Heute musste ich ständig an den ungefähr 19 jährigen Jungen denken, den ich vor neun Monaten bei einem McDonalds-Besuch mit meinen Geschwistern hinter uns mit dem Handy am reden hörte. Er war ein recht unwissender, sorgloser Türke, der wie jeder andere Jugendliche Autos, Haargel und Mädchen im Kopf hatte und Autoritätspersonen gerne seine Paroli bot.

Während meine Geschwister und ich über die Lautstärke seines Telefonates ersteinmal die Augen rollten, um uns dann weiter unserem Essen und unserer Unterhaltung widmeten, ließ uns ein Satz des Jungen synchron erblassen und die Ohren spitzen in der Hoffnung, wir haben uns verhört.

Der Junge erzählte seinem Kumpel am Telefon in einem Ton, der uns erahnen ließ, dass er einfach noch nicht wusste, was auf ihn zukommt, dass er wegen seines stärkeren Hustens zum Arzt gegangen sei und er ihn in die Uni-Klinik geschickt habe.

“Ja, ich hab’ ‘nen Tumor inner Lunge. Nicht sehr groß, nix wildes… Glaub 3-4 Zentimeter oder so hat der Arzt gesagt. Muss jetzt nochmal ins Krankenhaus und da mit dem Arzt richtig sprechen, damit die dat rausholen. Und was geht bei Dir? Hast Du Özlem noch gesehn’?”

Mir ist das Essen im Hals stecken geblieben. Der Junge hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung darüber, was für eine aggressive Krankheit er sich angeraucht hatte. Lungenkrebs. Eines der aggressivsten Krebsarten, die es gibt. Und eines der Grausamsten.

Heute dachte ich die ganze Zeit an ihn. Was er wohl jetzt macht, ob er sehr leidet, ob er operiert wurde oder es aussichtslos war? Ob er schon tot ist oder gerade dabei ist, zu sterben. Was hat er gedacht, als er bei seinem zweiten Gespräch mit dem Arzt gemerkt hat, dass die Krebsart, die er hat, nur eine Heilungschance von 20% hat? – Ich werde es nie herausfinden. Mein Herz und meine Fantasie bemühen sich mit Druck und Kraft um ein Happy End – doch mein Verstand weiß es besser.

Ich scheiße auf dieses Leben!