Viele Menschen sagen, wenn man verliebt ist, sieht man die Welt auf Rosa-Roten Wolken – und alles scheint gut und schön zu sein. Egal, wie widerwärtig auch manche Menschen sind – denkt man -, sie haben einen guten Kern und “brauchen doch nur Liebe”. Ich glaube, ich gehörte einst zu diesen wirklich dumm-naiven Menschen, die dachten, eine Umarmung – eine wirklich innige Umarmung – würde selbst einem fremden, gemeinen Menschen mit zweifelhaften Ambitionen und Bedürfnissen das Herz öffnen und ihn verändern. (Und wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich das insgeheim immernoch. Das werde ich wohl nie abstreifen können. Aber wenigstens kann ich mich bewusst bremsen.)

Aber – und ich muss mich hier mal stoppen, denn ich wollte auf etwas anderes hinaus – das, was mir Peyman beigebracht hat, war eben nicht dieses Rosa-Rote, sondern etwas Anderes: Nämlich “Vernunft”, das Maßvolle (in jeder Situation), das Wissen um die Pflicht, sich selbst zu schätzen und zu schützen und seine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Er hat mir gezeigt, wie sehr mir diese naive und blauäugige Sicht auf die Menschen geschadet hat. Er hat sich den Höhepunkt meiner Dummheit mit ansehen und miterleben müssen, immerwieder mit-erleiden müssen, wie ich mich verausgabte für Menschen, die nicht einmal ihren Abfall mit mir geteilt hätten – bis ich komplett den Glauben an alle verloren hatte.

Peyman sagte zu jener Zeit: “Du darfst Dich nicht so blindlings aufopfern, um danach so enttäuscht und verletzt sein, dass Du Deinen kompletten Glauben an die Menschheit verlierst. Du brauchst die Menschen weder zu hassen und meiden, noch allen Deine Aufmerksamkeit und Liebe geben (auch, wenn Du sie für Dich lieben kannst). Du musst sie als das sehen, was sie sind. Weder engelhaft, noch abgrundtief böse. Rechne immer damit, dass die wenigsten Menschen so sind wie Du oder Deine Eltern. Die meisten Menschen sind plump, suchen nur nach der Befriedigung ihrer kleinkarrierten und sehr körperlichen Bedürfnisse und verschwenden wenig Gedanken an Ehre, Dankbarkeit, absolutes Einssein als Freunde, als Team, als Liebespaar und als Familie. Berücksichtige das, bevor Du Dich aufopferst. Wenn Du es weiterhin tun willst, dann erwarte nichts. Sei Dir gewiss, dass einige der Menschen gehen werden, wenn Du ihnen nicht mehr nützlich bist – aber einige bleiben auch. Wenn Du aber ein Minimum an Menschlichkeit forderst und erwartest, dann such’ Dir die Menschen, denen Du Dich widmest, sehr gut aus.”

Vielleicht hatten wir in der turbulenten Zeit, in der wir uns kennenlernten, keine Chance für das Rosa-Rote. Vielleicht habe ich das manchmal bedauert. Peyman kam – und schon waren wir dabei, meine Vulkanausbrüche in- und außerhalb von mir zu löschen. Ein ständiger Kampf. Als sei er nur gekommen, um mich aus der damaligen Misere rauszuholen. Das hat nur geklappt, weil wir vom ersten Tag an wussten, dass wir einander niewieder loslassen wollen – auch, wenn wir die anfängliche Unbeschwertheit, die jede frische Liebe ausmacht, nicht hatten. Jede andere Liebe hätte das nicht verkraftet. Und was das ist, ist so ein Ungeheuer, dass ich nicht mehr daran denken will.

Wir werden nun bald einen neuen Weg beschreiten. Ich habe zwar viele meiner “Freunde” abgestreift, aber dafür den besten Freund gewonnen, den man sich vorstellen kann: Meinen Mann.