Nur ein Stück trockenes Brot mit Käse und zwei Oliven waren es, die mir zeigten, wie man mit Einfachem ein Festmahl feiern kann. Nur ein halbes Glas kalte Milch hatte ich noch, die goss ich mir ein und aß und trank wie eine Königin – nein, noch viel prächtiger: Ich aß wie ein Bettler, der nach langer Zeit das erste Mal wieder essen durfte. So, wie an jenem Abend, aß ich niewieder…
Das ist ein Tagebucheintrag von vor acht Jahren. Meine Eltern und Geschwister waren vereist, also war ich auf mich allein gestellt. Zu jener Zeit war ich oft sehr vertieft in meine Gedanken. Anders als heute – viel lebendiger, nicht so oberflächlich. Heute denke ich viele Gedanken nur mit dem Kopf, damals musste ich die sie erfahren, fühlen, schmecken, solange ausreizen, bis ich sie von grundauf verstanden hatte. So kam es manchmal vor, dass ich Tage lang nicht raus ging, weil ich mit einem Gedanken spielte. Meine komplette, innere Welt konnte sich verändern, wenn ein Gedanke bei ihm zu Gast war, den es galt, auszukosten.
Einmal riss mich ein heftiger Hunger aus meiner Vertiefung. Ich stürzte mich fast wie gedrängt zum Kühlschrank, riss ihn auf und sah… Nichts. Nichts – wirklich nichts. Nur ein Stück harter Käse, ein paar Oliven im Glas, ein halbes Glas kalte Milch und im Ofen ein Stück trockenes Mischbrot, das ich vor Tagen beim Aufwärmen im Ofen vergessen hatte. Es war abends – und die Geschäfte hatten alle geschlossen. Ich packte mir das Brot, die Scheibe Käse, die Oliven, das halbe Glas kalte Milch und biss rein. Ich biss herzhaft rein – und es knackste und bröselte, so trocken war das Brot. Der Käse war hart – und es gefiel mir. Ich war so dankbar um jedes Bissen, das meine Kehle reizte und um jeden Schluck Milch, der sich an meinen Magen schmiegte – alles in meinem Mund fühlte sich so rund an, so vollkommen. Ich kann’s noch heute nicht beschreiben.
Nach dieser Erfahrung damals fing ich an, heimlich etliche Packungen Toast zu kaufen mit Käse, Salami und Wurst. Wie besessen bereitete ich eine Sandwich-Komposition nach der anderen zu, steckte sie in eine große saubere Tüte und ging damit durch die Stadt. Jedesmal, wenn ich einen Obdachlosen sah, reichte ich ihm ein bis zwei Sandwiches und ging sehr schnell weg, weil mir ihr Strahlen in den Augen zwar das Herz in der Brust vor Glück zerspringen ließ, aber ihre Dankbarkeit mir unangenehm war. Und jedesmal, wenn ich – nachdem ich ihnen ein Sandwich gegeben hatte und ging – um die zwanzig Schritte von ihnen entfernt war, blieb ich kurz stehen, hielt inne und stellte mir genüsslichst vor, wie die Person in sein Sandwich reinbeißt und es genauso als vollkommen und wunderbar lecker empfindet wie ich damals das trockene Stück Brot mit hartem Käse.
Noch heute – acht Jahre später – mache ich das manchmal noch… Ich bereite Sandwiches vor, verteile sie und bleibe stehen und denke lächelnd an dieses Festmahl von einst.
21.09.2008, 10:22
Traumszenen
Ich träume ja täglich, das ist bei mir nichts besonderes, aber ich erinnere mich meistens auch an die Träume. Normalerweise kann ich sie inzwischen schon deuten. Die hier haben aber nochmal Verwirrung bei mir hinterlassen, wenn sie dann doch irgendwie typisch für mich sind und auf meine Persönlichkeitsstruktur passen.
1. Szene: Ich war in einem Raum mit 20 Schlägerweibern, die nur eines wollen: Ärger. Die Anführerin von ihnen schien richtig Lust zu haben, sich mit mir zu prügeln. Ich hatte keine Angst, aber ich fühlte mich unwohl, denn ich wusste, dass ich mich gleich mit einer Frau prügeln würde, von der ich nicht wusste, inwieweit ihre natürliche Hemmschwelle in Sachen “Verletzungen zufügen” überhaupt noch intakt war. Andererseits wollte ich auch keine Frau schlagen, weil ich aus Erfahrung wusste, dass ich stärker bin als die meisten Frauen, aber eben nicht so stark wie ein Mann. Ich stellte mich darauf ein, dass ich genauso ohne Hemmungen zuschlagen musste wie sie, wenn ich wieder heil aus der Situation raus wollte.
