Roten Wolken – und alles scheint gut und schön zu sein. Egal, wie widerwärtig auch manche Menschen sind – denkt man -, sie haben einen guten Kern und “brauchen doch nur Liebe”. Ich glaube, ich gehörte einst zu diesen wirklich dumm-naiven Menschen, die dachten, eine Umarmung – eine wirklich innige Umarmung – würde selbst einem fremden, gemeinen Menschen mit zweifelhaften Ambitionen und Bedürfnissen das Herz öffnen und ihn verändern. (Und wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich das insgeheim immernoch. Das werde ich wohl nie abstreifen können. Aber wenigstens kann ich mich bewusst bremsen.)

Aber – und ich muss mich hier mal stoppen, denn ich wollte auf etwas anderes hinaus – das, was mir Peyman beigebracht hat, war eben nicht dieses Rosa-Rote, sondern etwas Anderes: Nämlich “Vernunft”, das Maßvolle (in jeder Situation), das Wissen um die Pflicht, sich selbst zu schätzen und zu schützen und seine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Er hat mir gezeigt, wie sehr mir diese naive und blauäugige Sicht auf die Menschen geschadet hat. Er hat sich den Höhepunkt meiner Dummheit mit ansehen und miterleben müssen, immerwieder mit-erleiden müssen, wie ich mich verausgabte für Menschen, die nicht einmal ihren Abfall mit mir geteilt hätten – bis ich komplett den Glauben an alle verloren hatte.

Peyman sagte zu jener Zeit: “Du darfst Dich nicht so blindlings aufopfern, um danach so enttäuscht und verletzt sein, dass Du Deinen kompletten Glauben an die Menschheit verlierst. Du brauchst die Menschen weder zu hassen und meiden, noch allen Deine Aufmerksamkeit und Liebe geben (auch, wenn Du sie für Dich lieben kannst). Du musst sie als das sehen, was sie sind. Weder engelhaft, noch abgrundtief böse. Rechne immer damit, dass die wenigsten Menschen so sind wie Du oder Deine Eltern. Die meisten Menschen sind plump, suchen nur nach der Befriedigung ihrer kleinkarrierten und sehr körperlichen Bedürfnisse und verschwenden wenig Gedanken an Ehre, Dankbarkeit, absolutes Einssein als Freunde, als Team, als Liebespaar und als Familie. Berücksichtige das, bevor Du Dich aufopferst. Wenn Du es weiterhin tun willst, dann erwarte nichts. Sei Dir gewiss, dass einige der Menschen gehen werden, wenn Du ihnen nicht mehr nützlich bist – aber einige bleiben auch. Wenn Du aber ein Minimum an Menschlichkeit forderst und erwartest, dann such’ Dir die Menschen, denen Du Dich widmest, sehr gut aus.”

Vielleicht hatten wir in der turbulenten Zeit, in der wir uns kennenlernten, keine Chance für das Rosa-Rote. Vielleicht habe ich das manchmal bedauert. Peyman kam – und schon waren wir dabei, meine Vulkanausbrüche in- und außerhalb von mir zu löschen. Ein ständiger Kampf. Als sei er nur gekommen, um mich aus der damaligen Misere rauszuholen. Das hat nur geklappt, weil wir vom ersten Tag an wussten, dass wir einander niewieder loslassen wollen – auch, wenn wir die anfängliche Unbeschwertheit, die jede frische Liebe ausmacht, nicht hatten. Jede andere Liebe hätte das nicht verkraftet. Und was das ist, ist so ein Ungeheuer, dass ich nicht mehr daran denken will.

Wir werden nun bald einen neuen Weg beschreiten. Ich habe zwar viele meiner “Freunde” abgestreift, aber dafür den besten Freund gewonnen, den man sich vorstellen kann: Meinen Mann.

19.08.2008, 23:09
Denn er wusste nicht…

Heute musste ich ständig an den ungefähr 19 jährigen Jungen denken, den ich vor neun Monaten bei einem McDonalds-Besuch mit meinen Geschwistern hinter uns mit dem Handy am reden hörte. Er war ein recht unwissender, sorgloser Türke, der wie jeder andere Jugendliche Autos, Haargel und Mädchen im Kopf hatte und Autoritätspersonen gerne seine Paroli bot.

Während meine Geschwister und ich über die Lautstärke seines Telefonates ersteinmal die Augen rollten, um uns dann weiter unserem Essen und unserer Unterhaltung widmeten, ließ uns ein Satz des Jungen synchron erblassen und die Ohren spitzen in der Hoffnung, wir haben uns verhört.

Der Junge erzählte seinem Kumpel am Telefon in einem Ton, der uns erahnen ließ, dass er einfach noch nicht wusste, was auf ihn zukommt, dass er wegen seines stärkeren Hustens zum Arzt gegangen sei und er ihn in die Uni-Klinik geschickt habe.

“Ja, ich hab’ ‘nen Tumor inner Lunge. Nicht sehr groß, nix wildes… Glaub 3-4 Zentimeter oder so hat der Arzt gesagt. Muss jetzt nochmal ins Krankenhaus und da mit dem Arzt richtig sprechen, damit die dat rausholen. Und was geht bei Dir? Hast Du Özlem noch gesehn’?”

Mir ist das Essen im Hals stecken geblieben. Der Junge hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung darüber, was für eine aggressive Krankheit er sich angeraucht hatte. Lungenkrebs. Eines der aggressivsten Krebsarten, die es gibt. Und eines der Grausamsten.

