Das Licht in der Bahn ist unangenehm gelb. Müde, resigniert, in Gedanken versunken sitze nicht nur ich und starre in die Schwärze des Himmels aus dem großen Bahnfenster, sondern alle anderen auch. Die Stille ist seltsam. Wir hören eine verirrte Wespe mitten in der Nacht summen und sich an dem künstlichen Licht zu Tode ergötzen.
Demonstrativ von allem abgewandt, was mit Spezies Mensch und unser aller beschissenem Alltag zu tun hat, schauen sich dennoch alle heimlich an. Unauffällig. Mit zitternder, weil fragiler Hoffnung. Geheim.
Ein betrunkener, älterer Mann ist der Einzige, der offen und unversteckt einen Blick in der stillen Menge sucht, der seinen erwidert. Verzweiflung zeichnet sich in seinen suchenden Augen. Ich lasse seine Suche an meinen Augen haften, indem ich ihn ansehe. Ich tu es einfach, um zu sagen… – irgendetwas zu sagen. Vielleicht soetwas wie “Hier ist jemand, der Dich gesehen hat.” Vielleicht reicht das. Er blinzelt einmal ins grelle Licht, denkt vermutlich, er habe sich meine kleine Zuwendung eingebildet, seufzt und schläft murmelnd ein.
Eine Frau steigt ein – mit einem heruntergekommenen Kinderwagen. Um diese Uhrzeit ist das ungewöhnlich, aber auch nicht mehr so ungewöhnlich. Die Kleine schläft und saugt an ihrem Schnuller. Die Mutter schaut müde und gedankenverloren raus ins Schwarze – wie wir alle. Ein junger Mann, vielleicht Türke oder Araber, der seinen Alltag darauf konzentriert, Muskeln aufzubauen und die Sonnenbänke Kölns abzutesten, blickt plötzlich auf das schlafende Baby. Vermutlich ist er versunken in das Schicksal der schlafenden Kleinen. Er lächelt in seinem Versuch, hoffnungsvoll in ihre Zukunft zu sehen. Ich lächle vor mich hin in dem Versuch, hoffnungsvoll in seine Zukunft zu sehen.
Dieser bittere Moment in der Bahn war trotz all der versuchten Abgewandtheit voneinander, einer der stillsten, intimsten Momente Fremden gegenüber, die ich seit langem erlebt habe. Das Gefühl, im selben Boot zu sitzen und nicht zu wissen, wo es stranden wird, war traurig und tröstlich zugleich. Ich bin mir sicher, sehr sicher, dass der betrunkene Mann, der junge Orientale, die Mutter des Kindes und ich alle gemeinsam einmal an Liebe, Hoffnung und den Tod gedacht haben.
Und wieder geht ein Augenblick vorbei, der – wenn er länger gedauert hätte – zu reich gewesen wäre, um wahr zu sein.


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Mit der Ubahn zu fahren hat immer so etwas magisches an sich….zumindest für mich wenn ich ohne begleitung fahre……wer sind diese menschen woher kommen sie und wohin gehen sie…..ich denke so gerne nach wie wohl deren leben ist….
Ja, Patryk. Ich beobachte auch so schrecklich gerne, aber dann sind die Eindrücke so krass, dass ich kaum schreiben kann. Deshalb schreibe ich wenn, dann über stille Momente wie diesen. Aber irgendwie kam ich total berührt aus der Bahn und fühle mich etwas erleichtert…
Das is voll schön wenn man plötzlich so ne kleine Welt hat mit paar Menschen Schatz…
Es bedarf keine Worte um die Herzen der der Menschen zu berühren.
Hallo Sherry!
Dein Beitrag „Nähe“ gefällt mir sehr gut. Beim lesen dieses Beitrags fühlte ich für einen Augenblick, in diesem Zug zu sitzen.
Harri
@Schatz,
eine kleine oder aber in dem Fall sogar eine sehr große Welt. Das Gefühl von Nähe bezieht sich dann plötzlich nicht mehr nur auf die im Raum Anwesenden.
@Jubin,
@Harri,
schön, Dich wieder zu lesen. Ich hab’ mich schon gefragt, wo Du steckst. Danke, dass Du’s gelesen und Dich darauf eingelassen hast.