Sie kam schnell auf mich zu – gleich mit einem Holsstuhl in den Händen – und schlug auf mich ein. Ich konnte den Stuhl greifen und wegwerfen. Ich war plötzlich total blind vor Wut (wie Hulk), packte sie (ich weiß nicht mehr wohin) und schmiss sie einfach auf den Boden. Sie stand wieder auf, diesmal hatte sie eine Axt in der Hand und wollte hemmungslos auf mich einschlagen. Irgendwie wehrte ich ab und konnte die Axt wegwerfen. Der Gedanke, diese Axt selber zu meiner Verteidigung zu nutzen, kam mir erst gar nicht. Ich zog meinen Stiefel aus und schlug mit ihm einmal auf ihren Rücken und auf ihre Oberarme. Sie lag überraschenderweise sehr schnell müde und kaputt auf dem Boden nach der Attacke. Ich hatte vorgehabt, weiter zuzuschlagen, doch als sie da so lag, packte ich sie einfach an ihren Oberarmen, zog sie hoch, setzte sie auf den Stuhl und zog ihr T-Shirt aus. Ich sah furchtbare Wunden auf ihrem Körper. Narben, blaue Flecken, Prellungen. Und unter jeder stand ein Name oder ein Hinweis geritzt:
“Das hier war Papa, ich war kein gutes Mädchen.” stand auf der größten Narbe.
“Das hier war meine Liebe. Ich war wieder kein gutes Mädchen.”
Es ging immer weiter, sogar ihre Schwester und ihre Mutter waren in ihr eingeritzt. Mein Herz muss in dem Moment sofort zerbrochen sein, denn ich fing an zu weinen, warf meinen Stiefel weg, während sie ihren Kopf schützen wollte, weil sie dachte, ich würde wieder zuschlagen – doch ich nahm sie in den Arm, wiegte sie darin und weinte furchtbar. Sie war irritiert. Noch irritierter war sie, als ich ihre Narben anfing, zu küssen und die ganze Zeit sagte “Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, wir bringen das wieder in Ordnung. Du wirst sehen.” Plötzlich platzte etwas in ihr auf, ihre Tränen liefen ungehemmt, ein paar ihrer Wunden gingen auf und der Eiter floss stetig heraus. Ich deutete das als gutes Zeichen.
2. Szene: Diese Szene war wirklich psycho. Ich war Beobachterin (worin ich wirklich Glück gehabt habe, weil ginge es hier um mich, ich wäre noch verstörter aufgewacht, als jetzt). Ein Mädchen war in einem dunklen Raum eingesperrt. Sie saß zusammengekauert in einer Ecke und versteckte ihr Gesicht die ganze Zeit zwischen ihren Beinen. Sie wollte keinesfalls irgendwo hinsehen. Ich erkannte sie. Ein Film spielte sich in meinem Kopf. Sie war auf einer Party und wurde die ganze Zeit von einem anderen Jungen beobachtet. Nicht typisch gesellig beobachtet, wie bei einem Jungen, der überlegte, wie er ein Gespräch anfangen konnte, sondern richtig intensiv mit Röntgenblick in ihr Seelenleben.
Sie saß noch immer da, völlig zusammengekauert. Ich sagte nichts, denn ich war nur Beobachterin. Ich sah aus dem Fenster und erschrak. Vor ihrem Fenster waren ihr Bruder (das wusste ich einfach), ihre Mutter, ihre Familie gefoltert und geschlagen an irgendeinem Stein befestigt und litten demonstrativ. Ich merkte, dass es sich dabei um Doubles handelte, aber nicht um ihre eigene Familie. Doch aus der Entfernung und unter den zermürbten Nerven, die sie hatte, dachte sie jedesmal, wenn sie nach vorne sah, dass ihre Familie dort vor Qualen am Sterben war. Sie schaute nach vorne und schrie wieder auf, weinte, versteckte ihr Gesicht und sagte “Was soll ich tun… Was soll ich tun, was willst Du von mir?”