Heute dachte ich die ganze Zeit an ihn. Was er wohl jetzt macht, ob er sehr leidet, ob er operiert wurde oder es aussichtslos war? Ob er schon tot ist oder gerade dabei ist, zu sterben. Was hat er gedacht, als er bei seinem zweiten Gespräch mit dem Arzt gemerkt hat, dass die Krebsart, die er hat, nur eine Heilungschance von 20% hat? – Ich werde es nie herausfinden. Mein Herz und meine Fantasie bemühen sich mit Druck und Kraft um ein Happy End – doch mein Verstand weiß es besser.

Ich scheiße auf dieses Leben!

15.08.2008, 23:36
Haben

Wenn ich in den letzten Jahren etwas “gelernt” habe, dann das, dass wir nichts haben. Nichts gehört uns, nichts hält ewig (in der selben Form), nichts bleibt, nichts ist beständig, nichts gehört mir – nicht einmal dieser Körper – und wenn es eine Seele nach meiner Definition geben würde, so würde nicht einmal diese mir gehören.

Auf dem ersten Blick scheint das ein sehr erschreckender Gedanke zu sein – denn das hieße, dass nicht einmal meine Gedanken, meine Entscheidungen, mein Wille – ob frei oder determiniert (wie ich denke) – mir gehören würden. Nicht einmal “meine” Familie, mein Mann, mein Kind (sollte ich eines haben irgendwann) würden mir gehören. Alle existenziellen Fundamente, auf denen ich mit meinen nicht-mir-gehörenden-Füßen stehen würde, wären gar nicht existenziell, weil in der Form als “mir-gehörend” gar nicht erst existent.

Wahnwitzig. Was einem im ersten Moment fast wie giftige Panik in Gelb durch die Adern schießt bei dem Gedanken, kann einige Momente später und viele Gedankenspiele tiefer die Befreiung von allen Ängsten bedeuten.

Ich war vorhin komplett angstlos, obwohl ich nichts besaß; oder bessergesagt, weil ich nichts besaß; oder noch bessergesagt, weil ich mir dessen bewusst wurde, dass ich nichts besitze. Und als ich aus der ungewohnten Gedankenschiene wieder raus in die Alte gelangte, fühlte ich mich trotz der sich wieder aufbauenden Verlustängste wieder pudelwohl bei dem Gedanken, so unendlich viel zu haben, trotz des Wissens, all das zu verlieren (in Zukunft) – obwohl’s ja gar nicht mir gehört.

Aber hier hatten wir angefangen, lassen wir das lieber. Ich suche immerhin nach einem Ende dieses Blogeintrages.

09.08.2008, 11:11
Alltagsromantik

Es ist eine schöne Erkenntnis des Lebens, auf die altbewährte, alle Mädchen seufzen lassende Romantik nicht nur verzichten zu können, sondern sie wohlig abstreifen zu wollen, nachdem man die Alltagsromantik kennengelernt hat.

Wir seufzten und jauchzten bei roten Rosen, Kerzenlicht und groß-wortiger Poesie – weißen Hochzeitskleidern und dem anstandslosen Edelmut eines Prinzen; doch die “Realität” machte mir diesmal keinen Strich durch die Rechnung, sondern ließ mich all das beiseitelegen, was uns Hollywood beibrachte.

Was ist nun ‘Alltagsromantik? Morgens leise, aber minutenlang geküsst und gestreichelt zu werden – ganz heimlich und in der Hoffnung, die Liebste wacht dabei nicht auf und kriegt dennoch den Fluss an Zärtlichkeit ab, mit der man sie zum Aufblühen und Glücklichsein begießen will. Beim ersten Biss am Essenstisch kurz und fast geschockt innehalten und die Liebste ungläubig anschauen, weil man(n) nicht fassen kann, wie etwas so gut schmecken kann. Auf ein “Ich liebe Dich” mit dem Fall in die Tiefe der eigenen Gedanken zu antworten und dann nach langem Überlegen zu sagen: “Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll, was dem würdig wäre, was Du mir gerade gesagt hast…” Nicht an einem vorbeigehen können, ohne ihn/sie auf irgendeiner Weise berührt zu haben – ganz wortlos. Beim Autofahren die Hand der Liebsten nehmen, immer dann, wenn man die Kupplung auf langen Autobahnfahrten nicht mehr braucht. Die Handtasche der Liebsten halten – egal, wie idiotisch Man(n) dabei auch aussehen mag – damit sie alle Hände frei hat, um mit ihren Freundinnen rumhüpfen kann…

Ich habe soviele andere Beispiele. Beispiele von “Alltagsromantik” von einem Mann, der tatsächlich nur wenig Sinn für die “Klischeeromantik” hat. Und wisst Ihr was? Ich bin verdammt froh darüber. Klischeeromantiker mit ihren gegoogleten Gedichten und dem Zimmer voll von Kerzen, die die Frau am Ende mit Wachs auf dem Teppich belohnt bekommt, wären damals schön gewesen, doch heute, da die Realität sich wenigstens in diesem Fall als viel schöner entblättert hat, als im Ideal, will ich nichts anderes als die Realität – und nicht das Ideal.

Meine Dada hat gestern geheiratet. Gestern standesamtlich – und heute wird’s die große Feier geben. Ich hätte nie gedacht, dass ich dabei tatsächlich sentimental werden würde. Ich fand’s immer kindisch, auf Hochzeiten zu weinen. Aber als ich als Trauzeugin neben ihr saß und sie “Ja” sagte, passierte es leider doch. Aber ich weiß nicht, warum.

Dada. Sie beobachtete Pepe und mich sehr oft und meinte prompt: “Er ist so romantisch…” – Wirklich niemandem wäre das aufgefallen. Jedem fällt auf, dass er mich sehr liebt. Aber romantisch? Nicht im populistischen Sinne. Niemand käme bei ihm auf “romantisch”, pathetisch, poetisch. Aber Dada sieht halt mehr. Sie sieht das Wesentliche. Wie immer.