Ich fragte mich die ganze Zeit, warum sie wie angewurzelt da saß, während sie denken musste, dass ihre kleine Schwester gerade von irgendeinem Psycho das Auge rausgenommen bekam (Ich gehe auf die Folterdetails nicht mehr ein, sie haben mich im Traum seltsamerweise nicht berührt, weil ich wusste, dass das alles inszeniert worden ist und die Doubles selber mit zum schrecklichen Plan gehörten, dieses Mädchen im Raum völlig zu zermalmen) – aber sie war wie gelähmt vor Angst.
Als sie sich rühren wollte, um zaghaft die Entscheidung zu treffen, vielleicht doch wieder einen Versuch zu unternehmen, ihre Familie zu retten, schaute sie ängstlich aus ihren Händen heraus und sah sich um. Ich erkannte in dem Moment, dass sie sich in ihrem eigenen Zimmer befand, das nur völlig verändert war. Dunkel, schmutzig, feucht – kerkergleich mit seltsamen Tieren aller Art, die an ihr, ihren Klamotten, ihren Hautschüppchen nagten und sich dann gegenseitig auffraßen. Alles war trostlos, kahl, zerstört. Sie hörte ihre Familie stöhnen und weinte wieder, wollte sich aber unbedingt zusammenreißen, ihre letzten Kräfte sammeln und aufstehen. Als sie das tat, sah ich hinter ihr hinter einer Glasscheibe ein abgrundtief heftig hässliches Gesicht, das eine Haut hatte wie aus einer Mischung von einem Insekten und eines Reptils. Seine grinsende Fratze hatte längliche, spitze Zähne und seine Augen – die waren am eindrucksvollsten und schrecklichsten – waren groß, leer und mit einem weißen, milchigen Schleier. Dieses Gesicht, obwohl es hinter einer dicken Glaswand war, hielt dieses Mädchen völlig in Schach. Sie starrte diese Fratze an und ließ sich von ihr bezwingen, sich nicht zu rühren. Sie blieb wie angewurzelt sitzen, zuckte nicht einmal mit ihren Gesichtsmuskeln, wagte nicht, zu weinen, hielt die Luft an, starrte in seine Augen und tat nichts. Kurz wollte ich sie berühren, um zu sehen, ob sie zur Statue er-”blasst” war, doch selbst ich traute mich nicht mehr, mich zu rühren.
Doch nach einigen Augenblicken sagte ich ganz leise: “Er ist hinter einer dicken Wand, ihn gibt es glaube ich gar nicht. Dein Zimmer ist bunt, ich habe es gesehen und Deine Familie da draußen, das sind nur Doubles. Der böse Junge, der Dich beobachtete und Dir das Leben zur Hölle machen wollte, das bist Du selbst. Bitte tu’ was gegen Dein Ungeheuer in Dir – Deine Angst.” – Sie hörte mit großen Augen zu und sah mir nach, als ich die Szene verließ. Ich hoffte, sie würde es schaffen.
3. Szene: Ich stand auf einer großen Straße, die Kreuzung muss riesig gewesen sein, es stand für Fußgänger grün und die Massen wechselten die Straßenseite. Mittendrin – humpelnd mit seinem Stock – sah ich Dr. House. Mich packte plötzlich eine unglaubliche Zuneigung zu ihm und ich war mir sicher, er würde mir noch eher helfen können als Gott selbst, weil er wenigstens helfen wollte. Ich lief auf ihn zu – lief und lief – und sprang ihm in die Arme und umklammerte ihn mit Händen und Füßen. Ich gab ihm einen sehr dicken Kuss auf die Wange und fragte:
“House, Du kannst uns doch helfen, oder? Uns diesen einen Wunsch erfüllen, oder? Da ist doch nochwas zu machen? Wenn das jemand kann, dann Du, nicht wahr?”
Er ließ mich runter, kniff mir in die Wange, lächelte traurig und sagte: “Nein, Sherry. Manche Dinge kann nicht einmal ich wieder in Ordnung bringen.” und humpelte weg.
18.09.2008, 01:03
Fruchtlose Kämpfe
Wozu dient die ganze Lehre über Argumentation/s-(Technik), wenn trotz all dieser ausgeklügelten, analytischen Ansätze und scharfsinnigen Widerlegungen von Meinungen und Thesen dennoch nicht im geringsten bewirkt, dass von Diskussionspartnern wenigstens einmal in Erwägung gezogen wird, die eigene Meinung noch einmal zu überdenken und auf ihre Schwächen oder Ungereimtheiten hinblicklich der “Realität” oder der bekannten Fakten zu prüfen?
Ob nun in historischen, politischen, wissenschaftlichen und auch – oder vor allem – beziehungstechnischen Debatten: Der Andere rückt selten von seiner Meinung ab. Der Mensch kämpft um seine individuelle Wahrheit, selbst wenn sie nach “objektiven Kriterien” sauber falsifiziert wird. Dabei vergisst der Mensch, dass der Verlust einer falschen Wahrheit nur der Verlust von Illusionen ist – und eben nicht der der Wahrheit. (Wobei: Eine Illusion kann alles sein, wenn die Realität mit all ihrer “objektiven Wahrheit” einfach nur Schmerz ist.)
Ich habe keine Lust mehr, Leute von irgendetwas zu überzeugen zu suchen. Ich bin von diesem Verteidigungsverhalten meiner “eigenen Wahrheit” genauso müde wie dem Versuch, die anderen zu widerlegen. Nach vielen Jahren der Teilnahme an Forumsdiskussionen, Disputen in einer politischen Runde unter Männern (als einzige Frau) – in der man(n), egal, was ich sagte, zwar erstaunt und verunsichert stockte, weil ich alle möglichen Aussagen widerlegen konnte, aber mir man das nötige Wissen dennoch nicht zugestand (offiziell auf Grund meines Alters, aber inoffiziell auf Grund meines Geschlechtes) – und all den Tauziehaktionen in der Beziehung, in der mein Gegenüber die eigene Interpretation meines Verhaltens für gewichtiger hielt, als meine tatsächlichen Absichten und Gefühle während meines Handelns – bin ich zu der Einsicht gelangt, dass ich eine Sache bis zu drei Mal gewillt bin zu erklären und zu wiederholen, aber mehr nicht. Sollte danach die Sturheit und künstliche Uneinsichtigkeit meines Gegenübers noch immer mit kräftigen Wurzeln in seiner gedanklichen Trägheit und verschränkten Haltung verweilen wollen, gebe ich auf, lasse von der Diskussion ab und widme mich Dingen, die weniger einer “Perlen vor die Säue werfen”-Aktion gleichen. Irgendwann muss man einfach niemandem mehr etwas beweisen.
07.09.2008, 11:59
Grau in Silbergrau
Ich sitze in der Bahn und schaue in den grauen Himmel. Mir wird bewusst, dass die meisten Menschen in diesem Land das Grau verfluchen. Fast in jedem Gespräch hört man einmal den Satz: “Der Sommer ist nun endgültig vorbei.” Beide nicken verständnisvoll für den anderen und begraben ihren Versuch, diesen Sommer besonders auszukosten, alles besser zu machen, wieder die/der Alte zu sein und ihre Lebensfreude zurückzuerkämpfen.
Es fängt an zu regnen. Das Dunkel-Grau im belichteten Silber kämpft im Himmel um die Vorherrschaft. Das Dunkelgrau gewinnt und dröhnt seinen Siegesknall durch die Stadt – durch unser Mark und Herz. Eine ältere Dame stöhnt “Oh nein.” bei dem Gedanken, gleich ohne Regenschirm aussteigen zu müssen. Ich schaue unauffällig in meine Tasche, bereit, ihr meinen kleinen, rosa Regenschirm einfach in die Hand zu drücken, weil ich mich auf nichts mehr freue, als darauf, dass ich gleich im dunklen Sommerregen nass werden kann – befreit und gereinigt werden kann von meiner Wut und meinem Unverständnis über die Regeln dieser Welt. Doch den Schirm habe ich nicht dabei, also seufze ich und schaue wieder raus in erregter Erwartung auf den Regen.
Die Bahn hält an der nächsten Haltestelle an. Eine Frau – ungefähr 60 – steigt ein. Schlank und groß. Größer als ich. Eher vital gekleidet, aber innerlich müde und irgendwie erloschen. Sie trägt einen Koffer mit sich und zwei große Reisetaschen, hält sich müde an der Stange vor mir fest und will ihren Kopf während der Fahrt schon ausknipsen, als ich störe und leise sage: “Wollen Sie sich vielleicht setzen?” – Sie lächelt müde und belächelt mich zugleich, als würde ich sie gerade an ihre kleine, pausbackige Tochter erinnern. Ich lege den Kopf schief, weil ich in ihrem Gesicht etwas Unbestimmtes entdecke, das mich nicht mehr loslässt.
“Nein, danke.” sagt sie. “Es geht schon, auch wenn die Koffer etwas größer und schwerer wirken, als sie sind.”
“Kommen Sie aus dem Urlaub?”, frage ich sie, obwohl eine innere Stimme mir sagt, dass diese müden, erloschenen Augen niemals aus dem Urlaub kommen. Aber irgendetwas an ihr fesselt mich.
“Aus dem Urlaub…” lächelt sie abwesend. “Nein, nicht aus dem Urlaub. Wissen Sie… Ich komme gerade aus dem Pflegeheim. Das sind die Sachen meines Vaters, ich habe sie eingepackt, er ist gerade gestorben, wissen Sie…”
Sie sieht meinen schmerzerfüllten Gesichtsausdruck, den Kloß im Hals, den ich gerade runterschlucke und will sich selber halten, indem sie sagt:
“Er war schon sehr alt.”
Ich nicke. Mein Gesicht wird ganz heiß, ich schaue schnell aus dem Fenster, um mich vom dunklen Grau kühlen zu lassen. Dann schaue ich sie direkt an und frage zaghaft:
“Sind Sie gerade im Schock oder sind Sie wirklich so gefasst?”
“Ach, wissen Sie. Er war doch schon alt. Und seit meine Mutter vor 1.5 Jahren… (sie spricht den Satz nicht zu Ende), hat mein Vater einfach abgebaut, die Hoffnung verloren. Er hatte das Essen und Trinken aufgegeben, man musste ihn dazu zwingen.”
Ich suche mit den Augen nach ihrer Hand. Ich weiß nicht, ob ich sie halten will, um ihr Kraft zu spenden oder um aus meiner eigenen Schwäche rauszukommen. Aber es bleibt nur bei der Suche, sie ist immerhin eine Fremde und ich bin ihr schon viel zu nahe getreten.
“Aber das darf man sich jetzt nicht als große Liebe vorstellen”, sagt sie beschwichtigend. “Die Beiden führten Jahrelang einen Rosenkrieg. Es war eine ständige Hass-Liebe. Ein Hin- und Her. Wir Kinder waren froh, als wir aus dem Haus waren. Aber irgendwie…” – sie sucht nach Worten. “Aber irgendwie…”
“Aber irgendwie ist auch eine Hass-Liebe sehr intensiv.”, nicke ich sie mit großen Augen an.
“Ja…”
Ich schaue wieder aus dem Fenster. Es regnet in Strömen – und mehr als vorher sehne ich mich nach dem Streicheln und Peitschen des Regens. Nach seiner Befreiung und seiner Bestrafung.
“Ich muss jetzt aussteigen”, sage ich. “Bitte setzen Sie sich doch kurz hin. Sie wirken müde.”
“Danke”, lächelt sie. “Nicht nur für den Sitzplatz.”
Sie drückt meine Hand. Der Kloß in meinem Hals überwältigt mich, doch ich halte ihm Stand, bis ich aus der Bahn rausschieße und im Regen den Kloß endlich platzen lasse. Jetzt bin ich frei…
Das Licht in der Bahn ist unangenehm gelb. Müde, resigniert, in Gedanken versunken sitze nicht nur ich und starre in die Schwärze des Himmels aus dem großen Bahnfenster, sondern alle anderen auch. Die Stille ist seltsam. Wir hören eine verirrte Wespe mitten in der Nacht summen und sich an dem künstlichen Licht zu Tode ergötzen.
Demonstrativ von allem abgewandt, was mit Spezies Mensch und unser aller beschissenem Alltag zu tun hat, schauen sich dennoch alle heimlich an. Unauffällig. Mit zitternder, weil fragiler Hoffnung. Geheim.
Ein betrunkener, älterer Mann ist der Einzige, der offen und unversteckt einen Blick in der stillen Menge sucht, der seinen erwidert. Verzweiflung zeichnet sich in seinen suchenden Augen. Ich lasse seine Suche an meinen Augen haften, indem ich ihn ansehe. Ich tu es einfach, um zu sagen… – irgendetwas zu sagen. Vielleicht soetwas wie “Hier ist jemand, der Dich gesehen hat.” Vielleicht reicht das. Er blinzelt einmal ins grelle Licht, denkt vermutlich, er habe sich meine kleine Zuwendung eingebildet, seufzt und schläft murmelnd ein.
Eine Frau steigt ein – mit einem heruntergekommenen Kinderwagen. Um diese Uhrzeit ist das ungewöhnlich, aber auch nicht mehr so ungewöhnlich. Die Kleine schläft und saugt an ihrem Schnuller. Die Mutter schaut müde und gedankenverloren raus ins Schwarze – wie wir alle. Ein junger Mann, vielleicht Türke oder Araber, der seinen Alltag darauf konzentriert, Muskeln aufzubauen und die Sonnenbänke Kölns abzutesten, blickt plötzlich auf das schlafende Baby. Vermutlich ist er versunken in das Schicksal der schlafenden Kleinen. Er lächelt in seinem Versuch, hoffnungsvoll in ihre Zukunft zu sehen. Ich lächle vor mich hin in dem Versuch, hoffnungsvoll in seine Zukunft zu sehen.
Dieser bittere Moment in der Bahn war trotz all der versuchten Abgewandtheit voneinander, einer der stillsten, intimsten Momente Fremden gegenüber, die ich seit langem erlebt habe. Das Gefühl, im selben Boot zu sitzen und nicht zu wissen, wo es stranden wird, war traurig und tröstlich zugleich. Ich bin mir sicher, sehr sicher, dass der betrunkene Mann, der junge Orientale, die Mutter des Kindes und ich alle gemeinsam einmal an Liebe, Hoffnung und den Tod gedacht haben.
Und wieder geht ein Augenblick vorbei, der – wenn er länger gedauert hätte – zu reich gewesen wäre, um wahr zu sein.
Es gibt Tage oder Phasen, in denen mir das Ordnunghalten schwer fällt. Es ist keine Gleichgültigkeit gegenüber der Unordnung – im Gegenteil – es zerkratzt meine Nerven, macht mich aggressiv, unleidlich, orientierungslos und wütend. Aber ich kriege mich einfach nicht dazu aufgerappelt, loszulegen. Irgendetwas kommt mir immer dazwischen und ist wichtiger – dabei sind es meistens nur meine chaotischen Gedanken und Gefühle.
Und jetzt kommt auch der Grund, warum ich Unordnung hasse: Oft sieht man an der Unordnung in meinem Zimmer, was bei mir im Kopf eigentlich so “herrscht” – und das ist an solchen Tagen oder in solchen Phasen eben das reinste Chaos. Ungeordnete, aus verdrängungstechnischen Gründen nicht einmal halb zu Ende gedachte Gedanken schwirren in der dumpfen Dunkelheit meiner Kopfwände umher und geistern vor sich hin. Machen “Huuuu huuuuu…”, um mich immerwieder zu erschrecken, aber weiterhin unerkannt zu bleiben. Irgendetwas in mir will einfach weder zu Ende denken, noch die Dinge dort einräumen, wo sie hingehören. Und so geben sich die Schlampigkeit in meinem Zimmer und die in meinem Kopf die Hand und ärgern mich innerlich und äußerlich von hier nach da – immer schön tretend und triezend von einer Ecke in die Andere und lachen mich aus.
Das lasse ich mir meistens nur drei Tage gefallen – und dann klatsche ich sie beide mit einer einzigen Schlag gegen die Wand und stutze sie – Chaos innen und Chaos außen – zurecht, verweise sie ihres Platzes, benenne und etikettiere sie mit einem hässlichen Stempel, der sagt: “Ich weiß, wer Du bist und was Du willst – welche Funktion Du hast und wo Du verdammtnochmal hingehörst! Punkt!”
Egal, ob die spukenden Gedanken/Gefühle oder die wirren Gegenstände in meinem Zimmer. Beiden ereilt das selbe Schicksal, wenn ich erst einmal mit dem Aufräumen beginne. Dabei ist es überhaupt nicht von Relevanz, ob ich mit meinem Kopf anfange oder mit meinem Zimmer – das Eine führt zum Untergang des Chaos im Anderen.
Heute fange ich glaube ich mit meinem Zimmer an…
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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